Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

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Engrid
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Beitrag von Engrid »

Hallo,

so wie Du das schilderst, würde ich ihn den Schulweg nicht mit einem anderen Kind alleine gehen lassen. Das ist zuviel Verantwortung für ein Kind. Du kannst ja mit der schlechten Gefahreneinschätzung gut argumentieren, und hast sprechende Belege wie die Geschichte mit dem Fenster, oder das Fahrradfahren.

Das tut mir sehr leid, dass Ihr da mehrere Schicksalsschläge in der Familie hattet. Es ist nicht ganz leicht, gute Betreuer zu finden, aber unsere hier sind Gold wert, der Junior lernt mit den jungen Leuten ganz andere Sachen als von den Eltern, er hat eine Menge Spaß und ein wenig altersgerechte Unabhängigkeit von Muttern. Es lohnt also die Suchaktion.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Anjali
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von Anjali »

Guten Morgen Annalena,

bei meinem Sohn war ein fehlendes Gefahrenbewusstsein u.a. dadurch verursacht, dass er wenig Vorstellungskraft von dem hatte, was alles passieren könnte und welche Konsequenzen (z.B. Schmerzen) es haben würde, wenn er leibhaftig in einen Unfall verwickelt wäre.
Von Gefahren und Konsequenzen zu erzählen nützte nicht viel, er konnte die Gefahren dadurch nicht wirklich „begreifen“.
Dies zum einen.
Zum anderen lag es auch daran, dass er mir nicht vertraute, dass ich ihm sie „Wahrheit“ sagte.
Er glaubte lange Zeit immer nur (an) das, was er selbst erlebt und erfahren hatte.

Ich hatte dann irgendwann mal den Einfall, Gefahrensituationen im Straßenverkehr bildhaft mittels Playmobilfiguren und Matchboxautos dar- bzw. nachzustellen.
Es gab /gibt auch Videos auf Youtube, in denen Melonen nach einem Fall aus größerer Höhe wirkunsvoll zerplatzen.

Durch solche Veranschaulichungen wurde mein Sohn natürlich nicht sofort verkehrssicher (weil im Straßenverkehr ja auch andere Faktoren wie Impulsivität und eine erhöhte Ablenkbarkeit zum Tragen kommen ), aber auf lange Sicht sensibilisierter für manche (Gefahren-)Situationen.

Vielleicht wäre eine Veranschaulichung möglicher Gefahren ja auch ein Ansatz für euch (falls ihr dies nicht eh schon praktiziert habt).
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

Sandra9902
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von Sandra9902 »

Hallo,

unser Sohn war bzw ist sehr ähnlich. Er ist jetzt 20 und wohnt nicht mehr bei uns.
Als er klein war, war alles gesichert zuhause. Fenstergriffe, Türen,... Fort Knox eben. Nachts einige Türen abgeschlossen, damit er nachts nicht rumgeistert. Trotzdem hat er es geschafft als er 6 war, seine Kindermöbel, Tisch und Stühle, aus dem Dachfenster zu werfen. Niemals nie nichthätten wir gedacht, dass er das öffnen kann.
Verkehrssicher ist er bis heute nicht. Um zu begreifen, dass Autos gefährlich sind, müsste er an verschiedenen Tagen, zu verschiedenen Zeiten, bei unterschiedlichen Witterungen von verschiedenen Autos, überfahren werden. Er transportiert Erfahrungen nicht automatisch auch auf andere Situationen.
Es kostet unendlich Nerve, das glaube ich dir, kenne ich ja selber.Vielleicht kann man es trainieren.
Ansonsten war immer einer von uns inunmittelbarer Nähe unseres Sohnes und zuhause war irgendwann alles gesichert oder eben so eingerichtet, dass es keine Katastrophe war, wenn mal was kaputtging.
Als er mit 16,5 Jahren auszog, haben wir erst gemerkt, wie einengend das alles für uns war.
Wir mussten richtig wieder lernen, dass eine Habacht Stellung permanent nicht mehr nötig ist.
Du schaffst das!

