Er tut mir dauernd weh

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JonisMum
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Er tut mir dauernd weh

Beitrag von JonisMum »

Hey ihr Lieben,

wir warten ja noch immer auf einen Therapieplatz im ATZ, am Freitag haben wir gottseidank endlich einen Termin, um zumindest mal Akutmaßnahmen zu besprechen. Aber das nur am Rande.
Zuhause ist in den letzten Monaten dadurch, dass wir uns viel informiert haben und dementsprechend umsetzen schon Einiges besser geworden, dennoch sind wir immer noch Freestyler und ich bin wirklich froh, wenn wir bald mit dem ATZ mehr in Kontakt sind, vor Allem dafür, dass sich Jonis Selbstbild endlich bessert, denn aktuell schämt er sich dafür, dass er "besonders" ist, was ihm ziemlich deutlich selber auffällt und er wirklich einen Leidensdruck hat dadurch. :cry:
Jetzt zu dem eigentlichen Thema: Er ist offener geworden, was Körperkontakt angeht und fordert von mir regelmäßig ein, mit ihm zu kuscheln. Früher bedeutete das für ihn, dass wir einfach stocksteif nebeneinander liegen. :lol: Mittlerweile gibt er mit sogar Küsse, oder "schmust", nur leider hat das alles so gar nichts zärtliches. Er tut mir dabei eigentlich immer weh. Es läuft so ab, dass er sich zB auf der Couch auf mich stürzt, meinen Kopf derart umschlingt, dass ich das Gefühl habe er erwürgt mich jetzt entweder oder verdreht mir alle Halswirbel und gibt dann auch Küsse auf die Wange ( was noch vor Monaten undenkbar gewesen wäre ), aber alles ist halt mit ganz viel Druck und schrecklich grob. Ebenso rammt er seinen Kopf mit voller Wucht an meinen Bauch, klammert sich daran und reibt und petzt um sich dort seiner Meinung nach anzukuscheln. Ich weiß irgendwie überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll. Einerseits freue ich mich, dass er Körperkontakt sucht, denn es gibt auch sehr schöne Momente, wo ich merke, dass er mal ganz bewusst sanft sein möchte, mir mal zart über die Wange streichelt oder über die Haare. Aber wenn er so grob ist und mir echt weh tut, dann werde ich mittlerweile auch mal ungehalten. Ich habe mittlerweile richtige Nackenschmerzen, weil er immer so grob ist. Ich habe aber Angst, dass er, wenn er dann die Ablehnung spürt, sich wieder in sein Schneckenhaus zurück zieht und dann auch die eben geschilderten schönen Situationen wieder aufhören. Außerdem hat er ja, wie ich anfangs erklärt habe, ohnehin ein sehr schlechtes Selbstbild und ich möchte ihm nicht das Gefühl von Ablehnung geben.
Wenn ich ihm dann sage, dass er mir wehtut sagt er auch Entschuldigung, aber er meint es glaube ich nicht ernst, sondern sagt es, weil er es so erlernt hat. Denn die Erklärungen, die ich ihm in Ruhe gebe, dass er zart machen muss, weil er mir ansonsten wehtut kommen überhaupt nicht bei ihm an...
Ich glaube, ich habe das jetzt recht umständlich geschildert, aber vielleicht versteht ihr was ich meine und habt irgendwelche Tipps zum Umgang. Ich freue mich wirklich, dass er diesen Schritt endlich geht, denn ich habe auch das Gefühl, dass es ihm gut tut mit mir zu "kuscheln". Aber es ist echt ein Drahtseilakt... :wink:
Jule mit Joni (*2014) Asperger Autist, ADHS

SimoneChristian
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo Jule,

hier kann ich auch mal wieder mitsenfen.
Hier gibt es schon immer seeeehr viel Körperkontakt, leider oft so, wie du das beschreibst.
Das liegt bei uns an der generell schlechten Körperwahrnehmung. In Wachstumsschüben wird es oft schlimmer, weil der Körper dann einfach wieder andere Dimensionen hat.
Dazu kommt das "Theory of mind" Ding. Wenn es ihm nicht weh tut, wird es dir auch nicht weh tun.

