Jugendamt "Beine machen"?

In dieser Kategorie geht es um rechtliche Dinge, Fragen zur Krankenversicherung, Pflegegeld etc.

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Sophie-11
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Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von Sophie-11 »

Hallo,

ich ärgere mich gerade mal wieder mächtig über unser Jugendamt. Im Frühjahr hatte ich einen Antrag auf erneute Autismustherapie für unseren Mittleren gestellt (die erste war im letzten Sommer ausgelaufen). Ich habe eine schriftliche Bestätigung für den Eingang des Antrags am 1.6.2022. Am 10.6. wurde ein Schulbericht, am 21.6. nach etwas hin- und her noch ein aktuelles medizinisches Gutachten nachgereicht. Damit galt der Antrag als vollständig.

Dann geschah erstmal gar nichts. Anfang August dann die Anfrage nach einem Termin für die soziale Diagnostik durch die Sachbearbeiterin; es gab dann noch etwas Terminschwierigkeiten wegen unbekanntem neuen Stundenplan und krankem Kind, der Termin fand dann am 23.8. statt. Daraufhin erstmal wieder Schweigen.

Am 14.9. fragte ich dann mal nach und wies höflich auf die in §14 SGB IX genannten Bearbeitungsfristen von 3 Wochen nach Antragstellung bzw. 2 Wochen nach Eingang des medizinischen Gutachtens hin, sowie die Frist von 3 Monaten nach § 75 VwGO bis zur Möglichkeit einer Untätigkeitsklage. Es dauerte wieder 9 Tage, nun die Antwort: Der Fall ist derzeit für den 24.10. (!!!) zur Entscheidung geplant!

Gibt es irgendwo eine Möglichkeit, sich zu beschweren? Für eine Klage ist die Zeit zu kurz, für ein Kind, dem es definitiv nicht gut geht, zu lang. Ein Therapieplatz muss ja auch noch gefunden werden. Leider habe ich mich da auf das JA verlassen, das auch dabei gerne das Heft des Handelns in der Hand behält und nach der Bewilligung selbst einen Platz sucht (das machen sie allerdings sehr gut und schnell). Wir stehen also auch noch auf keiner Warteliste :icon_pale: .

Ich rechne übrigens mit einer Ablehnung.

LG!
der Große *12/2007 (eher Spektrumsnah)
der Mittlere *09/2010 (Asperger mit Tendenz zu ADHS)
die Kleine *02/2014 (Asperger)
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ThorstenK
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von ThorstenK »

Wenn du dich in einer Notlage befindest, weil dein Kind die Therapie dringend benötigt, dann ist eine einstweilige Anordnung möglich. Es ist vorgesehen, dass die Entscheidung durch das Gericht in sehr kurzer Zeit, das heißt innerhalb weniger Tage (nicht mehrere Wochen oder Monate) ergeht. Wenn du ohnehin davon ausgehst, dass die Therapie abgelehnt wird und es sich dann noch weiter verzögert, dann würde es ohnehin dazu kommen, wenn du dich gerichtlich wehren möchtest. Ich sehe für das Jugendamt praktisch keine Chance darin, für ein Kind mit diagnostiziertem Autismus eine spezifische Therapie zulässig abzulehnen.
Man könnte auch eine kurze Frist setzen und damit drohen.
kati543
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von kati543 »

Hallo,
ich wusste gar nicht, dass das Jugendamt die Autismustherapie bei diagnostizierten Autismus ablehnen kann. Bei uns fordert das Jugendamt immer nur regelmäßig eine erneute Diagnostik von einem KJP. Hilfreich ist hier natürlich möglichst die Diagnose von der KJP einer großen Klinik zu bekommen. Niedergelassene Ärzte werden nicht so gern gesehen.

Bei uns geht es immer nur darum:
- WIEVIEL STUNDEN Einzeltherapie?
- WIEVIEL STUNDEN Gruppentherapie?
- WIEVIEL STUNDEN Familientherapie?

Es geht wirklich nie darum, ob es überhaupt Therapie gibt. Das ist klar. Selbst das Jugendamt betont immer wieder beim HPG wie wichtig die Therapie für die Selbstständigkeitsentwicklung ist…und letztendlich ist Selbstständigkeit das Ziel.

