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Vater mit Jakob (Verdacht auf ADS)
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Jakobspapa
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Anmeldedatum: 31.03.2017
Beiträge: 61
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BeitragVerfasst am: 31.03.2017, 16:45    Titel: Vater mit Jakob (Verdacht auf ADS) Antworten mit Zitat

Hallo,

ich lese schon eine Weile u.a auf diesem Forum mit, und möchte Euch heute unseren Sohn Jakob, 11 Jahre, vorstellen. Neben ihm und mir gibts bei uns noch einen kleinen Bruder (6 Jahre) sowie die Mama der beiden.
Uns quält seit Jahren ein Problem mit unserem Großen, und wir vermuten stark, dass er unter einem ADS leidet; weshalb - dazu möchte ich von unseren Leidensweg berichten. Das wird etwas länglich, sorry dafür - mir tut es bereits gut, mir das einfach mal von der Seele schreiben zu können, worüber ich mit anderen Eltern und meinem Bekanntenkreis kaum bis gar nicht sprechen kann.

Jakob war schon als Baby ein Kind, das sehr viel Nähe brauchte, extrem kuschelig - dann ging es ihm richtig gut, was für mich immer eine Freude war. Seine Sprachentwicklung war zunächst geringfügig verzögert, doch dafür gabs dann recht schlagartig gleich Dreiwortsätze.

Bereits im Kindergarten verfügte er über einen außergewöhnlichen Wortschatz und eine ganze Menge eher untypisches Allgemeinwissen, da er immer sehr wissbegierig war, und ich u.a. wohl dem Typ "Nerd" zuzurechnen bin, der das auch immer gerne vermittelt. Er war immer sehr aufgeschlossen für alles neue, und hatte nie Scheu vor anderen Menschen, schon fast zu wenig, selbst gegenüber fremden Erwachsenen.
Seinem ausgeprägten Wortschatz stand eine Lautbildungsstörung gegenüber, die er mit etwas Logopädie recht schnell in den Griff bekommen hat.

Der KiGa war zwar in bequemer Laufweite, und wir versprachen uns davon Kontaktmöglichkeiten mit Kindern in seiner unmittelbaren Nähe, aber aus heutiger Sicht war das keine gute Wahl. Dorthin kam er mit knapp 3, was der KiGa-Leiterin bereits im Vorfeld missfiel, da sie sich arg davor fürchtete, dass das Kind bis dahin vielleicht noch nicht 100% sauber sein könnte (entsprechend angewiderte Reaktionen, wann immer bei einem Kind mal etwas in die Hose ging). Die Kinder wurden mehr oder weniger verwaltet und mussten nach Plan funktionieren - was Jakob nicht tat. Aus allen möglichen Spielsachen baute er "Maschinen", was zu Klagen seitens der KiGa-Leiterin führte, er spiele "mit den Spielsachen nicht wie vorgesehen". Bereits damals war er ein kleiner Chaot, Aufräumen eher ein Fremdwort, und gerne ablenkbar und zum trödeln neigend. Manche Dinge wie malen konnte er nicht leiden, musste aber trotzdem. Im Vorschuljahr meinte die KiGa-Leiterin, sie habe deshalb Zweifel, ob eine normale Schule für ihn das richtige sei - ernst nehmen konnten wir das nicht, denn die Leiterin hatte im Laufe des KiGa mehr als die halbe Gruppe zur Ergotherapie und/oder zur Logopädie geschickt, und an fast allen etwas zu mäkeln - leider nicht auf konstruktive Weise, sondern es wurde immer vorwurfsvoll artikuliert.
Mit anderen Kindern kam er gut klar, kümmerte sich um schwächere, und ein Mädchen, das ihm später spinnefeind werden sollte, klammerte sich komplett an ihn - zum Missfallen ihrer Eltern, die private Kontakte außerhalb des KiGa weitgehend unterbanden.

Nur wenige Wochen vor Beginn der Grundschule hatte er beschlossen, lesen und schreiben zu lernen, und sich das Alphabet in einem Affentempo draufgeschafft. Bei einer Einführungsversammlung kurz vor Schulstart las er laut vor, was auf der Tafel stand - was zu freundlichem Gelächter, aber auch zu manchem bissigen Kommentar über den kleinen Angeber unter den Eingeborenen (wir sind "Zugereiste") führte.

Tatsächlich begannen aber bald nach Beginn der Grundschule die Probleme.
Nach nur wenigen Wochen wurden wir zum Gespräch gebeten. Jakobs Tisch sei ein einziges Chaos, und er sehe ständig zum Fenster raus, wirke oft nicht anwesend (wisse aber erstaunlicherweise trotztem bescheid, wenn man ihn anspreche).
Jakob wurde von ihr oft bloßgestellt, und weinte oft vor allen anderen bei Kritik. Wegen seiner Unordnung führte sie Wettbewerbe ein: die Tischreihe, die nach Unterrichtsende am schnellsten mit aufräumen fertig war, bekam eine kleine Belohnung. Natürlich wollte dann niemand mehr Jakob in der Tischreihe haben. Irgendwann ordnete sie eine Klassenkameradin als persönliche Aufpasserin ab, sie sollte dafür sorgen, dass er keinen Unsinn macht. Das Mädchen war dadurch sicher überfordert, und dachte, es könne ihn jetzt nach Belieben herumkommandieren. Als auch das nicht funktionierte, verbannte sie ihn kurzerhand in die hinterste Bank, wo sie "ihn nicht sehen" musste. Sie sei ja so froh, dass sie nicht weitere "solche" Kinder in der Klasse habe.
Bei den Kindern - auch noch > 3/4 Mädchenüberschuss - machte das Schule, man durfte sich an Jakob nach Belieben austoben, und recht bald wusste ein Grüppchen von Kindern (führend dabei das Mädchen, das sich im KiGa an ihn geklammert hatte), wie sie ihn erfolgreich, in Abwesenheit von Lehrern, aus der Fassung bringen konnten, um ihn anschließend zu verpetzen wenn er sich wehrte. Das tat er verbal - und wir bekamen ständig Hinweise, er habe schon wieder "Ausdrücke" benutzt. Wandte er sich stattdessen an die Lehrer, wurde er abgewiesen.
Ständig fehlten Sachen - Stifte, Hefte, sogar seine Klamotten verschwanden. Teilweise aufgrund seiner Unordentlichkeit, z.T. tauchten Dinge aber auch hinter Schränken wieder auf, so als seine sie mutwillig dort versteckt worden. Für die Schule war Jakob selbst dafür verantwortlich, wir kannten uns gar nicht mehr aus. Einmal fehlten Magneten von der Tafel. Jemand behauptete, Jakob habe sie gestohlen. Tatsächlich waren sie in seinem Schulranzen, den er bereitwillig herausgab und sicher war, dass da nichts zu finden sei. Wir wissen bis heute nicht, ob sie ihm untergeschoben wurden, oder ob er einfach verdrängt hat, dass sie beim nachsehen auftauchen werden, wenn er sie tatsächlich genommen hat (warum, wird vielleicht weiter unten klar). Natürlich zog auch das ein Elterngespräch nach sich. Ab da war Jakob schuld, wann immer irgend etwas unzuordenbares vorgefallen war.