Dauerhaft hilft hier nicht viel, außer der natürlichen Entwicklung.
Vor dem Kuscheln bewusst eher toben, das Kind mit festem Druck massieren, lang ziehen, sich auf den ganzen Körper legen, in eine Decke fest einwickeln helfen ein wenig.

Wir sagen ganz deutlich, wenn etwas weh tut und versuchen das erwünschte Verhalten vor zu machen.
Ja, das Selbstwert-Problem haben wir gerade auch mal wieder ganz massiv. Wichtig ist trotzdem die ehrliche Rückmeldung, möglichst Vermeidung solcher unerwünschten Situationen, und Lob, wenn es gut läuft.
Kleinigkeiten können da in der Situation mal wieder riesige Unterschiede machen: "Ich mag nicht, wenn mir etwas weh tut." vs. "Ich mag nicht, wenn du mir weh tust."

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

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Mango(Anna)
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von Mango(Anna) »

Hallo Jule,

kann es sein, dass er gar nicht merkt, ob er jetzt sanft genug ist oder nicht bzw. ab wann es für dich unangenehm wird? Mir fiel es oft auch schwer meine körperliche Kraft einzuschätzen (habe ich dann bei der Kampfkunst gut gelernt).

Das ist gar nicht so einfach das zu steuern, heute bin ich auch manchmal etwas überschwänglich wenn ich dann doch mal mit meinem Partner engeren Kontakt aufnehme, was für ihn vielleicht nicht immer angenehm ist. (Bin aber eher nicht so der Körperkontakttyp und er ist der einzige mit dem ich wirklich freiwillig engeren Kontakt aufnehme.)

Ich denke es ist wichtig ihm zu erklären und zu zeigen wenn möglich wie viel Druck etc. angebracht ist. Ggf. kannst du z. B. Stichworte wie leichter und lockerer einführen die positiv besetzt sind um aus einem zu viel wieder eine angenehme Situation zu machen und ihm mit seinen Händen an dir zeigen wie du es magst.

LG Mango
2005- zentrale Koordinatiosstörung m. Störung der Motorik R27.8G
2017- Asperger Syndrom F84.5
2020- Ticstörung, nicht näher bezeichnet F95.9

ElisaW
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von ElisaW »

Guten Abend,

ich finde due Antwort von Mango toll und würde mich da anschließen.

Das Problem kenne ich von mir selbst. Ich hatte immer schon ein ganz schlechtes Körpergefühl und als Kind schon in der Ergotherapie immer richtig starke "Tiefensensible Reize" gebraucht, damit ich dann besser arbeiten konnte.
Mit meiner kleinen Schwester hatte ich ein Ritual zum uns gegenseitig abends beruhigen: Wir haben uns gegenseitig in den Rücken und die Arme gekniffen, die Haut ein gutes Stück abgezogen und etwas gedreht. Wir fanden das beide wunderbar.

Dann wollte ich das später bei meinem Freund machen und er jault vor Schmerzen...
Ich kann nicht im richtigen Takt streicheln und wenn ich ihn trösten will, sollte ich ihn besser nicht anfassen. Bei meinen Haustieren klappt das um Welten besser (alte Katze ist ganz empfindlich, Junger Labrador ist mehr so wie ich selbst, früher Pferd ging auch super, sogar kleine Spatzen habe ich neben der Schule großgezogen und zwangsgefüttert ohne ihnen etwas zu tun, da muss man sehr vorsichtig sein nichts zu verletzen).

Das ist bei mir nur mit Menschen so. Mit Tieren war ich immer so vorsichtig, dass das schon wieder auffällig war und in Berichten Erwähnung fand.
Vielleicht weil Tiere ganz unmittelbar zeigen, wenn es wehtut? Und nicht nachtragend sind.

Das würde dann bedeuten, dass es einen Versuch wert ist, ihm sofort mit "aua!" und wegziehen zu zeigen, dass es wehtut, dann aber direkt wieder zu lachen (wenn er das als positives Stimmung versteht). Dass er das nicht als Ablehnung versteht und an sich zweifelt.

