Pubertät und die Psyche

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Sina K.
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Pubertät und die Psyche

Beitragvon Sina K. » 09.01.2019, 11:51

Hallo,
unsere Tochter Kiara ist jetzt 14 Jahre und macht gerade eine sehr fiese pupertäre Phase durch. Ich hole einfach mal ein bisschen aus und schreib drauf los. Wie gesagt, sie war ein Frühchen der 28 SSW, hatte zwei Wochen nach Geburt einen Herzstillstand und aufgrund dessen nun eine Spastik aller Extremitäten, wobei sie ihren rechten Arm doch recht gut, benutzen kann. Sie hatte mit 5 und mit 14 Jahren einen heftigen epileptischen Anfall. Beim ersten wurde sie drei Jahre auf Ospolot eingestellt. Kiara spricht, kann diskutieren, ihre Meinung äußern und Gefühle zeigen. Lesen klappt, wenn auch schwierig, schreiben klappt besser, bei allem was mit Gedichten, Liedern, Namen merken zu tun hat, ist sie ein Ass, mathematische Sachen fallen ihr extrem schwer, sie rechnet immernoch im Zahlenraum bis 20 mit Anschauung. Sie möchte laufen können, aber nichts dafür tun wollen. Sie reitet ständig auf ihrer Behinderung rum und möchte Mitleid. Wir gehen 3x die Woche zu Therapien nach Schule und besuchen mehrmals im Jahr stationäre Aufenthalte. Hin und wieder zieht die Spastik auch OP´s auf den Plan. Kiara hat eine sehr enge Bindung zu mir, ich auch zu ihr wohlbemerkt. Sie ist wie mein Schatten. Daraus haben sich starke Trennungsängste entwickelt. Nun hat die Pupertät sie voll im Griff. Der Körper hat sich verändert, die monatlichen Beschwerden sind da. Kiara hat sehr starke Stimmungsschwankungen, welche schon in depressive Phasen fallen. Sie hasst ihre Behinderung, sie hasst die Therapien. Sie möchte keine Schienen mehr tragen, vor allem nachts. Vor allem aber hasst sie es, jeden Tag nach Hause zu kommen, quasi der Alltag. Sie geht dann an ihr Handy, Tablet oder PC und surft im Netz. Wir versuchen, ihr viele Angebote zu unterbreiten, nehmen sie überall mit hin, Kino schwimmen, selbst aufs Motorrad schnallen wir sie drauf und düsen öfters Runden im Sommer. Sie will ständig Action. Jetzt ist sie fast täglich frustriert, sie möchte gerne Freunde, hat aber leider keine. Sie mag sich mit uns Eltern und ihren Großeltern sich nicht merh beschäftigen. Sie hat mich total überrumpelt und gemeint, sie möchte ausziehen in eine WG... Ich war schockiert. Einerseits will sie raus, andererseits schafft sie es nicht, die ganze Nacht alleine zu schlafen. Es nervt sie alles. Kiara hat diverse Zwänge entwickelt, geht auch regelmäßig zu einer Psychologin. Sie spricht kaum zu Hause über ihre Probleme. Ich möchte ihr gern Angebote unterbreiten, wo sie mit anderen Teenis oder Personen zusammen ist, raus kommt aus ihrem, für sie langweiligen, Alltag, weiß aber leider nicht so richtig, wo ich mich da hin wenden kann. Vielleicht gibt es auch Studenten, die sich ein paar Euro dazuverdienen möchten, aber wie kommt man an diese? Wir wohnen auf dem Land, es ist schwierig jemanden zu finden. Nun habe ich viel aber noch lange nicht alles erzählt. Vielleicht hat der ein oder andere einen Tip für uns.

