Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Engrid
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Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von Engrid »

Hallo,

bei allem Übel der Weltlage:
Was Heimbeschulung und Nichtbesuch von Einrichtungen angeht, haben wir grade ja eine historisch (hoffentlich) einmalige Situation.
Wo sonst Schulpflicht und Nachmittagsbetreuung (Hort, Tagesstätte) die Kinder über große Teile des Tages in Gruppen zwingt, sind sie jetzt zuhause. Auch sonst wenig los (Schwimmbad, Museum usw zu), Reizüberflutung ist abgestellt.

Nun ist also alles anders, Junior den ganzen Tag zuhause, abgesehen von Spaziergängen und Spazierfahrten. Vor zehn Jahren hätte das wahrscheinlich innerhalb weniger Wochen in eine Abwärtsspirale aus schwierigem Verhalten und mütterlicher, familiärer Überlastung geführt. (Oder auch nicht? :icon_scratch: )
Zu Beginn der Schulschließung hatte ich schon Ängste, wie das Zuhause laufen würde, war dann überrascht: Es läuft glänzend, Junior ist entspannt, gut aufgelegt, klar auch manchmal „eckig“, ... Allerdings war es für ihn bisher auch recht anforderungsfrei, bin gespannt wie es läuft, wenn er jetzt mal Nennenswertes für die Schule tun soll.


Vielleicht habt Ihr Lust, so wie ich, ein wenig Protokoll zu führen über das was jetzt anders ist. Was ist schlechter, was besser, was fällt auf? Wie entwickelt sich das über die Zeit? Gibt es Energie für Neues? Fehlt doch akut Gemeinschaft/

Wenn nun Eltern autistischer und AD(H)S-Kinder aufschreiben, was sich da so tut, ergibt das vielleicht - grade in der Menge - spannendes Material, das zb einiges dokumentiert, was uns sonst keiner glaubt (manche Kinder lernen nun zuhause mehr als in der Schule, andere müssen jetzt nicht mehr in häuslichen Meltdowns ihre auswärtige Reizüberflutung dekompensieren, andere empfinden vielleicht die fehlende klare Tagesstruktur ihrer Einrichtung als großes Problem)

Ihr könnt natürlich gerne hier im Thread aufschreiben. Aber genauso auch für Euch im Stillen. Vielleicht kann man später sammeln, zb im Rahmen eines Blogs, oder so.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

rena99
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von rena99 »

Hallo Engrid,

gute Idee.

Meine Tochter ist ja eher leicht betroffen und studiert bereits. Aber sie findet das Online-Semester gerade richtig gut. Während sie sonst sozial sehr angestrengt ist und spätestens Donnerstags vormittags "durch", ist sie im Moment sehr entspannt. Keiner, auf den sie sich einstellen muss, kein Smalltalk und nur Kontakte, die sie auch will. Aus ihrer Sicht könnte es so weitergehen, und sie hofft, dass man einiges aus dieser Situation auch später noch beibehält. Womit sie nicht so umgehen kann, ist die allgemeine Unsicherheit und dass man nicht weiß, was so alles auf einen zukommt. Sonst war ihre Woche durchgeplant, im Moment ist das schwierig. Und die Hobbies fehlen.
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

der kleine kurt
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von der kleine kurt »

Hallo Engrid,

super Thema, das gerade richtig einen Nerv trifft bei mir!

Mein Sohn (12, Asperger, Dyspraxie) macht ohne Schule in vielerlei Hinsicht echt bemerkenswerte Entwicklungen durch: Der Anfang war für alle beinhart, aber von Woche zu Woche kommt hier ein richtig positiver Schwung rein.

Zum ersten Mal sehe ich, dass mein Kind sich auf Dinge einlassen kann und sich auch gerne darauf einlässt, die im Normalbetrieb nicht funktionieren!

Banale Beispiele zuhause:

Durchbruch bei der Automatisierung des Zähneputzens - jetzt hat er den Fokus dafür aufbringen können und hat die Bereitschaft (ist überhaupt erstmals in der Lage), es immer wieder „richtig“ zu machen.

