Verhalten sehr herausfordernd, frech, provozierend, was tun?

In dieser Rubrik könnt ihr euch über diverse Krankheitsbilder austauschen - z. B. Skoliose, Kyphose, Cerebralparese usw.

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hanna_2011
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Verhalten sehr herausfordernd, frech, provozierend, was tun?

Beitragvon hanna_2011 » 01.01.2018, 22:06

Hallo,

kennt jemand dies:?

Hanna ist seit August ein Schulkind. Da sie geistig fit ist und mit Ihrem Rolli gut zurecht kommt, besuch sie die Regelschule. Dies klappt gut: sie kann dem Unterrichtsstoff problemlos folgen, hat Freunde, wir akzeptiert.

Bis vor ca. 6 Wochen hatte sie für 1/2 Jahr Schlafprobleme, d.h. sie ist nachts aufgewacht und konnte nur bei uns im Bett weiter schlafen. Dies konnte ich mir mit Umstellung .... gut erklären. Diese lange Phase ist vorbei.

Nun haben wir seit ca. 6 Wochen das Problem, dass Hanna frech ist, sehr fordernd, herausfordern, provozierend .... . Trotz Strafen (Fernsehverbot, nicht reiten ..) tut sich nicht viel. Sicher ist es auch dem Unterschied geschuldet (Orthesen, Stehrolli, Darmspülen, Liegepause...) zu den anderen. Wir sprechen darüber offen, können es eigentlich auch klären, aber mit den Verhaltensausbrüchen gehe ich scheinbar falsch um, wo kann ich ansetzten? Kennt jemand Literatur dazu oder hat(te) ein ähliches Problem?

Viele Grüße,
Mandy
Hanna (03/2011), kaudales Regressionssyndrom, Wirbelkörperfehlbildungen - Keilwirbelentfernung wegen Skoliose, Hüftluxation bds., Klumpfüßchen bds. - behandelt, jetzt Unterschenkelorthesen, Analatresie - Anorektoplastik 05/2011, neurogene Darm- und Blasenentleerungsstörung, ...

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 01.01.2018, 22:32

Hallo Mandy,

ich finde den Ansatz von Jesper Juul ganz gut (gibt einige Bücher). Aber wegen sechs Wochen würde ich schwieriges Verhalten nicht so schwer nehmen. Kinder machen mit der Einschulung große Sprünge kognitiv, und in der Selbstständigkeitsentwicklung. Vielleicht hadert sie auch grade mit ihrer Behinderung, wo sie ja täglich vor Augen hat, was die anderen können ... da kann man schon mal Frust und Wut schieben ...

Wenn du übrigens statt Strafen Konsequenzen nimmst, die mit dem Fehlverhalten direkt zu tun haben, ist es nachvollziehbarer fürs Kind, und man kommt beiderseits leichter wieder zueinander. :wink:
Engrid
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Beitragvon Beatrice1967 » 02.01.2018, 00:21

Liebe Mandy

Ich kenne das gut. Auch ich bin als behindertes Kind mit Sehbehinderung und Cerebralparese in einem "normale" Schule gegangen - mit Schuleintritt konnte ich schon lesen - und ja, ich hatte auch ein paar Freunde in der Klasse.
Und die Lehrerin hat es auch allen erklärt, warum ich nichts von Tafel oder Hellraumprojektor abschreiben konnte und immer A3-Kopien an den Platz bekam - und im Winter nicht auf den Pausenplatz muss.

Aber ausserhalb der Klasse wurde ich viel geneckt, bzw. ausgelacht - dicke Brille, kleine Augen, tolpatschiger Gang in meinem Fall, man bekam ungute Übernamen, gerade, wenn man klug ist, kann man auch das Getuschel hinter einem sehr wohl hören, ja gar spüren, vor allem die Blicke.

Und ja, das gibt einen Frust -und wie. Man sieht die anderen, die einfach alles können, das einem schwer fällt. Und da ist es manchmal sogar hinderlich, dass man als klug gilt - man bekommt es ungefiltert mit, dass man anders ist.

Evtl. haben es die Mädchen da noch arger, ein Bub wäre sich evtl. nicht zu schade, mal jemandem eine zu hauen. Die meisten Mädchen sind da eher ruhig.