LG
Katrin
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ThorstenK
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von ThorstenK »

kati543 hat geschrieben: 23.09.2022, 19:46 Bei uns fordert das Jugendamt immer nur regelmäßig eine erneute Diagnostik von einem KJP.
Ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Mit welcher Begründung? Kann sich Autismus verwachsen? Das muss man sicher nicht akzeptieren.
kati543
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von kati543 »

ThorstenK hat geschrieben: 23.09.2022, 21:40
kati543 hat geschrieben: 23.09.2022, 19:46 Bei uns fordert das Jugendamt immer nur regelmäßig eine erneute Diagnostik von einem KJP.
Ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Mit welcher Begründung? Kann sich Autismus verwachsen? Das muss man sicher nicht akzeptieren.
Autismus „verwächst“ sich mit Sicherheit nicht, aber Diagnosen können falsch sein. Es kann auch mal passieren, dass die Situation des Kindes durch die Therapie besser wird. Tatsächlich erreichen meine Kinder immer einen anderen Cut-Off. Der schwankt ziemlich stark und ist abhängig von der aktuellen Gesamtsituation - er ist nicht tagesformabhängig. Darauf achtet unsere KJP schon selbst.
Was muß man nicht akzeptieren? Fehlende Mitarbeit führt zur Ablehnung.

LG
Katrin
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von ThorstenK »

Meiner Meinung nach geht die Mitwirkungspflicht auf keinen Fall so weit, dass man regelmäßig die Diagnose überprüfen lassen muss, weil sie falsch sein könnte. Es ist gesetzlich geregelt, dass die Behörde Diagnosen durch fachliche Stellen wie eine KJP berücksichtigen muss. Wenn sie diese begründet anzweifelt, dann kann bestimmt ein Gegengutachten eingeholt werden. Bei erneuter Bestätigung der Diagnose ist es aber dann damit getan. Sicher können sich Teilhabebeeinträchtigungen ändern, aber das ist Aufgabe der Behörde diese zu ermitteln, z.B. durch Hospitation in Kita oder Schule.
Ma Iris
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von Ma Iris »

Hallo ihr Lieben, ich weiß andere Diagnose aber gleiches Procedere... ich durfte auch regelmäßig mit meinem Kind (grob gesprochen zuwenig Gehirn angelegt) vorsprechen, ob es noch immer behindert ist... und Pflegegeldanspruch besteht... obwohl ich genau von dieser Stelle gleich nach dem ersten Begutachtungstermin die Bestätigung erhalten hatte, dass eine Änderung nicht passieren wird und die Person nie erwerbsfähig sein wird!!
Jetzt - mit 18 Jahren - habe ich endlich den Eintrag Dauerzustand erwirkt :roll:

und ich durfte auch kämpfen, dass ich überhaupt einen Schulplatz erhalte, und nicht als "nicht beschulbar" eingestuft werde...

ich bin froh, dass sich hier bereits einiges geändert hat, aber leider nicht wirklich immer und überall...
Viele Grüße
Silvia & Iris

unsere Vorstellung:
viewtopic.php?f=19&t=23172&p=265506#p265506
(leider hatte ich Probleme mit e-Mail Adresse, daher neue Identität :oops:
kati543
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von kati543 »

ThorstenK hat geschrieben: 24.09.2022, 08:34 Meiner Meinung nach geht die Mitwirkungspflicht auf keinen Fall so weit, dass man regelmäßig die Diagnose überprüfen lassen muss, weil sie falsch sein könnte. Es ist gesetzlich geregelt, dass die Behörde Diagnosen durch fachliche Stellen wie eine KJP berücksichtigen muss. Wenn sie diese begründet anzweifelt, dann kann bestimmt ein Gegengutachten eingeholt werden. Bei erneuter Bestätigung der Diagnose ist es aber dann damit getan. Sicher können sich Teilhabebeeinträchtigungen ändern, aber das ist Aufgabe der Behörde diese zu ermitteln, z.B. durch Hospitation in Kita oder Schule.
Hallo,
das Problem ist eher nicht, ob das Jugendamt das Gesetz richtig oder falsch auslegt. Es ist klar, dass das Gesetz nicht korrekt angewendet wird. Aber das hilft meinem Kind … und uns … wenig. Es gibt nämlich keine Option.
Aktuell zahlt das Jugendamt bei meinem Sohn:
1 Stunde wöchentlich Einzeltherapie
1 Stunde wöchentlich Gruppentherapie
1 Stunde monatlich Familientherapie
15 Stunden wöchentlich + 80 Stunden für das Jahr in Budgetform für Arbeiten und Prüfungen eine Schulbegleitung
Dafür fordert es alle 2-3 Jahre eine Diagnostik mit einer konkreten Aussage des behandelnden Psychiaters, welche Maßnahmen für die Zukunft zwingend notwendig sind…auch mit Begründung. Das Jugendamt akzeptiert hier keinen Antrag auf mehr Stunden, ohne eine Fachärztliche Begründung. Es ist vollkommen egal, was da zuvor passiert ist.

