KiGA - Offener Brief?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Kieler
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KiGA - Offener Brief?

Beitrag von Kieler »

Hallo

Wir überlegen, über die Elternvertretung im Kindergarten eine Rundmail an alle Eltern zu senden.

Ein offener Brief, der erklärt, "daß wir kein böses Kind" haben, Finn manches einfach nicht mit Absicht tut und sein unangemessenes Benehmen auch nicht auf seine Erziehung oder sein Umfeld zurückzuführen ist.

In nettem Ton um Verständnis bitten und aufklären.

Meint ihr, daß dies eine gute Idee ist? Meine Frau schämt sich zunehmend gegenüber anderen Eltern, wenn diese miterleben, wenn Finn seine "5 Minuten" hat.

Außerdem tragen die Kinder die "Vorfälle" ja auch zu den Eltern.

Wir möchten uns nicht ausgrenzen lassen und denken, daß Aufklärung der richtige Weg sein könnte.

Was meint ihr?

LG
Kai

mamavonsarah
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Beitrag von mamavonsarah »

Hallo Kai,

ich bin ehrlich gesagt kein Freund von offenen Briefen.
Ich glaube, man "überschätzt" das Interesse der anderen Eltern - würde es sie interessieren, hätten sie euch längst angesprochen.

Ist es ein I-Kita?, dann sollte hier eher im Spiel durch die Erzieher pädagogisch eingewirkt werden.

Offene Briefe machen aus meiner Sicht dann Sinn, wenn das Kind eine erkennbare Behinderung hat. Dann "darf" man gesellschaftlich auch auf Mitgefühl hoffen (und selbst dann kann es schwer sein)
Verhaltensorginalitäten werden euch trotz aller Bemühungen dennoch angelastet werden - selbst eine amtliche Diagnose, die du in den Anhang stellst, ändert daran wenig.

(viele Eltern autistischer Kinder können davon ein Lied singen)

Die Eltern interessiert in der Regel nicht der Grund, warum ein Kind so ist wie es ist, sondern schlicht und einfach NUR, dass es dem eigenen Nachwuch prächtig geht.

Was versprecht ihr euch von einem Brief konkret?
Welche Informationen wollt ihr in zu Papier bringen?
Welchen konkreten Wunsch wollt ihr in diesem Schreiben zum Ausdruck bringen?
Seit ihr der Überzeugung, dass ihr mit dem Offenlegen tatsächlich und dauerhaft mehr Verständnis und "Beliebtheit" erreichen könnt wenn sich am Verhalten eures Kindes nichts ändert?

Ein Satz erschreckt mich... "meine Frau Schämt sich"....
Wenn man sich schon als Mutter bei diagnostizierter Besonderheit für sein Kind schämt, warum sollte die Umwelt das Kind dann annehmen und akzeptieren wie es ist? Vom Kind selbst einmal ganz abgesehen.

LG Sandy

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Engrid
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Beitrag von Engrid »

Hallo,

Offenheit finde ich gut, aber ob ein "Aushang"/"Offener Brief" das richtige ist? Kommt drauf an, was drin steht. (Eine Rundmail würde ich auf keinen Fall verschicken!)
Wenn die Erzieherinnen es schaffen, den Kindern zu vermitteln, dass Eurer Kind so in Ordnung ist, wie es ist, und vorleben, wie man mit solchen "fünf Minuten" umgehen kann, dann werden die Kinder das ihren Eltern auch vermitteln.

Wenn es nötig ist, würde ich eher am Elternabend ein wenig informieren. Und auf jeden Fall Gesprächsbereitschaft signalisieren, nach dem Motto "fragt einfach".

Deine Frau muss sich für nichts schämen. Euer Kind kann nix dafür, dass es sich "daneben" benimmt, und es wird - mit Hilfe einer toleranten Gemeinschaft - sehr vieles lernen. Diese Toleranz darf man ruhig einfordern. :wink: (für einzelne Entgleisungen vom Junior entschuldige ich mich schon, aber mehr auch nicht. Meine Erfahrung ist ganz klar: wenn ich hinter meinem Kind stehe, akut Fehlverhalten erkläre, dabei aber positiv bleibe, dann können die anderen plötzlich auch viel besser damit umgehen. Beispiel: Junior hat neuerdings die Neigung, fremde Kinder anzupflaumen. Das ist sehr unangenehm. Wenn ich die Kinder und ihre Eltern dann freundlich anlächle, Junior ruhig bitte, sich zu entschuldigen, dann ernte ich sehr viel Toleranz, weil dann offenbar landet, dass mir das a) nicht egal ist und b) es hier nicht um simple "Unerzogenheit" geht)

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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joeysmommy
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Beitrag von joeysmommy »

Hallo,


ich bin eigentlich Fan vom Briefe-schreiben, habe aber auch die erfahrung gemacht, dass solche offenen Briefe nicht viel bringen. Ich schließe mich Engrid an, würde eher auf einem Elternabend um kurze Redezeit bitten, die Probleme kurz schildern und die Eltern um Verständnis bitten sowie darum, bei Problemen bitte direkt auf Euch zu zu kommen.Das ist leider noch ihmmer kein Garant für Toleranz, aber ich glaube, es zieht besser als ein Brief.
Liebe Grüße, Verena (*07/78), mit Joana (*06/06), 35.SSW, V.a. ASS, FI, und Joshua (*11/10), Hypopl. d. re. unt. Extremität + Oligodaktylie, psychomot. Ret.