Und daheim, wo es einem vertraut ist, da explodiert man dann beim kleinsten Signal, das einen erinnert, was man wieder alles eingesteckt hat.
Da lässt man das an der Mama aus und am Papa, denn die lieben einen trotzdem - fast jedes Kind weiss das und erfährt es auch und im Grunde ist dieses Ausbrechen sogar ein grosser Vertrauensbeweis, auch wenn es für Euch gar nicht schön ist in dem Moment. Euer Kind zeigt Euch seine inneren Gefühle - es muss dringend irgendwie rausfinden aus ihr - instinktiv spürt sie das auch.
Daheim verliert man sein Gesicht sozusagen nie - als Kind schon gar nicht.

Oh, meine arme Mami hat da viel aushalten müssen, auch später, als ich die Ausbildung machte - immer wieder kommt man als kluger Mensch mit Behinderung in Situationen, die so einen Frust auslösen.

Und die man manchmal nicht mal benennen kann, oder es nicht will, weil man gelernt hat, dass petzen nicht gut ist.

Mich hat man dann eine Weile in eine Spieltherapie verfrachtet -ich bin da sehr gerne hingegangen. Im Rollenspiel haben wir dann erarbeitet, wie man besser reagieren kann -ich habe zuvor zig Schülern, die mich auslachten in meiner Not den Finger gebrochen. Wenn ich kräftig zupackte, löste das eine Spastik aus, die ich bösartig dazu ausnutzte, den gemeinen Kindern die Finger so sehr Richtung Handrücken zu bugsieren, bis sie brachen.

Ich würde noch ein Weilchen zuwarten, aber nicht mehr zu lange -irgendetwas, was wütend macht, sucht sich da ein Ventil, damit es abdampfen kann. Lang geschobener Frust fängt nur an zu gären und wird unbeseitigt immer krasser.

Vielleicht hilft Dir das ein bisschen - eine Form, wie einem ein Kind Liebe und Vertrauen zeigen kann, ist tatsächlich eben doch auch das Zeigen der innersten Not und der wütendsten Gefühle.

Ach ja, Strafen haben bei mir glaub auch nie viel genützt, es machte nur das Frustgefühl noch grösser.

Wichtig scheint mir, an die Ursache der ablehnenden Gefühle zu kommen.

Abends beim Schlafengehen machte Mami nach der Therapie mit mir und allen Geschwistern ein neues Ritual, wir durften schildern, was uns wütend gemacht hat -und dann durften wir erzählen, was toll war an diesem Tag. Es ist wichtig, dass ein Kind mit positiven Gefühlen in den Schlaf geht.
Diesen Tipp hatte sie von der Therapeutin bekommen.

Vielleicht magst Du das mal probieren, oder signalisiere ihr, dass Du froh bist zu hören, was nicht gut läuft und was sie wütend macht, aber bitte sie, sich im Tonfall zu mässigen (ich weiss aber nicht, ob das in der grössten Wut geht)

Viele herzliche Grüsse
Bea
selbstbetroffen von Cerebralparese und kongenitaler Amblyopie, hochgradiger Kurzsichtigkeit und Makuladegeneration,
-------------------------------------
Bücher-und Homepage-Fee im Schweizer Forum für Eltern behinderter, chronisch kranker oder mit Fehlbildung geborener Kinder
www.dasanderekind.ch

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Beitragvon hanna_2011 » 02.01.2018, 00:38

Hallo Bea,
hab nochmals vielen Dank. Ich habe gerade begonnen Deine Bücherliste zu durchforsten 😊.

Deine Gedanken sind gut und nachvollziehbar. Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt Hilfe in Anspruch zu nehmen, bzw Hanna dies zu ermöglichen.

Gespräche, wie Dumes angeführt hast, führen wir oft, deshalb Wien ich auch, dass Hanna sich so,sehr einen Freun sucht, der gestellt ist, wie sie. Jedoch ist dies nicht so leicht. Wir haben im SPZ und der Rehatechnik Hilfe gesucht, leider kennt niemand ein Kind in unserer Nähe. Nur auf Rolli - und Katheterkurs haben wir Familien kennen gelernt, jedoch wohnen diese nicht in unserer Nähe.

Viele Grüße,
Mandy
Hanna (03/2011), kaudales Regressionssyndrom, Wirbelkörperfehlbildungen - Keilwirbelentfernung wegen Skoliose, Hüftluxation bds., Klumpfüßchen bds. - behandelt, jetzt Unterschenkelorthesen, Analatresie - Anorektoplastik 05/2011, neurogene Darm- und Blasenentleerungsstörung, ...


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