Selbstverletzendes Verhalten

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

Juliana2612
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 4
Registriert: 20.06.2020, 09:27

Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von Juliana2612 »

Hallo an Alle,

Meine Tochter ist 9 Jahre alt und hat frühkindlicher Autismus.
Seit ca. 1 Jahr hat sie angefangen sich zu verletzen. Sie schlägt sich ständig ins Gesicht, kneift sich, kratzt sich und drückt in die Augen.
Das macht sie wirklich ständig, selbst in der Nacht.
Bis jetzt konnte uns keiner helfen.
Alles mögliche ausprobiert, von basaler Stimulation bis Risperidon. Nichts hilft :(
Hatte bzw. hat jemand so ähnliches Problem.

Über jeden Ratschlag würde ich mich freuen.

VG Julia
Zuletzt geändert von Juliana2612 am 20.06.2020, 15:05, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 15000
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitrag von Engrid »

Hallo Julia,

willkommen!
Es gibt immer einen Grund, bzw das Verhalten hat fürs Kind eine Funktion. Es ist oft sehr schwierig, dem auf den Grund zu gehen, aber es lohnt sich.
Vielleicht kommst Du schon mal weiter mit diesen Infos: https://www.die-uk-kiste.de/themen/hera ... verhalten/
Ich empfehle das Buch von Castaneda, Fröhlich und Waigand: (K)eine Alternative haben zu herausforderndem Verhalten. Ich finde es sehr hilfreich.

Vielleicht magst Du ja ein bisschen mehr „drumrum“ schreiben, oft kommen wir hier weiter, wenn wir untereinander vergleichen, wo es im Verhalten Ähnlichkeiten bei unseren Kindern gibt.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Juliana2612
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 4
Registriert: 20.06.2020, 09:27

Re: Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von Juliana2612 »

Vielen Dank Engrid,

ich werde mir den Link und das Buch mal anschauen.

Ich erzähle dann etwas mehr über meine Tochter Alina.
Sie kann sprechen, tut es aber nicht zur Kommunikation.
Sie wird nie sagen, was sie möchte bzw.nicht möchte usw. Eher schreien oder ab und zu zeigen.
Sie ist auch nicht selbständig, wird gefüttert und gewickelt.
Bis zu Ostern 2019 hatte sie nie selbstverletztendes Verhalten.
Es hat so plötzlich angefangen, zuerst in der Schule und dann hat es sich auf Zuhause übertragen.
Im Moment trägt sie einen Schutzhelm mit Visier vorne.
Ab und zu haut sie auf den Helm. Sobald man den abnimmt zum füttern, umziehen und baden fängt sie sofort an sich ganz doll ins Gesicht zu schlagen.
Nun sucht sie sich auch immer wieder was neues.
Kneift sich an den Beinen und Händen. Drückt mit ihren Fingernnägeln auf ihre Arme und mit den Fingern auf die Augen.

So ein Gefühl, als ob sie das nicht abstellen kann. Wie so ein Zwang kommt es mir vor.
Vielleicht hat sie auch andere Körper Wahrnehmung und macht das um sich besser zu spüren.

In der Nacht muss ich sie wie ein Baby pucken. Das fordert sie selber. Sobald ihre Arme versteckt sind, geht es ihr viel besser und sie wird entspannter.

Wenn man nur den Grund wüsste, warum sie das macht...

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 15000
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitrag von Engrid »

Hallo Juliana,

das klingt sehr belastend, für sie und für Dich.
Mein Sohn hat kein selbstverletzendes Verhalten, aber schon auch herausforderndes Verhalten.
Wenn es klar in der Schule angefangen hat, dann müsste man dort auch nach dem Auslöser buddeln. Wie gut ist denn die Kommunikation mit der Schule?
Ich schmeiße mal ein paar so allgemein naheliegende Möglichkeiten in den Raum:
Fehlverhalten von/Überforderung durch jemanden von der Schule?
Sie spiegelt das Verhalten anderer Kinder?
Reizüberlastung - und sie setzt der überfordernden Wahrnehmung ein Gegengewicht?
Langeweile oder Strukturmangel - und sie stimuliert sich damit selber?
Frust, weil sie Ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht kommunizieren kann bzw sich nicht verstanden fühlt (macht Ihr UK?)?
Ein gesundheitliches Problem wie Kopfweh, ...?

Hast Du denn gute Fachleute - Pädagogen, Therapeuten, Psychiater - die helfen?

Wenn es schon zwanghaft ist, und Risperdal nicht anschlägt, habt Ihr Alternativen besprochen?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Iana
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 334
Registriert: 11.05.2014, 18:52
Wohnort: Köln

Re: Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von Iana »

Hallo Julia,

von mir als selbst Betroffene musste ich direkt an meine schlechte Wahrnehmung in Stresssituationen denken.
Engrids Idee die Ursache zu erforschen ist auf jeden Fall richtig!
Als "akute" Hilfe, habt ihr mal Gewichtswesten o.ä. probiert? Gerade wenn das Pucken hilft wäre das vielleicht eine Option. Lässt sie es zu fest in den Arm genommen zu werden? Gerade am Thorax brauche ich viel Druck um mich wieder "einzusammeln".
Wie ist es mit Kauen? Es gibt spezielles Kaumaterial. Festes Beißen bewirkt recht viel Kraft auf den Kiefer und bietet damit Druck. Würde sie das nutzen?

Ich hoffe ihr kommt hinter die Ursachen und könnt etwas finden womit es deiner Tochter besser geht!

