gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Kaja
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von Kaja »

Hallo Sandra,

unabhängig von der schwierigen Frage, ob im Einzelfall Geschäftsfähigkeit vorliegt und ein Betreuer in der Lage ist, ungünstige Geschäfte des Betreuten rückgängig zu machen, möchte ich bei einer Bevollmächtigung noch auf ein anderes Problem hinweisen. Meine Tochter (ADHS, fehlende Krankheitseinsicht) hat mir anfangs für alle relevanten Tätigkeiten Vollmachten erteilt. Mit zunehmenden Alter hat sie für sich festgelegt, dass sie nicht (mehr) behindert ist und auch keine spezielle Ausbildung für Behinderte benötigt. Sie hat mir ausdrücklich die Vollmacht für alle Bereiche entzogen, die mit der (von ihr ignorierten) Behinderung in Zusammenhang stehen und darüber auch die Behörden informiert. Davon ist zwar nicht die Behinderung verschwunden und eine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt wurde dadurch auch nicht möglich, aber ich konnte ihr in diesen Bereichen nicht mehr helfen. Bei einer eingerichten Betreuung hätte ich für sie handeln können.

Was ich damit sagen möchte - nicht immer werden einmal erteilte Vollmachten aufrecht erhalten. Ein Sinneswandel, Einfluss Gleichaltriger oder anderer Personen können dazu führen, dass die Vollmachten entzogen werden, obwohl der behinderte junge Mensch weiterhin Hilfe und Unterstützung benötigt. Wenn du denkst, dass deine Tochter (auch in Teilbereichen) Hilfe durch einen Betreuer benötigt, würde ich dir zu einem Antrag raten. Der Gutachter, den das Betreuungsgericht zu euch schicken wird, wird sich mit deiner Tochter, den medizinischen Unterlagen und deinen Bedenken auseinander setzen und bei bestehendem Bedarf eine Betreuungseinrichtung empfehlen. Wenn ihr dann merkt, dass es auch ohne Betreuung gut funktioniert, könnt ihr ja von einer Verlängerung absehen.

Viele Grüße Kaja

Leasanne
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von Leasanne »

Ich gebe Katja da vollkommen Recht.

Je nach dem, mit welchen Menschen deine Tochter Umgang hat, beeinflussen diese deine Tochter mehr oder weniger. So kann es leicht passieren, dass jemand, der ihr nicht wohlgesonnen ist, meint, da wäre was zu holen bzw deine Tochter leicht für eigene Zwecke auszunutzen, dass diese sie so bearbeiten, dass die Vollmachten auf deren Namen laufen.
Man kann Vollmachten zwar hinterlegen lassen aber doch relativ leicht ändern lassen.

Wichtig wäre mir auch noch, dass ich gegen evtl Regress-Ansprüche aus meiner Tätigkeit als Betreuer versichert bin. Und das wäre bei einer rechtlichen Betreuung kostenfrei über den Anschluss an einen Betreuungsverein möglich. Nicht jede private Haftpflichtversicherung übernimmt Schäden aus einer Betreuer-Tätigkeit.

Zudem darf man ja auch nicht verachten, dass die rechtliche Betreuung immer noch mehr akzeptiert wird als die Vollmacht.
Liebe Grüße
Leasanne
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JasminsMama
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von JasminsMama »

Hallo zusammen,

ich wollte mich jetzt mal bei einem Notar schlau machen, inwieweit eine Vollmacht machbar ist. Er fragt jetzt, ob meine Tochter eine Vollmacht erstellen kann, ob sie geschäftsfähig ist.

Wer entscheidet das? Ich finde sie kann gut und selbständig entscheiden, dass sie bei bestimmten Sachen Hilfe benötigt und auch immer benötigen wird. Sie hat es selbst schon oft gesagt, dass sie möchte, dass ich sie nach dem 18. Geburtstag vertrete.

Ist sie dann geschäftsfähig genug um eine Vollmacht zu erteilen?

Danke für Euren Input.

LG
Sandra
Sandra 06/76
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Leasanne
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von Leasanne »

Hallo Sandra,

der Gesetzgeber setzt erst einmal volle Geschäftsfähigkeit voraus, wenn jemand 18 wird. Das gilt ohne Ausnahme so lange, bis ein Gericht das Gegenteil festgestellt hat (das Gericht stützt sich da i. d. R. auf ärztliche Gutachten) . Und das wird meist anhand eines konkreten Vorfalls im Rahmen eines Gerichtsverfahren gemacht, also wenn derjenige z. B. wegen schweren Raubes angeklagt wurde und sich darauf beruft, nicht gewusst zu haben, was er da tut.
Wenn deine Tochter also noch nie vor Gericht war, weil jemand ihre Geschäftsfähigkeit anzweifelt, dann gilt sie vor dem Gesetz als geschäftsfähig, erst recht, wenn sie nicht stark geistig behindert ist und ihren Willen frei äußern kann.
Liebe Grüße
Leasanne
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Sandra9902
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von Sandra9902 »

Hallo,

habe jetzt nicht alles gelesen. Es stimmt, dass man erstmal als geschäftsfähig gilt. Man kann aber, auch wenn es auf euch nicht zutrifft, möchte ich was dazu schreiben, da Leasanne es anders geschrieben hat, einen Einwilligungsvorbehalt beim Betreuungsgericht beantragen, wenn die Betroffenen nicht geschäftsfähig sind aber beispielsweise in der Lage sind, mit ihrem Namen Verträge zu unterschreiben, diese aber nicht verstehen. Dann ist man auf der sicheren Seite, wenn was passiert. So wurde es uns vom Betreuungsgericht erklärt.

Lieben Gruß, Sandra
Sandra mit PS, geb 1999, frühkindlicher Autist,gb, ADHS, Epilepsie, anfallsfrei
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Jörg75
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von Jörg75 »

Moin,

grundsätzlich gilt erstmal, das eine Geschäftsfähigkeit besteht. Eine Geschäftsunfähigkeit wird aber nicht im Strafverfahren festgestellt, da wird allenfalls eine Schuldunfähigkeit festgestellt, die bei weitem nicht das gleiche wie eine Geschäftsunfähigkeit ist.

Aber: Für die Errichtung einer notariellen Vollmacht muss sich der Notar von der Geschäftsfähigkeit der Vollmachtgebenden Person versichern - er muss also erstmal sich selber fragen, ob die Person wirklich geschäftsfähig ist. Kommt er zu dem Schluss, ja - kann er die notarielle Vollmacht ausfertigen. Kommt er zu dem Schluss, dass er die Person nicht für geschäftsfähig hält, dann darf er die Vollmacht nicht ausfertigen.
Aber so oder so - auch wenn der Notar meint, dass eine Geschäftsfähigkeit vorliegt, kann ein Gericht später zu einem anderen Schluss kommen - und zwar auch ein Zivilgericht, wenn es um das Bestehen eines Vertrages geht.

Gruß
Jörg
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von Leasanne »

Hier könnt ihr alles zum Thema "Geschäftsfähigkeit" nachlesen.

https://www.bundesanzeiger-verlag.de/be ... %A4higkeit
Liebe Grüße
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Re: gesetzliche Betreuung oder Bevollmächtigung?

Beitrag von JasminsMama »

...danke Ihr Lieben!

Eure Antworten haben mir schon mal sehr geholfen. Ich warte mal ab, was der Notar sagt.

LG
Sandra
Sandra 06/76
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