"Nur" FAS oder auch autistische Züge?

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Mimo
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"Nur" FAS oder auch autistische Züge?

Beitragvon Mimo » 17.12.2018, 20:35

Da ich wenig Ahnung habe, was das Thema Autismus angeht, aber mich immer häufiger frage, warum sich meine 5-jährige Pflegetochter oft so extrem auffällig und "völlig daneben" benimmt, möchte ich hier an Euch "Profis" die Frage stellen, ob das Verhalten meiner PT als autistisch eingestuft werden könnte. (Also ob es sich lohnt, diesbezüglich mal einen KJP aufzusuchen.)

Sie hat eine gesicherte FAS-Diagnose (Leibliche Mutter Alkoholikerin, täglich große Mengen an Alkohol konsumiert die gesamte SS über.)
Trotzdem kenne ich eigentlich keine FASler, die sich so extrem verhalten, wie meine PT.

Meine PT zeigt ein stark fremdaggressives Verhalten ALLEN Menschen gegenüber (am meisten anderen Kindern und den Haustieren gegenüber, aber es trifft auch andere Erwachsene und natürlich auch mich selbst.)
Dabei haut/tritt/kneift/beisst usw. sie nicht (nur) in Konfliktsituationen (was ja dann irgendwie noch nachvollziehbar wäre), sondern seit dem Kleinkindalter greift sie andere an "wie ein tollwütiges Tier". Das passiert aus dem Nichts heraus, ohne vorangegangenen Konflikt, ohne (sichtbare) Frustration o.ä.
Ich erinnere mich an eine Szene, da war sie 2, ich saß auf dem Boden und habe ihr aus einem Buch vorgelesen (dabei bei mir/auf meinem Schoß sitzen konnte sie nie - Körperkontakt ging generell nicht), sie ist dabei dann immer durchs Zimmer getigert und ich habe gelesen. Einmal schlug sie mir dabei unvermittelt mit einem anderen Buch mit voller Wucht auf den Kopf.
Solche Situationen gab es täglich bis zu 20-30 mal. Manchmal war es dann auch für Wochen wieder weg.
In Kindergruppen war es aber durchgängig vorhanden. Einmal saß sie 2,5-jährig neben einem anderen Kind in der Spielegruppe und hat gebastelt und gemalt. Wir Mütter saßen unmittelbar daneben, plötzlich holt sie aus, und haut einem anderen Kind eine Schere auf den Kopf. Solche Szenen passierten ständig, also vielleicht 10-20 Mal in 2,5 Stunden.
Auch im Kindergarten gab es Phasen, da kamen zig solcher "Angriffe" pro Tag vor. Sie sitzt zum Beispiel mit anderen Kindern im Morgenkreis und verbeißt sich plötzlich und ohne Vorwarnung im Arm der Nachbarin .

Ich habe meine PT im Alter von 9 Monaten aufgenommen. Von Anfang an fiel auf, dass sie keinen Körperkontakt ertragen konnte. Habe ich sie, wenn sie weinte, mit zu mir ins Bett genommen, hat sie mich getreten, gezwickt und mir an den Haaren gerissen. Auf dem Arm hat sie sich immer weit überstreckt.
Auch hatte ich von Anfang an das Gefühl, emotional nicht an das Kind heran zu kommen (es war ja noch so klein). Ich konnte das Kind "nicht spüren", es wirkte so, als habe es kaum Gefühle. Es hat immer gegrinnst. Und dann unvermittelt stundenlang geschrien.
Von Anfang an zeigte es autoaggressive Verhaltensweisen, nach ein paar Monaten nur noch fremdaggressives Verhalten.
Anfangs war meine PT sehr angepasst und "pflegeleicht", hat sich nachts nie gemeldet, war gut zu händeln - bis auf die Hauerei eben.

Gesprochen hat sie sehr früh (mit 18 Monaten Dreiwortsätze), gelaufen ist sie erst mit 20 Monaten.
Wenn ich ihr im Kinderwagen was gezeigt habe, zum Beispiel Enten auf dem Teich, dann hat sie da nie hingeschaut, sondern demonstrativ in die andere Richtung. Sie hat auch selbst nie auf etwas gezeigt, nie die Ärmchen nach mir ausgestreckt.

