Sportliche Förderung bei Autismus

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

Ute K.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 442
Registriert: 11.09.2006, 20:08
Wohnort: Baden-Württemberg
Kontaktdaten:

Sportliche Förderung bei Autismus

Beitragvon Ute K. » 13.10.2017, 22:17

Hallo zusammen,

ich möchte euch kurz von den positiven Erfahrungen berichten, die wir mit einer speziellen motorischen Förderung von unserem Sohn Niklas, frühkindlicher Autist, 13 Jahre alt, gemacht haben. Wir hatten bereits von einem Autismussportzentrum in der Türkei gehört, wo sie sehr intensiv mit den Kindern Sport machen und das über einen längeren Zeitraum. Die Kinder haben tolle Fortschritte gemacht (konnten danach z.B. Fahrrad fahren oder schwimmen), aber 1. kommt die Türkei aus politischen Gründen im Moment für uns nicht in Frage und 2. haben sie den Eltern nicht gezeigt, wie sie die Kinder konkret gefördert haben. Zum Schluss gab es ein kleines Video, das die Fortschritte und einzelne Ausschnitte aus den Fördereinheiten gezeigt hat, aber das war's dann auch. Zuhause war es danach eher schwierig, weiter mit den Kindern zu trainieren, und sie haben dann wohl auch einiges wieder verlernt.

Wir haben uns deshalb auf die Suche nach einer Alternative gemacht, denn dass Sport für unseren Sohn gut ist, hat uns schon irgendwie eingeleuchtet. Jetzt arbeiten wir seit 4 Monaten regelmäßig mit Moez Chaabane, Sporttherapeut aus Frankreich, zusammen, der sein eigenes sporttherapeutisches Konzept entwickelt hat und das in Frankreich bereits erfolgreich umsetzt. Wir sind die erste Familie in Deutschland, die er betreut.

Ich muss sagen, ich bin fasziniert und begeistert, was sich in den letzten 4 Monaten bereits mit Niklas getan hat. Moez arbeitet an Niklas' Basisfähigkeiten. D.h. es geht zunächst einmal darum, dass Niklas beweglicher wird, mehr Kraft und Ausdauer bekommt, schneller (auch in der Reaktion) wird und sein Gleichgewicht sich verbessert. Er übt mit ihm im Wasser (passive Bewegungsübungen), macht Hindernisläufe und Parcoursübungen und Training mit Fitnessgeräten. Wir waren die ganze Zeit dabei, haben viel gefilmt und trainieren in der Zwischenzeit, in der er nicht da ist, weiter mit Niklas.

Inzwischen hat Niklas eine deutlich bessere Kondition, er ist schneller geworden, seine Beweglichkeit ist größer und er hat insgesamt eine bessere Muskelspannung. Aber auch sein Verhalten hat sich bereits verbessert. Er ist leichter zu motivieren, hängt nicht nur passiv rum, läuft auch mal gerne längere Strecken, ohne sich gleich auf den Boden zu setzen, ist - zumindest habe ich den Eindruck - insgesamt aufmerksamer und wacher.

Weil ich so begeistert von Moez' Arbeit bin und Moez gerne auch in Deutschland Menschen mit Autismus mit seinem Konzept fördern will, haben wir jetzt im September eine kleine GbR gegründet, damit er ganz legal hier in Deutschland seine Förderung anbieten kann. Ich mach jetzt einfach mal Werbung hier (ich hoffe, das ist erlaubt!). Wenn ihr euch informieren wollt, könnt ihr gerne mal hier schauen: http://www.sawa-deutschland.de. Ihr könnt mich aber auch direkt anschreiben.

Wer sich einen kleinen Eindruck von seiner Arbeit verschaffen möchte, kann bei YouTube unter "Moez Chaabane" einige Videos anschauen und wer bei Facebook ist, kann sich hier https://www.facebook.com/moez.chaabane.144 zwei kleine Videos mit Niklas und Moez anschauen.

Wir sind froh, dass wir Moez kennengelernt haben und sind schon gespannt auf Niklas' weitere Fortschritte!
LG Ute mit N. (2004),Tuberöse Sklerose, Epilepsie, epilepsiechirurg. Operation im Januar 05 und August 07, sprachl. und motor. Entwicklungsverzögerung u. autistisch.

Ute K.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 442
Registriert: 11.09.2006, 20:08
Wohnort: Baden-Württemberg
Kontaktdaten:

Beitragvon Ute K. » 15.10.2017, 17:36

Ich habe gesehen, dass sich schon einige meinen Beitrag angesehen haben. Gibt es unter euch noch andere, die Erfahrungen mit Sport gemacht haben? Welche Art von Sport mögen eure Kinder? Wo habt ihr durch sportliche Betätigung Fortschritte bei euren Kindern beobachtet? Wo seht ihr die Probleme bezüglich sportlichen Aktivitäten bei euren Kindern?

Oder ist das gar kein Thema für euch?

Ich würde mich sehr gerne mit euch darüber austauschen.
LG Ute mit N. (2004),Tuberöse Sklerose, Epilepsie, epilepsiechirurg. Operation im Januar 05 und August 07, sprachl. und motor. Entwicklungsverzögerung u. autistisch.

