TAZ: Dt. Schulsystem benachteiligt Migranten + Behinderte

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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AngelikaB
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TAZ: Dt. Schulsystem benachteiligt Migranten + Behinderte

Beitrag von AngelikaB »

http://www.taz.de/pt/2007/03/05/a0170.1/text

Hier ein interessanter Zeitungsartikel, der viel Staub aufgewirbelt hat über das deutsche Schulsystem.

LG, Angelika.

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katrinchen
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Beitrag von katrinchen »

Wow, das ist ja mal hart.
Ob das wirklich stimmt mit den Intelligenztestwerten und den Rechtschreibleistungen? Außerdem ist das ja wohl nicht alles, oder? Ob es einem Kind mit guten Rechtschreibkenntnissen gut geht, das täglich gemobbt wird? Jeder sucht doch nach Gleichgesinnten- sonst wäre ja dieses Forum reiner Quatsch! Ich denke, Integration um jeden Preis ist sicher nicht der richtige Weg. Es gibt eben besondere Kinder, die besondere Bedürfnisse haben und diese können in unserem derzeitigen Schulsystem nicht in der Regelschule befriedigt werden! Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass alles besser wird, wenn wir nur keine Sonderschulen mehr haben! :twisted:
Ich denke, dass man bei den Regelschulen anfangen muss, wie überall gefordert. Warum werden Kinder häufig schon nach vier Jahren sortiert? Müssen sie überhaupt sortiert werden? Warum gibt es nur einen Lehrer pro Klasse? Meine Vision: Eine Schule für alle- eine integrative Gesamtschule also! Und zwar eine, die die Bedürfnisse aller Kinder gleichermaßen befriedigen kann- von hochbegabten bis hin zu schwerstmehrfachbehinderten Schülern. Aber das ist wohl in naher Zukunft kaum zu erwarten :?
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Nata
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Beitrag von Nata »

So wie es aussieht, ist eher das Gegenteil zu erwarten. :( In BW gibt es sogar 13 Sonderschularten, habe ich mir sagen lassen. Für unsere Tochter passt aber keine so recht, so die Aussage der Ärzte und Lehrer. Und so ginge es sehr vielen Kindern. :shock:
Ich teile Deine Vision. Mehr individuelle Förderung, kleinere Klassen für alle, mehr Engagement und Courage von den Lehrern statt "entkindertlichte" Konzepte und Sortierungsdruck.
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Sabine
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Beitrag von Sabine »

Hallo zusammen,

es ist schon immer wieder interessant zu lesen, welche Schulen alle abgeschafft werden sollen - Hauptschulen, Sonderschulen... Nur hat niemand ein Konzept, auf welche Schulen die betroffenen Kinder "verteilt" werden sollen und wie denn die ideale Schule aussehen soll... Ich denke schon, dass sich Eltern und Lehrer auf Begabungsunterschiede einstellen müssen. Es macht wenig Sinn, 30 Kinder mit den unterschiedlichsten Lern- und Begabungsvoraussetzungen in eine Klasse "zu stopfen" und die Lehrer vor die Aufgabe zu stellen, nun das beste aus den Kindern heraus zu holen. Daran ist ja schon die Orientierungsstufe in Niedersachsen gescheitert - weshalb diese Schulform nach nur gut 20 Jahren wieder abgeschafft wurde und die Kinder jetzt auch wie in NRW nach der 4. Klasse auf die weiterführenden Schulen je nach Leistungsvermögen "verteilt" werden. Was wir bräuchten wären kleine Klassen mit mehreren Lehrern und wenig verhaltensauffälligen Schülern pro Klasse, sodass sie einander nicht aufstacheln können wie in Hauptschulklassen täglich zu beobachten ist. All das ist jedoch eine Kostenfrage... Genau wie der Förderunterricht für lernschwache Grundschulschüler am Nachmittag.

