Autismusdiagnostik bei Mädchen

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

ehemalige Userin

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von ehemalige Userin »

Engrid, du hast Recht, es führt so weit vom Thema ab. Nur noch so viel: Die Auffassung von Autimus als politisches Thema ist mir fremd. Nach meiner persönlichen Erfahrung bleibt Autismus ein persönliches Schicksal, mit dem man am Ende nur allein fertig werden kann. Das kann einem keiner abnehmen. Keine Politik, kein Nachteilsausgleich und keine noch so inklusionsfreundliche Gesetzgebung. Auch kein "Empowerment" und keine "Diversity".

Da ist es - um auf das Thema zurückzukommen - auch egal, ob du Junge oder Mädchen bist, Mann oder Frau, jung oder alt. Das ändert alles nichts daran, dass du immer wieder auf dich selbst zurückgeworfen wirst und mit deinem (austistischen) Leben alleine fertig werden musst.

Miri :-)
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 4
Registriert: 15.09.2019, 22:49

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Miri :-) »

Hallo,

darf ich mich hier mal dran hängen? Das ist genau das Thema das mich gerade sehr beschäftigt.

Meine Kleine ist ja erst 4 und wir sind ganz am Anfang der Diagnostik. Wir hatten bisher nur das Erstgespräch in der Uniklinik, das Gespräch ging ca. 1 Stunde. Die Oberärztin sprach ein bisschen mit L. Nach dem Gespräch meinte sie, dass sie keine klinischen Anzeichen für Autismus sehe. L. würde ja mit ihr reden, sie anlächeln, ihr in die Augen schauen und sie hätte Freundinnen und spielt Rollenspiele.

Mir hat es fast die Sprache verschlagen... Soweit ich informiert bin, hat die KJP an dieser Klinik einen guten Ruf.

Allein ein Schreiben des Kindergartens und die Tatsachen, dass zwei nahe Verwandte Autisten sind, dass ich ADS und die große Schwester ADHS hat, brachten sie dazu die Diagnostik durchzuführen. Sie meinte zu mir, dann hätte ich Gewissheit, dass L. nicht Autistin ist oder sie würde vielleicht auch überrascht werden...

Ich bin jetzt ziemlich unschlüssig, ob ich dort an der richtigen Adresse bin, weiß aber auch keine wirkliche Alternative.

Diese Verhaltensweisen hat der Kindergarten beschrieben:

- Sie versteckt sich regelmäßig unter dem Tisch, unter dem Essenswagen, in der Garderobe. Hält sich die Ohren zu und will nach Hause.

- Reagiert oft nicht auf Ansprache, schaut nicht in die Augen oder fängt an Quatsch zu machen und schafft es nicht mehr allein aus der Situation raus.

- Braucht Unterstützung, Anleitung damit sie morgens überhaupt anfängt etwas zu spielen.

- L. wirkt oft mal verstört, orientierungslos, unsicher.

- Sie braucht eine Erzieherin als Bezugsperson (es reicht nicht, dass eine Erzieherin da ist - sie braucht eine bestimmte als Ansprechpartnerin), wenn sie nicht weiß wo diese ist, versteckt sie sich oder fällt sonstwie als verunsichert auf.

- Sie sucht sich immer die jüngsten Kinder als Freunde/Freundinnen. Mit denen ist sie so lange befreundet, bis diese nicht mehr bereit sind nach ihren Regeln zu spielen. Ihre "Rollenspiele" laufen immer nach dem selben Schema ab. Sie ist die Mama, dass andere Kind ist das Baby, wird gefüttert, gestillt, gewickelt und muss zum Arzt. Das spielt sie immer, auch mit ihren Puppen. Wenn sie das nicht spielen kann, beschäftigt sie sich mit Bügelperlen oder puzzeln.

- Redet nahezu pausenlos, unterbricht andere ständig. Auch beim Vorlesen, redet dann aber von komplett anderen Dingen, die nichts mit dem Buch zu tun haben.

- Verfällt oft in eine Quatschsprache.