Jojo111
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1198
Registriert: 27.09.2010, 21:35

Beitragvon Jojo111 » 15.10.2017, 19:04

Hallo,

ich antworte Dir mal. :D

Wir haben 2 autistische Söhne (11 und 6 Jahre alt). Außerdem eine Tochter mit Rheuma. Viel Bewegung und Sport wäre sicher wichtig, aber geht im Alltag zugegebenermaßen unter.
Das fängt damit an, dass die Jungs durchgehend 1:1 Betreuung brauchen und unsere Tochter wiederum viele Sportarten nicht ausüben darf. Das macht es extrem schwierig, Sachen zu finden, die für alle geeignet sind. Daneben laufen Therapien, Schule, Hausaufgaben, Arbeit. Will heißen: Sport kommt zu kurz, das gebe ich sofort zu. :oops:

Mit unserem Großen haben wir alles mögliche ausprobiert: Kinderturnen, Ballschule, Judo, Fußball...
Es ging nie gut, da er sich auf eine Gruppe nicht einlassen kann, auch nicht mit Begleitung. Was geht sind 1:1 Aktionen wie Fahrradfahren. Schwimmen kann er nicht, da konnten bisher weder Kurse noch Einzelunterricht was dran ändern. Inzwischen meidet er leider das Schwimmbad komplett, weil es ihm peinlich ist. :(
Er ist auch recht ängstlich.

Ich glaube aber sofort, dass Bewegungsangebote sehr wichtig und förderlich sind. Autismus hängt ja extrem mit der Wahrnehmung zusammen und die kann man durch sportliche Betätigung sehr gut fördern. Ebenso Koordination und Ausdauer.
Es ist toll, dass ihr jemanden gefunden habt, der in dem Bereich kompetent ist und sich auf euren Sohn einlassen kann. Dieses Glück hatten wir bisher noch nicht.

Darf ich fragen, wie Ihr das finanziert? Wie oft kommt der Trainer?
LG, Jojo
mit dem bezaubernden Trio (Mademoiselle 2006, JIA, sehbehindert, SH rechts mit HG versorgt, ADHS --- Monsieur 2006, Asperger, ADHS, LRS, AVWS --- kleiner Charmeur 2010, HFA, SEV, VED, V.a. Tourette)

"Be who you are. And say what you feel. Because those who mind don't matter. And those who matter don't mind." Dr. Seuss

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 14272
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitragvon Engrid » 15.10.2017, 20:39

Hallo Ute,

also, ich will mir jetzt nicht auf die Schnelle ein Urteil erlauben, so gut ist mein Französisch nicht. Also unter Vorbehalt, nach meinem subjektiven Eindruck: Ich hab mir ein Youtube–Video mit Chabaane angesehen, das überzeugt mich nicht, kommt mir doch sehr stupide vor.
Chabaane war ja mal ABA-Trainer, laut Vita, gelernter Sportpädagoge; arbeitet er nach dem ABA-Konzept?
haben sie den Eltern nicht gezeigt, wie sie die Kinder konkret gefördert haben. Zum Schluss gab es ein kleines Video, das die Fortschritte und einzelne Ausschnitte aus den Fördereinheiten gezeigt hat, aber das war's dann auch. Zuhause war es danach eher schwierig, weiter mit den Kindern zu trainieren, und sie haben dann wohl auch einiges wieder verlernt.
Ich als Mama würde da ehrlich gesagt eher misstrauisch werden.

Mein Sohn ist recht sportlich, eigentlich direkt athletisch, läuft gerne und lange, geht ausdauernd spazieren, bewegt sich viel und gerne. Natürlich hilft das, siehe auch zb Psychomotorik. Bewegung hilft ihm, Stress abzubauen und aufzutanken. Wenn er selbstbestimmt läuft oder Trampolin springt, dann ist er gelöst und „im Flow“.
Ihn da jetzt aber zu trainieren, und noch dazu in so einem engen „Korsett“, anstatt frei und mit Spaß, das wäre für meinen Sohn bloß wieder Anforderungslernen, mit Bewegungsfreude hätte das zumindest bei meinem Sohn nix zu tun. Entsprechend würde ihm das eher schaden, statt nutzen.

Was ich mir viel mehr wünschen würde, wäre eine WIRKLICH inklusive Sportmöglichkeit, zb ein Sporttreff am Wochenende, wo er nicht nur sich bewegen kann, sondern auch mit anderen Menschen gute Erfahrungen macht. Ist leider nicht in Sicht.


