Ablehnung Therapiedreirad wg. Fremd- und Eigengefährdung

Hier könnt ihr die Hilfsmittel eurer Kinder vorstellen, z. B. Reha-Buggy, Pflegebett, Stehtrainer, Therapieliege usw. - gerne auch mit Foto.
Ihr könnt hier übrigens auch Fragen bezüglich Technik und Anwendung verschiedener Hilfsmittel stellen.

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Anne&Hannah
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Ablehnung Therapiedreirad wg. Fremd- und Eigengefährdung

Beitragvon Anne&Hannah » 23.06.2015, 21:34

Hallo,
ich habe beim oberflächlichen Suchen nix Entsprechenes gefunden zu unserem aktuellen Problem:

Heute kam von der KK der ablehnende Bescheid für das beantragte Momo-Therapiedreirad. Argumentiert wird:

"Zur Nutzung eines Therapiedreirades ist es zwingend erforderlich, dass Ihre Tochter gegenwärtig und voraussichtlich noch für einen längeren Zeitraum in der Lage ist, das Krankenfahrzeug mit der erforderlichen Sorgfalt und Sicherheit zu führen, um sich nicht selbst oder Dritte zu gefährden. (...) Der MDK kommt zu dem Ergebnis, dass durch Ihre Tochter bei der Nutzung eines Therapiedreirades eine hohe Fremd- & Eigengefährdung entstehen könnte und somit ein selbständiges Steuern des Therapiedreirades nicht empfohlen werden kann. Anhand der vorgelegten Unterlagen bestehen bei Ihrer Tochter erhebliche Zweifel an der Fähigkeit, auf Gefahrensituationen angemessen zu reagieren."

Hannah wird aufgrund ihrer verzögerten Reaktionsfähigkeit tatsächlich vmtl nie ohne Aufsicht am Strassenverkehr teilnehmen können. Weder als Fußgänger, Rolli- oder Fahrradfahrer.

Für richtige Radtouren haben wir gesponsort durch die Familie ein Therapietandem "Captain Duo" von Draisin gebraucht gekauft, welches Hannah und uns wundervolle neue Freiheiten schenkt ( keine Chance, dieses über die KK finanziert zu bekommen ).

Für das selbstbestimmte Fahren und für das ärztlich dringend empfohlene leichte Ausdauertraining nutzen wir seit Jahren ein selbst gebraucht gekauftes Therapiedreirad ( inzwischen viel zu klein geworden und leider ohne gescheite Bremsfunktion ). Damit begleitet Hannah unsere kleinen Spaziergänge in der Siedlung, wobei wir neben ihr herlaufen, wenn nötig Anweisungen geben und bei Bedarf eingreifen. So wie man es eben bei kleineren, noch ungeschickten Fahrradfahrern macht. Sie hat damit übrigens auch sehr stolz und unerwartet erfolgreich beim für sie leicht modifizierten Fahrradclubtraining ihrer 1. Klasse ( Inklusionskind ) teilgenommen. Also Slalom- oder Achtfahren, Hand abklatschen, Dose aufnehmen und absetzen... Ich hatte Tränen in den Augen vor Freude!

Nun meine Frage an Euch:
Ist diese Ablehnung rechtens?
Welche Argumente hättet Ihr für den Widerspruch?
Wer hat ähnliche Probleme erfolgreich bewältigt?

Wir überlegen, alternativ ein Handbike-Anbau für den Rolli zu beantragen, aber müssen vmtl fürchten, dass dort genauso argumentiert wird.

Freue mich auf Euren Input!
Lg Anne
Anne&Thomas mit D. ,J. & HANNAH (12) - Mitochondriale Enzephalomyopathie/Morbus Leigh. MtDNA 12706 T>C im MT-ND5-Gen, dadurch Hirnschädigung mit Mehrfachbehinderung, Rolli, Button. z.N. Stammhirnschädigung und nächtlicher Beatmung. Tracheostoma zu seit 4/14. Chronisch fröhlich!

ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 23.06.2015, 22:15

Hallo Anne&Hannah,
Das Momo Therapiedreirad haben bestimmt nicht nur Kinder die keine Zitat: "hohe Fremd- & Eigengefährdung" verursachen ohne Aufsicht.
Das Momo gibt es auch mit Schiebestange, über welche man Lenken (Lenker wird bewegt, also nicht wie bei Kleinkinddreirädern, bei welchen das Vorderrad angehoben werden muss) und Bremsen (Handbremse) kann.
Ohne diese Ausstattung könnten wir unser Momo jedenfalls nicht nutzen!
Nutzung eines Therapiedreirades eine hohe Fremd- & Eigengefährdung entstehen könnte und somit ein selbständiges Steuern des Therapiedreirades nicht empfohlen werden kann.
(....)
wobei wir neben ihr herlaufen, wenn nötig Anweisungen geben und bei Bedarf eingreifen.
Kenn mich mit rechlichen Dingen nicht aus, aber vielleicht hilft es diese Lenk-Schiebestange und Bremse mitzubeantragen? Dann sollte zumindest dieses Argument nicht mehr für eine Ablehnung sorgen?
lg Tabea's Mama

Anne&Hannah
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Beitragvon Anne&Hannah » 23.06.2015, 23:03

Super Idee! Danke!!!
Anne&Thomas mit D. ,J. & HANNAH (12) - Mitochondriale Enzephalomyopathie/Morbus Leigh. MtDNA 12706 T>C im MT-ND5-Gen, dadurch Hirnschädigung mit Mehrfachbehinderung, Rolli, Button. z.N. Stammhirnschädigung und nächtlicher Beatmung. Tracheostoma zu seit 4/14. Chronisch fröhlich!

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Beitragvon osljudith » 24.06.2015, 11:10

Hallo Anne,
Gab es beim Fahrradclubtraining eine Urkunde? Die würde ich dem Widerspruch beilegen. Weiterhin Photos und Videos vom privat angeschafften und jetzt zu kleinem Rad. Es macht sich im Widerspruch auch immer gut darauf hinzuweisen, dass die KK bitte prüfen soll, ob auch ein Wiedereinsatz in Frage käme, das stimmt die Sachbearbeiter milde (und am Ende wird meist doch ein nigelnagelneues Hilfsmittel mit allem Schnick und Schnack bewilligt... :roll: ).
Wir hatten genau das gleiche Problem: in der Reha ein Rad erfolgreich getestet, es wurde mit der gleichen Begründung wie bei Eich abgelehnt. Dafür empfahl der mdk einen Bewegungstrainer. Nach einigem Hin und Her haben wir hier nun einen viiiiel teureren Innowalk rumstehen :roll: !
Da Judith hierdrauf wirklich jeden Tag sein kann, sehen wir das inzwischen sogar recht positiv und würden diesen gerne behalten.
LG, Anne
Judith *09/07, Dupl. Xq27.3, Monos. 3p. Sitzt, robbt und versteht viel, kommuniziert nonverbal. Ein ausgeglichenes Kind.
Schlafbez. Hypoventilationssyndrom -> CPAP, PHT, verschlossener ASD2, neurog. Blasenentleerungsst., Z. n. ARDS, Port, Sonde für Medikamente. Sehr infektanfällig

mehr von uns: www.dasbewegteleben.wordpress.com

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Beitragvon Sandra_mit_Rasselbande » 24.06.2015, 12:56

Zur rechtlichen Seite kann ich nichts sagen, aber wir haben ein spezielles Fahrrad von VanRaam bekommen, da es aber 12 000€ gekostet hat :roll: hat die Aktion Kindertraum es uns finanziert. Das ging total unproblematisch. Unproblematischer, als zb Verhinderungspflege abzurechnen. Der Kontakt war super nett und spitze und sowieso.