- Hat ständig Schmerzen an den Fingern, will Pflaster für Verletzungen, die andere nicht mal sehen können. Andererseits hat ihr die Trommelfellperforation nicht weh getan, die Blutblase unter dem Fingernagel ist angeblich Farbe - es hat ja nie weh getan.

- Sie redet sehr oft vom Tod, sagt oft, dass sie dumm ist.

- Läuft etwas nicht so ab, wie sie es für richtig hält ist der Wutanfall schon fast vorprogrammiert...

- Sie kann ihre Bedürfnisse nicht äußern, versteckt sich, obwohl sie die Nähe einer Erzieherin braucht.

- Fragt man sie etwas bekommt man häufig Quatschantworten - wahlweise in Form von offensichtlichen Quatsch erzählen oder in einer Quatschsprache

- Bekommt sie zusammen mit anderen Kindern eine Aufgabe gestellt (z.B. beim Turnen) ist sie erst mal blockiert, zieht sich zurück, beobachtet die anderen um dann mit Begeisterung mitzumachen, die anderen nachzuahmen.

Die Erzieherinnen sind super, sie haben sich zum Ziel gesetzt, dass L. sich im Kindergarten wieder wohl fühlt. Sie schaffen es, dass L. trotz allem relativ gern in den Kindergarten geht. Begleiten sie sehr eng, geben ihr Rückzugsmöglichkeiten, suchen nach Lösungen... haben zum Beispiel erkannt, dass sie oft Nähe in Form von Kuscheleinheiten braucht, wenn sie sich versteckt. Ich könnte noch weiter schwärmen.... :D

Ein Teil der Verhaltensweisen kenn ich auch von zuhause, nur nicht in diesen Ausmaßen. Wenn Sie die Wahl hat mit Kindern oder Erwachsenen zu spielen, wählt sie immer die Erwachsenen.

Sie ist so ein tolles Kind. :D So fröhlich - und dann wieder so negativ. Sie ist das glücklichste Kind, wenn sie ein jüngeres Kind bemuttern kann oder wenn sie unter Erwachsenen ist. Sie liebt es Fahrrad zu fahren und Nüsse zu knacken. Sie ist begeistert von Buchstaben und Zahlen. Sie kann die Zahlen von 1 - 99 lesen außer die im Zehner und Zwanziger Bereich. Zur 15 sagt sie fünfundeinszig - Die Regel erst die hintere Zahl, dann die vordere und dann ein -zig dran hat sie sich selber beigebracht. Sie hat schon mehrfach bewiesen, dass sie zwar "nur" ein Teil der Buchstaben lesen kann - sagt man ihr aber die Buchstaben zieht sie die zu einem Wort zusammen. Die große Schwester lernt gerade lesen - das sieht hier dann öfters so aus: S. buchstabiert das Wort, versucht die Buchstaben als Wort zu erfassen - L. kommt ihr zuvor und sagt das Wort.
Aufgefallen ist uns das dass erste mal als S. das Wort H U N D buchstabiert hat. L. hat dann aus dem Hintergrund Hund gerufen - zum Entsetzen von S. Sie hatte den Sinn noch nicht erfasst.
Mit L. übe ich gerade öfters lesen als mit S. Für S. ist es eine Pflicht - Hausaufgaben halt. L. liebt es die einzelnen Buchstaben zu Silben oder Worten zusammenzuziehen.

Das ist jetzt ganz schön lang geworden - sorry. Ich hatte das Bedürfnis auch was positives über L. zu schreiben. Die Diagnostik ist so auf die vermeintlichen Schwächen fokusiert.

Könnt ihr mir mal Schreiben, welche Erfahrungen ihr mit den Kliniken gemacht habt (gerne auch per PN)? Auch eure Gedanken, Meinungen,... interessieren mich.

In zwei Wochen habe ich einen Termin beim Sozialamt, um zu besprechen, welche Möglichkeiten es als Hilfe gibt. Die Heilpädagogin, die mir empfohlen wurde - sie wäre in den Kindergarten und zu uns nach Hause gekommen - hat uns leider abgelehnt. Sie hat keine Kapazitäten mehr - die Warteliste ist zu lang.