Türen schließen - er denkt öfter dran als jemals zuvor

Ja sagen bei Aufforderungen - hat er selbst gemerkt, dass ihm das viel leichter fällt, und er nicht mehr das Gefühl hat, mit Nein alles von sich weghalten zu müssen

In der Schule:

Durch das Homeschooling habe ich jetzt erstmals die Möglichkeit, überhaupt mal die Stolpersteine zu sehen, die ihm hohe Hürden setzen.
Dadurch dass ich jetzt so nah an seinem Arbeitsverhalten dran bin, sehe ich, dass er nie gelernt hat, wie man systematisch an Aufgaben (Anforderungen) herangeht. Und dass ihm dieses widerwillige Abarbeiten gegen seinen inneren Widerstand auch jedes gute Gefühl hinterher unmöglich macht (selbst wenn das Ergebnis rein leistungsmäßig top ist).

Im Alltag hatte ich das zwar schon im Blick (aber nur in Bezug auf Alltagsverrichtungen, da Schule wegen Ganztagsschule nur in der Schule stattfindet), konnte es aber selbst nicht richtig greifen, aber jetzt im schulischen Lernkontext fällt es mir viel leichter, das zu Analysieren und Ansätze zu finden. Die wiederum übertragen wir dann auch Alltagsdinge wie Zähneputzen. Ich konnte das den Lehrern bisher nie begreiflich machen, weil mein Sohn in allen Tests immer super Ergebnisse usw. abliefert, aber die stinknormale Bearbeitung von Aufgaben (als Prozess als solcher, nicht leistungsmäßig) ihm ganz viel abverlangt und nur negatives in ihm auslöst.
Mein Sohn hat jetzt was das angeht offenbar zum ersten Mal aus sich selbst heraus Erfolgserlebnisse, dass er die Aufgabenabarbeitung aus sich selbst heraus so schaffen kann, dass es ihm ein gutes Gefühl gibt. Er zieht die Arbeitspläne durch, hat einen eigenen Ehrgeiz, das vernünftig zu machen und zu schaffen. Bisher noch mit fast 1:1 Begleitung, aber auch da sehe ich schon Fortschritte.

Die Erkenntnis, wie überlastet mein Kind in unserem normalen Alltag mit Schule usw. ist, hat mich ganz schön erschüttert. Wir hatten ja wie viele andere auch noch nie die Situation, dass mal dauerhaft ein Leben ohne den Faktor Schulbesuch im laufenden Alltag erprobt werden konnte (denn Urlaub ist bei uns kein vergleichbares Szenario). Die Schulverkürzung, die er in den letzten Monaten eh schon hatte, erscheint in der jetzigen Situation rückblickend als Tröpflein auf dem heißen Stein, obwohl wir auch dadurch schon viel Entlastung gespürt haben.

Wieviel innere und dadurch äußere Ressourcen der komplette Wegfall des Schulbesuchs freisetzt, verzückt und entsetzt mich gleichermaßen.

Leider bin ich noch unschlüssig, was ich mit diesen Erkenntnissen anfangen soll...

Viele Grüße

Kurtine

rena99
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von rena99 »

Kurtine, das ist ja spannend was tu schreibst. Das hatte ich nämlich in meinem Beitrag eben vergessen. Da meine Tochter eine super gute Montessorischule besucht hat, hatte ich es darauf geschoben. Aber sie genießt gerade besonders, ihr Lernen wieder selbst strukturieren zu können, so dass es für sie passt. Wobei das Strukturieren können ein Lernprozess über viele Jahr war. Da passt ein strenger verschulter Uni-Rhythmus nun gar nicht dazu. Durch die On-Line Variante kann sie sich den Stoff jetzt so erarbeiten, wie es für sie am Besten ist und damit kommt gerade auch sehr viel Spaß zurück, den die Uni verschüttet hatte. Und da die Kraft fürs Soziale auch nicht aufgebracht werden muss, läuft es gerade.

LG
Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
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yael1004
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von yael1004 »

Hallo Engrid,

Mein Sohn ( 10 J. Asperger) fühlt sich ohne Schule sehr wohl zu Hause. Er ist sehr motiviert und lernt einiges mehr als in der Schule. Er ist sogar fast schon durch mit dem Lernstoff für dieses Jahr.