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uschi brand
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Beitragvon uschi brand » 09.01.2019, 15:42

Hi,
Kann deinem Schreiben leider nicht entnehmen, wo ihr wohnt, es sollte aber auch im ländlichen Bereich (inklusive)Freizeitangebote geben. Wende dich vllt mal an die Lebenshilfe, AWO, Rotes Kreuz o.ä. in der nächsten Kreisstadt, in unsrer Ecke wird z.B. eine wöchentliche Freizeitgruppe für Kinder/Jugendliche und ein Wochenendtreff angeboten. Da werden dann Ausflüge gemacht, Bowling, Kino- oder Pizzabende oder auch mal auf ein Konzert oder in die Disco ;)
LG Uschi

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Beitragvon Lisa Maier » 09.01.2019, 17:11

Hallo Sina,

schicke sie doch mal auf eine Jugendfreizeit. Da sieht sie euch mal eine Weile nicht und lernt andere Menschen kennen. Und lernt vielleicht auch, daß eine Behinderung kein Grund ist, um Mitleid zu bekommen.
Nach 14 Jahren kann einem das Therapieren schon zum Hals hinaus hängen. Ganz unterlassen kann man die Physio bei einer Spastik nicht, aber vielleicht doch etwas reduzieren (z.B. mal ein Jahr auf die stationären Dinge verzichten), damit sie sich nicht primär über ihre Behinderung definiert.
Hat sie in der Schule keine Kontakte?

Viele Grüße

Lisa

Michaela44
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Beitragvon Michaela44 » 09.01.2019, 17:44

Hallo Sina,

mir kommen spontan zwei Gedanken:

1. Als Teenager hatte ich auch eine Phase, in der ich alles doof fand. Ich denke, dass ist ganz normal. Alles verändert sich, man ist nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen. Eine blöde Situation.

2. Deine Tochter will von dir unabhängig sein und ist gleichzeitig abhängig von dir, durch ihre Behinderung mehr als andere Jugendliche. Zudem habt ihr eine sehr enge Bindung, wie du selbst schreibst. Die Pubertät ist nicht nur dazu da, dass sich die Jugendlichen abnabeln, sondern auch die Eltern von ihren Kindern. Ich denke, es wird deiner Tochter helfen, wenn du dich WENIGER um sie kümmerst und ihr mehr Eigenverantwortung gibst. Sie muss ihre Probleme selbständig lösen und nicht du. Sie weiß, dass sie dich jederzeit fragen kann, wenn was ist, und das ist / wird deine (neue) Aufgabe als Mutter - als Ansprechpartner da sein und sich ansonsten immer mehr zurücknehmen. Auch wenn es schwer fällt. Wenn du ihr Freizeitaktivitäten oder gar Freunde organisierst / vorschlägst, wird sie sie wahrscheinlich schon deshalb ablehnen, weil die Vorschläge von dir kommen. Das hat nichts mit dir zu tun, es ist eine normale Teenagerphase.
Asperger Autistin
mit neurodiverser Familie

Sina K.
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Beitragvon Sina K. » 09.01.2019, 19:08

Vielen Dank erstmal für euer Ohr.
Ich weiß ja selber, dass ich eine Übermutter bin, ihr alles recht machen möchte, ihr alles abnehmen möchte usw. Sicher ist es wichtig, sie erwachsen werden zu lassen, das weiß ich alles. Weiß auch, dass sicher ich diejenige bin, die vielleicht mal zu einem Psychologen gehen sollte. Ich komme mit der Situation noch immer nicht klar und bin werde von Schuldgefühlen zerfressen... Damals als sie den Herzstillstand hatte, lag ich eine Etage über ihr, musste selber nach ihrer Geburt operiert werden, konnt in dieser Nacht kein Auge zutun, als ob ich gespürt hätte, dass was nicht stimmt. Wäre ich nur bei ihr gewesen, hätte ich es vielleicht verhindern können bzw schneller handeln können, vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Diese Gefühle plagen mich. Das ist der Grund, dass sie mir immernoch irgendwie leid tut und ich ihr so alles ermöglichen möchte, was nur geht. Ich weiß, dass ist komplett verkehrt, aber sehr schwer zu ändern. Ich arbeite dran. In der Schule hat Kiara zwar Kontakte aber keine Freunde, die Kinder sind alle sehr auffällig, wie gesagt eine Schule für Geistig Behinderte. Kiara hat auch eine Schulbegleiterin, die ist quasi ihre Bezugsperson.
Auf eine Freizeitreise geben... weiß nicht wie das funktionieren soll... Sie hat 13 Jahre so an mir geklebt, konnte selbst nicht einschlafen ohne mich. Nun sind wir nach harter Arbeit soweit, dass sie alleine einschläft, ich aber immer das Babyphone (mit Kamera) neben meinem Bett habe, aus Angst vor einem erneuten epileptischen Anfall und dann mehrmals zu ihr muss, da sie gedreht werden muss und dann irgendwann mich auch zu ihr legen muss, da sie sonst nicht weiterschläft. Kompliziert, nervig und ach ich weiß auch nicht. Wüsste nicht wie das funktionieren sollte, wenn sie ein Wochenende woanders schlafen würde.
Sicher muss sie selbstständig werden und sich ihren Problemen selber stellen, aber wenn ich mich da komplett raushalte zieht sie sich da nicht noch mehr zurück? Dann kleb sie nur an ihrem PC und Handy, verfällt in Selbstmitleid und wird depressiv. Sie hat gerade eine Phase, in der sie nur Babylieder hört, da beamt sie sich quasi in eine Scheinwelt von früher und kapselt sich komplett ab. Weiter guckt sie auf YouTube nur Videos, wo Babys aufwachen und einschlafen, keine Ahnung was ihr das bringt aber das ist ihre Beschäftigung, wenn ich ihr keine Angebote unterbreite.
Zur Zeit fühle ich mich ein wenig überfordert mit der gesamten Situation.
Was die Therapien angeht denke ich, haben wir das recht gut im Blick. Alle Ferien über streichen wir sämtliche Therapien und Arztbesuche. Sie hat dann quasi auch Urlaub, steht ihr auch zu. Nichts desto trotz arbeitet man ja immer gegen die Spastik, ein Wachstumsschub und alles erarbeitete ist hin.