Ich musste nämlich 2 kleine Kinder und 2 Große Autisten transportieren.

Wir haben das Rad jetzt seit 2 Jahren und unsere Großen können jetzt schon mit Roller nebenher fahren (ganz kurze wege) aber sie sind sicherer geworden im Straßenverkehr. Das ist immer noch nicht altersgemäss. Ganz klar. Aber sie sind mit dem Rad einfach mittendrin im Straßenverkehr und bekommen viel mehr mit, als wenn sie immer nur mit dem Auto von A nach B gefahren werden. Ich glaube das es ein guter Schritt für uns war, um sie mit den Regeln vertrauter zu machen. :D

Wir haben das GoCab, dort passen vorne 8 kleine Kinder rein (oder 4 von meinen) und die Mutter fährt halt. Es gibt aber auch extra Therapieräder, wo man hinter einander fährt, oder aber nebeneinander.

Ich dachte immer, wenn es die KK nicht zahlt, zahlt es die Eingliederungshilfe... Die brauchen auch erst eine Kopie der Ablehung durch die KK:
Sandra mit Zirkusfamilie
Sondervorstellung 84.5

Sohn (13) massiv 84.5 + leicht ausgeprägt 90.1+ leicht ausgeprägt 81.1 (PG4 nach Klage) 70GdB, B+H
Sohn (12) massiv 84.5 + massiv ausgeprägt 90.1, massiv ausgeprägt 81.0 (PG4)80GdB (nach Klage) B+H
Tochter (10)
Sohn (8) massiv 84.5 + massiv ausgeprägt 90.1 (PG4) 100GdB, B+G+H ab Geburt

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Beitragvon Sandra_mit_Rasselbande » 24.06.2015, 13:04

Hier sind noch die Línks:

http://www.vanraam.nl/aangepaste%20fietsen

Das haben wir: http://www.vanraam.de/fahrradtaxi-gocab/itm/16445

Hier ist der Link zur Aktion Kindertraum: https://www.aktion-kindertraum.de/

Hier ist ein Video von Aktion Kindertraum (RTL) , da wird das Prinzip ein wenig erklärt und man kann uns auch sehen ;)

https://www.aktion-kindertraum.de/ander ... -fernsehen

und hier haben wir uns verschiedene Räder angeschaut, die haben auch gebrauchte Räder und beraten spitze! http://www.theramobile.de/

ju+ju
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Beitragvon ju+ju » 24.06.2015, 19:23

Hallo Anne,

das finde ich ja schon reichlich ungeheuerlich!
Mein Sohn hat gestern sein "Momo" Dreirad bekommen, du siehst in der Signatur, dass er nicht gerade der typische Radfahrer ist...

Wir haben auch diese Schiebestange mit Lenk- und Bremsfunktion. Die ist sicher ein gutes Argument.
Fotos vom vorhandenen Rad ebenfalls.
Und dann würde ich sagen, es geht ums Durchbewegt-Werden (okay, das kann ein Gerät für drinnen auch...) und um Teilhabe. Mit dieser Aktion der Schule habt ihr doch ein gutes Argument in der Hinterhand.

Ich kann mich meinen Vorschreiberinnen also nur anschließen und wünsche euch viel Erfolg und hoffentlich sehr bald gute Fahrt!
LG Jule

NickiBea
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Beitragvon NickiBea » 24.06.2015, 20:38

Hallo Anne,
Ich bin auf ein Urteil des Sozialgerichtes Fulda gestoßen, vielleicht hilft dir das. Schau mal unter m.lebenshilfe.de/de/themen-recht/artikel/Therapiedreirad.php?listLink=1


Gruß, Nicki
Mama, Papa & Mausefüßchen (2009, Cornelia-de-Lange-Syndrom, Fundoplicatio, Button, Hörgeräte...)

