Sertralin - Kind verändert

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Regina Regenbogen
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von Regina Regenbogen »

rena99 hat geschrieben:
23.06.2020, 13:48
Das mehrmalige Berühren, das mehr und mehr Zeit in Anspruch nimmt, ist vermutlich ein Zwang. Das Brummen könnte auch Stimming sein, das muss man mit dem Kind gemeinsam herausfinden.
Ich habe das nicht bezweifelt. MIch irritiert hier nur der zeitliche Ablauf. Bereits kurz nach Auftreten der vermeintlichen Zwänge wird dem 8-jährigen Kind ein sehr umstrittenes Medikament von der KJP verordnet. Auch finde ich nirgends eine Meinung der Autismustherapeuten zur Medikation bzw. zu den Zwängen.

Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ein übermotivierter und autismusunerfahrener KJP zum einfachsten, aber nicht zwingend besten Mittel der Wahl greift - ich bin da mittlerweile sehr kritisch geworden.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

rena99
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von rena99 »

Hallo Regina,

kritisch sollte man auf jeden Fall sein, gerade bei Medikamenten mit derartigen Nebenwirkungen. Grundsätzlich ist eine adäquate Behandlung auch ohne Medikamente möglich. Dass ein KJP sich sowohl mit Zwängen als auch Autismus auskennt, ist leider eher selten. Und die Kommunikation an Schnittstellen ist auch oft schwierig. Von daher würde ich in einem sehr zeitnahen Arzttermin schon selbst verstehen wollen, ob eine weitere Medikamentengabe überhaupt sinnvoll ist.

Katrinchen, habt ihr denn einen guten Autismustherapeuten?
Rena mit (mittlerweile erwachsener) Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung, HB)

Katrinchen*
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von Katrinchen* »

Regina Regenbogen hat geschrieben:
23.06.2020, 05:23
Katrinchen* hat geschrieben:
22.06.2020, 22:48
Er hat viele Selbstzweifel und möchte z.B. in der Schule alles richtig machen. Macht er einen Fehler (Hausaufgaben), flippt er sofort aus. Er akzeptiert für sich keinem Fehler!
Das wird als Zwang bezeichnet von der KJP? DIesen Hang zum Perfektionismus hatte unser Jüngster auch in dem Alter, die Autismustherapie hat dem gut entgegengewirkt.

Nein, das wird nicht als Zwang bezeichnet.
Katrin mit P. Asperger Autist geb. 2011

Katrinchen*
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von Katrinchen* »

rena99 hat geschrieben:
23.06.2020, 13:48
Regina Regenbogen hat geschrieben:
23.06.2020, 05:23
Katrinchen* hat geschrieben:
22.06.2020, 22:48
Er hat viele Selbstzweifel und möchte z.B. in der Schule alles richtig machen. Macht er einen Fehler (Hausaufgaben), flippt er sofort aus. Er akzeptiert für sich keinem Fehler!
Das wird als Zwang bezeichnet von der KJP? DIesen Hang zum Perfektionismus hatte unser Jüngster auch in dem Alter, die Autismustherapie hat dem gut entgegengewirkt.
Hallo Regina,
das hatte Katrinchen schon mal weiter oben zu den Zwängen geschrieben:
Katrinchen* hat geschrieben:Beispiek:
unser Sohn muss alles mehrmals berühren, bevor er daran vorbei gehen kann. Bis er abends ins Bett kommt, das ist der wahnsinnig. Er brummt den ganzen Tag und das fast konstant.
Das mehrmalige Berühren, das mehr und mehr Zeit in Anspruch nimmt, ist vermutlich ein Zwang. Das Brummen könnte auch Stimming sein, das muss man mit dem Kind gemeinsam herausfinden. Zur Abgrenzung hatte ich hier ja schon mal was geschrieben. Das Zitat oben mit den Selbstzweifeln dreht sich wohl eher um die Ursachenforschung. Überpeferktionismus und niedriges Selbstwertgefühl ist ja etwas, was Zwangserkrankte und Autismen gleichermaßen haben können.

Katrinchen, Ausgrenzungserfahrungen machen die Sache sicherlich nicht besser. Versuch dran zu bleiben an dem Arzttermin. Die Behandlung von Zwängen ist leide sehr langwierig und hat zwischendurch viele Aufs und Abs. Und man braucht Geduld und muss auch viel ausprobieren. Ich wünsche dir die Kraft dazu. Wichtig ist, dass du auch auf deine Kräfte achtest und deinem Sohn in einer ruhigen Art ein sicherer Hafen sein kannst. Meist reagieren die Kinder ja auch auf die Verunsicherung der Eltern.

Alles Gute!
Danke Rena,
wir bleiben dran! Kämpfen können wir, das tun wir ständig und ich weiß aus Erfahrung, das es leider nur so funktioniert.
Gerade mache ich mit arge Vorwürfe, der Medikation zugestimmt zu haben. Mein Bauchgefühl war nicht gut, aber ich hatte einfach Angst etwas falsch zu machen. Und das habe ich nun getan ..
Das Zeug wird abgesetzt bzw. ausgeschlichen.

Ich danke euch allen für eure Meinung, Rat und Zuspruch! Vielen vielen Dank!!
Katrin mit P. Asperger Autist geb. 2011

Katrinchen*
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von Katrinchen* »

Hallo ihr Lieben,
ich möchte mich noch einmal bei euch melden und von dem neusten Stand berichten. Wir haben das Sertralin auszuschleichen lassen und unserem Sohn ging es relativ zügig besser was die Wesendveränderung betraf. Mit Beginn der Sommerferien, verschwanden die Zwänge. Es ist unglaublich aber man sollte meinen, das unser Kind sich mit Beginn des Urlaubes offiziell entspannen durfte....Wahnsinn unter welchem Druck ein Kind stehen kann!!

Leider ist jedoch seit drei Wochen das Brummen verstärkt. Permanent den ganzen Tag, so arg das er nicht in den Schlaf findet. Mittlerweile ist es so das er sagt, er müsse das tun und könne nicht aufhören. Auch hier leidet er wieder und wir finden keinen Weg...

Die LVR möchte nach wie vor das er stationär aufgenommen wird, die Autismustherapeutin weiß nicht weiter. Für mich fühlt es sich falsch an. Was will man in der Klinik tun? Wieder Medikamente, noch mehr Verunsicherung? Zumal wir kein Vertrauen mehr haben. Die Aufklärung damals lief per Telefon, als es uns schlecht ging, war keiner erreichbar. Es hieß ich wäre zu verunsichert und würde zu viele Fragen stellen. Ja, ist das nicht deren Job? Natürlich bin ich unsicher, wenn meinem Kind (für meine Begriffe zu flott) ein hammer Antidepressivum verschrieben wird und ich nicht das Gefühl habe ernst genommen zu werden.
Wir sind gerade dabei zu wechseln, aber die Wartezeiten sind ja bekanntlich lang.

Habt ihr bitte einen Rat? Er liegt im Bett, ich im Zimmer nebenan und höre ihn seit wieder einer halben Stunde brummen. Meist hole ich ihn dann zu mir, das kuscheln hilft, ist aber keine Dauerlösung. Ich kann es kaum ertragen .

Eure Katrin.
Katrin mit P. Asperger Autist geb. 2011

SimoneChristian
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo Katrin!
Meine Idee wäre, ihm mit gemeinsamem (Ein-)Schlafen erst mal akut zu helfen.
Gemeinsames Schlafen bedeutet einfach ganz viel Sicherheit für Kinder.
Ob du nur neben ihm liegst beim Einschlafen, er eine Matratze im Schlafzimmer bekommt oder wie bei euch andere Lösungen aussehen könnten, weißt du besser als ich.

Wir sind Familienbett-Schläfer.
Das war ich früher auch sehr lange, weil ich die nächtliche Sicherheit gebraucht habe.

Ob längerfristig vielleicht ein Vibrationsgerät (elektrische Zahnbürste), eine schwere Decke oder entsprechende Brummton-Musik mit Kopfhörern helfen können, kann man dann in einer stabileren Phase besser ausprobieren.

Der nächste Schritt für dich wäre dann, aus meiner Sicht, nach Auslösern zu suchen, und zwar nach noch so kleinen über einen längeren Zeitraum (hier können das durchaus Monate sein).
Bei Brummen musste ich an Wackelzahn oder Verspannungen von Hals/Kopf/Nacken denken.
Wie sieht es mit der Sitzposition (in der Schule) aus?
Passen Tisch und Stuhl zu deinem Kind? Wie ist der Lichteinfall?

Das 2. was mir zu Brummen einfällt, ist die Lautstärke. Kämen Oropax oder Gehörschutz-Kopfhörer in Frage?
Evtl auch MP3-Player (Mit Noise Canceling) für Stillarbeitsphasen?

Das sind alles Dinge, die das Grundstress-Level senken könnten.