Sie hatte früh irgendwelche Marotten. Sie hat mit 2 immer und immer wieder alle Stuhlkissen von den Eßzimmerstühlen geworfen, sobald ich ihr den Rücken zugedreht habe. Lang hat sie auch alles, was sie beim Essen auf dem Tisch greifen konnte, runter geworfen. Das wirkte zwanghaft, wie auch das Hauen etc.

Dinge aufgereiht hat sie nie, aber wenn ich sie beim Kochen auf den Kinderhochstuhl in der Küche gesetzt habe, konnte sie sich eine Stunde lang damit beschäftigen, den Deckel einer Flasche auf - und zuzudrehen.

Gepuzzelt hat sie früh und sehr gut. Mit 2 konnte sie 40-Teile Puzzle alleine puzzeln, mit 4 schaffte sie alleine 250-Teile.

Meine PT hat wenig FAS-typische "Baustellen", bis auf diese massiven Probleme in sozialen Interaktionen mit anderen Menschen. Dabei liebt sie andere Kinder und möchte auch unbedingt mit ihnen zusammen sein, aber sobald sie auf andere Kinder trifft, kommt es umgehend zu diesem ständigen Hauen, Ärgern und Piesaken der Kinder.

Auch der Hund hier wird manchmal 50 Mal am Tag getreten. Aus Konsequenzen lernt sie gar nichts, im Gegenteil machen diese sie noch wütender, aber nie einsichtig.

Kurz vor dem dritten Geburtstag kam dann noch eine massive Unruhe und Hyperaktivität dazu. Meine PT kippt dann in solch massive Übererregungszustände, dass sie nicht mehr lenk- und führbar ist. Sie jagt dann durchs Haus wie ein tasmanischer Teufel, ist laut, randalliert, oder tritt jemanden im Vorbeirennen usw.
Sie hatte Phasen, in denen sie Schimpfwörter zwanghaft bis zu Hundert mal am Tag ausgesprochen hat.

Auf "NEIN" oder "STOP" kann sie dann gar nicht mehr reagieren (Grenzsetzungen kommen generell immer weniger bei ihr an).


Seit Mai bekommt sie Medikinet, was sehr gut anschlägt. In den Stunden, in denen das Medikament wirkt, ist sie sehr verträglich und quasi "normal".
In den Stunden ohne ist es aber (gefühlt) noch schlimmer als vorher.
Meine PT ist extrem fordernd geworden, versucht allen Menschen STÄNDIG mit aller Gewalt (im wahrsten Sinne des Wortes) ihren Willen aufzudrängen, wird sehr penetrant und aggressiv, wenn sie diesen nicht erfüllt bekommt (haut dann auch nach mir, wenn ich "nein" sage).
Sie wird zusehends unausgeglichener - was aber natürlich auch an den ständigen Konflikten liegen könnte, in die sie gerät. (Oder ist das eine Nebenwirkung vom Medikinet?)

Ohne Medikament (bzw. in den Stunden ohne) sind diese Verhaltensweisen quasi durchgängig da. Es sind keine Wutanfälle (die hatte sie noch nie), sondern durchgängige Zwänge, die IMMER da sind, und die sie ihrer Aussage nach selbst nicht steuern kann.

Kennt Ihr ein solches Verhalten von euren Kindern? Könnte das in Richtung Autismus gehen?

Danke für euer Feedback!

LG,
Mimo

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Mimo
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Re: "Nur" FAS oder auch autistische Züge?

Beitragvon Mimo » 17.12.2018, 20:51

sorry doppelt

JohannaG
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Beitragvon JohannaG » 17.12.2018, 23:25

Hallo Mimo,

ja. ICH kenne solches Verhalten, von meiner FAS-Tochter.
Da es schon spätr ist, nur kurz, aber du kannst mich gern auch per PN anschreiben.

die Aggressionen in den Zeiten wo das Medikinet nicht mehr wirkt: Das kann ein Rebound sein, und ja, dann ist das Verhalten noch schlimmer als ohne Medikament. Da hilft, dafür zu sorgen, daß sie bis zum Abend nicht unter einen gewissen Spiegel rutscht. Meine Tochter bekommt ihr retardiertes MPH auf 2x / Täglich; das haben wir auch schon mit 6 JAhren so angefangen. Anders wären die NAchmittage füür niemanden zu ertragen gewesen.

Und ja, Medikinet und andere Stimulanzien können auch vermehrte Aggression als NW haben. Wir hatten das mit Elvanse. Da kann ein Präparatwechsel unter Umständen helfen. Aber vielleicht dämmt es die Aggressionen auch schon ein, wenn sie nachmittags noch was nachbekommt, man sollte nicht beide Faktoren zur gleichen Zeit ändern.