Er lässt sich auch plötzlich auf Dinge ein, die vorher immer ein Kampf waren. Z.Bsp. alleine Zähneputzen. Er hat gelernt, sich alleine die Schuhe zu binden und das ohne Geschrei und Tränen. Ich habe den Eindruck, dass er sich jetzt erst, ohne den täglichen Schulstress, auf neue Dinge im Alltag einlassen kann, die andere Kinder nebenher lernen.

Und das Allerbeste ist, dass seine wöchentlichen Migräne Attacken (mit mehrmaligen Übergeben) völlig verschwunden sind.

So entspannt war es bei uns lange nicht mehr und wäre da nicht Corona, könnte es gerne noch eine Weile so bleiben.

Liebe Grüße
Yael
Sohn (2010) hochfunktionaler Asperger Autist

SimoneChristian
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo Engrid,

spannende Frage. :D
Durch den fehlenden Kindergarten und die lange Kurzbeschulung, war die Umstellung jetzt nicht sooo groß bei uns.
Die erste Woche war richtig super, gerade auch was die Bearbeitung der Schulsachen anging. Und dann ging es, für mich, gefühlt erst mal Berg ab: keine Motivation zu irgendetwas außer Minecraft (dafür hat mein Mann dann die Fortschritte gesehen :D )
Da kam dann kurzfristig ein Leistungsschub beim Lesen und Schreiben.
Ab Woche 3 merkte man deutlich, dass ihm seine Freunde fehlen. Videotelefonie ist noch zu "schwierig". Da gibt es wohl zu wenig Kontakt und man muss seine Ideen und Handlungen vermehrt planen.
Seit dieser Woche darf er mit 1:1 bis 2:1 Schlüssel in die Notbetreuung. Und das tut ihm so richtig gut. Fröhlich, ausgeglichen....
I-Kraft und Kind können in Ruhe den Schul-Laptop ausprobieren, der dann hoffentlich dauerhaft Entlastung bringt.
Und in den 1-2 Stunden Sport auf dem Schulhof gibt es auch wieder gut strukturierte Kinderkontakte mit wenig Konflikten. (Seine Kumpel-Truppe neigt sonst leider intern öfter zu Missverständnissen, die er, obwohl nicht direkt beteiligt, nur schwer ertragen kann.)
Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

Sandra9902
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von Sandra9902 »

Hallo,

Sohn wohnt sonst in einer Einrichtung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Seit Mitte März ist er wegen Corona zuhause. Seine Tagesförderstätte ist geschlossen. Ich hatte einen enormen Respekt davor, ihn 24/7 zuhause zu haben. Das gab es nicht mehr, seit er in die Kita ging. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich den Tagesablauf, den wir mit ihm haben, wenn er am Wochenende hier ist, so nicht aufrechterhalten können. Wow, verwöhne ich ihn , am Wochenende ;)). War mir gar nicht so bewußt. Das fand er dann nicht mehr so toll, dass ich Anforderungen an ihn habe.
Und es waren niederschwellige Anforderrungen.
Ungefähr 1,5, Wochen dauerte es ungefähr, bis wir alle einen Alltag entwickelt hatten, der für jeden gut ist.
Ich war und bin sehr überrascht, dass es dann doch so gut läuft.
Gut, er darf vormittags viel Technik haben, damit ich aufräumen, kochen kann und die Schwester in Ruhe Schulaufgaben machen kann. Er ist doch tatsächlich der Erste, der immer wieder fragt, ob er mir helfen kann. Sich selber beschäftigen ist schon immer schwierig gewesen, da hat sich nicht viel geändert. Aber ich habe so viel über ihn gelernt. Er kann gut bei einer Sache bleiben, hält via WhatsApp Kontakt zu einer Kollegen der Tagesförderstätte, das gab es so noch nie.
Ich war mit ihm bei seinem Psychiater/Neurologen, der ihm seine Medis verschreibt. Ich war das erste Mal mit ihm dort, das macht sonst die Einrichtung. Der Arzt war sehr überrascht und sagte, dass er Sohn so ruhig noch nie erlebt hat:).
Sohni ist aber auch verunsichert, weil so vieles so ungewiß ist, weil so viele Fragen einfach nicht zu beantworten sind. Wann kann ich wiederum die Wohngruppe, wann macht die Tagesförderstätte wieder auf? Das ist für ihn schwer, zumal er so gerne wieder in die Wohngruppe möchte. Er vermisst sie sehr. Wir haben oft erklärt, dass der Tagesablauf dort, nicht mehr der ist, den er kennt. Inwieweit er das versteht, kann ich nicht beurteilen.
Er trägt die MundNasemaske tatsächlich, da bin ich so stolz auf ihn.
Was uns auffällt ist, dass er unglaublich viele vokale Tics hat, in einer wahnsinnigen Lautstärke. Auch die Stereotypien sind vermehrt da.
Das ist ziemlich anstrengend, auch, dass er an mir klebt, als hätte ich Magneten in den Füßen, ist mittlerweile schwerer auszuhalten. Es ist wie ganz früher, als ich mich mit dem Telefon im Badezimmer wiederfand, weil mir da keiner folgt. Zumal sich beide Kinder viel anzicken zur Zeit.
Wir fahren viel Fahrrad, dank meines neuen Ebikes kann ich endlich mit ihm mithalten!
Insgesamt läuft es sehr viel besser, als befürchtet. Aber es ist sehr anstrengend. Ich kann es aber auch sehr genießen, ihn so intensiv hierzuhaben. Er will ganz dringend in die Wohngruppe zurück. Dort gibt es endlich einen Notfallplan für den Fall, dass es dort zu einer Quarantäne kommt. Alles enorme Kompromisse für uns als Eltern aber er wird zeitnah wohl zurückgehen. Das ist seine Normalität aber ich kann es nicht gut aushalten.