In der zweiten Klasse, wenn ich mich noch recht erinnere, wurde dann von Druckschrift auf Schreibschrift umgestellt. Erwähnenswert: seine Rechtschreibung war von Anfang an hervorragend, auch bei Fachwörtern - dafür scheinen Klein-/Großschreibung und Satzzeichen ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Ab der Schreibschrift begannen seine Schulhefte, immer fürchterlicher auszusehen. Ein Gekrakel, das er selbst nur mit Mühe entziffern konnte. Auch gezieltes üben half nichts, was in der Schule natürlich zusätzlich missfiel. Versuche, den Hefteinträgen, bei dem jeder ein Unikat war (mal mit Abstand vom Rand, mal ohne, mal viele Leerzeilen zwischen den Absätzen, manchmal gar keine Absätze, ...), durch Trennlinien Struktur zu geben, wurden von der Lehrerin wild überkorrigiert und unwirsch kommentiert.
Seine Unstrukturiertheit ist dabei nicht auf sprachliche Fächer beschränkt. Insgesamt lagen und liegen seine schriftlichen Leistungen weit unter seinen gedanklichen/mündlichen. Der Kerl schafft es oft, Rechenaufgaben mit größeren Zahlen im Kopf zu lösen. Zu Papier bringt er aber nur das Ergebnis, meistens auch noch mathematisch falsch formuliert und schwer leserlich - was in Proben fatal ist.

Zunehmend vergaß er Hausaufgaben. Einmal hatte er eine Aufgabe irrtümlich zusätzlich gemacht, die am nächsten Tag im Unterricht behandelt wurde - dafür bekam er eine Strafaufgabe. Mit freiwilligem lernen über das Soll hinaus war ab da Schluss. Die Lehrerin hatte sich komplett auf ihn eingeschossen - egal was er machte, es war falsch. Mitten im Schuljahr gab es eine Situation, in der sich irrtümlich herumgesprochen hatte, dass die letzte Stunde ausfiele. Eine Lehrerin hatte Jakob wohl dann noch gesagt, dass das nicht stimme, aber aus irgend einem Grund ging er trotzdem eine Stunde früher heim (wir vermuten, dass er von seinen Klassenkameraden verschaukelt wurde). Fünf Minuten später läutete das Telefon. Das Schulsekretariat fragte, ob Jakob zuhause sei. Wir waren recht verdutzt; natürlich, die letzte Stunde war ja ausgefallen. Im Hintergrund hörte man eine Lehrerin toben, die völlig außer sich schimpfte "Er hat sich meiner Anweisung widersetzt!!!". Am Telefon war sie dann die Freundlichkeit in Person; es sei ja nicht so schlimm, und er hätte wohl etwas missverstanden. Kurz darauf zog die Schule allerdings die Schulpsychologen hinzu - einen sehr erfahrenen Arzt kurz vor dem Ruhestand, und ein junges unerfahrenes Huhn, das unsere Tochter hätte sein können, und seinen Job zukünftig übernehmen sollte.

Sie führten mehrere Gespräche und Tests mit Jakob durch. Ergebnis: IQ-Test > 120, aber keine Hochbegabung (es sollte ausgeschlossen werden, dass er einfach unterfordert ist), starke Beziehung zu uns als Eltern, und einige Hinweise, die auf ADHS deuteten. Während der Tests wurde Jakob weinerlich, wenn er unsicher war. Festlegen wollte sich der Schulpsychologe nicht, das sei nicht sein Fachgebiet, und hat uns an einen Kinderpsychiater verwiesen. Die Schulpsychologin saß einen Tag in der Klasse, und führte ein paar Tests durch, u.a. bekamen alle Karten, auf denen sie eintragen mussten, neben wem sie am liebsten sitzen würden, und neben wem überhaupt nicht. Neben einer kleinen Gruppe Kinder, darunter auch Jakob, wollte niemand sitzen. Daraus schlussfolgerte sie, er sei unbeliebt (was wir auch ohne diese Tests schon wussten...).

Beim Kinderpsychologen bekamen wir sehr schnell einen Termin (Privatpatient). Er wurden mehrere standardisierte Tests durchgeführt, angefangen bei Eltern- und Lehrerfragebogen. Der IQ-Test lieferte ein ähnliches Ergebnis wie der des Schulpsychologen, die anderen Bereiche waren Durchschnittlich oder leicht überdurchschnittlich, Selbstorganisation etwas unterdurchschnittlich (aber nicht gravierend). Die einzigen Indikatoren waren die Fragebögen - und so wollte der Arzt ganz deutlich ein ADS gesehen haben. Er spulte uns seinen ganzen Bauchladen an Therapien inkl. Ritalin ab, wirkte dabei völlig unmotiviert, und hielt Jakob im Abschlussgespräch für 10, obwohl er erst 8 Jahre alt war. Ein Gespräch zwischen Jakob und dem Arzt gab es zuvor nicht, die Tests wurden von den Arzthelferinnen durchgeführt. Als dann die Rechnung kam, mit sehr "kreativen" Posten, und sogar Termine abgerechnet wurden, die gar nicht stattgefunden hatten, brachen wir die Behandlung ab, da wir kein Vertrauen zu der Praxis, und eher den Eindruck hatten, es ginge vor allem um die Abrechnung.
Heute machen wir uns Vorwürfe, uns danach nicht nach anderen Ärzten umgesehen zu haben. Aber die Uhr lässt sich bekanntlich nicht zurückdrehen. In der Schule geschah etwas unerwartetes. Eines der Mädchen, das Jakob immer ärgerte um ihn zu verpetzen, weitete seine Attacken auch auf andere Kinder aus, so offensichtlich, dass es von der Lehrerin bemerkt wurde. Jakob war dann erst mal aus der Schusslinie, die Lehrerin entschuldigte sich sogar am letzten Elternsprechtag für ihre Fehleinschätzung. Wir atmeten auf, und dachten, das Problem sei erst mal ausgestanden.

