Trauer und Leichtigkeit Geschwisterkinder

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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kar_lotta
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Trauer und Leichtigkeit Geschwisterkinder

Beitrag von kar_lotta »

Liebe Forenmitglieder,

vielleicht kennt jemand diese Situation oder weiß einen Rat.

Wie auch in meiner Signatur steht, habe ich zwei Kinder. Unser älteres Kind ist seit Geburt mehrfach behindert. Das kleine Geschwisterkind entwickelt sich bislang regelgerecht. Mein Mann und ich sind sehr froh, dass beide Kinder bei uns sind. Doch merken wir in letzter Zeit immer wieder, dass unsere Gefühle für unser älteres Kind "schwerer"/nicht mit so einer Leichtigkeit verbunden sind. Das liegt daran, dass die Pflege unseres älteren Kindes aufwendig ist, aber auch daran, dass die Kommunikation/der Austausch aufgrund ihrer Behinderung schwerer sind. Durch die eingeschränkte Kommunikation und vermutlich wegen ihrer Autismus-Spektrums-Störung ist auch ihr Verhalten manchmal aggressiv. Die Interaktion mit ihrem Geschwisterkind ist leichter. Das stimmt uns Eltern sehr traurig, das wir das große Kind auch als Belastung empfinden. Habt Ihr eine Idee, wie wir auch mit dem großen Kind wieder zu mehr Leichtigkeit finden?

Herzliche Grüße
kar_lotta
kar_lotta mit Tochter (*10/2012),
körperlich und geistig behindert.
Symptome: hypoton, hypertropher Corpus Callosum. Keine Diagnose
Sohn (*11/2018)

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Engrid
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Beitrag von Engrid »

Hallo Karlotta,

ohne jetzt genug über die individuelle Situation zu wissen, kann ich nicht viel sagen.
Aber eines doch: Wenn man als Eltern eines autistischen Kindes tief ins Thema Autismus einsteigt, die familäre Kommunikation und organisatorische Struktur anpasst, dann taucht viel Lebensqualität auf, die davor von den Schwierigkeiten überdeckt war.
Ich kann ja nur von mir ausgehen: mit Junior kann ich nicht, wie mit der Tochter, herumalbern, ratschen, Unternehmungen machen, spielen geht auch nicht.
Wenn wir Eltern uns aber auf „seins“ einlassen, was nur 1:1 funktioniert, und die Besonderheiten seines Autismus immer im Kopf, dann tauchen da viele leichte und innige Momente auf.
Ich kann ihn nicht „rüberziehen“ in die NT-Welt, aber man kann ihn gut besuchen in seiner Welt.

Wenn Ihr jetzt also eine ASS-Diagnose bekommt, und Hilfen, dann dürfte manches leichter werden, weil nachvollziehbarer.
Außerdem: Ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, die Fähigkeit zur „Leichtigkeit“ ist ungleich verteilt 🤷🏻‍♀️

Was macht denn Deine Große glücklich?

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

kar_lotta
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Re: Trauer und Leichtigkeit Geschwisterkinder

Beitrag von kar_lotta »

Hallo Engrid,

herzlichen Dank für Deine Nachricht. Sich eins zu eins auf sie einzulassen, das hilft tatsächlich immer gut. Da gehört dazu, dass wir gemeinsam ihre Lieblingsserie schauen, mit ihrem Lieblingsspielzeug mit spielen oder einfach nur sein. Das ist nur eine Auswahl an Aktivitäten. Wichtig ist, dass wir auf ihre Signale achten, wenn sie Ruhe benötigt, damit sie nicht in einen Meltdown kommt. Da sind wir schon besser geworden.

Wie kündigt Ihr Eurem Sohn beispielsweise Veränderungen an? Was habt ihr beispielsweise in der Kommunikation und der Organisation angepasst?

Herzliche Grüße
kar_lotta
kar_lotta mit Tochter (*10/2012),
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Sohn (*11/2018)

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Engrid
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Beitrag von Engrid »

Hallo Karlotta,

ich muss zum Thema Veränderungen ein bisschen ausholen. Denn mit Ankündigen ist es nicht getan.
Über die Jahre hat sich bei uns ein Grundgerüst an Wiederkehrendem eingebürgert, das Junior sehr gut tut und ihm im Alltag sehr viel Sicherheit gibt.
Das sind im Tagesablauf zb feste Morgen- und Abendabläufe, im Wochenlauf zb feste Tage für bestimmtes Essen (Pizzatag, zb) oder bestimmte kleine Unternehmungen, im Jahreslauf gibt’s ja auch allerlei Fixes.
Je nachdem, wie detailliert das Kind das sichtbar braucht, kann man das alles in Tagesplänen, Wochenplänen und Kalendern festhalten. In den Ferien zb brauchte es bei uns detailliertere Pläne, damit er eine Struktur erkennt.
Gemacht habe ich das alles mit Metacom-Symbolen.
Bei Planänderungen/Ausnahmen habe ich das entsprechende Symbolbild mit einem ausgeschnittenen roten Kreuz ❌ überklebt, damit Junior das Konzept „Ausnahme“ versteht.
Diese Wochenpläne haben wir jahrelang gemacht, immer mit zwei Wochen Vorlauf.
Brauchen wir heute nicht mehr, denn Junior hat es internalisiert. 👍

Anderes Thema: Erklärungen zb immer mal gerne im SELBEN Wortlaut wiederholen, nicht einfach irgendwie. So geht es viel leichter rein. Klare Sprache hilft sehr, das eigene Reden mal überprüfen daraufhin.

Wenn das Kind drauf anspringt: „seine“ Sachen an feste Plätze, im Kühlschrank, Schuhschrank, ... das gibt Sicherheit und ermöglicht Selbständigkeit.
Ablaufpläne zb fürs Händewaschen, ... (als Beispiel für endlose gute Möglichkeiten von TEACCH-Visualisierungen)

Das sind jetzt alles Beispiele dafür, wie wir alles eingebaut haben in den Alltag, das geht einem in Fleisch und Blut über.

Im Grunde ist das ein ausgeweitetes Verständnis von Unterstützter Kommunikation, was wir da betreiben. Und viel TEACCH steckt drin, was ja dann quasi nahtlos ineinander übergeht.

Dazu zwei Buchtipps:
Praxis TEACCH von Anne Häussler (gibt mehrere Bände)
Einander verstehen lernen von Claudio Castaneda

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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