Liebe Grüße
Sandra mit PS, geb 1999, frühkindlicher Autist,gb, ADHS, Epilepsie, anfallsfrei
PT, geb 2002, PTBS

Silvia15
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von Silvia15 »

Hallo,

ich hoffe ich darf hier schreiben auch wenn wir offiziell noch keine Diagnose haben.
Ich nutzte mal eine Pipipause, die Kinder gucken gerade Tablet.

Für uns kam Corona einfach zur falschen Zeit. Wir sind einfach noch nicht weit genug um mit den Eigenheiten von Maximi umzugehen, wobei wir uns langsam fragen ob wir das dauerhaft können.

Wir habe das große Glück, dass Maximis Einzelintegrationskraft täglich für sechs Stunden kommt. Ansonsten könnte keiner von uns arbeiten, da Maximi quasi ne 1:1Betreuung braucht und Minimi ja auch noch da ist. So kann mein Mann wenigstens im Homeoffice etwas tun.

Die ersten Wochen waren dennoch furchtbar weil Maximi, Minimi fast täglich verletzte, die Reste vom großen Bluterguss auf Minimis Backe sieht man jetzt noch. Ich fühlte mich so Machtlos weil die Angriffe oft unerwartet und aus dem nichts kamen. Minimi brauchte nur etwas falsches zu tun oder zu sagen und schon explodierte Maximi. Trennen war schwierig weil Minimi den Kontakt zu seinem Bruder suchte und kaum von ihm abzuhalten war. Aus dem Weg gehen ist durch die wohnliche Situation auch nicht so einfach.

Wir haben unser möglichstes getan um beide zu trennen. Die letzten 2 Wochen ist es Gott sei Dank bezüglich dem Verletzen besser. Dafür bedrängt Maximi Minimi ständig in unangenehmer Art und Weise. Ich weiß gar nicht wie ich das beschreiben soll. Jedenfalls fängt nun an Minimi sich teilweise bei uns zu verstecken weil sein Bruder einfach nicht aufhören kann, egal was man sagt. Natürlich und Gott sei dank gibt es auch Phasen da klappt es mit den Beiden ganz gut, sonst hätte ich wohl schon kapituliert.