In den Klassen 3 und 4 wechselten die Lehrer, Jakobs Chaos, Träumerei etc. waren eher Nebenthemen. Neu hinzu kam ein massiv verhaltensauffälliges Kind, an dem sich fortan der Volkszorn entlud. Jakob war erst mal aus dem Fadenkreuz, und auch wenn das peinlich ist: wir waren erleichtert darüber. Leistungsmäßig war alles im grünen Bereich, er hätte jedoch erheblich besser sein können, wären da nicht die vielen Flüchtigkeitsfehler gewesen. Mehrere Proben gab er bereits nach 10 Minuten ab, ohne sie nochmal zu überprüfen - und oft hatte er Teilaufgaben übersehen. Oder er prüfte schon beim Schreiben so genau, dass er nicht mit allem fertig wurde, einen Mittelweg fand er nicht. Trotzdem waren die Noten OK. Er war immer der Experte, besonders wenn es um Technik ging, er verfügte auch sonst über hervorragendes Allgemeinwissen, und war der, der immer die Dinge erklären konnte und vor der Klasse erklären durfte, die sonst niemand wusste. Leider wusste er nicht, wie das zu dosieren war, und belehrte auch andere, wenn diese gar nicht belehrt werden wollten, was als Arroganz herüberkam. Beim sonstigen Unterricht war es immer schwierig für ihn, zu folgen. Während die anderen die Aufgaben schon erledigt hatten, hatte er noch gar nicht mitbekommen, dass er anfangen soll - oft war eine Extraeinladung nötig. Probleme mit dem eigentlichen Stoff gabs dagegen so gut wie nie. Auf Dinge, die ihn interessieren, kann er sich unglaublich fokussieren - z.B. Computerspiele, bzw. technische Themen allgemein. Er fällt dabei in eine Art Hyperfokus. Lego Technik findet er auch spannend, aber wenn der Bausatz zu umfangreich ist, verliert er dauerhaft das Interesse daran. Allgemein ist seine Frustrationstoleranz sehr niedrig bei den meisten Sachen - entweder etwas funktioniert gleich, oder er gibt auf.

Im absoluten Vordergrund stand in diesen beiden Jahren sehr bald massives Mobbing, das über Drohungen bzgl. meines Arbeitsplatzes (eines der Mädchen war die Tochter meines Chefs) bis hin zu Verboten gegenüber den noch wenigen Kindern ging, die mit Jakob klar kamen, mit Jakob befreundet zu sein. Eine Weile lang war Jakob mit einem auch neu dazugekommenen Mädchen gut befreundet (da kamen schon die ersten Hormone durch). Auf dem Schulhof wurden die beiden voneinander getrennt gehalten, indem sich das Grüppchen Kinder gezielt körperlich zwischen beide stellte, und mit lief, wenn die beiden weggingen. Bei Gruppenarbeiten im Unterricht sehr ähnlich - das Mädchen wurde durch die anderen "beschützt". Irgendwann schubste Jakob die Rädelsführerin auf die Seite, die sich darauf hin fallen ließ, und weinen "musste". Natürlich folgte eine Strafarbeit für unseren aggressiven Sohn. Der Druck wurde für das Mädchen irgendwann zu groß - sie wandte sich von Jakob ab, und da wurde sie dann auch von den Mobbern fallen gelassen, die sie ja nur vor Jakob "beschützen" wollten. Die Schule wiegelte das alles als "Eiferüchteleien unter Kindern ab". Letztendlich war er vollkommen allein isoliert, ohne einen einzigen Freund. Der letzte zog nach der 3. Klasse weg, und war dann an einer anderen Schule.

Katastrophal war die 4. Klasse. Jakob hatte sich zwischenzeitlich als Klassenclown versucht, um überhaupt noch irgendwie mit den anderen zu interagieren, was ihm zwar manchen Lacher, aber noch weitere Geringschätzung einbrachte. Im letzten Halbjahr wurde er zunehmend verschlossen, weinte oft, wenn er heimkam, wollte aber nicht darüber sprechen, auch nicht mit mir. Kuscheln war schlagartig gestorben - selbst mit mir (bei meiner Frau schon etwas länger - aber die ist ja auch ein Mädchen, igitt Wink ). Wir waren ratlos, aber zum Glück ein Ende in Sicht. Die Noten taugten trotz allem bequem für einen Übertritt ans Gymnasium - und da landeten ohnehin nur ein paar wenige Kinder seiner bisherigen Klasse. U.a. leider ausgerechnet die Mobber. Wir konnten aber erreichen, dass er in eine andere Klasse kam, in der auch sein Freund aus der 3. Klasse landete.