Martha74
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Beitragvon Martha74 » 24.06.2015, 20:42

Hallo

meines Wissens ist das rechtens. Wichtig ist, dass Ihr formuliert, dass Ihr das Rad zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benötigt. Habt Ihr einen Hof, in dem kein Straßenverkehr ist? Das hat bei uns gewirkt. Da fährt er ggf. wirklich auch mit anderen Kindern, natürlich ist von uns trotzdem jemand dabei.

WIr mußten aber unterschreiben, dass das Kind nicht im regulären Straßenverkehr mit dem Rad fährt.

LG
mit Sohn 05
und Sohn 08, frühkindl. Autismus (HF)
Hypospadie, ASD, Epilepsie

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Beitragvon Anne&Hannah » 12.03.2016, 17:03

Hallo Ihr Lieben!
Das nächste Kapitel in der unendlichen Geschichte:
Neues Jahr neues Glück! ...dachten wir...

Und haben das Momo neu mit Schiebestange beantragt. Dazu Bericht und Fotos vom Fahrradclub der Schule. Und ärztliche Stellungnahmen von Orthopädin, Kardiologe und Stoffwechselarzt über die medizinisch.therapeutische Notwendigkeit eines Dreirads. Dazu die Versicherung, dass von uns immer jemand mitgeht und wir so Familienspaziergänge oder kleine Einkäufe zusammen mit Hannah erledigen können.

Uuuuund nun ratet: hats was gebracht?
Nein natürlich nicht! Wieder die gleiche Begründung. Wegen Eigen- und Fremdgefährdung nicht zu verantworten! Und die von der Orthopädin befürwortete Soziale Integration in eine Gruppe gleichaltriger Kinder durch das Dreirad sei bei der Anwesenheit einer Begleitperson auch nicht gegeben "weil diese üblicherweise nicht akzeptiert wird bei Aktivitäten, mit denen die Kinder Selbständigkeit und Unabhängigkeit von Erwachsenen beweisen wollen".. Man hoffe trotzdem auf Verständnis dafür, dass man unseren Erwartungen nicht entsprechen konnte.
Da könne sie lange hoffen...

Wir gehen natürlich in Widerspruch. Wozu gibts denn das als Hilfsmittel anerkannte Hilfs-Zubehör fürs Momo? Die medizinischen Begründungen wurden alle nicht berücksichtigt. Manche unserer geistig behinderten Schüler, die wesentlich impulsiver und ungeschickter als Hannah sind, haben kassenverordnete Dreiräder.

...ja klar, dass die Welt gerecht ist, darf man nicht erwarten. Aber trotzdem ist es einfach nur super ärgerlich. Wir versuchen jetzt für Hannah ganz schnell wieder ein gebrauchtes Dreirad zu kaufen - weil das beantragte Dreirad in weiter Ferne ist und der Frühling vor der Tür.

Habt Ihr noch Munition für unseren Widerspruch?

Positive Sozialgerichtsurteile, auf die wir uns beziehen können, scheint es kaum zu geben. Oder? Das von NickiBea zitierte Urteil aus Fulda wurde in zweiter Instanz verhandelt und letztlich ohne rechtskräftiges Urteil durch "übereinstimmende Erledigungserklärung" erledigt. Was auch immer das bedeutet - vmtl wurde ein Kompromiss gefunden, auf den man sich nicht berufen kann.

Wir überlegen in den VDK einzutreten, um fürs nächste Mal Rechtsbeistand zu haben.

Frustrierte Grüße
Eure Anne
Anne&Thomas mit D. ,J. & HANNAH (12) - Mitochondriale Enzephalomyopathie/Morbus Leigh. MtDNA 12706 T>C im MT-ND5-Gen, dadurch Hirnschädigung mit Mehrfachbehinderung, Rolli, Button. z.N. Stammhirnschädigung und nächtlicher Beatmung. Tracheostoma zu seit 4/14. Chronisch fröhlich!


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