Jetzt kann ich natürlich sagen, ich verweigere den Test. Dann verweist mich das Jugendamt als nächstes auf die fehlende Mitarbeit und stellt alle Leistungen ein. Letztendlich kostet das eine ganze Menge Geld und das Jugendamt versucht bei jedem HPG irgendwo zu kürzen. Genau so eine Aussage spielt dem Jugendamt also nur in die Hände. Oh, dann könnte ich natürlich widersprechen. Das wird nichts bringen. Dann kommt die Klage. …und so vergeht unheimlich viel Zeit. Zeit, die mein Kind nicht hat. Wir reden hier über viele Monate ohne Schulbegleitung, ohne Therapien … und das im Abschlussschuljahr.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
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Sophie-11
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Re: Jugendamt "Beine machen"?

Beitrag von Sophie-11 »

ThorstenK hat geschrieben: 23.09.2022, 21:40
kati543 hat geschrieben: 23.09.2022, 19:46 Bei uns fordert das Jugendamt immer nur regelmäßig eine erneute Diagnostik von einem KJP.
Ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Mit welcher Begründung? Kann sich Autismus verwachsen? Das muss man sicher nicht akzeptieren.
Hallo Thorsten und alle anderen,

natürlich ist es eigentlich lächerlich. Aber es ist bei Jugendämtern mittlerweile Usus, dass das ärztliche Gutachten regelmäßig erneuert werden muss und nicht älter als i.d.R. 6 Monate sein sollte. Ich zitiere mal aus der von mir gern aufgeführten Arbeitshilfe für die Jugendämter des LWL und LVR:
Die ärztliche/psychotherapeutische Stellungnahme muss hinreichend aktuell sein. Dies ist bei einer ein Jahr alten
Stellungnahme nicht mehr der Fall, älter als ein halbes Jahr sollte die Stellungnahme in der Regel nicht sein.
Dabei wird verwiesen auf:
Sächsisches OVG, Beschluss vom 24.03.2015, 4 B 171/14
Dass es sich in dem Fall um eine (veränderliche) psychische Störung, nicht um die Diagnose einer angeborenen Störung wie Autismus handelt, ist für die Ämter unerheblich. Dafür bräuchte es wohl ein neues Gerichtsurteil, aber wie Katrin schon schrieb - welche Eltern würden deswegen die Unterstützung ihrer Kinder riskieren?

Allerdings müssten eigentlich die Jugendämter selber für die Gutachten sorgen und diese auch bezahlen. Darüber klären sie die Eltern natürlich nicht auf, und auch wenn es bekannt ist - ich wollte dem JA keine Schweigepflichtentbindung gegenüber unserer KJP geben und die Sache nicht noch weiter verzögern, weil das JA erstmal irgendwelche anderen Gutachter wer weiß wo sucht, Termine gemacht werden müssen etc... Unzählige Möglichkeiten zu verzögern und/oder den Eltern mangelnde Mitwirkung vorzuwerfen.

Genau wie hier - letztlich bleibt einem wohl nur, sich zähneknirschend zu fügen, oder? :evil: Auch wenn so eindeutig gegen §14 SGB IX verstoßen wurde; ich glaube kaum, dass ich den Bedarf einer einstweiligen Anordnung glaubhaft machen kann, nachdem ich so lange geduldig gewartet habe und ja auch einen Termin für die Entscheidung genannt bekommen habe (wenn auch nur "derzeit geplant") - und eine Ablehnung für möglich halte. Aber Jugendämter haben keine vorgesetzten Behörden, die ihnen auf die Finger sehen, oder?

Die Ablehnung erwarte ich, weil wir ja schon mal Therapie hatten, die erst im letzten Sommer im allseitigen Einverständnis (von mir allerdings nur "mit Bauchgrummeln") beendet wurde, weil die Therapeutin die Maßnahme für abgeschlossen hielt. Ich habe letztlich zugestimmt, weil mir von allen Seiten versichert wurde, ich könne ja jederzeit neu beantragen, blablabla... Und Anfang des Jahres lief (gegen unseren Willen) auch die Schulbegleitung aus, weil er sich so toll entwickelt habe und in seiner Klasse voll sozial integriert sei. Am letzten Punkt hat sich auch nichts geändert, die Probleme haben wir zu Hause - und das betrifft die Teilhabe an Bildung ja nicht, auf die alleine sich das JA beruft. So in etwa.

Sorry für den langen Text. Ich könnte noch seitenweise schreiben :evil: .

Trotzdem liebe Grüße und danke für Eure Antworten!
der Große *12/2007 (eher Spektrumsnah)
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die Kleine *02/2014 (Asperger)
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