Kinderkrankenschwester in der amb. Intensiv-Kinderkrankenpflege

kati543
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Beitrag von kati543 »

Hallo,
du willst dich für das Verhalten deines behinderten Kindes entschuldigen? Deine Frau schämt sich sogar? Warum?
Meine Meinung bei eurem Problem wäre einfach: geht zu den Erzieherinnen und bittet beim Elternabend um etwas Redezeit. Alternativ könnt ihr die Erzieherinnen bitten das Sprechen zu übernehmen und notfalls noch ergänzen. Bei uns haben das die Erzieher/Lehrer nämlich gar nicht so schlecht gemacht. Sie haben nicht zu wenig, aber eben auch nicht zu viel gesagt. Sie wussten genau, wieviel nötig ist. Ich gestehe, ich hätte das wohl nicht gewusst.
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

Kieler
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Beitrag von Kieler »

Hallo,

Danke für euere Antworten.

Ich möchte zunächst erstmal auf die Fragen eingehen:

Was versprecht ihr euch von einem Brief konkret?
Beispiel: Ich bin sehbehindert. In einer Gruppe in der das nicht bekannt war (und man sieht es mir auch nicht immer sofort an) ist mir Besteck auf den Boden gefallen. Ich hab es liegen gelassen in der Kantine, da ich nicht auf dme boden kriechen und dannach suchen wollte. 2 Meter weiter sprach mich eine Teilnehmerin an, "Können Sie das nicht aufheben?" ... meine Begleitung kam hinzu und half mir fix. Man hat keine Lust sich immer und immer wieder zu erklären. "Tschuldigung, ich kann schlecht sehen" führt nur zu sätzen wie: "Das kann jeder sagen"
Deshalb denke ich, das Aufklärung wichtig ist. Wenn die Eltern wissen, das er nicht einfach nur schlecht erzogen ist (was man definitiv denken kann), dann sehen sie Situationen vielleicht mit einem anderen Auge.

Welche Informationen wollt ihr in zu Papier bringen?
Keine Fakten. Nur, daß Finn mit einer Benachteiligung durchs Leben geht, die dazu führt, daß ihn Situationen schnell überfordern und er unangemessen reagiert.

Welchen konkreten Wunsch wollt ihr in diesem Schreiben zum Ausdruck bringen?
Das das Umfeld von Finn aufgeklärt ist.

Seit ihr der Überzeugung, dass ihr mit dem Offenlegen tatsächlich und dauerhaft mehr Verständnis und "Beliebtheit" erreichen könnt wenn sich am Verhalten eures Kindes nichts ändert?
Ja, definitiv. Denn wir werden in diesem Ort weiterhin wohnen und bevor sich Fronten verhärten kann man den Ball auch zurückspielen!


Wisst ihr, es sind häufig die extremen Situationen, die einen "in die Knie" zwingen. Kinder vom Roller schubsen, Kinder mit einem Spiel-Kinderwagen überrollen, Mama beim Anziehen schlagen - das sind so die normalen Sachen. An Tagen wo er aber dann einen Kinderwagen samt Baby umschmeißt (es war zum Glück angeschnallt) - da stehst du plötzlich mit dem Rücken nicht mehr an der Wand. In den folgenden Tagen scheint dich jeder anzugaffen. Wir tragen es dem Junior nicht nach und versuchen es ihm immer zu erklären ...
Die Personen, die von solchen Situationen betroffen sind (oder deren Kinder betroffen sind) sprechen wir schonmal an und "erklären es". Finn entschuldigt sich immer. Es ist fast so, als wüste er garnicht was er angestellt hat.

Oft ist man aber mit so einer Situation einfach überfordet und möchte sich am liebsten in Luft auflösen.

Kieler
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Beitrag von Kieler »

Ich muss noch hinzufügen.
Man sieht es ihm definitv nicht an. Und im Regelfall ist er halt auch absolut nicht auffällig. Ein ganz normales Kind ... augenscheinig.

