Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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MOmitJulian
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Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von MOmitJulian »

Hallo liebe Forumsgemeinde,

ich hab ja schonmal erzählt, dass ich Leitung einer Eingliederungshilfe Einrichtung für Erwachsene psychisch erkrankte Menschen.

Nun passierte mir zum wiederholten Mal, dass ich Aufnahmeanfragen ablehnen musste, weil der Mensch nicht zu unseren Häusern passte.

Ich habe in meiner Einrichtung zwei Schwerpunkte:
1. „normale“ Eingliederungshilfe von Menschen ab Volljährigkeit bis zum Rentenalter
2. Eine Einrichtung, die eher einem Altenpflegeheim innerhalb der EGH gleicht. Sprich, bei uns dürfen die Menschen in ihrem bekannten Wohnheim Auch alt und pflegebedürftig werden. Hier können wir inklusive Palliative Pflege alles leisten. Aber eben „an Menschen“ bei denen die psychiatrische Problematik eine Verlegung in die SGB XI Altenhilfe nicht zulässt.

Diese Haus ist weit über unsere ortsgrenzen (bis zu 100km Radius) bekannt, weil es eben so selten zu sein scheint.

Daher bekomme ich dann oft Anfragen für genau dieses Haus.

Die Leute, die ich dann Ablehnen muss, also nicht einmal auf der Warteliste aufnehme, sind einfach viel zu jung um sie in das Haus aufzunehmen, in dem der erhöhte Pflegebedarf kein Hindernis darstellt.

Erst diese Woche: Geburtsjahr 1985, aktuell im Krankenhaus, von Obdachlosigkeit nach Entlassung bedroht. Rollstuhlpflichtig, inkontinent, diverse körperliche Nebenbaustellen, aber in der Hauptsache aufgrund einer PTBS und einem Borderline Syndrom psychiatrisch der EGH zuzuordnen.

Diese Woche hat es mir dann gereicht und ich hab mit unseren Gesellschaftern gesprochen und gesagt „Kaufen Sie mir ein Grundstück und bauen Sie mir ein Haus“! :mrgreen:

Jetzt sitze ich an der Konzeption.
Klar, kann ich das alleine, aber..... nichts ist besser wie Brainstorming mit Betroffenen und/oder deren Angehörigen.

Mögt ihr mir erzählen, was ihr euch für ein angepasstes Haus für diese besonderen Bedarfe wünschen würdet?

Bisherige Grundidee steht schon, baulich und inhaltlich, aber ich würde mich über Futter fürs Gedankenkarussell sehr freuen.

Liebe Grüße

Monika

Iana
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von Iana »

Hallo Monika,

das ist ja ziemlich cool, dass dein Anliegen tatsächlich umgesetzt wird und es noch mehr Plätze für das tolle Konzept gibt! Es ist eben nicht nur entweder psychische oder physische Behinderung / Erkrankung.

Ich weiß nicht ob das eh schon in eurem Konzept drin ist aber ich würde mir einen Rückzugsort wünschen in so einer Einrichtung. Vielleicht sowas wie in Richtung Snoezelraum? Zum Welt vergessen, entspannen, Ruhe finden etc. Was hälst du davon?

Viele Grüße und viel Erfolg!
Iana
Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin
Asperger Autismus

MOmitJulian
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von MOmitJulian »

Hallo Lana,

ja, ich hab echt tolle Gesellschafter.
Fast 4 Jahre bin ich nun dort und hab bisher nich nie ein nein gehört, wenn ich etwas für die Bewohner brauchte.
Im Moment sanieren Sie umfangreich alle alte Gebäude.

Einen Snoezelraum haben wir baulich bisher nicht drin, ist aber eine gute Idee.

Bisher ist es so, dass wir von einem rein Erdgeschossigem Bau reden. Aufbau aus der Vogelperspektive gesehen muss man sich das wie so zwei zwei Rechtecke mit Verbindung dazwischen vorstellen. In jedem Rechteck befindet sich eine Wohngruppe für 8 Personen. Es ist ein Mittelflur, zu beiden Seiten des Flurs gehen jeweils 4 Zimmer ab. Am Ende des Rechtecks dann über die ganze Breite ein Gemeinschaftsraum in Wohnküchen Form. Evtl. Zum Teil Wintergarten ähnlich.
Jedes Zimmer soll 25-30 qm haben, da junge Leute ja doch etwas mehr Platz brauchen als die 16 qm der Heimmindestbauverordnung und selbst wenn es 30 sind, ist es mit der anteiligen Berechnung der Gemeinschaftsflächen noch immer in der durch das Sozialamt für Einzelpersonen genehmigten Norm.
Ein kleines barrierefreies Bad gehört genauso zum Zimmer, wie eine kleine Terrasse vor dem Zimmer.