Was Du nicht geschrieben hast: Hat dein Sohn denn auch Freude am Training?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Ute K.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 442
Registriert: 11.09.2006, 20:08
Wohnort: Baden-Württemberg
Kontaktdaten:

Beitragvon Ute K. » 16.10.2017, 09:06

Mit unserem Großen haben wir alles mögliche ausprobiert: Kinderturnen, Ballschule, Judo, Fußball...
Es ging nie gut, da er sich auf eine Gruppe nicht einlassen kann, auch nicht mit Begleitung. Was geht sind 1:1 Aktionen wie Fahrradfahren. Schwimmen kann er nicht, da konnten bisher weder Kurse noch Einzelunterricht was dran ändern. Inzwischen meidet er leider das Schwimmbad komplett, weil es ihm peinlich ist. :(
Hallo Jojo,
das Problem bei vielen Sportarten ist, dass sie eben in der Gruppe oder in der Mannschaft ausgeübt werden, d.h. sie müssen nicht nur motorisch in der Lage sein, diese Sportart auszuüben, sondern müssen sich auch noch auf das ganze "Soziale" (Regeln, Abläufe, nonverbale Signale) konzentrieren inklusive Lautstärke, Durcheinander, Körperkontakt mit anderen, was es Kindern mit Wahrnehmungsproblemen und Autismus oft extrem schwer macht, sich wirklich auf den Sport zu konzentrieren. Deshalb macht Moez bewusst Einzelsport mit den Kindern und Jugendlichen und empfiehlt auch erst mal, nicht gleich mit Mannschaftssportarten anzufangen, weil das eine Überforderung sein kann. Außerdem ist sein Ziel nicht, dass die Kinder so schnell wie möglich irgend eine Sportart erlernen, sondern erst mal die Basiskompetenzen, die sie dafür benötigen, zu trainieren. Dann klappt es später auch relativ schnell mit dem Schwimmen z.B.
Darf ich fragen, wie Ihr das finanziert? Wie oft kommt der Trainer?
Im Moment finanzieren wir die Intensivtrainingswochen (ca. 1 Woche pro 1-2 Monate) aus eigener Tasche, weil Moez keine therapeutische Ausbildung hat (er ist Sportpädagoge). Die Krankenkasse zahlt also schon mal nicht! Aber ich werde versuchen, dafür Eingliederungshilfe zu beantragen, denn das, was wir hier machen, trägt auf jeden Fall dazu bei, "die Folgen seiner Behinderung zu mildern und sich in die Gesellschaft einzugliedern", was ja der Anspruch der Eingliederungshilfe ist.
LG Ute mit N. (2004),Tuberöse Sklerose, Epilepsie, epilepsiechirurg. Operation im Januar 05 und August 07, sprachl. und motor. Entwicklungsverzögerung u. autistisch.

Ute K.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 442
Registriert: 11.09.2006, 20:08
Wohnort: Baden-Württemberg
Kontaktdaten:

Beitragvon Ute K. » 16.10.2017, 09:24

Ich hab mir ein Youtube–Video mit Chabaane angesehen, das überzeugt mich nicht, kommt mir doch sehr stupide vor.
Hallo Engrid,
es freut mich, dass dein Sohn offensichtlich bereits so fit ist, dass er all diese Sportarten, die du aufgezählt hast, selbstbestimmt machen kann. Und das als frühkindlicher Autist! Wow!
Ich sage nicht, dass das für jeden genau das Richtige ist. Für Niklas sind solche "stupiden" Abläufe, wie du es nennst, hilfreich, um Bewegungsabläufe zu lernen, die er im Moment noch nicht kann. Mit der Zeit steigert sich das Niveau entsprechend seinen Fähigkeiten. Moez schaut da sehr genau hin, dass das Kind nicht über- aber auch nicht unterfordert ist und orientiert sich mit seinem Angebot immer an den jeweiligen Fähigkeiten des Kindes.
Chabaane war ja mal ABA-Trainer, laut Vita, gelernter Sportpädagoge; arbeitet er nach dem ABA-Konzept?
Dass er die Grundlagen von ABA kennt und in seine Arbeit einfließen lässt, finde ich persönlich sehr hilfreich. Er ist in seinen Anweisungen klar, gibt Hilfestellungen, wo es nötig ist, achtet immer darauf, dass die Anforderungen verstanden werden, aber auch befolgt werden und gibt genügend Pausen und Auszeiten, damit die Lust am Sport nicht verloren geht (das ist bei jedem normalen Training aber übrigens auch so :wink: . Da können die Kinder auch nicht einfach machen, was sie wollen).

Niklas hat inzwischen Spaß am Sport (nicht immer, aber immer öfter) und er merkt, glaube ich, dass es ihm auch gut tut. Er ist viel ausgeglichener, wacher, aktiver etc. Wenn wir darauf gewartet hätten, bis er von sich aus mit Sport angefangen hätte, würden wir wahrscheinlich jetzt noch warten :roll: . Bei manchen Aktivitäten müssen wir Eltern unseren Kindern auf die Sprünge helfen, weil sie selbst nicht dazu in der Lage sind! Das ist meine Überzeugung! Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es auch mal schwer ist, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, aber danach ist man froh, dass man es geschafft hat. Diese Erfahrung gönne ich auch meinem Sohn :idea: :wink:
LG Ute mit N. (2004),Tuberöse Sklerose, Epilepsie, epilepsiechirurg. Operation im Januar 05 und August 07, sprachl. und motor. Entwicklungsverzögerung u. autistisch.


Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste