Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

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melly210
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von melly210 »

[quote=SimoneChristian post_id=2200970

Bezogen habe ich mich auf einen Punkt aus der Liste im Link
Falsche Einschätzung des Wissensstandes des Gesprächspartners;
Das Problem hat mein Sohn häufig. (Ich allerdings auch, zumindest wenn man meinem Mann glaubt. :wink: )
Er startet die Unterhaltung gerne mitten in seinem Thema; dann andere Menschen (Oma, Opa) nicht so gut folgen, weil sie natürlich nicht alle Comic-Helden kennen.
Meinen Mann und mich betrifft das hingegen kaum, weil wir in seinen Themen auch relativ weit drin sind.

Wie kann ich das wertschätzend mit ihm ein wenig im Alltag üben?

LG
Simone
[/quote]

Ja das Problem hat mein Sohn auch oft. Er ist allerdings gerade erst 5 geworden. Wir erinnern ihn einfach jedesmal daran daß er wenn er ein neues Thema anfängt erst dem Gesprächspartner erklären muß wovon er spricht. Daß man das anderweitig gezielt therapieren könnte glaube ich eher nicht.

Kirsten12F
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von Kirsten12F »

Hallo!

Jetzt mal unabhängig davon, ob ich die beschriebene Fördermethode für gelungen halte, bin ich selbst eher überrascht, wie in der pdf "Pragmatik" definiert ist.
Ich habe keinerlei Ausbildung in dem Bereich, daher mag ich mich irren.
Bei Wikipedia steht: "Unter Pragmatik wird die Fähigkeit verstanden, sprachliche (Laute, Wörter, Sätze) und nicht-sprachliche (Gestik, Mimik) Zeichen in der Interaktion (z. B. in einem Gespräch) so zu vermitteln und zu verstehen, wie es die jeweilige Situation erfordert."

Bei einer "pragmatische Oberfläche" einer Kommunikationshilfe bedeutet der Begriff, soweit ich das verstanden habe, die Funktionen von Kommunikation zu visualisieren.
In diesem Fall bedeutet Pragmatik: "etwas wünschen","etwas wollen", "etwas erzählen", "etwas fragen" usw

Selbstverständlich spielen die Dinge spielen Dinge wie Turntaking etc auch eine Rolle.

Aber wenn ich an die Kommunikationsförderung meines Sohnes denke, so waren (und sind) selbstverständlich auch so Fragestellungen "wann bin ich an der Reihe", "woran erkenne ich, mein Gegenüber mit mir sprechen will" eine Rolle.
Aber das ist für mich eher der "Feinschliff".
Mein Sohn wusste überhaupt nicht, was Kommunikation ist. Seine Kommunikation war nicht-intentional (d.h. ich konnte Hunger, Angst, Langeweile etc an seinen Reaktionen erkennen aber er wusste nicht, wie er durch Kommunikation mit mir in Kontakt treten kann. Es gab kein "ich weiß, dass du weißt, was du gestern gemacht hast", kein Lenken der gemeinsamen Aufmerksamkeit.
Er konnte meine Stimme nicht aus den Umweltgeräuschen filtern und wenn es ihm gelang, dann nur aufgrund meiner Stimm-Melodie.
Lautdifferenzierung gleich Null.

Als das irgendwann klappte, kamen Worte. Aber sie waren nicht kommunikativ, sondern er benannte Gegenstände. Ich war ein Computer, dessen Programm er nicht durchschaute. Irgendwann gelang es ihm, mich auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse zu programmieren. Aber was eigentlich Kommunikation bedeutet: Beziehung herstellen, Meinungen zu teilen, miteinander Spaß haben. Erzählen können, etwas gemeinsam witzig finden. All das war gar nicht oder nur rudimentär vorhanden.
Wenn man die vier Seiten einer Nachricht nimmt, so gelang es irgendwann, Informationen auszutauschen und Appelle auszusenden. Aber dass man sich selbst offenbart, dass man seine Beziehung zu seinem Gegenüber durch Kommunikation klärt - diese Erkenntnis kam deutlich später.

Mir hat die Erkenntnis sehr geholfen, dass man für Kommunikation nicht nur Wörter und entweder Lautsprache oder ein anderes Kommunikationsmittel braucht. Sondern vor allem geht es darum, zu verstehen, was Kommunikation alles beinhaltet, wie man sie versteht und wie man Kommunikation sinnbringend einsetzen kann. Das bedeutet für mich "Pragmatik".

Wie man da unterstützen kann, nun, da gibt es sicherlich viele verschiedene Förderansätze. Wie üblich...