Mein Freund und ich haben viel ausprobiert damals gegenseitig mit einer Gabel, mit dem Finger drücken, Kneifen. Wie viel bei mir genug und bei ihm zu viel ist. Oder er mag beispielsweise gerne am Kopf oder der Wange gestreichelt werden und für mich ist das unaushaltbar am Kopf vorsichtig angefasst zu werden.
Meine Physiotherapeutin musste es auch lernen und dass mich eine Art Anzufassen körperlich total entspannt, wo normalerweise die Patienten richtig Schmerzen empfinden.

Und was auch sehr schwer ist und ich bis heute nicht kann, das ist dieses Streicheln im richtigen Rhythmus.
Stattdessen kann man aber einfach die Hand auflegen :-)

Vielleicht hat er ja Spaß an "Ausprobierstunden".

Für die Körperwahrnehmung können schwere Decken, Sandmanschetten und Westen helfen oder ganz enge Strümpfe für die Hände wie Kompressionsstrümpfe für die Beine.
Bei mir hat aber alles nie dauerhaft geholfen und ich selbst halte leichte Berührungen ganz schwer aus, obwohl ich kuscheln sehr mag, jedenfalls mit meinem Freund und Hund und Katze.

Viele Grüße,
Elisa

JonisMum
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von JonisMum »

Huhu nochmal!
Simone, deinen Ansatz, dass das auch etwas mit der Theory of mind zu tun haben könnte finde ich interessant. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Und wie ihr alle schreibt ist es wahrscheinlich auch wirklich sein mangelndes eigenes Körperbewusstsein. Dann halt gekoppelt damit, dass er sich auch nicht in mich hineinversetzen kann echt eine schwierige Kombination.
Mir macht es aber Mut, dass Mango und Elisa schreiben, dass schon Hoffnung besteht, auch irgendwie zu erlernen, was anderen gut tut und was nicht. Es ist nämlich so, dass er zum Beispiel mit seinem Cousin ( er ist ein Jahr alt ) so sanft und vorsichtig ist und dort komischerweise ganz genau weiß, wie er sich zu regulieren hat. (das passt ja auch zu Elisas Antwort bzgl der Tiere. Vermutlich spürt er da doch etwas wie Fürsorge ) Zumindest körperlich, denn wahnsinnig laut ist er momentan auch wieder. Manchmal wünsche ich mir Ohropax, weil er einfach permanent laut sein "muss" habe ich das Gefühl... :alien: Leise sprechen gibt es eigentlich nicht wirklich.
Es ist einfach doof, dass wir noch keinen Therapieplatz haben und uns alles durch Eigenrecherche aneignen. Ich habe schon das Gefühl, dass ich mittlerweile ziemlich gut bescheid weiß über viele Dinge, weil ich mich echt dahinter klemme ( man hat ja sonst keine Hobbies :P ) aber manche Dinge sind einfach ein Buch mit sieben Siegeln. Ich will so gern schneller verstehen und "besser" auf ihn eingehen können... :|
Jule mit Joni (*2014) Asperger Autist, ADHS

SimoneChristian
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von SimoneChristian »

Mach dir keinen Stress!
Wir haben bis heute keine, für alle Fälle, gute Therapeutin.
Für dieses körperliche ist die Ergo super gewesen, aber das meiste habe ich hier im Forum von Erwachsenen mit ASS wie Mango u.a. sowie sehr reflektierten Müttern wie Engrid, Angie77 u.a. gelernt.

Du stellst die richtigen Fragen und du pickst dir aus den Antworten heraus, was bei euch zu passen scheint.
Das reicht, um deinen Sohn gut zu begleiten!

LG
Simone
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Sheila0505
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von Sheila0505 »

Hallo Jule, in einem ATZ sind wir mit unserem Jungen (10J; Asperger V.a. ADHS) auch nicht. Aktuell stehen wir auf einer Warteliste bei einem KJP (soziales Kompetenztraining) und wir Eltern gehen alle 4 Wochen zu einem Netzwerk ASS und besprechen dort aktuelle Fragen und bekommen Hilfestellung.

