Schwerbehinderung ab 18

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Vicki
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Schwerbehinderung ab 18

Beitrag von Vicki »

Hallo,

unsere Tochter (18 Jahre, Asperger) hat/te einen Schwerbehindertenausweis GdB 80 %, Merkzeichen HBG.
Sie ist im Sommer 18 geworden. Nach der jetzigen Überprüfung bleiben ihr die 80%.
Die Merkzeichen werden alle entzogen.
Als Grund wird angeben, dass diese nur bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres anzunehmen sind.
Auch, dass in dem letzten Bericht des Autismustherapiezentrums angegeben wird, dass sie an ihrem Führerschein arbeitet und ihr dort das Sprechen in der Gruppe geling.

Dem ist auch so, allerdings war die Gruppe coronabedingt nicht so groß und gesprochen wurde in der Fahrschule auch nicht viel, da geht es ja mehr um das "Lernen" der Straßenverkehrsregeln.

Den Führerschein hat meine Tochter geschafft, das war aber auch nicht leicht für sie, Termine mussten oft abgesagt werden.

Nach wie vor hat sie ganz extreme soziale Einschränkungen in allen Alltagsbereichen. So kann sie z. B. bis heute nicht einkaufen.
Führerschein ja, aber ein Brötchen aus der Bäckerei holen geht nicht.

So krass geht das Bild auseinander.

Aber macht es Sinn, hier Widerspruch einzulegen? Den Führerschein hat sie ja nun mal wirklich geschafft. Ich will auch keine "schlafenden Hunde" wecken, dass sie hinterher noch zu irgendeiner Tauglichkeitsfprüfung muss.

Hat da irgendjemand Erfahrungen? Daaaanke

Gruss Vicki

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Mango(Anna)
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Re: Schwerbehinderung ab 18

Beitrag von Mango(Anna) »

Hallo Vicki,

ich habe ja Asperger und z.B. auch große Probleme mit dem Einkaufen etc. ich habe GdB 50 ohne Merkzeichen bekommen.
Mir wurde gesagt B gäbe es für mich nur, wenn ich nicht alleine öffentliche Verkehrsmittel benutzen kann und überall Begleitung brauche. Ob das wirklich so hinhaut weiß ich nicht, aber für einen Widerspruch fehlten mir Zeit und Kraft.

Ich kann z.B. zwar mit den Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren, aber alle Strecken die ich nicht gut kenne etc. sind kritisch. Ich bin schön häufiger irgendwo alleine gestrandet, weil ich niemanden fand, der mich begleiten konnte. Ohne Begleitung kann ich auch nicht in Zoo, oder Museum etc. gehen. Für mich habe ich beschlossen, wenn ich noch mehr Probleme damit bekommen sollte, also es irgendwie schlechter wird, würde ich das nochmal angehen und sonst versuche ich es ggf. bei der nächsten Überprüfung.

Vielleicht gibt es hier ja noch Leute mit mehr positiven Erfahrungen zu dem Thema. Habt ihr euch mal bei EUTB oder so beraten lassen? Mir wurde gesagt als Erwachsener sei es schwer B oder H zu bekommen mit Asperger.

Ach ja, Führerschein hab ich nicht geschafft und war vielleicht auch aus diversen Gründen bei mir ganz gut so.

Ich packe hier mal 2 Definitionen rein von GdB 80+ bei psychischen Störungen (A) und Autismus (B):

A "Schwere Störungen mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten (sehr selten) ........GdB 80-100

-Gefühlsleben und Vitalität sind hochgradig eingeschränkt;
-es entsteht ein Verlust der eigenständigen Alltagsstrukturierung und - bewältigung bis hin zur Verwahrlosung, so dass daraus die Notwendigkeit externer Hilfen (z.B. psychosoziale Betreuung) entsteht; in besonderem Umfang ( GdB 80-90)
-soziale isolierung, vorwiegend professionelle Kontakte (Arzt, Betreuer o.ä.)
-nicht erwerbstätig oder allenfalls Tätigkeit in Werkstatt für angepasste Arbeit
- psychiatrische Behandlung inkl. Psychopharmakotherapie stets vorhanden
-häufig Bevollmächtigungen oder gesetzliche Betreuung für umfassende Aufgabenbereiche"

B "mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 80 – 100
Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche auch mit umfassender Unterstützung nicht möglich ist."

