Wann sollte ein Kind mit einem Stehständer versorgt werden?

Hier könnt ihr die Hilfsmittel eurer Kinder vorstellen, z. B. Reha-Buggy, Pflegebett, Stehtrainer, Therapieliege usw. - gerne auch mit Foto.
Ihr könnt hier übrigens auch Fragen bezüglich Technik und Anwendung verschiedener Hilfsmittel stellen.

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kerstinm
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Wann sollte ein Kind mit einem Stehständer versorgt werden?

Beitrag von kerstinm »

Hallo,

ich suche heute ganz gezielt den Rat der Physiotherapeuten und Reha-Fachleute, aber auch den betroffener Eltern:

In welchem Alter, bei welcher Behinderung und mit welchem Ziel ist die Versorgung mit einem Stehständer oder Schrägliegebrett sinnvoll?

Unser Sorgenkind Katharina (2,8 Jahre, Hirnschädigung, ehemals BNS-Epilepsie, blind, schwere globale Entwicklungsverzögerung) hat inzwischen eine gute Kopfkontrolle, eine schon sehr sichere Rumpfkontrolle und kann sich auf dem Boden drehend und robbend vorwärtsbewegen. Seit ein paar Wochen sitzt sie auch für kurze Zeit frei - die Abfang- und Abstützreaktionen lassen aber noch zu wünschen übrig. Sie kann sich auch noch nicht alleine hinsetzen bzw. in den Vierfüßlerstand kommen. Hier macht ihr insbesondere die Grobmotorik der Arme bzw. die Hypotonie im Schulterbereich noch zu schaffen.

Seit ein paar Wochen frage ich mich, ob für sie nicht langsam ein Stehständer ein gutes Therapiegerät wäre. Leider fehlt uns hier guter Rat. Die betreuenden Vojta-Therapeuten sind der Ansicht, dass jedes Hilfsmittel außer der Vojta-Liege kontraproduktiv wäre, da es die Kinder "faul" macht. Die Reha-Berater der Sanitätshäuser wollen natürlich alles verkaufen. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen.

Wir mussten vor knapp einem Jahr schon gegen alle Fronten kämpfen, um für unsere Tochter einen Tripp-Trapp umbauen zu lassen (erhöhte Rückenlehne, Hüftpelotten, Sitzkissen und Therapietisch). Ein richtiger Therapiestuhl war für uns als Eltern eine "Überversorgung", die sie tatsächlich faul gemacht hätte. Der Ansicht der Therapeuten sie weiterhin auf dem Schoß zu füttern wie ein Baby, wollten wir uns jedoch auch nicht anschließen. Heute ist jeder begeistert, wie selbstbewußt und toll sie in ihrem Stuhl sitzt. Ihre Feinmotorik hat sich enorm verbessert und sie hat gelernt selbständig Finger-Food zu sich zu nehmen. Fähigkeiten, die insbesondere für blinde Kinder eine enorme Leistung sind und viel Geschick und Vorstellungsvermögen verlangen.

Beim Stehständer sind wir jedoch sehr unsicher: Sollen wir noch warten ob und wann sie vielleicht mal in den Kniestand kommt und beginnt sich selber hochzuziehen? Zurzeit ist ihr noch nicht klar, dass man Füße nicht nur zum Spielen und Lutschen benutzen kann, sondern auch darauf stehen kann. Würden wir mit einem Stehständer ihre - wenn auch sehr langsame Entwicklung - eher bremsen oder würden wir ihr eine neue Wahrnehmungsmöglichkeit bieten, die sie vielleicht motiviert, auch mal das Stehen in Betracht zu ziehen.

Ich bin neugierig auf eure Ansichten und Tipps.

Liebe Grüße

Kerstin

Gabybu

Beitrag von Gabybu »

Von Entwicklungsbremse würde ich nie sprechen, wenn man etwas aufzeigt, was die Sichtweise erweitern kann.

Ich bin keine Physiotherapeutin! Ich arbeite in einem Kinderheim für schwerstmehrfachbehinderte Kinder und ich weiß,das bei uns Kinder mit ähnlicher Diagnose bereits mit Stehständer versorgt wurden, auch bereits im Alter von 2 1/2 Jahren, ob das aber in eurem Fall förderlich wäre müsste man mit anderen Stellen besprechen.

Einseitige Meinungen, wie die Meinung zu Vojta von euren Therapeuten empfinde ich als wahnsinnig einschränkend und kleinkariert. Nicht immer nur das eine ist das beste, sondern meißt eine abgestimmte Kombination aus vielen einzelteilen.

Lieben Gruss Gaby

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Tobias
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Beitrag von Tobias »

Hallo,

viele Vojta-Therapeuten sind der Ansicht, dass man "Kinder erst dann Hinstellen sollte, wenn Sie motorisch dazu in der Lage sind". Das Bobath-Konzept sagt, dass man "Kinder dort abholen sollte, wo sie sich gerade motorisch befinden".