Ganz lieben Gruß, Sandra
Sandra mit PS, geb 1999, frühkindlicher Autist,gb, ADHS, Epilepsie, anfallsfrei
PT, geb 2002, PTBS

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Alexandra2014
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von Alexandra2014 »

Hallo Annalena,

unsere Situationen sind sehr ähnlich. Mein Vater starb vor gut drei Jahren und meine Mutter ist sehr mit sich selbst beschäftigt (geht aber auch auf die 80 zu).
Mein Schwiegervater ist dement und meine Schwiegermutter damit ausgelastet. Es ist eher so, dass sie mir noch den Opa dazu schickt, wenn wir draußen spielen (wohnen nebenan). Da musste ich dann aber auch ganz klar Stellung beziehen, dass ich nicht gleichzeitig hinter beiden herschauen kann. :roll:

Was den Schulweg angeht, bin ich bei Engrid. Nach deinen Schilderung geht das keinesfalls allein oder „nur“ mit anderen Kindern.
Habt ihr einen SBA?
Wie genau sieht der Schulweg denn aus?

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

steffimoppel
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von steffimoppel »

In dieser Situation hast Du Anspruch auf einen Einzelfallhelfer, der um Deinen Sohn kümmert. Dann hättest Du wenigstens einmal die Woche Entlastung.

Biancamit2
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von Biancamit2 »

Hallo,
Ich hab das hier auch... Töchterli ist jetzt 11 und war auch lange deinem Junior sehr ähnlich. Aufgrund ihrer Wahrnehmungsstörung ist sie auch sehr angeeckt, schmeißt mit dem Ellbogen das Glas um oder landet im Teller etc und wegen der Spastik ist sie sehr lange sehr viel gefallen... 2 mal sogar schon mit mir an der Hand die Treppe runter.
Ich hab erstmal dafür gesorgt dass sie nur Becher statt Gläser nutze, alle Familienmitglieder haben hier klar die Anweisung gehabt, nichts irgendwo liegen zu lassen wo man drauf tritt, alle Gläser Vasen etc werden weit an die Wand geschoben so dass nix weit vorne an der Kante steht. Ausser Haus war die Maus grundsätzlich an meiner Hand, und Fahrrad fuhren wir nur, wenn der Papa dbei war, so dass sie immer in der Mitte fuhr und einer vorne und hinten aufpassen konnte. Im Laufe der Zeit wurde das dann besser, es war irgendwann so eingeübt dass es jetzt geht. Ich stelle immernoch Gläser wieder zurück in die Mitte des tisches, aber jetzt sind es Gläser, keine Becher, und es fliegt etwa einmal pro Quartal eins runter. Sie fährt jetzt Fahrrad vor mir her, ohne Papa. Und an die Hand muss sie nur noch beim Treppen laufen. Geholfen hat, dass ich immer immer immer geredet hab, auf jede Gefahr, Hinderniss etc hingewiesen. Gezwungen langsam zu laufen um auf die Schritte und Umgebung zu achten, ohne Geländer war das Treppenlaufen verboten etc. Aber ja, die ersten 8,9 Jahre haben mich auch oft verzweifeln lassen. Was meine Tochter nicht macht, ist das volltexten. Dafür singt sie. Ununterbrochen. Den ganzen Tag. Sie hat eine sehr schöne Stimme, auch die Chorleitung ist sehr glücklich sie zu haben. Aber... auch die schönste Stimme kann dich wahnsinnig machen wenn sie jeden Tag von 6-7 Ubr und von 13 bis 20.30 durchgängig zu hören ist....
In diesem Sinne: Gute Nerven! Und such dir Freiräume zum durchschnaufen.

Grüßle
Bianca mit Sohn (2004, Skoliose, LRS) und Tochter (02.2009 Frühchen 29+0, ICP, PVL, spastische Diparese, und manch anderes) und zwei Sternchen *2003 *2008 fest im Herzen

AnnalenaO
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von AnnalenaO »

Hallo ihr lieben!