Dann eskalierte die Lage, wenige Wochen vor Grundschulabschluss. Jakob wurde von einem Kind vor der ganzen Klasse offen gedemütigt. Keiner könne ihn ausstehen (seine schlimmste Angst) - und alle haben gelacht. In einem Fragebogen zu einer an diesem Tag durchgeführten Gruppenarbeit antwortete er auf die Frage "Wie ging es Dir bei der Gruppenarbeit?" mit "mir geht es beschissen, ich wünsche meinen Klassenkameraden eine unheilbare Krankheit an den Hals, an der sie krepieren". Wenige Tage später nahm ihm der selbe Mitschüler, der ihn gedemütigt hatte, im Unterricht sein Geodreick weg. Die Lehrerin, die ihn zur Rückgabe aufforderte, ignorierte er, und zerbrach es einfach grinsend vor aller Augen. Jakob schoss hoch, schlug nach ihm, und traf ihn am Arm. Zeitgleich, Ende Juni 2016, ereignete sich der Amoklauf von München. Sofort zog die Schule dazu Parallelen, und ließ uns ein Schreiben zukommen, in dem Jakob mit einem Terroristen verglichen wurde, der eine Gefahr für sich und andere darstelle. Die arme Lehrerin sei herzensfroh gewesen, dass keine spitzigen Gegenstände in Griffweite gewesen seien, etc.
Wir konnten einfach nicht mehr, und verstanden die Welt nicht mehr. Dabei war von ihm nie erwähnenswerte körperliche Aggression ausgegangen - verbal ja, aber aus für mich sehr nachvollziehbaren Gründen. Aber die Schule hatte offenbar das Bedürfnis, uns die gesammelte Verantwortung in einen Umschlag zu packen - auch so schafft man sich unangenehmes vom Leib. Etwas entschuldigen muss ich dennoch den Grundschulleiter, der zugleich Klassenlehrer der letzten beiden Jahre war, und letztlich zwar alles abblockte, was der Schule hätte auf die Füße fallen können, dennoch aber ein sehr gutes persönliches Verhältnis zu Jakob hatte. Es bezeichnete ihn immer als besonderes Kind, schlau und mit einem altersuntypischen Sinn für Sarkasmus und Ironie, den man sonst nur selten finde, worüber er sich immer wieder freue. Er drängte auch sehr darauf, Jakob aufs Gymnasium zu schicken; die Probleme, die er hat, würde er wohl auch an jeder Real- oder Hauptschule haben, nur dass er dort nicht das "Futter" bekäme, das ihn aus der Reserve locken könnte. Wir teilen diese Meinung.

Die darauffolgenden Sommerferien waren geprägt von Zukunftsängsten, und auch der Urlaub keine wirkliche Erholung.
Ganz entgegen unserer Befürchtungen startet die 5. Klasse der weiterführenden Schule richtig toll. Jakob war plötzlich wie ausgewechselt, er konnte wieder lachen, ließ sich wieder in den Arm nehmen - alles erst mal wie weggeblasen. Neben seinem bereits bekannten Kumpel baute er recht schnell eine Beziehung zu einem ihm bis dahin unbekannten Mädchen auf, mit dem er seither sehr innig befreundet ist, vielleicht sogar etwas mehr als das. Alles lief sehr gut, inkl. seiner Leistungen.
Doch es dauerte nicht lange, da bliesen wieder - trotz Parallelklasse! - die ehemaligen Mobber Sturm auf ihn. Belästigungen vor Unterrichtsbeginn, in der Pause, an der Bushaltestelle. Während er von 7 - 9 Kindern (darunter auch ihm völlig Unbekannte) erniedrigt wurde, konnte er am Handy eine Audioaufnahme starten. Man verstand nicht alles, nur, dass die Mobber planten, ihn zu provozieren, und ihm gleichzeitig mit der Polizei drohten. Und seine neue Freundin wollten sie auch gegen ihn aufhetzen.

Darauf wandte ich mich an die Klassenleiterin und bat um ein Gespräch, aus dem ich sehr ernüchtert herauskam. Ja, der Sache werde man sich annehmen. Aber Jakob sei, ganz unabhängig von meinem Anliegen, unkonzentriert, abwesend, chaotisch, vergesslich - irgendetwas stimme nicht. Er verweigere z.T. die Leistung, obwohl er eigentlich gut sei, weine stattdessen, möchte nicht laut vorlesen, wenn er dazu aufgefordert werde. Er gebe stattdessen gern den Klassenclown. Wir vereinbarten für Ende Januar einen weiteren Gesprächstermin, und gleichzeitig eine Termin am hiesigen SPZ; Wartezeit: ca. 4 Monate.

Tatsächlich schritt die Schule gegen das Mobbing ein, und nach nur 2-3 Wochen war und ist seitdem Ruhe. Was mir sehr zu denken gab: die Lehrerin meinte, es gäbe für Mobbing zwar keine Rechtfertigung - aber sein eigenartiges Verhalten provoziere vielleicht, gemobbt zu werden. Damit liegt sie wohl richtig - auch wenn ich das erst nicht wahrhaben wollte.

Bis Januar lief die Schule wunderbar (so zumindest der Anschein), die Zensuren lagen zwischen mäßig und sehr gut, Heftführung so lala. Im Vergleich zu den letzten Ereignissen in der 4. aber eine wahre Wohltat und große Entspannung.
Leider waren wir dadurch wohl zu nachlässig. Irgendwann Ende Januar kam Jakob eines Abends total verstört aus dem Bett ins Wohnzimmer, weinte, war komplett am Ende, aber konnte nicht erklären weshalb. Wir gingen von einem Alptraum aus.

Wenige Tage später bekamen wir Post mit einem Verweis und der Bitte, mit der Klassenleiterin in Verbindung zu treten. Jakob hatte in der Mittagspause eine kleine Rangelei mit Mitschülern. Nichts bedeutendes - allerdings stolperte ein unbeteiligtes, vorbeigehendes Kind im Zuge dessen, schlug sich den Kopf an und wurde vorsorglich ärztlich auf eine Gehirnerschütterung untersucht. Letztendlich bestätigte sich das nicht der Schüler war am nächsten Tag wieder im Unterricht.