FAS-Kinder haben auch tatsächlich sehr oft Verhaltensweisen, die autistisch anmuten. Meine Tochter hat aktuell eine Phase, in der sie sehr laut ist, ständig Geräusche produziert und bestimmte Worte ausstößt (zum Glück sinds zur Zeit keine Schimpfwörter), sie flattert auch oft mit den Händen.

Auch sie braucht gefühlt 137 Wiederholungen, wo andere Kinder es nach 3x verstanden haben; und auch sie hat Körperkontakt als kleines Kind eher gemieden. Hatte da wohl auch nicht so gute Erfahrungen gemacht als Kleinkind. (unsere kam mit 13 mon zu uns).

Für mich klingt es schon sehr nach "nur FAS", aber in den Verhaltensweisen hat das eben auch eine Reihe Überschneidungen mit Autismus.

LG und gut Nacht

Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung

finnja
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Beitragvon finnja » 18.12.2018, 08:14

Guten Morgen Mimo,

ja, ich kenne solche Verhaltensweisen sowohl von meiner PT, als auch vom PS (gerade das Situationen mit aller Gewalt an sich reißen und kontrollieren wollen).

Massive Bindungsstörungen und FAS sind richtig gemein.... Für die Kinder und das Umfeld...

Was bei uns geholfen hat war die Zeit (beim Jungen) in der er irgendwann die Verlässlichkeit von uns verinnerlicht hat und inzwischen kann er Kontrolle abgeben, das meiste an Bindungsrelevanten Verhaltensaufälligkeiten ist passé.
Beim Mädchen mussten wir Medis durchprobieren, gegen die Gewaltausbrüche von ihr hat Risperidon gut geholfen, sie bekommt inwischen Methylphenidat und Risperidon.

Gut gefahren bin ich immer mit Erziehungsratschlägen und-methoden für autistische Kinder, schließlich haben FASis auch mit Reizen und deren Verarbeitung zu kämpfen...

Monotone teilweise (für uns) sinnfreie Verhaltensweisen kenne ich auch.
Als PS zwei Wochen wegen ansteckender Krankheit zuhause bleiben musste, hat er stundenlang gewürfelt und dan Strichlisten angefertigt (OHNE sie auszuwerten); dabei hätte es genug andere Beschäftigungen gegeben....
Er reihte im Übrigen auch, als er kleiner war, Dinge auf (Autos, Socken, Bauklötze)...
Er konnte immer ganz schlecht frei spielen...

PT lief auch erst spät (24 Monate), hat eine ausgeprägte GB noch obendrauf.

Wichtig ist, frühzeitig einzugreifen und zu lenken, bevor der point of no return erreicht ist. Weniger ist immer mehr....
Wir hatten jahrelang keine Musik mehr im Haus, oder nicht mehr Staub gesaugt, wenn PT zuhause war...Und es war immer ein Erwachsener auf Sprung in ihrer Nähe um eingreifen zu können...

Am anstrengensten war für die Lehrerin und mich immer, 20-30 x am Tag einen Cut zu machen und NEU anzufangen, Konsequenzen bringen ja nur etwas, wenn man sein Verhalten steuern kann, was bei PT immer wegen superschlechter Impulskontrolle schwer möglich war...

Ach ja, LS hat auch autistische Verhaltensweisen, er flatterte mit den Händen, Spezialinteressen, kann sich selten in andere hineinversetzen, hat nie trianguliert, spät gesprochen u.v.m....bekam nach ausführlicher Diagnostik atypisches ADS diagnostiziert, seit Medi-Gabe ist das ASS-spezifische Verhalten abgemildert...

Ich persönlich glaube, dass viele Kinder, die Wahrnehmungs(verarbeitungs)störungen haben, ebenfalls wie viele bindungsgestörte Kinder Verhaltensweisen zeigen, die auch aus dem ASS-Bereich bekannt sind.
Sicherlich kann man auch Läuse und Flöhe haben, wahrscheinlicher ist aber meiner Ansicht nach, FAS mit starker Fremdaggression bei Bindungsproblematik.

PS war Regelkind im Kindergarten, PT war in einer heilpädagogischen Kleingruppe, sie hätte den Alltag in einer normalen Einrichtung gar nicht überstanden, viel zuviele Reize..
PS wurde als Sprachkind eingeschult, PT mit GB als Förderschwerpunkt.(GsD in eine supertolle Schule, die es ihr ermöglichte viele, viele gute Erfahrungen zu machen).