Seit einer Woche ist Maximi nun vermehrt motorisch Unruhig und schreit/tönt viel. Er ist auch oft sehr aggressiv. Was extrem an meinen Nerven zehrt. Ich habe manchmal echt keine Ahnung wie man das dauerhaft aushalten kann. Ich merke das gerade jetzt wo er eben nicht stundenweise in der Kita ist. Das tut mir unendlich leid und ich frage mich oft ob ich einfach nicht für Kinder gemacht bin

Allerdings gibt es dann auch schöne Zeiten. Wir haben ein Grundstück wo wir dieses Jahr hoffentlich noch bauen werden. Aktuell ist da Wiese und Kirschbäume drumrum Spielstraße und extrem wenig Verkehr. Da können die Kinder laufen, sich aus dem Weg gehen und einfach unbeschwert toben. Das tut allen gut.

Ab morgen darf zumindest Minimi wieder in die Notbetreuung ich hoffe sehr, dass das die Lage entspannt. Wir merken auch, dass Minimi extrem unter der Situation psychisch leidet.

Ach ich mag kein Corona.
Silvia mit Maximi (Juli 15, Verdacht auf ASS) und Minimi (Mai 17, ein normaler Wirbelwind)

AnnalenaO
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von AnnalenaO »

Hallo Silvia!

Lass dich mal in den Arm nehmen.
Ich kann dich sehr gut verstehen. Die Vorstellung dass ich mit meinen Kindern eine Corona Situation hätte aushalten müssen als Sohn 5 Jahre alt war ist unerträglich. Sohn war zwar nicht aggressiv, aber das bedrängen, das extreme laut sein, dass man sagen und machen kann was man will und nichts hilft, das kenne ich so gut und es zermürbt so. Ich musste seine Schwester und mich öfter vor seiner Übergrifflichkeit schützen. Und ja, auch ich hab mich gefragt ob ich einfach nicht in der Lage bin mit einem Kind umzugehen. Es hat sich aber mittlerweile herausgestellt dass ich nicht unfähig bin ein Kind zu erziehen ;) Ich hatte nur den richtigen Weg mit ihm noch nicht gefunden. Mit Hilfe von Gesprächen mit einem Psychologen hab ich den richtigen Weg dann gefunden, aber es hat gedauert. Ich drücke fest die Daumen dass du auch bald einen Weg findest wie du zu deinem Sohn durchdringen kannst.
@all: Es läuft hier mit meinem Sohn sehr gut muss ich sagen. Entscheidend war dass wir gleich ab dem ersten Tag eine Tagesstruktur aufgestellt haben an der Sohn sich orientieren kann und damit kommen wir sehr gut zurecht. Ich stehe um 8.00 auf und mache mich fertig, um 8.30 wecke ich dann die Kinder auf, sie frühstücken im Schlafanzug, während sie sich anziehen gehe ich eine kleine Runde mit den Hunden. Dann ist Schulzeit. Wenn die HAs fertig sind gehe ich einkaufen wenn nötig und koche, die Kinder können in der Zeit machen was sie wollen. Dann gibt es Mittagessen. Danach gibt es eine Stunde Pause die jeder für sich alleine verbringen soll damit wir uns nicht ständig auf der Pelle hängen. Nach der Pause gehen wir mit den Hunden eine große Runde, meistens im Wald. Die Kinder gehen bislang wirklich täglich ohne zu meckern mit (am Wochenende "müssen" sie nicht mit, kommen aber oft trotzdem mit). Wir gehen allermeisten zu einem Weiher, da sind Bäume die ins Wasser ragen auf denen man prima klettern kann, es gibt eine Stelle wo man mit den Füßen rein kann und an einer anderen Stelle sind Unmengen Kaulquappen. Das scheint nicht langweilig zu werden und die Hunde lieben es auch am Weiher. Danach gehen wir noch bis 17.00 in den Garten wenn das Wetter schön ist. Zu Hause können die Kinder dann machen was sie wollen während ich ein bisschen Hausarbeit mache. Um 18.30 gibt es Abendessen. Bis 21.00 können die Kinder dann machen was sie wollen. Um 21.00 gehen die Kinder ins Bad und schlafen spätestens um 22.00 Uhr, meistens schon deutlich früher. Ich bin sehr froh dass ich nicht arbeiten muss. Ich bin Hausfrau, das ist jetzt gerade natürlich viel einfacher mit homescooling zu vereinen. Ich kann am Vormittag während der Lernzeit wirklich BEI den Kindern sein und mich ganz auf sie konzentrieren. Dadurch sind wir sehr effektiv beim lernen. Ich hab den Eindruck dass die Kinder hier in der kurzen Zeit Schule die wir machen besser lernen als zu normalen Schulzeiten.
Meine Kinder gehen außerdem beide in keine Nachmittagsbetreuung, sie sind in der Regel um 12.30 rum eh zu Hause, Tochter oft schon deutlich früher, Sohn hat 1x bis nach der 6. Stunde, das heißt er ist 1x die Woche "erst" um 13.20 Uhr zu Hause. Sonst ist 12.15 aus. Daher bin ich es auch gewohnt täglich Mittag zu kochen und die Kinder viel hier zu Hause zu haben, es ändert sich nicht sooooo viel für uns.
Wirklich schlechter ist für meinen Sohn eigentlich nichts. Er trifft sich online mit seinen Freunden zum Minecraft spielen oder Videos für den Youtube Kanal machen. Die Leute wirklich zu sehen fehlt ihm scheinbar nicht. Er möchte auch bei FaceTime Videokonferenzen mit den Freunden nur hören, nicht sehen und auch nicht gesehen werden.
Meiner Tochter hingegen fehlen ihre Klasse und ihre Freundinnen wirklich sehr. Sie macht fast täglich Videotelefonate mit ihrer Freundin. Sie nimmt sie mit dem Handy überall mit hin, zeigt dies und das, lässt sich von der Freundin vieles zeigen, man merkt dass sie einfach am liebsten zusammen wären. Außerdem fehlt ihr das Tanztraining wirklich sehr. Sie hätten jetzt auch viele Auftritte gehabt, im Mai/Juni hätten Wettkämpfe stattgefunden die jetzt ganz sicher ausfallen werden, das macht sie schon traurig. Sowas hat mein Sohn halt gar nicht.
Soviel zu uns.