Somit wurde aus dem ohnehin geplanten Gesprächstermin auch einer mit akutem Anlass. Wir wurden gebeten, beide zu kommen (überwiegend kümmere ich mich sonst um schulische Termine).
Die Klassenleiterin eröffnete uns, Jakob käme ständig zu spät ins Zimmer (beim Wechsel von Raum zu Raum!), vergesse ständig Schulmaterialien, die Hausaufgaben seien unvollständig, er weine im Unterricht, verweigere die Leistung, habe seiner Freundin ins Heft geschmiert - deshalb hätten die beiden nun Krach, habe sich vor Weihnachten ein Heft ausgeliehen, das seither nicht mehr aufgetaucht sei, etc. Er habe einen Schüler "getreten", wofür er nun einen Verweis bekommen habe - und wenn er weitere Verweise sammle (was ganz schnell ginge!), dann dürfe er nicht mit aufs Schullandheim. Außerdem würde er Lehren ins Gesicht lügen. Und am Mobbing sei er auch mit schuld. Ob er sich denn überhaupt an der Schule wohlfühle?

Wir mussten das erst mal ein paar Tage auf uns wirken lassen.
Ein Anruf bei der Familie des bei der Rangelei Geschädigten bestätigte die Version, die wir von Jakob kannten; das Gespräch war dabei sehr nett, und ohne irgendwelche Vorwürfe/Anschuldigungen. Sowas passiere eben mal. Seine Freundin war zwei Tage später bei ihm zu Besuch, also kein Krach. Das "vollgeschmierte Heft" war ein Blockblatt mit einem Bleistift-Smiley, das seither verschwundene Heft lag in der Schule im Regal unter einer Zeitung, und war längst wieder aufgetaucht.
Wieder haben wir das Gefühl, die Schule schießt sich auf ihn ein, wovor wir eine Heidenpanik haben. Menschen neigen zu Polarisierungen, und wenn sie erst mal einen Eindruck gewonnen haben, sammeln sie nicht mehr neutral Details, sondern suchen aktiv nach Dingen, die die gefasste Meinung festigen - und legen Dinge auch gerne passend zurecht. Selbstverständlich bin auch ich nicht frei von diesem Effekt, neutral kann ich ohnehin nicht beim eigenen Kind sein, aber ich bemühe mich wenigstens darum.
Aber das ist aber "nur" die eine Sorge.

Noch mehr fielen wir aus allen Wolken, als wir uns, alarmiert durch das Gespräch, seine Schulsachen vorgenommen haben. Wir hatten eine Weile nicht mehr kontrolliert, sondern nur nachgefragt, ob alles gut laufe, ob die Hausaufgaben gemacht seien, und ob das Schulzeug für den nächsten Tag gepackt sei. Ja, alles wunderbar, kein Problem - sogar vor Schulaufgaben schlug er Lernangebote mit uns aus. Er könne das alles, wirklich!

Die Kontrolle ergab ein unerwartetes Bild der Zerstörung. In vielen Fächern fehlten, seit wir die Kontrolle gelockert hatten, über mehrere Wochen die Hefteinträge. Die wenigen vorhandenen Mitschriften unleserlich, unvollständig, kreuz und quer im Heft verteilt, z.T. das Heft von Hinten nach vorne beschrieben. Leere Arbeitsblätter kreuz und quer verstreut, das Hausaufgabenheft ohne Einträge, z.T. wochenalte Kontrollabschnitte von Elternbriefen und eine Entschuldigung in der Arbeitsmappe, die er einfach nicht abgegeben hatte, obwohl er auf unsere Nachfragen bestätigt hatte, er habe genau das getan. Alles in allem ein richtiger Supergau. Leider bin ich in dem Moment explodiert, was kontraproduktiv war - aber das war zu viel für mich.

Seither kontrollieren wir täglich die Schulsachen. Mitschriften - trotzdem vieles unvollständig, er merkt das gar nicht. Datum? - Fehlanzeige. Wiederholung des Unterrichtsstoffes - z.T. perfekt, z.T. fehlt ihm jegliche Erinnerung, die sickert dann ganz langsam nach vorne. Kein Verständnisproblem - aber das Wissen ist nicht zugreifbar. Hausaufgaben, soweit sie im Hausaufgabenheft jetzt eingetragen werden, beginnt er, macht sie aber nicht fertig, wenn er zwischendurch abgelenkt wird, und ist abends dann in Panik, wenn er kurz vor der Kontrolle merkt, dass da noch was fehlt. Z.t. fehlt ihm auch am Wochenende die Erinnerung an die Aktivitäten des Vortags - die kommt erst zurück, wenn man ihn nochmals daran erinnert.

Nur wenige Tage später flattert ein Hinweis per Post ins Haus: die Mathe-Schulaufgabe mit Note 5 sei noch nicht unterschrieben zurückgegeben worden. Wir wussten von einer Mathe-Arbeit, die gut gelaufen, aber noch immer nicht korrigiert sei. Er hat also auch uns ins Gesicht gelogen, bzw. versucht, die Wahrheit zu vertuschen. So etwas macht es uns unglaublich schwer, die Lage zu beurteilen. Ist die Lehrerin eine Zicke, oder hat sie recht, und Jakob lügt uns an?

Natürlich war er vollkommen am Boden zerstört. Es werde wieder alles so schlimm wie früher, er würde es einfach nie schaffen. Eine Schuld sieht er an sich direkt nicht, badet dafür allerdings um so lieber in Selbstmitleid (auch wenn das jetzt hart klingt). Woran er scheitert, kann er nicht erklären, auch nicht, weshalb er uns belügt. Auf meine Erklärung, dass man selbst für sein Handeln verantwortlich sei, sich jederzeit frei für oder gegen eine Lüge entscheiden könne, und sogar dann noch die Chance habe, doch noch die Wahrheit ans Licht zu bringen, und das auch unbedingt tun müsse, gerade wenn sonnenklar sei, dass die Wahrheit ohnehin ans Lich käme, antwortete er. "Das ist mir schon klar, aber ich kann einfach nicht anders. Ich habe dann einfach keine Wahl, und kann nicht erklären warum."
Ähnlich bei der Frage, weshalb er sich nicht so organisiere, wie es nun mal nötig ist: "Ich kanns einfach nicht".
Er ist damit todunglücklich, und an uns nagt die Belastung so sehr, dass auch hin und wieder der Haussegen schief hängt. Und wir haben da ja noch einen zweiten Sohn, der außer eingangs hier bisher nicht weiter erwähnt wurde, und so sieht es leider auch tendenziell mit unserem Zeitbudget aus. Er kommt dabei einfach zu kurz, und das darf nicht sein. Aber wir können uns einfach nicht zerreißen. Er ist übrigens vollkommen anders als sein älterer Bruder: akribisch, umsichtig, willensstark, feinmotorisch unglaublich geschickt (er baut z.T. die unfertigen Legobausätze seines großen Bruders weiter...), unglaublich fokussiert, fühlt sich sehr zu Ritualen und Struktur hingezogen. Manchmal ein kleiner frecher Teufel, aber alles in allem ein unheimlich Lieber. Letzteres kann ich auch von Jakob sagen: ein wirklich lieber Kerl, ganz sicher nicht das aggressive Kind, zu dem er gestempelt wurde, und erneut gestempelt zu werden er gerade wieder Gefahr läuft. Beide gelten als ausgesprochen höflich (Rückmeldung aus dem KiGa und auch von anderen Leuten, die sich schon fast wundern, wenn sie von Kindern auf der Straße gegrüßt werden). Ganz mit der Erziehung versagt haben wir also wohl doch nicht - diesen Eindruck hatte uns aber die Grundschule immer wieder vermittelt.