Was vielleicht ganz hilfreich wäre, ist ein gutes SPZ oder eine gute KJP, die Erfahrung hat mit FAS/ Pflege/ Adoptivkinder aufzusuchen, um abzuklären, ob vielleicht nicht doch auch Flöhe dabei sind...

LG,
Finnja
Sohn 06 ,SBA seit 06 mit 100 GdB und PS II (die nicht seit 06), Mutation, mit Auswirkungen in allen möglichen Bereichen,
PS 06, AVWS, V.a. FAS(D)
PT 07, FAS mit gB, lebt inzwischen in einer Einrichtung
LT 12, so normal, wie bei uns als Eltern möglich ;-)

IlonaN
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Beitragvon IlonaN » 18.12.2018, 08:15

Hallo Mimo,
es ist als wenn du meine adoptivtochter beschreibst, nur das sie nicht ganz so doll aggressiv war. Heute ist sie 25,5 Jahre. Das sie FAS hat wissen wir erst seit sie 16 ist. Vorher galt sie als Autist mit leichter geistiger Einschränkung.
Meine 3 anderen kleineren FAS Pflegekinder haben jedoch keine autistischen Züge(außer vielleicht der ganz kleine), bei den Mäusen geht es mehr in Richtung ADHS zusätzlich plus schwerer Bindungsstörung mit Enthemmung, da sind die Aggressionen schlimmer.
Medikamente können hier gut helfen. Was sagt der FAS Spezialist dazu?
Ich 1961 Ösophagusatresie
Großfamilie mit leibl.Kindern/Ado-Kind und Pflegekindern mit FASD, ADHS, Autismus, Bindungsstörung mit Enthemmung ,Asthma, Neurodermitis u.v.m.

Mimo
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Beitragvon Mimo » 18.12.2018, 19:57

Danke für euer Feedback! Gut, dann kann ich das nun gut einordnen und als FAS mit zusätzlichen PK-typischen Baustellen (Frühtraumatisierung, evtl. Bindungsproblematik) einordnen.

@Johanna
Ein Rebound ist es, glaube ich, nicht ausschließlich. Denn auch der frühe Morgen, bevor die Medis wirken, ist sehr viel schlimmer als vor der Medikation. An ein gemeinsames Frühstück ist nicht mehr zu denken (das war vor der Medikation nicht so problematisch), das Fertigmachen für den Kiga ist zum Spießrutenlauf geworden. DAS ging früher auch recht gut.

Nachmittags nochmal was zu geben geht nicht, da meine PT ohnehin schon eine extrem hohe Dosis braucht, damit das Medikament wirkt. Sie ist jetzt schon sehr hoch dosiert, und das wirkt dann etwa 6-7 Stunden - also nur den halben Tag lang.

@finnja
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es sich um eine Bindungsstörung handelt. Anfangs zeigte das Kind durchaus Bindungsschwierigkeiten. Inzwischen ist es aber gut gebunden, finde ich.
Meine PT ist eine "treue Seele", die ihr vertrauten und nahen Menschen sind für sie nicht austauschbar, ich stehe ganz klar an erster Stelle, sie ist nicht distanzlos. Auch bekundet sie mir oft ihre Liebe - was durchaus ehrlich ist.

Ich hatte mal ein schwer bindungsgestörtes PK, und die Dynamik war gefühlt eine andere. Das Kind war nicht so aggressiv wie meine PT, aber konnte keinerlei Harmonie ertragen, musste jeden schönen Moment zerstören. Bin ich ruhig geblieben, setzte es noch einmal einen drauf, bis es eine eindeutig negative Reaktion von mir bekam.
Bei meiner PT ist es anders herum, sie ist für jede Zuwendung sehr dankbar und saugt diese förmlich auf, sie ist froh, wenn man ihr die Hand reicht, auf sie zugeht, mit ihr Frieden schließt.
Nur ist das oft sehr schwer durchzuhalten, weil sie trotzdem eine Minute später wieder den Hund tritt. Das wirkt bei ihr zwanghaft, so als könne sie es nicht abstellen. Und das bestätigt sie auch. Sie möchte unbedingt "lieb" sein, strahlt, wenn man sie lobt usw. Aber es gelingt ihr einfach nicht, andere nicht zu piesaken.


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