Autismus und gestörte Mutter-Kind-Beziehung

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Lija
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Beitragvon Lija » 17.11.2016, 13:19

Aber was ist die Konsequenz aus so einer Aussage?
Ist es was dass man getrost ignorieren kann da gerne mal so formuliert wird?!
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rena99
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Beitragvon rena99 » 17.11.2016, 13:28

Wenn es "beim Kind nich täuft", schauen die KJPs immer auch auf die Familien-Konstellation und die familiären Beziehungen. Denn oft liegt da tatsächlich der Schlüssel zum Problem.

Leider neigen die Experten zum Über-Generalisieren. Weil sie schon so oft gesehen haben, dass tatsächlich die Beziehungen und auch die Erziehung in der Familie verbesserungbedürftig ist, denken sie daran als allererstes. Und sie können sich so gar nicht vorstellen, dass das eben nicht der Grund ist.

Weil oft die Mütter die Hauptbezugspersonen der Kinder sind, stehen sie immer im Fokus und auch schnell unter Druck. Und wenn dann noch jemand am Werk ist, der sagt "ich muss nur lange genug suchen und stochern, dann wird sich da schon das Problem finden", dann wird es schnell sehr schwierig.

Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass die Experten auf der anderen Seite unter Druck sind, keine Kindeswohlgefährdung zu übersehen.

Das ist schon eine ungute Gemengelage. Meine Tochter sagt mal zum KJP als es auch um die Frage der Bindung ging: "Sie habe ja viele Beschwerden über ihre Eltern, aber das sei so etwas von abwegig, das können man sich schnellstens abschminken...". Damit wars dann auch gut. Aber ich habe ein ziemlich reflektiertes und intelligentes Kind, das auch schon alt genug war, sich entsprechend zu äußern.

Man ist vor diesem Gesamthintergrund also gut beraten, sich das alles einmal klar zu machen und dann entsprechend vorbereitet in Gespräche zu gehen. Familiäre Details gehen die Experten nichts an. Ggfs. nimmt man noch jemanden mit in die Gespräche, die können ja schon ziemlich belastend sein.

LG
Rena
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"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

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Beitragvon RikeK. » 17.11.2016, 13:34

Hallo miteinander,

ich habe mir mittlerweile angewöhnt, alle diese Aussagen in soweit Ernst zu nehmen, dass ich mich informiere, was genau damit gemeint ist, mich ehrlich frage, ob etwas davon zutrifft, in welcher Situation so eine Aussage getätigt wurde (eine Momentaufnahme an einem stressigen Tag? Überforderungssituation?) und - vor allem - an wen die Information rausgeht.

Landet so etwas beim JA ist immer Vorsicht geboten... :?

Bei uns wird dann gerne ein einziger Satz aus einem mehrseitigem Bericht (bei uns eben den Autismus bestätigend) herausgezogen und als alleinige Wahrheit gesehen, natürlich mit der ureigenen Interpretation der Casemanagerin... die dann nicht mehr viel mit der Wahrheit zu tun hat, aber eben gewichtig ist, weil es doch jemand vom Amt ist.

Ich widerlege solche Ausrutscher in Berichten gerne mit Zitaten aus anderen Fachberichten und habe die dann ggf. parat, sollte man noch einmal darauf zurückkommen. Das beruhigt mich dann - auch wenn oft auch gar nichts folgt.

Nachdenklich stimmt mich diese gehäufte "Willkür" (Unwissenheit? Ignoranz?) aber schon...

VG, Rike
Viele Grüße, Rike

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Sohn M. Jg 2000
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Lija
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Beitragvon Lija » 17.11.2016, 13:46

Wann kommt sowas denn zum tragen?
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Regina Regenbogen
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Beitragvon Regina Regenbogen » 17.11.2016, 13:49

Denn es geht unterschwellig immer darum " was wir Mütter angeblich für einen Mist machen" Denn auf ADHS kann doch bei ihm nicht abgestellt werden. Das hat er doch gar nicht, oder ?
Wird aber auch gerne bei Autismus genommen. Das habe ich von einer KJP zu hören bekommen, die die Autismusdiagnose ihrer Kollegen (bei unserem Jüngsten) ad absurdum führen wollte.
ich habe mir mittlerweile angewöhnt, alle diese Aussagen in soweit Ernst zu nehmen, dass ich mich informiere, was genau damit gemeint ist, mich ehrlich frage, ob etwas davon zutrifft, in welcher Situation so eine Aussage getätigt wurde (eine Momentaufnahme an einem stressigen Tag? Überforderungssituation?) und - vor allem - an wen die Information rausgeht.
Kein Thema, mache ich üblicherweise auch so, allerdings stand der Satz in einem Vorbericht und die Psychologen hatten meinen Sohn zu dem Zeitpunkt einmal für 10 Minuten gesehen. Mit mir hatte man da noch gar nicht gesprochen. Die Diagnostik wurde danach nur weiterbetrieben, weil ich nicht locker gelassen habe. Im abschließenden Bericht stand dann ja auch nichts mehr von der Interaktionsstörung, sondern nur noch die Diagnose ADS.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Lija
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Beitragvon Lija » 17.11.2016, 18:37