In zwei Wochen kommt nun endlich der Untersuchungstermin am SPZ.
Ich bin medizinischer Laie, gehe aber, nachdem ich mich intensiv mit dem Thema befasst habe, eigentlich so gut wie sicher davon aus, dass ein ADS diagnostiziert wird, zumal der Kinderpsychiater auch schon mal in dieser Richtung unterwegs war.
Was ich nie für möglich gehalten hätte: ich hoffe inzwischen, dass wir möglichst zügig bei Ritalin/MPH landen, denn es scheitert nicht am wollen (kein "Null Bock"), nicht an mangelndem Verstand oder Vorbild, sondern am können. Jakob ist sehr unglücklich mit seiner Situation, und macht sich selbst Vorwürfe. Auf Verstandesebene ist ihm vollkommen klar, was schief läuft - er ist nur nicht in der Lage, etwas anderes umzusetzen.

Vielleicht noch kurz (haha!) zu meiner Person: ich kann mir gut vorstellen, dass ich selbst betroffen bin. Vieles am Verhalten meines Großen kommt mir vertraut vor, ich kann mich sehr gut in ihn hineinversetzen. Ich war ein stinkfauler Schüler, hatte nur das Glück, nie viel tun zu müssen - es fiel mir irgendwie zu. Ich bin dabei ebenfalls chaotisch, meine Schreibtische explosionsgefährdet, ich schiebe privat Unangenehmes auf die lange Bank, tanze gerne auf vielen Hochzeiten gleichzeitig, bin beruflich in einem Bereich tätig, von dem man sagt, dass er ADSler und Autisten wie ein Magnet anzieht, habe nur wenige private Kontakte, und bin irgendwie nicht kompatibel zu den meisten. Geisteszustände, die man als Flow/Hyperfokus bezeichnen kann, bekomme ich auch hin, oft auch gezielt, was für mich ein wunderbares Wekzeug ist. Und (surprise!) ich fasse mich selten kurz - ich bin ausgeprägter Analytiker, und so sehen auch meine mitgeteilten Erkenntnisse aus.
Nur bekomme ich mein Leben ziemlich gut (eigentlich verdammt gut) auf die Reihe, auch wenn für mich manchmal arbeit ist, was bei anderen scheinbar als Routine im Hintergrund läuft. Daher überlege ich, mich irgendwann vielleicht selbst mal auf ADS testen zu lassen.

So, meinen Dank und Respekt an diejenigen, die bis hier unten gelesen haben. Mich würde interessieren, wie es Euch mit Euren ADS-Kindern geht. Oder vielleicht sagt ja auch jemand: totaler Unsinn, das ist bei Euch etwas völlig anderes. Ich bin sehr gespannt, und sehe derzeit wieder etwas hoffnungsvoller in die Zukunft, wenn man zumindest in greifbare Nähe dessen kommt, was Sache ist. Für mich fallen gerade die Puzzleteile zusammen, vielleicht irre ich mich aber auch.

Gruß
M.
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Emma1909
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BeitragVerfasst am: 31.03.2017, 18:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Papa von Jakob,

Was ein wahnsinns Text. Wie bei einem guten Buch konnte ich einfach nicht aufhören zu lesen.

Als erstes muss ich einfach einen Gruß an die Lehrerin deines Sohnes senden. Was ist denn das für eine Pädagogin bitte ? Dein Sohn ist selber schuld, wenn er gemobbt wird ? Die Aussage ist für mich Unfassbar!!!! So etwas lässt man auf Kinder los ? Na dann gute Nacht!
Das geht gar nicht, ich würde dies auch der Lehrerin klar machen und auch der Schulleitung davon erzählen. Sorry darüber rege ich mich gerade tierisch auf. KEIN Kind darf gemobbt werden, nur weil es anders tickt.

Bei uns ist es zwar nicht aus sondern ADHS. Aber es gibt durchaus parallelen.

Was sagt denn der Kinderarzt ? Habt ihr es schon mal mit Ergotherapie probiert? Das hilft bei uns.

Im Bayerischen Schulgesetz kenne ich mich nicht aus. Aber evtl. Gibt es eine Möglichkeit, dass dein Sohn eine Schulbegleitung bekommt. Auch das kann helfen.


Ich drücke euch die Daumen, dass euch gut und schnell geholfen wird.

Viele Grüße
Emma
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Jakobspapa
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BeitragVerfasst am: 31.03.2017, 20:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Emma,

vielen Dank!

Bei der Lehrerin muss ich einschränken, dass sie ihm nicht die Schuld, sondern eine Mitschuld gegeben hat, was mich natürlich trotzdem ärgert. Ich werde ihr beim nächsten Termin, nachdem wir beim SPZ waren, klare Grenzen setzen. Wo sie recht hat: egal ob verboten - wenn ein Anlass da ist, wird gemobbt, also keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Zu sehr möchte ich ihr aktuell nicht auf die Füße treten, es ist ja keine Pflichtschule, und ich weiß aus meiner eigenen Schulzeit, wie schnell man stressige Schüler entsorgen kann. Kämpfen werde ich, wenn alle Stricke reißen, jedoch mit harten Bandagen.

