Blindheit und motorische Entwicklung

Hier könnt ihr euch über Hör- und Sehbehinderung austauschen.

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Nadine94
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Blindheit und motorische Entwicklung

Beitragvon Nadine94 » 02.02.2013, 12:48

Hallo.

Ich bin blind und habe eine Frage. Wie entwickeln sich blinde Kinder motorisch? Besonders die feinmotorische Entwicklung und das Spielverhalten würden mich interessieren. Gibt es blinde Kinder, die plötzlich für einige Monate mit dem Greifen aufgehört haben oder bestimmte taktile Reize meiden?

Ich frage das deshalb, weil ich glaube, dass ich feinmotorisch weiter zurück bin als andere Blinde, die ich kenne. Als Baby hab ich zuerst ganz normal gespielt, mit neun Monaten habe ich mit dem Greifen aufgehört, weil es unangenehm war. Mit 18 Monaten habe ich wieder mit dem Greifen angefangen, aber nie mehr richtig gespielt! Ich möchte wissen, ob das normal ist.

LG Nadine

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 02.02.2013, 13:56

Hallo Nadine,

Also automatisch aus der Blindheit resultiert sicher keine motorische Schwäche oder motorische Probleme. Ich kenne einen Blinden sehr gut, bei dem wurde die ersten Jahre nicht bemerkt, dass er blind ist, weil er so gut über die anderen Sinne ausgeglichen hat und wohl auch beim Anstoßen und so so hart im Nehmen war, dass sein Umfeld zwar dachte, er wäre ein bisschen tollpatschig, aber nicht auf Blindheit kam (ist mir zwar trotzdem ein Rätsel, wie man das übersehen kann, aber das tut ja hier nix zur Sache).

Autismus und Blindheit ist sicher eine Kombination, die es noch schwieriger machen kann, denn vielen Autisten hilft ja gerade das Visuelle sehr beim Lernen und Orientieren.

Liebe Grüße, Ingrid
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Beitragvon Nadine94 » 02.02.2013, 21:41

Hallo Ingrid!

Es ist mir auch ein Rätsel, wie man Blindheit über Jahre hinweg übersehen kann!

Bei mir wurde es schon mit sechs Wochen entdeckt, da ich keinen Blickkontakt aufgenommen habe und nicht nachgeschaut habe!

Was ich bei meiner Vorstellung vergessen hab: Ich hatte als kleines Baby mit ungefähr neun Monaten eine Frühförderin, die zu meiner Mutter gesagt hat, dass ich autistisch sein könnte. Darauf kam sie folgendermaßen:

Sie kam ins Haus und ich bin am Boden gelegen und hab verschiedene Töne von mir gegeben. Sie hat mir nachgemacht, weil sie meine Reaktionen prüfen wollte. Ich habe aber nicht reagiert. Meine Mama wollte der Frühförderin nicht glauben und wechselte. Die neue Frühförderin lernte mir in kleinen Schritten, bei der Frühförderstunde mitzumachen, was schwer war, weil ich nie neue Dinge lernen wollte und die Therapie nicht mochte.

Sprachlich war ich früh entwickelt (konnte mit vier ein Gedicht auswendig, verbesserte jeden beim Vorlesen, wenn ich Fehler erkannte, konnte mit 4,5 der, die und das richtig einsetzen. Aber ich vertauschte bis zum 6. Lebensjahr die Pronomen!

Ich kann mich noch an viele Details in meinem Kleinkindalter erinnern, sogar bevor ich in den Kindergarten kam! Dort kam ich erst mit vier hin, weil ich mit drei noch nicht reif genug war.

Ich spielte immer stereotyp mit Gegenständen und irgendwann, ich glaub im letzten Jahr, sagte die Kindergärtnerin meiner Mutter, dass sie mir die Dinge wegnehmen soll, damit ich mit anderen Kindern spiele, obwohl sie wusste, dass ich das noch nie getan hab. Immer, wenn meine Mama Kinder eingeladen hat, habe ich mich zurückgezogen und die anderen nicht beachtet. Ich hatte nur mit einem Mädchen oberflächlich Kontakt, diesen nahm ich aber unangemessen durch Berührungen auf.