Rein kognitiv gibt es hier aber oft große Unterschiede und Diskrepanzen zur motorischen Entwicklung!

Dieser von Dir beschriebene konkrete Fall kann nur dann effektiv behandelt werden, wenn viele Dinge mit berücksichtigt werden:

Hat das Kind überhaupt Lust, auf die Füße gestellt zu werden?
Wie groß ist die Rumpfkontrolle in der Vertikalen?
Wie sehen die Füße dabei aus (Frage nach der Statik bzw. in wieweit ist eine Hilfsmittelversorgung mittels Einlagen nötig?)?
Wie sieht die Wahrnehmung des Kindes aus?
Wird der Vorgang des Hinstellens und zurück ausreichend berücksichtigt?
Wird der Gelenkschutz bei dem Stehvorgang berücksichtigt (keine überstreckten Knie)?
Wie groß ist die Eigenaktivität des Kindes?

Fragen über Fragen, die allesamt beantwortet werden müssten...
Eine kleine Hilfestellung:
Ich bin unter anderem Vojta- und Bobath-Therapeut. Wenn ich die Beantwortung aller Fragen berücksichtigt habe und zu einem positiven Ergebnis komme, dann stelle ich die Kinder hin!

Vielleicht eine kleine Hilfe....

Gruß, Tobias
Tobias Bergerhoff / Kinderphysiotherapeut

Physiotherapie bei Hüftreifungsstörungen
http://www.kinderhueftdysplasie.info
Physiotherapie in Indien - ein persönlicher Erfahrungsbericht
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Die Patengemeinschaft
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>>>Und du fühlst, dass du lebst
Weil du tanzt und fliegst, du schwebst
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Andreas Bourani "Wunder"

kerstinm
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Beitrag von kerstinm »

Hallo Tobias,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Deine Fragen haben mir sehr geholfen.

Für Katharina ist zur Zeit ein Stehständer wahrscheinlich noch nicht richtig. Sie möchte noch nicht auf ihren Füßen stehen, sondern lieber mit ihnen spielen. Ich denke genau an diesem Punkt ist sie ja auch in ihrer motorischen und geistigen Entwicklung. Lassen wir ihr den Spaß noch eine Weile und freuen uns, dass dieses Spiel nicht durch eine Spastik in den Beinen erschwert wird ;-)

Da sie auch wirklich noch sehr klein und zart ist, können wir mit ihr das Hinstellen und Hinsetzen ja auch noch eine Weile weiterhin auf dem Schoß nach dem Bobath-Konzept üben. Damit haben wir zurzeit ohnehin am meisten Erfolg, da für sie als blindes mehrfachbehindertes Kind wir Erwachsenen ohnehin das attraktivste Turnobjekt und der beste Kletterbaum sind.

Sollten wir auf einer Messe oder in einer Einrichtung mal einen kleinen Stehständer sehen, können wir ihn ja immer noch testen. Erfolg werden wir ohnehin nur haben, wenn sie dieses Gerät akzeptiert. Unsere Tochter ist bei Ärzten und Therapeuten schließlich dafür berühmt, dass sie einen sehr starken Willen hat, gegen denn gar nichts geht. Das hat schon so mancher Vojta-Schüler schmerzhaft zu spüren bekommen ;-)


Vielen Dank für eure Rückmeldung

Kerstin

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Christine&Céline
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Beitrag von Christine&Céline »

Hallo !

Habe erst heute diesen Beitrag entdeckt, und diese Frage beschäftigt mich in letzter Zeit auch.
Hatte in den Ferien Kontakt mit einer Familie: Tochter 15 Monate, ähnliche Behinderung wie bei unserer Céline (starke Hypotonie, kann weder krabbeln noch stehen). Dieses Mädchen bekommt aber demnachst ihr erstes Stehgerät. Den Eltern wurde bei der Physio gesagt, zwischen 1 und 2 Jahren MÜSSE das Kind mit regelmäßigen Stehübungen beginnen, da es sonst zu MISSBILDUNGEN der HÜFTGELENKE kommt.

@TOBIAS: was meinst du dazu?
Bei der nächsten Kontrolle möchte ich unseren Neuroothopäde darauf ansprechen.

Wir machen konduktive Therapie nach Petö und da werden auch regelmäßige Stehübungen gemacht.

Schönen Gruß
Christine
Christine (64) mit Katia - 10.93, Pubertätskrise, sonst gesund, und Céline - 03.04, schwer mehrfachbehindert (blind, BNS-Epilepsie, PEG, schwere geistige und körperliche Behinderung) aufgrund von Gehirnfehlbildungen (Microcephalie, Lissencephalie, Balkenagenesie)
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geli
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Beitrag von geli »

Hallo
Unsere Martina bekam mit 1,5 Jahren den ersten stehständer. Sie fand es selber super und war mächtig stolz so gross zu sein. :D

lg Geli

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