Der Kinderarzt hatte uns immer geraten, abzuwarten, ob sich das verwächst. Die Leistungen gaben bislang ja auch kaum Anlass zur Sorge, und man sieht Jakob seine Zerstreutheit auch nicht unbedingt an. Entsprechend gab es noch nie Ergo oder sonstiges. Jetzt klopft langsam allerdings die Pubertät an, und macht alles nicht unbedingt einfacher. Außer der Logopädie damals hatte Jakob bisher keine Behandlungen, und selbst da bin ich mir nicht sicher, ob er die Lautbildungsstörung wegen der Behandlung losgeworden ist, oder ob sie auch so verschwunden wäre.

Schulbegleitung müsste auch in Bayern möglich sein - aber das funktioniert frühestens mit einer gesicherten Diagnose. Ich wünschte, ich könnte das alles beschleunigen, oder die Uhr zurückdrehen, und mit dem heutigen Wissen früher eingreifen.
Den größten Effekt verspreche ich mir aber von einer Medikation, auch wenn das Thema umstritten ist. Wenn tatsächlich der Dopaminhaushalt gestört ist, und mein Sohn somit im Prinzip ständig innerlich "übermüdet" ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgend eine andere Form von Therapie viel ausrichtet - denn die findet dann ja sozusagen ebenfalls im Halbschlaf statt. Ich bin an sich kein Freund von Psychopharmaka, habe u.a. aber auch hier schon viel positives gelesen, was mit dem Wirkmechanismus, den ich im Kopf habe, auch sehr gut erklärbar wäre. Wenn die Hardware nicht mitmacht, hilft auch die beste Software nichts.

LG
M.
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ZBirgit
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Beiträge: 88
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BeitragVerfasst am: 31.03.2017, 21:46    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Papa von Jakob,

zu ADS kann ich leider nichts sagen, aber für eine Schulbegleitung braucht man keine Diagnose.
Wir haben auch keine. Wir haben aber von der Psychiaterin ein Gutachten mit bedrohter Teilhabe nach §35a bekommen, damit wir die Schulbegleitung beim Jugendamt beantragen konnten. Das hat problemlos geklappt und ging sehr schnell.
Wir sind auch aus Bayern. Ich würde mich einfach beim zuständigen Jugendamt erkundigen. Dann könnte der Antrag auch schon mal loslaufen.
Bei unserem Sohn ist die Schulbegleitung seine Sicherheit. Gegen dummes Anreden von Mitschülern und auch bei der unterstützung im Unterricht.

Ich wünsche Euch viel Kraft und dass ihr die richtige Hilfe für Euren Sohn findet.

Viele Grüße
Birgit
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Valentin2014
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Beiträge: 228
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BeitragVerfasst am: 31.03.2017, 22:20    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Jakobspapa,

So eine "Superlehrerin" hatte mein Zweitgeborener" auch und das die gesamte Grundschulzeit.
Sie hatte ihre "Macken"

Er hat ADS, geht auf ein G8, hat Freunde, steckt mitten in der Pubertät, wir haben gegen eine
Medikation entschieden.

Unsere Geschichte ist mindestens so lang wie eure Very Happy

LG Valentin s Eltern
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Engrid
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BeitragVerfasst am: 01.04.2017, 09:14    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Jakobspapa

Willkommen im Forum. Die Beschreibung der Schulbiographie und einiges aus dem Jetzt kommt mir bekannt vor, könnte fast von mir sein Wink

Ich wollte mal nachfragen, weil das wohl bei Euch im Allgäu speziell ist, und weil SEHR viel von einer kompetenten Diagnosestelle abhängt: SPZ - sozialpädiatrisches Zentrum, oder sozialpsychiatrisches Zentrum?
Du brauchst mit einem ADS-Kind einen Kinder- und Jugendpsychiater, der Euch über Jahre den Rücken stärkt, sich bei Bedarf gutachterlich äußert, das Kind über die Jahre ein wenig kennt, und der auch die Schul- und Therapielandschaft bei Euch kennt.
Eine Schulbegleitung für ADS zu bekommen (falls das Sinn macht), dürfte nicht einfach werden, da müsst Ihr sehr gut begründen, auch dafür braucht es die Unterstützung eines guten KJP.

Die Medikamentierung kann sehr viel helfen, das höre ich jedenfalls von Selbstbetroffenen. Allerdings sollte sie niemals alleine dastehen, sondern es braucht immer eine therapeutische Begleitung, die Kinder können damit lernen, eigene positive Strategien zu entwickeln, mit ihrer Spezialausstattung umzugehen, ihre Stärken zu entwickeln, ihre Schwächen zu kennen und zu kompensieren. (Wir haben wegen Juniors Autismus eine ausgezeichnete Ergo, für die wir sehr weit fahren; Ergotherapeuten gibt es viele, auch viele schlechte und mittelmäßige, wir - und Ihr - brauchen aber eine ganz besonders gute).
Ich glaube zum Beispiel, dass Dein Jakob einfach das Lügen angefangen hat, weil er keine Kraft mehr hatte, alles auf seine Kappe zu nehmen, wo er doch selber keine Erklärung hat. Das fiese am ADS ist ja, dass die anderen das so leicht können, und dass man selber auch denkt, das kann doch nicht so schwer sein, und dann - jedenfalls auf sich gestellt, ohne gute Strategien - eben doch scheitert, und viel Kraft lässt.

Mein Tipp: Sucht Euch Anschluss an eine Selbsthilfegruppen o.a., die kennen die guten Therapeuten, die guten Tipps, und es macht einfach Freude, andere mit der gleichen Spezialausstattung zu treffen.

Viele Grüße ins schöne Allgäu

_________________
Engrid

mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)
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Annette17
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BeitragVerfasst am: 01.04.2017, 10:01    Titel: Re: Unser Sohn Jakob (Verdacht auf ADS) Antworten mit Zitat

Hallo M.

Eure Geschichte hat mich sehr berührt - klingt sie doch genauso wie die meines Sohnes (nur dass die doppelt so lang ist, aber er ist ja auch doppelt so alt wie dein Sohn; er ist so wie ich autistisch).