Viele Grüße

Miriam

Benutzeravatar
Lesslo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 652
Registriert: 17.01.2014, 20:44

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Lesslo »

Entschuldigt dass ich mich noch nicht wieder gemeldet habe. Ich war gestern den ganzen Tag unterwegs. Danke für die Antworten, auch wenn sich dieser Thread zu einem ziemlichen Selbstläufer entwickelt hat.

Isa ist ja nicht erst seit der Pubertät auffällig. Die kommt im Moment noch erschwerend hinzu.

Ich weiß nicht ob ich schon mal irgendwo geschrieben habe wie Isa so als Kleinkind war. Da könnte ich nochmal etwas zu schreiben wenn Interesse besteht.

Hat vllt noch jemand Erfahrung wo man sich mit einem gut
kompensierenden Mädchen hinwenden kann? Hat jemand Erfahrung mit der Autismusambulanz Marburg? Die haben sich laut Web ja auf Asperger spezialisiert?

Lg Lesslo
Tochter * 09.07 mit Epilepsie, Pinealiszyste, ADS, F83, LRS...
kleiner Bruder mit Infekt Asthma

rena99
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1845
Registriert: 28.04.2012, 16:34

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von rena99 »

Hallo Lesslo,

ich habe ja auch ein gut kompensierendes Mädchen, bei dem die Diagnose u.a. auch deswegen nie final gestellt wurde (wobei wir so verblieben sind, dass sie das selber nich einmal angehen kann, wenn ihr das wichtig erscheinen würde).

Im Prinzip hat sie "ihre" Autismustherapie über die Fahrkarte "Zwangserkrankung" bekommen. Da bei ihr Standard-Verhaltenstherapien für die Zwangserkrankung nicht funktioniert haben, wurde das sehr schnell eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Therapie, die eher Autismus-spezifisch war und ihr dann auch viel gebracht hat. Du könntest also auch schauen, ob ihr überhaupt einen Therapeuten findet, der bereit ist, sich auf eure Tochter einzulassen. Ob die Diagnose dann Anpassungsstörung oder Autismus lautet, ist dann eigentlich auch egal. Gute Ergotherapeuten können auch viel erreichen, aber da ist deine Tochter evtl. schon zu alt dafür.

Kennst du dieses Buch bereits?
https://www.amazon.de/Aspergirls-Welt-F ... 3407859465

Gruß
Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

NicoleWW
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1418
Registriert: 11.05.2012, 16:13
Wohnort: Hülben

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von NicoleWW »

Alexandra2014 hat geschrieben:Das hier schreibt die Uniklinik auf ihrer Homepage:

„Mit den Begriffen "autistische Störungen" und "autistische Syndrome" sind alle tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, wie sie in den Klassifikationsschema ICD-10 und DSM-IV aufgeführt sind, gemeint. Das "Autismus-Spektrum" (auch "autistisches Kontinuum" genannt) umfasst insbesondere den frühkindlichen Autismus, den atypischen Autismus und das Asperger-Syndrom. Diese Bezeichnung basiert auf der Auffassung, dass die autistischen Störungen sich nicht qualitativ unterscheiden, sondern lediglich quantitativ, d.h. in Bezug auf den Schweregrad der Störung. Damit wird ein dimensionaler Ansatz vertreten, der davon ausgeht, dass sich verschiedene autistische Störungen nicht in klar unterscheidbare Kategorien unterteilen lassen, jedoch eindeutig von anderen Störungen abgrenzen lassen.

Symptomatik der Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen

Qualitative Beeinträchtigungen wechselseitiger sozialer Interaktionen

Z.B. unangemessene Einschätzung sozialer und emotionaler Signale, geringer Gebrauch sozialer Signale.
Dies bedeutet: Die Kinder kapseln sich von der Umwelt ab. Darin zeigt sich eine extreme Kontaktstörung. Die Beziehungsaufnahme zu Personen, Ereignissen und Dingen ist abnorm. Es fehlen nahezu alle Zeichen der normalen kindlichen Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter: kein Antwortlächeln, keine Aufnahme von Blickkontakt, keine Unterscheidung von Eltern und anderen Personen. Wenn die Kinder älter werden, wird ein Fehlen des kooperativen Spielens deutlich und die Unfähigkeit, freundschaftliche Bindungen mit anderen Kindern einzugehen, sowie ein nicht vorhandenes Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer Menschen.

Qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation und Sprache

Z.B. Fehlen eines sozialen Gebrauchs sprachlicher Fertigkeiten, Mangel an emotionaler Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen durch andere Menschen, Veränderungen der Sprachmelodie.
Dies bedeutet: Eine verzögerte Sprachentwicklung sowie eine Neigung zu Wortneubildungen und echoartiges Nachsprechen von Worten oder Lauten. Die Kinder kommen nicht oder sehr verspätet ins Fragealter und stellen dann stereotyp die gleichen Fragen, deren Antwort sie bereits kennen. Sie verwenden die Sprache nicht kommunikativ, sondern in mechanischer Weise.

Eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster und Interessen

Z.B. Starre und Routine hinsichtlich alltäglicher Beschäftigungen, Widerstand gegen Veränderungen.
Dies bedeutet: Die Kinder können in Angst- und Panikzustände geraten, wenn sich in der unmittelbaren Umgebung etwas ändert (sogenannte Veränderungsangst).
Unspezifische Ängste wie Befürchtungen, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen, Selbstverletzungen.
Beginn der Auffälligkeiten liegt in der frühen Kindheit.“

-> einerseits schreiben sie, dass sich die Störungen im Schweregrad unterscheiden, dennoch schreiben sie dann das, was ich fett markiert habe, als beträfe es in der Ausprägung alle Autisten gleichermaßen.
Für mich beschreibt das einen frühkindlichen Autisten, aber keinen Asperger.

Wenn ich als Mutter eines potentiellen Asperger Autisten das oben markierte auf der Suche nach Infos und Hilfe lesen würde, würde ich denken „hat mein Kind nicht“.

Denn tatsächlich denke auch ich gerade „hat mein Kind nicht“.
Hallo,

so wie die Uniklinik das schreibt, scheint sie nicht sonderlich geeignet zu sein für eine Diagnosik.
Denn das klingt so wie wenn das alles sein müsste damit es Autismus ist. Nach dieser Beschreibung fallen wahrscheinlich viele Autisten raus aus der Diagnose, auch hochfunktionelle frühkindliche Autisten entsprechen dem bestimmt nicht immer. Sowas verunsichert nur die Eltern und bestärkt die Leute die überzeugt sind dass Asperger eine Modeerscheinung ist und die Diagnose viel zu oft gegeben wird.

Liebe Grüße
Nicole
Nicole (70, ADS, Morbus Bechterew, Asthma) mit
J.M. (92)
J.C. (93)
J.E. (95, ADHS, E80.4)
A.M. (04, F93.3, F98.8, F81,1)
S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)
V.L. (07, J45.1, F98.0)
J.K. (07, F84.5, F98.0)
+ 3 Enkelkinder

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 14874
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Engrid »

Hallo,
Hat jemand Erfahrung mit der Autismusambulanz Marburg? Die haben sich laut Web ja auf Asperger spezialisiert?
Keine persönliche Erfahrung, aber, wie schon geschrieben, zu Prof. Kamp-Becker (bzw ihrem Team) würde ich mit einem hochkompensierenden Kind sicher nicht gehen. Die Autismusambulanz in Marburg ist ein Ableger der KJP der Uniklinik, steht also sicherlich auch hinter deren von Nicole nochmal zitierten Auffassung von Autismus.
Insofern war der Thread zwischendrin auch nur scheinbar ins Irrelevante gerudert, tatsächlich muss man grade bei Autismus immer das Kleingedruckte lesen, und kritisch sein, da sind so Formulierungen in Aussendarstellungen schon aussagekräftig. :wink:

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3648
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Alexandra2014 »

Danke Engrid, das hast du sehr gut auf den Punkt gebracht!
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

Benutzeravatar
Lesslo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 652
Registriert: 17.01.2014, 20:44

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Lesslo »

ok, ich gab's nicht gerafft dass es da um Marburg geht :oops: sorry....
Tochter * 09.07 mit Epilepsie, Pinealiszyste, ADS, F83, LRS...
kleiner Bruder mit Infekt Asthma

Antworten

Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“