Jedes Zimmer ist mit Telefon und Kabel TV sowie der Möglichkeit am Glasfaser Internet Anschluss zu beteiligen.

Mobiliar ist selbst mitzubringen oder mit unserer Hilfe zu beantragen.

Anbindung an unsere Großküche wäre möglich, aber im Grunde würde ich das Konzept lieber mit selbst Kochen fahren.
Jede Seite fungiert als eigenständige Wohngruppe, stehen aber unter gemeinsamer Leitung eines Pädagogen und einer Pflegedienstleitung.
Personell ist eine interdisziplinäre Besetzung in jeder Schicht aus Pflegefachkräften und Pädagogischen Fachkräften vorgesehen.
Präsenzkräfte für Alltagsbegleitungen vervollständigen das Bild.

Kooperationen mit Werkstätten und Intec Betrieben bestehen ja schon über unsere anderen Häuser.

NataschaSte
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von NataschaSte »

Hallo,

Ich hab in Österreich in einem Bereich gearbeitet wo pflegebedürftige, psychisch kranke Menschen, aufbewahrt wurden.

Was ich dort für zwei Bewohner echt gut hätte gebrauchen können wäre ein Schalldichter Raum. Dem einen hätte so manche Krise erspart werden können wenn er mal ne Stunde Musik auf voller Lautstärke hätte hören können, was aber nicht ging, da drei andere von der Musik getriggert wurden..

Lg
Natascha und Thaddäus, geb 12/15, atypischer Autismus

Wissen schützt vor Dummheit nicht (alligatoah)

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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von Silvia & Iris »

Hallo Monika,

sollen die Bewohner dort 24 Stunden des Tages verbringen? - Oder nur die Nacht?
Gibt es dann dort auch einen Therapieraum - oder sogar 2 - wo Ergotherapie, Physiotherarpie und mehr durchgeführt werden kann? - Sprossenwand und mehr vorhanden sind, was eben eigentlich nicht in einen Wohnraum gehört? - Aber doch notwendig ist um im Alltag fit zu bleiben?

Gerade jetzt in der Coronazeit war es nicht einfach die Klienten zu beschäftigen, da im Wohnhaus das gar nicht vorgesehen ist... - aber in der Tageseinrichtung, die aber nicht betreten werden durfte...

Daher - wird hier strikt getrennt, oder soll das eine all inclusive Lösung werden?
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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Brigitte 1953
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von Brigitte 1953 »

Guten Morgen Monika,

Für mich steht an erster Stelle, unabhängig von der Ausstattung des Gebäudes, dass immer Ansprechpartner/Betreuer/Pfleger/Ehrenamtliche anwesend sind, die auch wirklich Zeit haben für die Bewohner, die Zeit und Nähe brauchen.Keine Einrichtung sollte nur ein Parkhaus sein. Die Einrichtung/Wohngruppe ist das Zu Hause für diese Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf und egal wie die Bedürfnisse aussehen, es sollten Menschen mit Herz mit an Bord sein, die auch da sein können und dürfen wenn Ihr Einsatz gebraucht wird.

Ich schreibe das jetzt hier und so, weil ich bundesweit nur noch Trauergeschichten höre und regional erlebe, Pflegenotstand, Zeitmangel, Verheizen von Personal sollte in erster Linie gerade in solchen Einrichtungen nicht statt finden.

Menschen die sich selber nicht helfen können, aus welchen Gründen auch immer, sollten sich zu 100% darauf verlassen können, nie alleine sein zu müssen.

Bauliche Konzepte und Ausstattung von Einrichtungen sind zwar auch wichtig, aber wichtiger ist dass Menschen für Menschen da sein können.

Dies würde an oberster Stelle meines Konzeptes stehen, dann käme der Rest der mit Vorgaben,Gesetzen,Finzanzen kompatibel geklöppelt werden muss.

Ich wünsche Dir von Herzen viel Erfolg für Deine Pläne und dass sie Nachahmer finden.