Aber 2 Dinge schossen mir beim Lesen durch den Kopf:
1. du stehst scheinbar sehr unter Druck, weil du nichts falsch machen möchtest. Klar, weil du dir Sorgen machst und befürchtest, dass dein Kind Ablehnung verstehen könnte. Ich denke aber, dass du Mutter und Mensch bist und sein darfst und wenn dir was weh tut du das auch sagen darfst und musst.
2. unser Sohn z.B. hier vorzugsweise einen kurzen, klaren Hinweis braucht ohne Umschweife und Erklärungen. So knapp und präzise wie möglich: oh bitte nicht so fest, weil das weh tut. Damit kommt unser Kind wohl am besten klar. Es bezieht sich weder auf ihn persönlich, noch sind unnötige Ausschweifungen darin enthalten.

Grundsätzlich hasst es unser Sohn (klar jeder Mensch ist anders) wenn man ihm mehr sagt als nötig. Da macht er dicht und mittels Bewegungsdrang, Konzentrationsabnahme, auch Ablehnung entzieht er sich dem Gespräch dann. Früher hatte ich oft geglaubt, es wäre ein nicht wollen. Heute weiß ich, dass es meist ein nicht können ist.
Lieber weniger mit ihm sprechen, dafür aber knackig auf dem Punkt gebracht, als zutexten mit Erklärungen und Co.

Und bei ihm hilft es tatsächlich eine Art wohlwollenden Befehlston (klingt furchtbar ich weiß) an den Tag zu legen, aber damit kommt er am besten klar und es gibt weniger Streit, weniger Missverständnisse und weniger persönliche auf-sich-Bezogenheit.

Unser Sohn liebt es zu kuscheln, aber er hat auch Probleme damit zu erkennen, was dem Gegenüber zu fest ist. Schon immer, aber mit der Größen- und Kraftzunahme seinerseits wurde es freilich heftiger.
Seine Oma hatte er schon oft zu fest gedrückt und vor einigen Monaten dann mal so fest, dass sie tagelang arge Schmerzen im Rücken hatte und schon eine Verletzung vermutete. Sie blieb unmittelbar nach bzw während dieser schrecklich schmerzenden Umarmung ruhig und sachlich stöhnend vor Schmerzen: „Aua, hör auf. So fest darfst du mich nicht mehr drücken, ich bin alt und mein Rücken hält das nicht aus“
Und seither hat er sie nie wieder so fest gedrückt. Er erfragte daraufhin des Öfteren ob es zu fest ist wenn er sie drückte. Allerdings sagte sie ja, dass sie alt ist und ihr Rücken es daher nicht mehr aushält.
Dies führte dazu, dass er schlussfolgerte: Mama ist nicht so alt wie Oma.
Tja und das wiederum führte einige Zeit später zum (Er-)Drücken meinerseits. Nun ja: zum Leidwesen meines Rückens.

Heute gibt er speziell beim Drücken acht, aber seine Kraft kann er grundsätzlich schlecht dosieren bzw sich in sein gegenüber einfühlen. Kurzer und knapper unpersönlicher Hinweis und alles ist gut.

Viele Grüße und hoffentlich findet ihr bald einen Weg zu wohltuenderen Kuscheleinheiten

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Mango(Anna)
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Re: Er tut mir dauernd weh

Beitrag von Mango(Anna) »

Hallo Jule,

bzgl. des laut Sprechens:
Es kann sein, dass ihm das Regulieren der Lautstärke auch sehr schwerfällt. Oder er den akustischen Reiz braucht (, wie mein Partner, der spricht allerdings nicht laut, sondern macht dann Geräusche).
Bei mir kam jetzt erst mit 22 Jahren heraus, dass ich eine Tieftonschwerhörigkeit habe und ich denke das war ein Grund warum ich immer so laut gesprochen habe, weil ich es ja so leise gehört habe. Jetzt höre ich mit Hörgeräten wie laut ich spreche und laufe, das hilft zumindest etwas dabei das zu regulieren finde ich.

LG Mango
2005- zentrale Koordinatiosstörung m. Störung der Motorik R27.8G
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