LG
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katrinchen
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Beitrag von katrinchen »

Die Sache mit den vielen verschiedenen Förderschulen sehe ich auch sehr kritisch... Wenn man schon zwischen behindert und nicht- behindert sortiert, warum muss man dann die Gruppe der Schüler mit Behinderung noch derart splitten? Meiner Meinung nach sollte jede Förderschule rollstuhlgerecht ausgestattet sein und ich fände es viel sinnvoller, tatsächlich Förderzentren zu schaffen statt sie nur so zu nennen! Das wäre zumindest eine integrative Gesamtschule im Förderschulbereich! Viele Kinder werden doch einer bestimmten Schule nur deswegen zugeordnet, weil in der Region die Alternativen schlechter ausfallen. War heute an einer Kb/Gb- Schule. da sitzen Kinder mit Lernbehinderungen, denen Körperbehinderungen "angedichtet" werden, damit sie nicht auf die furchtbare L- Schule müssen. Dann kann doch nicht wahr sein!! :evil:
Naja, aber was hilft es sich darüber aufzuregen. Ich habe immer das Gefühl, dass man doch nichts ändern kann... :(
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Nata
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Beitrag von Nata »

Es macht wenig Sinn, 30 Kinder mit den unterschiedlichsten Lern- und Begabungsvoraussetzungen in eine Klasse "zu stopfen" und die Lehrer vor die Aufgabe zu stellen, nun das beste aus den Kindern heraus zu holen.
Ich denke, dass ist gerade die eigentliche Aufgabe der Lehrer. :wink: Wobei kleinere Klassen natürlich vom Vorteil wären.
Nach welchem Schubladenverfahren willst Du 30 gleich begabte Kinder auswählen?
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C.J.
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Beitrag von C.J. »

Ich habe Schulen in 3 verschiedenen Laendern besucht und lebe in einem 4rten wo die Schule wieder anders funktioniert und ich muss sagen, das primitivste System finde ich am beste.
Das deutsche system finde ich persoenlich furchtbar, also mit 10 aussortiert werden?? Ich ging in BW in Heidelberg auf die Grundschule, bei uns waren fast alle Kinder von Universitaetsabgeschlossenen, dann gab es 4 Kinder (von 24) da waren die Eltern Arbeiter, die Eltern aller 4 Auslaender (1x tuerkisch, 2x russisch, 1x koreanisch).
Die 20 "deutschen" Kinder (also gut ein Viertel war gemischt, aber alle unsere Eltern hatten in Deutschland studiert) kamen aufs Gymnasium, das Tuerkische und die beiden Russen auf die Realschule, die Koreanerin, die kein Wort Deutsch sprach, auf die Hauptschule.
Niemand weiss was die Koreanerin leisten konnte, weil sie die Sprache nicht so beherrschte und deshalb wurde ihr mit 10 Jahren das Recht irgendwann studieren zu koennen genommen! Also nicht komplett genommen, aber wir koennen uns glaube ich schon einigen, dass es nicht einfach ist von der Hauptschule aufs Gymmi hochzukommen.
Das tuerkische Kind passte nach der Schule auf seine 3 kleinen Geschwister auf, niemand half bei den Hausaufgaben, weil beide Eltern kein Deutsch sprachen, ist es da ein Wunder, dass er nicht aufs Gymnasium kommt?? Aber ist es gerecht???

In Spanien und in Argentinien gehen alle zusammen zur Schule bis 18 (fast alle, man kann vorher aufhoeren, machen aber nur wenige), sind sie "duemmer", lernen sie schlechter, sind sie fauler, dann kriegen sie halt schlechtere Noten, oder Nachpruefungen, oder im Notfall Wiederholen sie halt. Aber alle haben gleiche Chancen. Und niemand wird mit 10 Jahren dazu prophezeit etwas sein zu koennen/duerfen oder nicht!

Meine Eltern haben einen guten Freund, der konsistent der schlechteste in der Schule war, man dachte er sei sogar leicht geistig behindert, weil er nichts verstand. Und dann irgendwann mit 18 da merkte er, dass er doch lernen wollte und es auch konnte, und er wurde Arzt.
Ja, obwohl er durchgehend 5er im Zeugniss hatte, wurde er Arzt, weil es in Argentinien Chancen-gleichheit gibt! Und er arbeitet nun in einem grossen Krankenhaus und transplantiert Organe. In Deutschland waere er nie im Leben so weit gekommen. Man haette ihm die Chance gar nicht gegeben.