Liebe Grüssle aus BW

Brigitte

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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von Brigitte 1953 »

Guten Morgen Monika,

Für mich steht an erster Stelle, unabhängig von der Ausstattung des Gebäudes, dass immer Ansprechpartner/Betreuer/Pfleger/Ehrenamtliche anwesend sind, die auch wirklich Zeit haben für die Bewohner, die Zeit und Nähe brauchen.Keine Einrichtung sollte nur ein Parkhaus sein. Die Einrichtung/Wohngruppe ist das Zu Hause für diese Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf und egal wie die Bedürfnisse aussehen, es sollten Menschen mit Herz mit an Bord sein, die auch da sein können und dürfen wenn Ihr Einsatz gebraucht wird.

Ich schreibe das jetzt hier und so, weil ich bundesweit nur noch Trauergeschichten höre und regional erlebe, Pflegenotstand, Zeitmangel, Verheizen von Personal sollte in erster Linie gerade in solchen Einrichtungen nicht statt finden.

Menschen die sich selber nicht helfen können, aus welchen Gründen auch immer, sollten sich zu 100% darauf verlassen können, nie alleine sein zu müssen.

Bauliche Konzepte und Ausstattung von Einrichtungen sind zwar auch wichtig, aber wichtiger ist dass Menschen für Menschen da sein können.

Dies würde an oberster Stelle meines Konzeptes stehen, dann käme der Rest der mit Vorgaben,Gesetzen,Finzanzen kompatibel geklöppelt werden muss.

Ich wünsche Dir von Herzen viel Erfolg für Deine Pläne und dass sie Nachahmer finden.

Liebe Grüssle aus BW

Brigitte

Ullaskids
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von Ullaskids »

Brigitte,
das hast du so schön und wahr geschrieben;
in sozialen Netzwerken bekämst du dafür von mir ein dickes, fettes LIKE!
Viele Grüße,
Ulla mit Tochter (15): Gendefekt, Epilepsie, Skoliose etc.

Iana
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von Iana »

Hallo Monika,

vielleicht kann man ja auch einen Snoezelraum mit sowas wie einem schalldichten Raum verbinden wie Natascha vorgeschlagen hat.
Ist das barrierefreie Bad auch so, dass man z.B. mit einer Duschliege reinfahren kann?

Toll finde ich, dass die Zimmer eine Terasse haben. Gerade im Sommer wunderschön. Müsst ihr eine geschützte Einrichtung sein?

Ich stimme euch natürlich völlig zu mit den personellen Grundvoraussetzungen! Allerdings bedingt sich das ja auch gegenseitig mit dem anderen. Wenn man baulich schlechte Arbeitsbedingungen hat wird es auch wieder schwierig die Hilfe für die Bewohner zu bieten selbst bei gutem Personalschlüssel etc.

Ich weiß nicht ob das für euch auch eine Option wäre aber habt ihr überlegt eine Tierhaltung zu integrieren? Ich habe mal in einer Altenpflegeeinrichtung gearbeitet, die eine große Voliere mit Vögeln hatte. Das war großartig, viele Bewohner haben sich da gerne aufgehalten und die Tiere beobachtet. Das geht auch mit Fischen, eventuell Kleintieren (Meerschweinchen, Wüstenrennmäuse...). Natürlich muss eine artgerechte Haltung gegeben sein.

Viele Grüße
Iana
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MOmitJulian
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Re: Wunschkonzert: Wohnen bei besonderen Bedarfen

Beitrag von MOmitJulian »

Silvia & Iris hat geschrieben:
24.07.2020, 07:30
Hallo Monika,

sollen die Bewohner dort 24 Stunden des Tages verbringen? - Oder nur die Nacht?
Gibt es dann dort auch einen Therapieraum - oder sogar 2 - wo Ergotherapie, Physiotherarpie und mehr durchgeführt werden kann? - Sprossenwand und mehr vorhanden sind, was eben eigentlich nicht in einen Wohnraum gehört? - Aber doch notwendig ist um im Alltag fit zu bleiben?

Gerade jetzt in der Coronazeit war es nicht einfach die Klienten zu beschäftigen, da im Wohnhaus das gar nicht vorgesehen ist... - aber in der Tageseinrichtung, die aber nicht betreten werden durfte...

Daher - wird hier strikt getrennt, oder soll das eine all inclusive Lösung werden?

Hallo Silvia,

Wir sehen uns als 24 Std Betrieb.

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