Viele Grüße
Iana
Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin
Asperger Autismus

Benutzeravatar
LasseUndJohannes
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 374
Registriert: 28.03.2015, 11:41
Wohnort: BW

Re: Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von LasseUndJohannes »

Hi Julia,
habt ihr eine gute Anbindung an eine KJP oder SPZ? Ich würde, wenn Risperidon nicht hilft, noch weitere Medikamente probieren. Leider ist es tatsächlich immer nur ein ausprobieren. Teilweise mühsam. Wie hoch seid ihr beim Risperidon mit der Dosis gegangen? Ich kenne Risperidon als auf die Impulskontrolle wirkend. Bei ihr scheint es aber eher anlasslos zu sein? Bei uns haben Medikamente bei Benedikt seinem Kopfschlagen geholfen. Benedikt hat aber immer anlassbezogen zum Beispiel aus Frust oder Überforderung klar erkennbar so reagiert.

Wie hat sich bei ihr dann die schulfreie Corona Zeit ausgewirkt? Und, da es in der Schule angefangen hat, fühlt(e) sie sich dort wohl? Mochte man sie? Und sind die Mitschüler für sie ok? Wenn bei uns ein Kind wie der grosse Bruder bei Benedikt in der Gruppe wäre, dann würde Benedikt ziemlich sicher wieder auto aggressiv reagieren.

Viel Glück bei der Suche nach einer passenden Lösung.
VG
Lasse

Johannes 2008, extremes ADHS, Fehldiagnose (?) Autismus
Benedikt 2014, süßeste FraXi-Maus der Welt (Fragiles X), non verbal, früher auto aggressiv, ADHS, v.a. frühkindlicher Autismus

Juliana2612
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 4
Registriert: 20.06.2020, 09:27

Re: Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von Juliana2612 »

Guten Morgen,

vielen Dank für eure Nachrichten.

Risperidon hatten wir zuerst 1 mal am Tag 0,25mg ausprobiert und danach sollten wir auf 2 ×0,25 ml gehen. Da erkannte ich meine Tochter nicht wieder. Sie wurde noch mehr aggressiver, so dass sie den ganzen Tag gegen ihren Helm gehauen hatte und Hände dadurch blutig waren. Sie hatte so schlechte Laune in der Zeit und hat nicht mehr sich gefreut und gelächelt.
Dann sollten wir Risperidon laut Arzt langsam absetzen. Danach war es wieder die alte Alina.
Seit dem mag ich gar nicht an Medikamente denken. Die tun nicht gut.
Kauhilfen, schwere Weste und gewichtete Armbänder haben wir auch ausprpbiert, half leider nix.
Letzten Sommer waren wir deswegen im Kinderzentrum Pelzerhaken. Da haben wir nicht so wirklich Hilfe bekommen und wurden sogar früher nachhause entlassen nach dem Motto:"es sei da sehr anstrengend für meine Tochter"
Also, haben wir im Moment keinen Spezialisten, an den man sich wrnden könnte.
Ich habe meine Tochter bei Werner Otto Institut in HH angemeldet. Das dauert aber ewig, bis wir dran kommen.

Da es in der Schule angewangen hatte, habe ich aich mit Alinas Lehrwrin und Schulbegleitung gesprochen. Also, wenn es mal lauter wird, dann geht es Alina auch nicht gut. Ansonsten konnten sie auch keine Gründe dafür finden. Sie sagten, dass die Kinder sehr gut mit Alina umgehen und ihr immer wieder helfen.

Und Alina macht es wirklich ständig, auch wenn sie zufrieden ist. Wenn sie verärgert ist, dann haut sie sich noch doller.

Und wenn Helm aufgesetzt ist, dann sucht sie immer wieder was neues aus: Arme kneifen und kratzen, in die Augen drücken usw .

Benutzeravatar
Regina Regenbogen
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 7819
Registriert: 12.07.2008, 18:37
Wohnort: Ostfriesland

Re: Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von Regina Regenbogen »

Juliana2612 hat geschrieben:
20.06.2020, 18:49
Bis zu Ostern 2019 hatte sie nie selbstverletztendes Verhalten.
Es hat so plötzlich angefangen, zuerst in der Schule und dann hat es sich auf Zuhause übertragen.
Kannst du evtl. noch nachvollziehen, was es um Ostern 2019 herum an Veränderungen oder ggf. irgendwelchen Vorfällen rund um die Schule gegeben hat?
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Juliana2612
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 4
Registriert: 20.06.2020, 09:27

Re: Selbstverletzendes Verhalten

Beitrag von Juliana2612 »

Ja, wir haben uns damals mit der Schule zusammen gesetzt und leider auch keine eventuelle Auslöser gefunden.

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 15000
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitrag von Engrid »

Hallo,
Und Alina macht es wirklich ständig, auch wenn sie zufrieden ist. Wenn sie verärgert ist, dann haut sie sich noch doller.
Das wäre jetzt schon ein Hinweis darauf, dass es für sie zumindest AUCH darum geht, sich besser zu spüren.
Das lässt sich von weitem aber nur vermuten.
Ich würde an Deiner Stelle mich intensiv auf die Suche nach Fachleuten machen, die gemeinsam mit Euch Eltern da GANZ GENAU hinschauen. Die sind nicht leicht zu finden, aber es gibt sie. Eventuell hat in den lokalen Netzwerken (Elterngruppen?) jemand einen Tipp, zb eine besonders gute Ergotherapeutin, ein Autismus-Coach, UK-Fachmensch, ...

Ich würde auch die Suche nach einem hilfreichen Medikament noch nicht aufgeben. So wie es jetzt ist, ist es ja auch nicht gut. Medikamente sind nicht pauschal Teufelszeug.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Antworten

Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“