Ich weiss nun nichts ueber Sonderschulen und denke, da ist es sicher sehr schwer, denn Kinder die behindert sind sind ja sehr verschieden und vielseitig und oft nicht in der Lage mit anderen behinderten Kindern Unterricht zu erhalten, weil sie einfach zu verschieden sind.
Aber die "normale" Schule, die finde ich in Deutschland furchtbar!
Grussi, CJ
C.J., humangenetische Beraterin in Great Ormond Street Hospital for Children, London.

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Beitrag von Sabine »

Hallo Nata,

es gibt Begabungsunterschiede, die bereits im Kiga-Alter auffallen und nach denen die Kinder bereits in der Grundschule gefördert werden müssen. Man kann nicht einfach 30 Kinder in eine Klasse tun, die sich vom Lerntempo her völlig voneinander unterscheiden und dem Lehrer sagen "Nun mach mal!" In den Gesamtschulen hat man das ja versucht - mit dem Ergebnis, dass die Hauptschüler überfordert und die Gymnasiasten unterfordert waren... Ich war in Niedersachsen auf der Orientierungsstufe und habe damit ganz schlechte Erfahrungen gemacht. 35 Schüler - vom verhaltensauffälligen Heimkind bis zur Hochbegabten war alles dabei. Die angehenden Gymnasiasten haben mit den Hauptschulkandidaten zwei Jahre lang überhaupt nicht geredet - es gab keinerlei Berührungspunkte. Die Klasse war auch viel zu groß - wie sollen Lehrer in so einer großen Klasse auf jedes einzelne Kind richtig eingehen können? Manche Lehrer kannten noch nicht mal richtig unsere Namen...

LG
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Beitrag von Nata »

Hallo Sabine,
Man kann nicht einfach 30 Kinder in eine Klasse tun, die sich vom Lerntempo her völlig voneinander unterscheiden und dem Lehrer sagen "Nun mach mal!"
Warum kann man das in anderen Ländern und in Deutschland nicht? Das Beispiel Finnland geht ja schon allen auf die Nerven.  8)
Manche Lehrer kannten noch nicht mal richtig unsere Namen...
Da würde ich sagen, man sortiere besser die Sortierer aus. :(
Ich kann Dir auch über meine Schullaufbahn berichten. Wir waren alle zusammen bis zur neunten Klasse, danach gingen einige wenige auf die Berufsschule, aber die meisten lernten weiter gemeinsam. Teilweise waren wir über 40 in der Klasse, was ich nicht gut finde. Aber es hat mir offensichtlich nicht geschadet. Ich konnte im Ausland (d.h. in Deutschland) meinen MA-Studium mit "sehr gut" abschließen und promovieren. Obwohl Deutsch nicht meine Muttersprache ist.
Übrigens, ich habe nie erlebt, dass ein Lehrer den Namen des Schülers nicht kannte.
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Beitrag von C.J. »

Ach ja, in Argentinien waren wir 50 in einer Klasse (30 an Tischen und 20 auf dem Boden, in Rotation), alle kannten die Namen aller, Lehrer und Schueler, es gab kaum Abgrenzung! Und das obwohl wir ja alle gemischt waren, die Klugen, die Dummen, die Ehrgeizigen und die nicht, die Arbeiter und Streber und die faulen Saeue!!!

In Deutschland gab es da schon mehr davon obwohl wir bloss 24 waren und in Spanien in einer deutschen Schule, einer Klasse von nur 14 waren wir 6!!! komplett getrennte Minigrueppchen die kaum etwas miteinander zu tun haben wollten (alles Topp-gymnasialschueler, die in die Extra-Klasse kamen. Wir bekamen dann noch 2 Faecher dazu, weil wir ja so clever waren, wohl aber nicht clever genug um miteinander auszukommen!!!).
Gruss, CJ
C.J., humangenetische Beraterin in Great Ormond Street Hospital for Children, London.

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