Schön aber, wenn man auch mal andere Meinung hört. Lieben Dank dafür.

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Beitragvon Beate139 » 10.01.2019, 06:07

Hallo Sina,

mein Ältester hat mal eine Freizeit über das Jugendamt mitgemacht. Da gings für 2 Wochen in ein Zeltlager. Normalerweise kann man da, wie es für deine Tochter angebracht ist, auch eine Begleitperson mitnehmen. In dem Alter, in dem deine Tochter ist, ist es normal, das man nicht mehr ständig von der Mama bemuttert werden will. Dieser Abnabelungsprozess gehört leider zum Erwachsenwerden dazu.

Mein Jüngster, der einiges an Behinderungen hat, reichte es damals schon aus, das ich ihn bis kurz vor die Schule gefahren habe und er das letzte Stück zu Fuß alleine gehen konnte, um ein Stück Selbständigkeit zu erfahren. Inzwischen allerdings ist er 17 und macht "ohne Mama" garnichts mehr alleine.

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Andrea5
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Beitragvon Andrea5 » 10.01.2019, 17:00

Sina K. hat geschrieben:Auf eine Freizeitreise geben... weiß nicht wie das funktionieren soll... Sie hat 13 Jahre so an mir geklebt, konnte selbst nicht einschlafen ohne mich. Nun sind wir nach harter Arbeit soweit, dass sie alleine einschläft, ich aber immer das Babyphone (mit Kamera) neben meinem Bett habe, aus Angst vor einem erneuten epileptischen Anfall und dann mehrmals zu ihr muss, da sie gedreht werden muss und dann irgendwann mich auch zu ihr legen muss, da sie sonst nicht weiterschläft. Kompliziert, nervig und ach ich weiß auch nicht. Wüsste nicht wie das funktionieren sollte, wenn sie ein Wochenende woanders schlafen würde.
Schön aber, wenn man auch mal andere Meinung hört. Lieben Dank dafür.


Hallo Sina,

vielleicht ist ein Kurzzeitpflegeaufenthalt eine Alternative. Viele Einrichtungen bieten sogenannte Schnupperwochenenden an. Da wird getestet, ob das Kind überhaupt in Kurzzeitpflege gehen kann. Mein Sohn ist Autist und musste bei einer Einrichtung eine Probewochenende absolvieren. Und das klappte auch ganz gut. Kuck mal hier rein:

http://www.kinderpflegekompass.de/einrichtungen.php

Steht auch im Kinderpflegekompass "Der Kupferhof" (Hände für Kinder)