Vielen Dank für eure Antworten und euer Mitgefühl! Das tut mir sehr gut.
Ich versuche auf die einzelnen Punkte einzugehen:
Sandra: INPP ist das mit den Frühkindlichen Reflexen oder? In diese Richtung hat unsere 1. Ergotherapeutin gearbeitet. Das war auch sehr gut. Mittlerweile haben wir trotzdem gewechselt zu einer autismuserfahrenen Ergotherapeutin. Die hat einen anderen Ansatz, tut meinem Sohn aber auch sehr gut und hat für mich mehr Tips und ist ein guter Ansprechpartner auch in Erziehungsfragen.
Engrid und Alexandra: Ich fürchte ihr habt Recht. Nur mit einem Kind als Begleiter auf dem Schulweg, das ist nichts. Gerade jetzt mit dieser Fensternummer, das muss mir eine Warnung sein dass ich ihn nicht überschätzen darf. Einen SBA mit den Merkzeichen B und H haben wir beantragt, haben aber noch keinen Bescheid bekommen.
Anjali: Ich habe nicht den Eindruck dass er Gefahren überhaupt nicht einschätzen kann oder dass er mir nicht glaubt. Er hat schon Respekt vor großer Höhe und auch vor Autos. Aber er ist einfach so ungeschickt in seinen Bewegungen und so wahrnehmungsgestört dass er nicht mitbekommen dass er sich gerade ZU WEIT rauslehnt. Er wollte sich nicht in Gefahr bringen. Im Straßenverkehr hat er auch vor den Autos Respekt. Er kann aber Abstände noch sehr schlecht einschätzen und ist außerdem oft richtig tief in seiner Welt versunken so dass er rundum nicht viel mitbekommt. Einerseits gut weil er sich dadurch vor Überreizung abschirmen kann, für die Verkehrssicherheit ist es aber andererseits schlecht.
Sandra9902: Unsere Wohnung ist auch sehr Unfallsicher eingerichtet. Wir haben keine Stehrümchen, insgesamt sehr reduziert eingerichtet und auch nur mit geschlossenen Weichholzschränken zur Aufbewahrung von Schuhen, Geschirr, Kleidung etc. (also keine offenen Regale oder Schränke mit Glastür die leicht kaputt gehen können). Den Messerblock hatte ich bis vor kurzem auf dem Küchenschrank stehen. Momentan steht er unten. Ich glaube er kommt aber zurück auf den Schrank nach dem Fensterereignis. Nicht dass er damit absichtlich wen gefährden würde, sicher nicht, aber wenn er aus irgendeinem Grund so ein richtiges Küchenmesser in die Hand nimmt und damit hin fällt....... mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken. Die Treppe haben wir direkt mit einer eigens für diese Treppe angefertigten Sicherheitstür eingebaut, die ist auch immer zu. Nicht dass er oben rum rennt und sich verschätzt und vor der Treppe nicht mehr anhalten kann. Keine Tür hat Schlüssel damit er sich nicht einschließen kann, denn er könnte womöglich eine abgeschlossene Tür nicht wieder öffnen, die Dyspraxie lässt grüßen. Es ist schon krass auf was man alles achtet wenn man so ein Unfallkind hat......
Steffimoppel: Da hast du bestimmt Recht, sowas würde mein Sohn aber leider nicht mitmachen. Er möchte gar nichts besonderes für sich. Er würde sich auf dem Schulweg auch nicht von irgendwem den man als Schulwegbegleiter beantragen kann begleiten lassen. Sollte es keine andere Möglichkeit geben dann muss ich mir gute Argumente für ihn überlegen warum er dem doch zustimmen würde. Das war mit der Beantragung des SBA schon sehr schwierig, es sind dicke Tränen geflossen, er möchte sowas nicht. Wir könnten vor ihm argumentieren warum wir das jetzt aber doch machen müssen und dass er in unseren Augen natürlich nicht schwerbehindert ist und dass niemand etwas davon erfahren braucht und dass er wenn er volljährig ist mit dem Ding machen kann was er mag. Darauf konnte er sich einlassen.
Bianca: Ja, auch wir benutzen viel Plastikbecher, gerne die die man zuschrauben kann mit Strohhalm um die Unfälle einzudämmen ;) Es ist gut zu hören dass sich das schon sehr gebessert hat bei deiner Tochter. Ich bin guter Hoffnung dass mein Sohn da noch ganz viel lernen wird, es braucht einfach viel Zeit, Geduld und Nerven. Ich muss mir auch immer wieder sagen dass es für ihn selber ja auch total doof ist dass ihm immer so viel passiert. Er macht das ja nicht um mich zu ärgern. Das ist ganz wichtig dass ich ihn nicht beschuldige und dass ich nicht zu gereizt reagiere, das braucht er wirklich nicht. Und ich schimpfe auch wirklich nicht wenn ihm was hinfällt oder umkippt. Beim Fenster hab ich auch nicht vorrangig geschimpft, ich war einfach geschockt, das hat viel mehr Eindruck hinterlassen als alles schimpfen der Welt. Ich hab richtig gemerkt dass er überhaupt nicht dachte dass es gefährlich sein könnte was er gerade macht und er war dann selber erschrocken darüber was er gemacht hat.
Vielen Dank nochmal an euch alle, auch für die aufmunternden Worte.