Als mir die Betreuerin die Gegenstände weggenommen hatte, spielte ich trotzdem nicht. Meines Wissens nach ist sie trotzdem nicht daraufgekommen, dass da noch etwas anderes ist! Und das bei einer Blindenpädagogin!

Ich habe gelesen, dass dein Sohn frühkindlichen Autismus hat. Wann habt ihr die Diagnose bekommen?

Oh, das ist jetzt lang geworden,Entschuldigung.

LG
Nadine

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Beitragvon Engrid » 03.02.2013, 00:57

Hallo Nadine,

Vielleicht wurde Deine Blindheit ja so früh entdeckt, weil Du autistisch bist. Mein blinder Freund hat schon als Baby/Kleinkind in die Richtung geguckt, aus der die Stimme kam.

Mein Sohn wurde schon mit gut drei Jahren diagnostiziert. Das liegt daran, dass wir viel Glück hatten, gleich an eine fähige KJP zu geraten. Aber auch daran, dass der frühkindliche Autismus bei meinem Sohn quasi lehrbuchmäßig ausgeprägt ist. In vielem zumindest, allerdings ist er ein ausgemachtes Kuschelkind :D
Hätte man mein komisches Gefühl als Mama ernst genommen und hätten wir eine funktionierende Autismusfrüherkennung in diesem Land, dann hätte man meinen Sohn schon viel früher diagnostizieren können, und er hätte entsprechend früh eine autismusspezifische Frühförderung genießen können.
Du siehst also, bei aller Verschiedenheit der Autisten untereinander, wir sitzen im gleichen Boot.


Liebe Grüße, Ingrid
Engrid
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Beitragvon Nadine94 » 03.02.2013, 12:44

Hallo.


Zitat

Mein blinder Freund hat schon als Baby/Kleinkind in die Richtung geguckt, aus der die Stimme kam.


Damit hab ich noch heute Probleme. Meine Mama sagt immer, ich soll die anderen anschauen bzw. den Kopf zur Person drehen, mit der ich spreche. Aber ich konzentriere mich mehr aufs Gespräch und vergesse dann darauf. Richtiger Blickkontakt ist sowieso bei mir nicht möglich, weil ich den Blick nicht fixieren kann.

Kann dein Sohn Blickkontakt halten und sprechen?

LG
Nadine

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Beitragvon SamanthaV » 03.02.2013, 16:14

Hallo,


meine Tochter ist ebenfalls blind. Bei ihr wurde es im Alter von 6 Monaten festgestellt, da sie immer in die Richtung "geguckt" hat, aus der das Geräusch, die Stimme kam. Damals waren auch andere Dinge wichtiger als ihre Blindheit! Siehe Signatur
Auch jetzt schaut sie jeden noch zielgerichtet an, obwohl sie es nicht sieht! Warum weiß ich nicht!

Ich werde dir mal die Entwicklungsberichte der Frühförderung aufzeigen:

Entwicklungsbericht für blinde reifgeborene Kinder:

- Haltungs- und Gleichgewichtsmotorik: entspricht einem 13 Monate altem blinden (!) Kind
- Selbstinitiierte Bewegungen: entspricht einem 20 Monate altem blinden Kind
- Orientierung und Mobilität: entspricht einem 15-18 Monate altem blinden Kind
- Lebenspraktische Fertigkeiten (hier wird das Ausziehen besonders hervor gehoben): entspricht einem 20 Monate altem blinden Kind
- Kognitive Entwicklung: entspricht einem 15- 20 Monate altem blinden Kind
- Sprachentwicklung: entspricht einem 17 Monate altem blinden Kind
- Sozial-emotionale Entwicklung: entspricht einem 11-20 Monate altem blinden Kind
manuelle Fertigkeiten: entspricht einem 15 Monate altem blinden Kind


Das Vademecum (Vergleich zu sehenden Kindern) zeigt ähnliche Übereinstimmungen:

- Sitz-, Krabbel-, Laufalter: 13 Monate
- Greif- bzw. Handgeschicklichkeits-, Perzeptionsalter: 15 Monate
- Sprech-, Sprachverständnisalter: 21 Monate
- Sozialalter: 18 Monate
- Selbständigkeitsalter: 18 Monate


(Ich habe alles von der HP meiner Tochter kopiert, deshalb verzeiht Doppelungen.... War auch etwas faul alles nochmal zu lesen!)