IlonaN
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Beitrag von IlonaN »

Ich habe hier auch so einen Fratz dem mann seine Behinderung nicht ansieht und so hält sich auch die Akzeptanz der anderen extrem in Grenzen. Ich kann nachfühlen was euch zu diesen Gedanken führt. Wenn es eine I-Kita ist würde ich es mit der Leitung absprechen und die Erzieher bitten auf einem Elternabend darüber aufzuklären. Ich sehe in einer I-Kita auch eher die erzieher in der Pflicht und auch die anderen Eltern wissen ja dann das es dort behinderte Kinder gibt und können so begreifen das Behinderungen nicht immer gleich offensichtlich sind . Auch in einer normalen Kita würde ich das Gespräch auf einer Elterversammlung oder den jetzt anfangenden Weihnachtsfeiern suchen. Es wird zwar immer Eltern geben die davon nichts wissen wollen, aber damit muss man ja leider leben. wichtig ist das der Erzieher hinter euch und dem Kind steht.
Ich 1961 Ösophagusatresie
Großfamilie mit leibl.Kindern/Ado-Kind und Pflegekindern mit FASD, ADHS, Autismus, Bindungsstörung mit Enthemmung ,Asthma, Neurodermitis u.v.m.

Mama Ursula
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Beitrag von Mama Ursula »

Hallo,

auch wir haben Kinder, denen man ihre seelische Behinderung nicht ansieht und glücklicherweise oft auch nicht unbedingt anmerkt - Distanzlosigkeit eines 12-jährigen, der diese charmant verpackt, kann von vielen Außenstehenden auch einfach als Weltoffenheit und eben charmantem Interesse interpretiert werden.

Aber wenn es dann eben mal anders läuft, ist es mit der Toleranz und dem wohlwollenden Abwinken Außenstehender schnell vorbei.

Wir sind insgesamt sehr offene Menschen, die gerne "nebenher" erzählen, berichten - zum Beispiel eben, wenn man mit den anderen Eltern vor dem Kindergarten, der Schule auf die Sprösslinge wartet(e).
Erzieher und Lehrer waren bei uns NIE hilfreich!

In Eurem Fall finde ich es sogar noch wichtiger, da es offensichtlich immer wieder zu fremdgefährdenden Situationen kommen kann. Wenn die andere Eltern das vorher wissen, können diese mit "aufpassen" und ggf. ihre Kinder(wägen) schützen.

Für Euren Schatz würde ich mir wünschen, dass Ihr Hilfe bekommt, die ihm ein "ungefährlicheres" Explodieren beibringt - also lieber geht was (z.B. eine Wutschachtel aus Holz oder das Innere eines Ü-Ei gefühlt mit etwas Schwerem) kaputt, weil er es sich in so einem Moment greifen "darf" und auf den Boden pfeffern darf, als dass er andere verletzt und sich hinterher entschuldigen muss...

Ich muss aber auch gestehen, dass meine Ideen begrenzt sind und meine Gesprächs-Erfahrungen mit anderen Eltern/ Mitmenschen sehr unterschiedlich (von super hilfreich und positiv bis hin zu absolut ablehnendem Verhalten) sind.

Drück Euch die Daumen, dass Ihr einen guten Weg findet!

Ich schreibe übrigens durchaus gerne ausführliche, erklärende, offene Briefe :wink: Die Bandbreite der Reaktionen ist immer gleich, ob Info-Ansprache am Elternabend oder reflektierter, ausführlicher Brief - mir geht es damit aber oft besser.

Grüßle
Ursula
Kinderkrankenschwester mit Fachweiterbildung Palliativ Care und Außerklinische Beatmung.
Pflegemutter von Jessy (18J., Asphyxie-ICP, Baclofenpumpe in Mannheim bei Dr. Kunkel, trotz schwerster Skoliose, dank CBD anfallsfrei), kl.Bub (2J. SHT-ICP, Baclofenpumpe, trotz OP-Gewicht < 15kg, dank CBD anfallsfrei), 2 gr. Jungs - ausgezogen.

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JasminsMama
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Beitrag von JasminsMama »

Hallo Kai,

ich finde Information weiterzugeben prinzipiell gut.

Ein offener Brief, der ohne weiteren Erklärungen an Eltern geht oder in den Aushang, finde ich dafür nicht so günstig.

Ich würde es eher wie Katrin versuchen und bei einem Elternabend das Wichtigste erklären, dann können die Eltern, die interessiert sind, Euch auch direkt noch ansprechen und Fragen stellen.

Denn bei einem Aushang oder Brief wird schnell unter den Eltern z.B. am Schwarzen Brett geplaudert und dann würde ich befürchten, dass Eltern deren Kinder evtl. direkt betroffen sind, weil Finn das Kind geschubst oder verletzt hat, Eure Erklärungen nur als "das ist ja alles nur eine Ausrede für ein unerzogenes Kind" wahrnehmen würden.

Das ist zwar nicht vollkommen ausgeschlossen, wenn Ihr Euch im persönlichen Gespräch öffnet, aber ich denke doch, dass die Akzeptanz dann größer ist.

LG und alles Gute

Sandra
Sandra 06/76
Jasmin Marie 05/02 globale Entwicklungsverzögerung, vis. Wahrnehmungsstörung, Lernbehinderung, starke Hyperopie rechts, hochpathologisches EEG (Besserung seit Jan. 12),
PG 3, SBA 80% B, G, H
***Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht***

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