Liebe Grüsse, Annalena
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

RikemitSohn
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von RikemitSohn »

Hallo,

zum Verkehr ist von mir noch eine Idee, die bei meinem Sohn sehr gut geholfen hat. Es war und ist für ihn wichtig eine gewisse Logik in der Erklärung zu haben, die er versteht. Auch bei Straßen hat er meine Angst nicht verstanden und es war schwierig im Verkehr. Habe ich ihm erklärt, dass er sich verletzt und zum Arzt muss, hat ihn das aber wenig beeindruckt. Ich denke, dass es zu abstrakt war. Was sehr gut geholfen hat, war die Erklärung, dass sein geliebtes Fahrrad kaputt geht, wenn er von einem Auto angefahren wird. Das kam an und damit konnten wir üben. Trotzdem hat es bei ihm länger als üblich gedauert bis er alleine los konnte. Und er fährt bis heute chaotisch.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Regina Regenbogen
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von Regina Regenbogen »

Beim Lesen des Eingangsbeitrages ist mir wieder eine Menge von unserem Jüngsten eingefallen, was ich erfolgreich verdrängt habe. Im Alter zwischen 3 und 8 Jahren hatte er ein massiv beeinträchtigtes Gefahrenbewustsein (sein gleichzeitig vermindertes Schmerzempfinden machte es noch schlimmer), das war die Zeit, als er aus seinem stark autistischen Verhalten heraus kam. Unser Garten war eingezäunt, alle Außentüren immer abgeschlossen, mein Mann hatte starke Treppengitter sowohl oben als auch unten angebracht, trotzdem waren bei uns Besuche in der Unfallambulanz fast vorprogrammiert - er fiel über alles drüber, vergaß alle Anweisungen (je mehr wir redeten, desto schneller konnte er vergessen) und hatte in wahnsinniges Talent innerhalb von Sekunden zu verschwinden trotz erhöhter Aufmerksamkeit der betreuenden Personen. Er hatte es sogar einmal mit 5 Jahren geschafft, unbemerkt den 2,50m hohen Zaun im Kindergarten zu überwinden, weil er unbedingt auf den daneben liegenden Schulhof der Grundschule wollte. Kurz danach hat er sich im Beisein meines Mannes beide Unterarme gebrochen, weil er trotz 1.000 mal wiederholter Verbote von der Schaukel zu springen trotzdem gesprungen ist. Ein anderes Mal rannte er völlig unvermittelt (im Alter von 7 Jahren, als er "eigentlich" schon gut straßenverkehrstauglich war) in meinem Beisein! über eine stark befahrene Hauptstraße und entkam nur knapp einem vorbeifahrendem Auto - er hat es noch nicht mal gemerkt, weil er so auf eine auf der anderen Straßenseite liegende Karte fixiert war. Durch diese stark herzinfarktauslösenden Situationen waren wir jahrelang in einer höchst angespannten Wachsamkeit gefangen (ich noch länger als mein Mann, Reste davon habe ich heute noch in mir), die sich natürlich auch auf unseren Sohn übertragen hat und sein Verhalten (schneller handeln als denken) noch verstärkte. Was ich aber feststellen konnte: Als im Rahmen der Autismustherapie die Handlungsplanung geübt wurde, bekam er langsam (sehr langsam) auch ein angemessenes Gefahrenbewusstsein. Der Prozess des Loslassens war für uns Eltern noch sehr schwer, aber trotzdem hat es irgendwann doch noch geklappt und er ist seit gut 7 Jahren unfallfrei im Leben unterwegs.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

AnnalenaO
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Re: Ich kann bald nicht mehr.... Ungeschicklichkeit gepaart mit fehlendem Gefahrenbewusstsein

Beitrag von AnnalenaO »

Hallo!