Die 9 Lebensbereiche, um die es hier nach Bundesteilhabegesetz geht, sind: 1. Lernen und Wissensanwendung,

2. Allgemeine Aufgaben und Anforderungen,

3. Kommunikation,

4. Mobilität,

5. Selbstversorgung,

6. häusliches Leben,

7. interpersonelle Interaktionen und Beziehungen,

8. bedeutende Lebensbereiche und

9. Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben.

LG Mango
Selbstbetroffen:
2005- zentrale Koordinatiosstörung m. Störung der Motorik R27.8 G
2017- Asperger Syndrom F84.5
2020- Ticstörung, nicht näher bezeichnet F95.9
2020- Schallempfindungsschwerhörigkeit bds. H90.5 G B

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Mango(Anna)
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Re: Schwerbehinderung ab 18

Beitrag von Mango(Anna) »

Zum Merkzeichen B steht in der Versorgungsmedizinverordnung u.a. :

Die Berechtigung für eine ständige Begleitung ist anzunehmen bei
Querschnittgelähmten,
Ohnhändern,
Blinden und Sehbehinderten, Hörbehinderten, geistig behinderten Menschen und Anfallskranken, bei denen die Annahme einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr gerechtfertigt ist.

https://www.iw-elan.de/faq-lexikon/lexi ... ode=detail vielleicht ist dieser Artikel auch noch interessant.

Vielleicht könnte man hier auch argumentieren, dass bei einem GdB von 80, wie oben beschrieben die Annahme einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr gerechtfertigt ist. Nur wird da dann oft wieder das Argument des Führerscheins kommen denke ich.

LG Mango
Selbstbetroffen:
2005- zentrale Koordinatiosstörung m. Störung der Motorik R27.8 G
2017- Asperger Syndrom F84.5
2020- Ticstörung, nicht näher bezeichnet F95.9
2020- Schallempfindungsschwerhörigkeit bds. H90.5 G B

Vicki
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Re: Schwerbehinderung ab 18

Beitrag von Vicki »

Hallo Mango,
danke für die Infos.
Ich finde es etwas merkwürtig, dass man die 80 % gelassen hat.
Autismus ist für viele Ämter immer noch sehr schwer nachzuvollziehen. Ich glaube, dass dort auch das Problem liegt.
Man kann es oft nicht mit anderen psychischen Beeinträchtigungen vergleichen.
Bei meiner Tochter kommt es eigentlich täglich, mindestens aber mehrmals wöchentlich zu Schwieigkeiten, die meistens im sozialen Umfeld zu suchen sind. Die können dann aber schon heftig sein. Alleine Bus oder Bahn fahren wäre momentan gar nicht denkbar. Ein Auto ist da ein geschützter Rahmen, da keine anderen oder nur bekannte Menschen.

Gruss Vicki

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Regina Regenbogen
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Re: Schwerbehinderung ab 18

Beitrag von Regina Regenbogen »

Vicki hat geschrieben:
14.01.2021, 10:48
Bei meiner Tochter kommt es eigentlich täglich, mindestens aber mehrmals wöchentlich zu Schwieigkeiten, die meistens im sozialen Umfeld zu suchen sind. Die können dann aber schon heftig sein.
Dem wird durch die Beibehaltung des GdB von 80 ja Rechnung getragen. Ist der SBA wieder befristet?

Normalerweise wird der GdB nämlich stark heruntergesetzt mit 18. Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten = GdB 50, leichte soziale Anpassungsschwierigkeiten = GdB 30.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Shelly
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Re: Schwerbehinderung ab 18

Beitrag von Shelly »

Hallo Vicki,
mit einem anderen Problem, bei dem das aber auch selten ist, habe ich nach Wiederspruch ein B bekommen. Dazu habe ich in einem Brief genau beschrieben, wie die Situation gerade aussieht und wie mir das B helfen würde. Dabei habe ich kurz allgemein geschrieben, was los ist und dann nochmal konkrete Beispiele genannt. Bei mir hat das dann auch so funktioniert. Allerdings habe ich damals noch in BaWü gewohnt, die sind sehr entgegenkommend, hier in Nds ist das leider nicht so.

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