Gruß
Kirsten

AnnalenaO
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von AnnalenaO »



Ja das Problem hat mein Sohn auch oft. Er ist allerdings gerade erst 5 geworden. Wir erinnern ihn einfach jedesmal daran daß er wenn er ein neues Thema anfängt erst dem Gesprächspartner erklären muß wovon er spricht. Daß man das anderweitig gezielt therapieren könnte glaube ich eher nicht.


Melly ich glaube aber für ein 5 Jähriges Kind ist es im Rahmen des Normalen dass man Wissen vom Gegenüber voraussetzt was dieses nicht haben kann. Für ein 10 Jähriges Kind oder noch älter ist das dann aber doch eher ungewöhnlich sich darüber nicht im Klaren zu sein.

LG
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

melly210
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von melly210 »

AnnalenaO hat geschrieben:
20.02.2020, 20:06


Ja das Problem hat mein Sohn auch oft. Er ist allerdings gerade erst 5 geworden. Wir erinnern ihn einfach jedesmal daran daß er wenn er ein neues Thema anfängt erst dem Gesprächspartner erklären muß wovon er spricht. Daß man das anderweitig gezielt therapieren könnte glaube ich eher nicht.



Melly ich glaube aber für ein 5 Jähriges Kind ist es im Rahmen des Normalen dass man Wissen vom Gegenüber voraussetzt was dieses nicht haben kann. Für ein 10 Jähriges Kind oder noch älter ist das dann aber doch eher ungewöhnlich sich darüber nicht im Klaren zu sein.

LG

Auch mit 5 sollten sie das schon können. Sie sollten zusammenhängend, für alle nachvollziebar und verständlich sowie in chronologisch richtiger Reihenfolge erzählen...wenigstens sagt das die Logo. Er ist aber grade erst 5 geworden, stimmt schon, aber im Schnitt können das Kinder mit 4,5

AnnalenaO
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von AnnalenaO »

Das mag ja sein dass das optimalerweise so sein sollte, trotzdem ist ein Kind dass das halt erst mit 6 Jahren kann statt mit 4,5 Jahren nicht hoch auffällig und Therapiebedürftig. Darum ging es mir jetzt.
Ich denke schon dass man das grundsätzlich mit jemandem der dass in höherem Alter noch gar nicht kann über kann = therapieren kann
LG
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melly210
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von melly210 »

AnnalenaO hat geschrieben:
20.02.2020, 20:43
Das mag ja sein dass das optimalerweise so sein sollte, trotzdem ist ein Kind dass das halt erst mit 6 Jahren kann statt mit 4,5 Jahren nicht hoch auffällig und Therapiebedürftig. Darum ging es mir jetzt.
Ich denke schon dass man das grundsätzlich mit jemandem der dass in höherem Alter noch gar nicht kann über kann = therapieren kann
LG
Ok, ja da hast du wohl recht. Bei einem älteren Kind oder Erwachsenen kann ich mir das auch vorstellen.

_Marta
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Re: Autismus und Sprachtherapie: Was fällt alles unter „Pragmatik“?

Beitrag von _Marta »

Liebe Michaela,
Michaela44 hat geschrieben:
19.02.2020, 12:23
Ich habe mir diese PDF-Datei nun auch durchgelesen. Es scheint mir, als hätte jemand einen Teilaspekt des Autismus herausgepickt und ihm einen eigenen neuen Störungsnamen gegeben. Wozu? Tritt das tatsächlich isoliert auf? Habe ich noch nie von gehört, ich kenne diese Probleme in diesem Umfang nur von Autisten.

Da hebe ich den Finger: Genau das haben wir hier. Ich kann bzw. konnte hinter allen Punkten einen dicken JA-Haken machen. Einen dicken, deutlichen. Erst seit etwa 1,5 Jahren "lösen" sich einige Problempunkte. Einige, längst nicht alle. Ob wir hier von Kompensation oder verzögerter Entwicklung sprechen - ich weiß es nicht. Die meisten Punkte können auch durch ADHS und/oder HB vorhanden sein, ganz ohne Autismus.

Und: Ich meine mich zu erinnern, im neuen ICD 11 einen Punkt gefunden zu haben, der genau das beschreibt: Pragmalinguistische Störung ohne Komorbiditäten (ich hoffe, ich hatte das damals nicht falsch verstanden). Ich finde es jetzt auf die Schnelle nicht wieder, ich suche noch mal wenn ich Zeit habe.

Die vorgeschlagenen Methoden von PraFit finde ich teilweise auch etwas merkwürdig. Ob das "Übungsformat zur Heranführung an die Akzeptanz von Fehlern" mit Klatschen etc. bei meinem Sohn eher dazu geführt hätte, seine "Fehler" zu erkennen - mhhh.

Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
Verschiedene Ärzte, verschiedene Diagnosen:
2018 - F90.0G, F84.1V, F82.1 (KJP)
2019 - F92.8, F82.1 (SPZ) - (hält die KJP für falsch)

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