https://haendefuerkinder.de/

Dort werden (auf jeden Fall beim erstenmal) sowohl die Kinder auch die Eltern mit aufgenommen. Da könntest du Kraft tanken, weil deine Tochter getrennt von dir betreut wird. Jeder von euch hätte ein eigenes Zimmer. Dort wird dir die Pflege und Betreuung des Kindes praktisch abgenommen.
Ausschlafen, für dich etwas machen oder als Elternpaar. Beim ersten Mal war ich dort mit Ben und meinen großen Sohn Jan (wurde als Geschwisterkind mit aufgenommen). Endlich mal lange schlafen und sich ausgiebig um den Großen kümmern. Übrigens werden in dieser Einrichtung mehrfachschwerstbehinderte Kinder betreut.

Und übrigens ist es ganz normal, dass auch unsere besonderen Kinder im Teeniealter nicht mehr große Lust auf Therapien haben. Von ursprünglich 3 Therapien in der Woche gibt es nur noch Logo. Ergo und Autismustherapie habe ich auslaufen lassen. Ben hatte auch keine Lust mehr dazu, weil er auch relativ spät aus der Schule kam so kurz vor 17 Uhr.

LG Andrea
Andrea Bj.1965/ Jan 11/98 KISS(KIDD), Legasthenie mit kormobide AVWS
/Ben 01/04 KISS(KIDD)2 Jahre blockadefrei , frühkindl. Autismus, Wahrnehmungsprobleme, expressive Sprachstörung , Hyperakusis
"WAS NICHT PASST, WIRD PASSEND GEMACHT" (von Peter Thorwarth)

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Beitragvon r.bircher » 10.01.2019, 19:53

Hallo

Ich schreibe jetzt als selbst Betroffener. Die Pubertät ist mit einer Behinderung eine brutale Zeit. Und vergiss es, dass du da irgendwas helfen kannst. Als Mutter bist du die falsche Ansprechperson. Ich denke der Knackpunkt ist die Akzeptanz der Behinderung. Bevor man an einer Behinderung arbeiten kann, muss man sie erst mal akzeptieren. Das ist ein Prozess und zwar ein schmerzhafter. Und so wie es aussieht, müsst ihr diese Arbeit beide noch machen.

Meiner Erfahrung nach kann man nur sich selbst ändern und niemand anders. Vielleicht machst du dich einfach mal auf den Weg und beginnst an dir selbst zu arbeiten. An den Schuldgefühlen usw. Ich kann mir gut vorstellen, dass das auch bei deiner Tochter einen Prozess anschiebt.

Gruss Raphael
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Katrin2001
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Beitragvon Katrin2001 » 10.01.2019, 22:44

Hallo Sina..........ich glaube ,daß die Puppertät unsere besonderen Kinder sehr fordert.
Meine Tochter hat auch starke Verlustängste und seit reichlich 1 Jahr sind wir auch verhaltenstechnisch am Kämpfen.
Allerdings sind die Gründe bei meiner Tochter etwas anders gelagert.

Sie hängt auch sehr stark an mir,will zeitweise nicht mit mir aber auch nicht ohne mich.Wir haben eine sehr starke Bindung und ich denke,genau das wird in der Puppertät zum Problem.

Man muß lernen loszulassen...........Ich habe letztes Jahr angefangen,mehr Auszeiten für mich zu nehmen.Habe fast jedes WE einen Tag "frei".......Treffe mich mit Freunden,gehe weg und versuche abzuschalten.......Das tut mir sehr gut und ich habe dadurch mehr Kraft für den Alltag.
Für meine Tochter ist es schwer,wenn ich "frei "habe........aber sie hat gelernt es zu akzeptieren und mein Mann kümmert sich an dem Tag um sie.

Ich glaube ,daß das sehr wichtig ist.Für beide !
Vielleicht brauchst du auch mal Zeit nur für dich ??LG Katrin

PS:Wir fahren ganz oft in den Tierpark in Lützen.Meine Tochter lehnt auch vieles ab,aber dorthin geht sie immer wieder gern!
Katrin mit Sophie geb.Juli 01 entwicklungsverzögert, wahrnehmungsst. ,Hirnschädigung,motor.Probleme.,Autistische Züge,verhaltensauffällig. Genetische Auffälligkeiten ,Sprachprobleme ,aber ne total süße Maus


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