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

Anne_mit_2
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von Anne_mit_2 »

Hallo Katrin,

habt Ihr an der Beleuchtung im Flur vor dem Zimmer etwas gemacht oder ein elektrisches Gerät ausser Betrieb genommen. Ich konnte als Kind nur mit Schleudergang der Waschmaschine schlafen. Wenn der nicht lief, brummte ich ihn mir eben selbst her.

Meine Tochter war so an das Brummen der Neon-Röhre im Flur gewöhnt, dass sie (als älterer Teenie kurz vorm Abi!!!) nach Austausch gegen eine Energiesparlampe eine Weile nicht einschlafen konnte. Wir haben dann gemeinsam das Neon-Röhren-Brummen aufgenommen und zum Einschlafen in Endlosschleife auf dem CD-Spieler abgespielt -- jeweils bis sie tief schlief. Sie hat dann selbst die Lautstärke jede/jede zweite Woche etwas runtergeregelt, um das Geräusch 'auszuschleichen'.

Viele Grüße,
Anne

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Regina Regenbogen
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von Regina Regenbogen »

Mein Jüngster kann heute noch nicht ohne leise Hintergrundberieselung einschlafen, weil bei uns auf dem Land nach seiner Aussage "nachts die Stille so laut brummt". ;-)
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

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rena99
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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von rena99 »

Hallo Katrinchen,

gut, dass du dich wieder meldest!

Ganz eindeutig hast du ja jetzt gesehen, dass das allgemeine Stresslevel einen Einfluss auf die Stärke der Zwänge bei deinem Sohn hat. Da würde ich jetzt mal als erstes ansetzen und zwar zusammen mit der Autismus-Therapeutin. Und da scheint mir die Lage in der Schule besonders wichtig. Was berichtet euer Sohn denn da? Du kannst überlegen, ihn ein paar Wochen krank schreiben zu lassen oder ihn ins Homeschooling zu nehmen. Das ist natürlich keine Dauerlösung, sondern eine Sofortmaßnahme.

Wir selbst sind ohne einen stationären Aufenthalt nicht wirklich weitergekommen. Erst dort sind in 14 Wochen und ohne Medikamente die Grundlagen gelegt worden, um eine langfristige Besserung zu erzielen. Allerdings war meine Tochter bereits 13 zu dem Zeitpunkt, das kann man daher nicht gut vergleichen. Auf keinen Fall ist es richtig, dass du keine hinreichenden Informationen bekommst. Eltern von Kindern mit Zwangserkrankungen sind irgendwann so "gar", dass sie selbst in die Erkrankung stark eingebunden sind. Das macht den Austausch mit behandelnden Ärzten und Therapeuten auf Augenhöhe sehr schwierig.

Bei einem so jungen Kind sind Ärzt oft der Meinung, dass Medikamente das Mittel der ersten Wahl sind, um den Leidensdruck zu mindern und die Therapiebereitschaft für eine Verhaltenstherapie herzustellen. Leider sind die Behandlungsleitlinien für Kinder immer noch in Bearbeitung. Für die Behandlung von Erwachsenen sind Medikamente jedenfalls nicht direkt angezeigt:
S3 Leitlinie Zwangsstörungen hat geschrieben:Eine Monotherapie mit Medikamenten ist nur indiziert, wenn Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) abgelehnt wird oder wegen der Schwere der Symptomatik keine KVT durchgeführt werden kann, KVT wegen langer Wartezeiten oder mangelnder Ressourcen nicht zur Verfügung stehtoder damit die Bereitschaft des Patienten, sich auf weitere Therapiemaßnah-men (KVT) einzulassen, erhöht werden kann.
Quelle: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitl ... laufen.pdf

Schau mal, ob dir die Autismustherapeutin nicht einen niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater empfehlen kann. Es fehlt mir der Glaube, dass die sich gegenseitig alle gar nicht kennen. Da würde ich jetzt mal vorstellig werden, bevor man nun überhaupt über weitere Maßnahmen nachdenkt. Mit dem könntet ihr auch besprechen, welche Behandlungsoptionen in Frage kommen und ob eine Herausnahme aus der Präsenzschule in der derzeitigen Situation angezeigt ist oder nicht.

LG
Rena
Rena mit (mittlerweile erwachsener) Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung, HB)

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Re: Sertralin - Kind verändert

Beitrag von rena99 »

Das Kind brummt selbst! Ich stelle mir das für das Kind wirklich sehr belastend vor. Da muss was passieren. Als Sofortmaßnahme muss das Stresslevel herunter, aber das ist keine Dauerlösung.
Rena mit (mittlerweile erwachsener) Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung, HB)

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