Mobbing kann ein ganzes (Schul-)Leben des Kindes zerstören und man steht als Eltern so gut wie machtlos daneben. Unseren Sohn betraf damals Schüler- und Lehrermobbing. Nein, nein, ich erzähle jetzt nicht die Lebensgeschichte meines Sohnes Smile - aber es endete damals in einem absoluten Fiasko und gipfelte im Schulausschluss. Uns kam ein Umzug ins Ausland dazwischen, so dass sich das Thema Schulausschluss letztlich nicht mehr weiter negativ auswirken konnte. Zu diesem Zeitpunkt war mein Sohn aber bereits 14-jährig und nicht mehr bereit dazu, sich in eine Schule zu integrieren respektive überhaupt noch Schule zu akzeptieren - bis zum heutigen Tag mit 22 Jahren. Entsprechend endete seine Beschulung dann auch, trotz Hochbegabung hatte er seit der 7. Klasse nie wieder das Klassenziel erreicht und er hat auch keinen verwertbaren Schulabschluss.

Die Interventionen kamen viel zu spät, das hätte alles Jahre zuvor bereits eingeleitet werden müssen.

Ritalin u.a. Medikamente hatten im übrigen keinerlei Wirkung auf dieses Szenario. Im Gegenteil, er wurde immer höher dosiert, was dann mit medikamenteninduzierten kardiologischen Problemen endete und sofort abgesetzt werden musste. Da mein Sohn aber eine eher seltene Nebenwirkung davongetragen hat, würde ich schon auch in eurem Fall einen Versuch mit Medikamenten versuchen.

Schulbegleitung hatte er dann nach dem Umzug, aber diese(n) hat er dann leider nicht mehr im Unterricht toleriert, nur noch im Einzelsetting.

Ich schliesse mich darum den anderen Usern an, da muss schnellstmöglich eine Fachperson miteinbezogen werden. Abwarten und hoffen, dass es sich "verwächst" wird nicht funktionieren.

Alles Gute
Annette

_________________
Autistin
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Jakobspapa
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BeitragVerfasst am: 01.04.2017, 10:11    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Birgit, danke, das war mir so nicht klar! Aber ein Arzt wird ja auch nicht einfach so ein Gutachten ausstellen, sondern sich den Betroffenen erst mal genau ansehen. Ich werde nächste Woche mal beim Jugendamt vorfühlen, und die Frage auch beim endlich kommenden SPZ-Termin ansprechen - die sollte dann ja auch ohne weiteres in der Lage sein, so ein Gutachten anzufertigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass uns das eine große Hilfe wäre!

Hallo Valentin, wenn ihr Euch gegen eine Medikation entschieden habt, welche Maßnahmen helfen Euch, welchen Weg habt ihr gewählt? Es muss bei uns nicht zwingend Ritalin werden, ich habe nur große Angst vor langwierigen Therapieversuchen, die am Ende dann doch nicht fruchten, während Jakob die Schule schmeißt (somit seine beiden letzten Freunde los wäre), und die Abwärtsspirale weiter ihren Lauf nimmt.

LG
M.
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Emma1909
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BeitragVerfasst am: 01.04.2017, 12:20    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wink

Egal ob Schuld oder Mitschuld! Ein Opfer hat nie Schuld oder Mitschuld! Oder ist eine junge Frau die ein Minirock trägt Schuld, dass es Männer gibt die denken die sei ein Selbstbedienungsladen ? Warum muss sie auch einen Minirock tragen.

Das ist kompletter Unsinn!


Eine medikamentöse Behandlung läuft nie alleine. Es ist nur ein Baustein. Auch wenn die Tabletten in viele Fällen gute Dienste leisten, sind sie kein Allheilmittel.

Mein Vorschlag wäre wirklich viel zu lesen allerdings Ergebnis offen. Das heisst sowohl Bücher die es befürworten als auch Bücher die es ablehnen. Nur so kann man sich ein eigenes bild machen.

Abgesehen davon, dass eure Lehrerin deinem Sohn eine Mitschuld gibt, ist sie aufgrund des Schriftbildes (Beispiel) oder anderen Dingen nicht auf die Idee gekommen, mal eine Ergotherapie vorzuschlagen ? Gibt es Sozialpädagogen an eurer Schule ?

Ich würde die Ergo beginnen. Schaden kann das nicht. Da kann auch seinem Selbstwertgefühl helfen.

Vielleicht gibt es bei euch integrative Gruppen. Z.b. von der Lebenshilfe. Mein Kind geht dort klettern und sie machen Ausflüge. Vielleicht ist das was für deinen Sohn. Da kann er den ganzen stress vergessen und Erfolgserlebnisse sammeln.

Eine Selbsthilfegruppe ist auch gut. Die Eltern haben meistens gute Tipps was Ärzte und Therapeuten usw. Betrifft. Auch sich einfach mal aussprechen und verstanden werden tut gut.

Viele Grüße
Emma
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Valentin2014
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BeitragVerfasst am: 01.04.2017, 12:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Jakobspapa,

bei uns war "Medikinet" im Gespräch und das auch nur in Begleitung einer "Gruppen Therapie.
In dieser Therapie sollte er lernen seine "Welt" zu ordnen.
Er will da nicht hin, er findet das "total überflüssig".
Schule: er ist in einer Ganztagsschule, somit ist das Thema "Hausaufgabenm oder Heft oder Buch
In der Schule vergessen" ausgeschlossen. Die " Organisation"fällt ihm schwer
( in seinen Augen ist dam man muss halt etwas länger suchen)
Die Noten sind In Fächern die ihn "interessieren "hervorragend, Kunst ist Themen abhängig
Die Schule ist darüber informiert, wir arbeiten im engen Austausch. Entschuldigungen, Elternbriefe
Gehen per Fax an die Schule.Klassen arbeiten sind manchmal länger unterwegs. Die Schultasche
wird regelmässig kontrolliert. Wir können ihn noch nicht aus den Augen lassen.
Wir haben noch 3 weitere Kinder und der Jüngste ist Mehrfachbehindert.

LG Valentin s Eltern
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