Viele Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

RikemitSohn
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Re: Corona-Tagebuch: Sammlung - Kinder mit ASS/AD(H)S zuhause

Beitrag von RikemitSohn »

Hallo,

ich möchte auch noch gerne dazu schreiben. Mein Sohn war in den letzten Monaten sehr schwierig. In der Schule hat eigentlich nichts funktioniert und er hatte die Handlungskompetenz eines Fünfjährigen. Als nun die Schulschließung kam, habe ich mich erst gefürchtet, weil ich nicht wusste, wie ich das durchstehen sollte. Die ersten Tage waren auch hart. Dann habe ich mein Verhalten umgestellt und meinem Sohn trotz seiner sechzehn Jahre die Selbstständigkeit etwas genommen und wieder Anweisungen gegeben anstatt Selbstverwaltung. Paralell habe ich eine feste Tagesstruktur eingeführt. Das ist manchmal immer noch schwer, da wir beide Adhs haben und dazu neigen den Faden zu verlieren.
Nach zwei Wochen pendelte es sich ein und nun habe ich ein deutlich friedlicheres Kind als sonst. Er ist viel ruhiger, bemüht sich um seine Aufgaben, hilft beim Putzen. Die Hausaufgaben sind zwar anstrengend, aber für meinen Sohn eine tolle Chance. Er hat in den letzten 1,5 Jahren total den Faden verloren und hat aus Überforderung nichts mehr gemacht. Ich übe gerade wieder mit ihm eine Struktur ins Lernen zu bekommen. Wir fangen ganz klein an und ich merke, wie groß die Defizite bei meinem Sohn sind. In der 1:1 Situation können wir noch einmal ganz neu ordnen.
Seit es mit der Schule und dem erzwungenen Kontakt mehr wird, ist es leider wieder stressiger. Aber nichts im Vergleich zum normalen Alltag. Diese Beobachtung habe ich auch schon früher in den Ferien gemacht. Je weniger Kontakt und Reize von Aussen kommen, umso ruhiger und umgänglicher ist mein Sohn.
Ich weiß, dass dieser Zustand nicht für die Ewigkeit sinnvoll ist. Aber ich glaube, dass Kinder/ Erwachsene mit Filterproblemen davon auch profitieren können.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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