Also ist es aber nichts wo man sich weiter drum "scheren" muss?
Klar, es besteht ja auch bestimmt oftmals eine Interaktionstörung
resultierend aus den Problemen die man in der Regel nunmal hat.
Ziel sollte es aber dann sein dass einem geholfen wird adäquat miteinander zu agieren. Es bedeutet für mich dann halt die Eltern sehr eng in die therapeutische Arbeit mit einbeziehen.
Es sollte und muss ja nichts zwangsweise anklagend sein oder was meint ihr?
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rena99
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Beitragvon rena99 » 17.11.2016, 18:57

Es sollte und muss ja nichts zwangsweise anklagend sein oder was meint ihr?
Nein, anklangend muss man das nicht verstehen. Eher als Anregung, mal darüber nachzudenken, ob es da nicht doch einen Punkt gibt, an dem man arbeiten könnte.

Wenn ich mal unser Beispiel mit einer Zwangsstörung nehme, da ist das so, dass die Erkrankten ihr Umfeld irgendwann ganz schön im Griff haben. Man wäscht extra, man kauft extra, man fährt besondere Strecken, man verzichtet auf bestimmte Wörter, nur um dem Erkrankten Brücken zu bauen. Und rutscht so immer tiefer ein in die Problematik. Man redet auch kaum über etwas anderes. Das ist dann schon eine Interaktionsstörung.

Die muss einem erst mal bewusst werden und dann kann man daran arbeiten, das zu ändern. Und das ist dann der Weg, dass es allen wieder besser geht.

Dieses "Reinrutschen" ist ja oft so und ein schleichender Prozess. Da muss man sich keine Vorwürfe machen. Und man entscheidet selber, ob man was ändern möchte.

Das ist aber etwas anderes als eine "Bindungsstörung". Mit der wird leider oft argumentiert und sie als Grund genommen, den Müttern Kompetenzen im Umgang mit dem Kind gar nicht zuzutrauen.

LG
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Beitragvon Lija » 17.11.2016, 19:04

Danke für die gute Erläuterung.
Das macht Sinn.
So gesehen ist es also etwas, was gut wäre in den Griff zu bekommen, was aber nicht womöglich harte Konsequenzen nach sich ziehen muss, sprich wo die Erziehungsfähigkeit infrage gestellt wird? Man wird ja langsam etwas feinfühlig wenn man die Erfahrungen hier teilweise hört :shock:
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Bettina C.
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Beitragvon Bettina C. » 17.11.2016, 20:41

Hallo miteinander,

ich denke, oberflächlich betrachtet wirkt es bei uns auch wie eine Interaktionsstörung. Aber nicht auf Grund einer mangelnden Bindung, oder Erziehungsfähigkeit, sondern einfach, weil ich anders mit meinem Sohn in Kontakt bin, als ich das mit einem NT Kind tun würde. Ich MUSS ihn häufig auf mich fokussieren, weil er sonst ganz wegtaucht, oder auf die Straße läuft, oder oder oder...
Auch überziehe ich soziale Situationen oft, um ihm deutlich zu machen, wie "das" funktioniert. Das hat mitunter auch einen therapeutischen Touch. Auch der Umgang mit unserem Hund ist davon geprägt. So will mein Sohn z.B. aktuell Abmachungen mit ihr treffen, weil er das 1:1 von uns übertragen möchte. Dass das nicht klappt liegt auf der Hand. An dieser Stelle macht sich seine Interaktionsschwierigkeit bemerkbar. Aber das liegt in ihm, und seiner Besonderheit, und nicht in der Beziehung zu mir. Ich denke, man kann uns immerzu iwas unterstellen. Wichtig ist, wie man damit umgeht. Hinterfragen finde ich auch wichtig, aber auch nicht überbewerten. Konsequenzen kann man also für sich selber ziehen, wenn man will.

LG, Bettina
Betty, Asperger - Autistin & B., *2005, HFA F.84.0,Teilleistungsstörung/Koordination, Einschränkung der Visuomotorik, Dysdiadochokinese, stark eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis. Und das tollste Kind :-)


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