Danke auch für eure Antworten :)
Regina so schlimm ist es bei meinem Sohn zum Glück nicht. Er würde auch nicht davon laufen. Er ist wirklich vernünftig also kopfmässig, ganz prinzipiell kann er auch Gefahren einschätzen und würde nicht ohne zu gucken auf die Strasse laufen zb. Das Problem ist eher die fehlende Bewegungskontrolle. Ich schaue ja auch manchmal aus dem Fenster und lehne mich GANZ LEICHT vor. Das war wohl sein Plan vermute ich, aber er hat sich einfach viel zu überschwänglich vorgebeugt und zusätzlich das Fussbänkchen, das hat mich allerdings wirklich irritiert dass er das genommen hat. Das Bänkchen ist jetzt nicht wirklich hoch, vielleicht 20 cm aber trotzdem, es ist eine Erhöhung. Es steht vor der Toilette damit die Kinder die Füsse aufstellen können. Er ist jetzt nicht auf die Idee gekommen den Schreibtischstuhl zum draufklettern zu nehmen obwohl der direkt neben dem Fenster steht. Immerhin hat er registriert dass den Stuhl zu nehmen ganz offensichtlich zu gefährlich ist. Das Fussbänkchen hielt er scheinbar nicht für gefährlich und wenn er sich nur drauf gestellt hätte und runter geguckt hätte wär das auch nicht gefährlich gewesen, nur seine schwungvolle Vorwärtsbewegung dabei, die war gefährlich in Verbindung mit dem Fussbänkchen. Ich bin heilfroh dass ich zufällig gerade zu dem Zeitpunkt ins Zimmer gekommen bin. Ich hab die Überschrift mit dem fehlenden Gefahrenbewusstsein vermutlich nicht ganz richtig gewählt. So richtig kamikaze ist er nicht. Bloss so unkontrolliert dass es eben doch gefährlich wird. Wie das Rutschmanöver auf der Treppe. Meine Tochter macht das auch, aber sie hält sich halt WIRKLICH fest. Während er seine Hand nur leicht auflegt, oft auch noch die Hand zur Faust gemacht. Das macht er auch beim Fahrrad. Er hält den Lenker nicht fest sondern legt die Hände locker gefaustet drauf. Ich schrieb ja auch dass ich den Messerblock lieber wieder hoch stelle. Nicht weil er ein Messer nehmen würde und damit irgendwelchen Unsinn machen würde. Meine Sorge ist nicht dass er prinzipiell etwas gefährliches mit dem Messer macht sondern dass er mit dem Messer in der Hand stolpert und hinfällt. Das mit dem abspringen von der Schaukel, das hätte auch von ihm sein können. Denn prinzipiell kann man ja von der Schaukel abspringen wenn man die Bewegung kontrollieren kann.
Gebrochen hat er sich toitoitoi noch nie etwas. Aber er hat immer viele blaue Flecken und Schürfwunden.
Er geht den Schulweg momentan übrigens alleine, seit der 3. Klasse. Er muss aber auch nur einmal eine Strasse überqueren die sehr wenig befahren ist und er geht am Zebrastreifen drüber. Der Zebrastreifen ist erhöht und davor sind auch noch Schwellen die die Autos verlangsamen und die Fahrbahn ist am Zebrastreifen verengt so dass nur ein Auto drüber fahren kann, das aus der Gegenrichtung müsste warten wenn 2 Autos gleichzeitig kommen (was selten vorkommt, meistens ist da gar kein Auto). Der Weg ist wirklich sehr leicht zu bewältigen. Meine Tochter ist schon Ende der ersten Woche in der Schule alleine gelaufen.
Der neue Schulweg geht zu Fuss über 2 Fussgängerampeln und dann in die Strassenbahn. Er muss dann auch noch einmal umsteigen. Das Problem ist nicht der Fussweg mit den Ampeln, das würde er hin bekommen. Er würde aber nicht mitbekommen welche Bahn seine ist. Da kommen ständig Busse und Bahnen, er müsste aufmerksam bleiben wann seine kommt, das kann er nicht. In der Bahn dann würde er auch nicht mitbekommen wann er aussteigen muss. Sollte ein Kontrolleur kommen, das wär für ihn auch ganz schwierig. Und dass sich irgendwer fremdes neben ihn setzt das wär nix für ihn. Mit dem festhalten in der Bahn wenn er keinen Sitzplatz hat ist es auch nicht so weit her. Da bin ich immer dicht bei ihm wenn wir zusammen fahren und ich hab ihn auch schon ab und an halten müssen. Das und die Situation mit dem Kontrolleur, das ist hauptsächlich das was ich kritisch sehe wenn ihn „nur“ ein Kind begleitet. Wenn es nur drum ginge dass er in die richtige Bahn muss und rechtzeitig aussteigt, das würde ich denken dass er das mit einem anderen Kind zusammen hinbekommen würde wenn dieses Kind das kann. Aber es ist eben nicht „nur“ das. Leider.
Wieder viel geschrieben, puh. Es hilft mir aber sehr die ganze Situation zu reflektieren.

Viele liebe Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

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