Die Entwicklungsberichte machen wir in regelmäßigen Abständen von 6-9 Monaten.
Unsere Frühförderung ist auch speziell für blinde und sehbehinderte Kinder und deren Eltern. Ich finde sie wirklich sehr sehr gut, da sie nochmal ein anderes Auge auf unsere Tochter wirft und uns bessere Tipps geben kann, wie wir Lana bestmöglichst fördern können!

Lana spielt bisher nur mit bekannten Spielzeugen, Glöckchen sind ihre Lieblinge! Das liegt allerdings auch an ihrer starken taktilen Hypersensibilität! Sie kann sich nur schwer auf neues Spielzeug einlassen, liebt es aber Kontakt zu anderen Menschen durch ihre Hände zu knüpfen. Sie war nie in der Fremdelphase und möchte sofort auf den Arm genommen werden bzw. das Gesicht erkunden.

Liebe Grüße,

SamanthaV
Lana (*15.10.10): Hirnblutung, HC, Frühgeburt (30+6), Rickham-Reservoir, VP-Shunt, Ventrikulostomie, linksseitige Hemiplegie, Spitzfuß, taktile Hypersensibilität, schwierige Essstörung, entwicklungsverzögert (14 bis 3 Monate), Opticusatrophie, Nystagmus, Neurodermitis, V.a. von-Willebrand-Syndrom, Krampfleiden seit April 2013, Gabe von Keppra

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Beitragvon Engrid » 03.02.2013, 16:17

Hallo Nadine,

ich kenne auch eine Blinde, die in eine andere Richtung guckt beim Unterhalten (weil sie aus dem Augenwinkel noch einen Sehrest hat). Ich hatte als Kind damit kein Problem, und heute auch nicht. Wer mit mir spricht, kann gucken, wohin er mag. :wink:

Nur im öffentlichen Leben, beim Einkaufen und so ist es wahrscheinlich besser/einfacher, Blickkontakt zu simulieren (Der blinde Freund kann das sehr gut, das wurde in der Blindenschule aber auch seeeehr wichtig genommen und offenbar trainiert: wielange gucken, wohin genau ...).

Ich denke, für Dich wird es sehr anstrengend sein, einen simulierten Blickkontakt zu halten, von dem Du ja eh nix hast, nur damit Dein Gegenüber sein gewohntes Gefühl hat. Denn Du müsstest ja auch drauf achten, z.B. regelmäßig wieder wegzugucken, damit es nicht als Starren ankommt, dann wieder hingucken ... *augenroll* Da könnte ich mich auf keinen Gesprächsinhalt gleichzeitig konzentrieren.

Mein Sohn hält kurz Blickkontakt, es fällt nur Fachleuten auf, dass der Blickkontakt verkürzt ist. Sprechen kann er gut, aber er spricht häufig recht stereotyp, kann beileibe nicht alles sagen, was gut wäre, die Blockaden sitzen aber woanders ... Ich bin stolz, dass er jetzt Bedürfnisse formulieren kann wie "Schau mich nicht an." oder "Wann gibt´s Essen?" (= Ich habe Hunger).

Liebe Grüße, Ingrid

PS: Wie liest Du eigentlich die Texte hier? Per Sprachausgabe? Kommen da Smilies sinnvoll an?
Engrid
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Beitragvon Nadine94 » 03.02.2013, 16:44

Hallo Samanta!

Danke für deine Antwort. Ich bin auch taktil überempfindlich! Ist deine Tochter auch vollblind? Ich sehe gar nichs, auch nicht hell und dunkel!

@ Ingrid:

Mein blinder Arbeitgeber kann auch gut Blickkontakt halten! Das hat mir zumindest meine Mutter erzählt.

Ich lese die Texte mit Sprachausgabe und bemerke auch die Smilies, aber ich weiß nicht, was sie bedeuten, darum verwende ich keine.

LG
Nadine

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Beitragvon SamanthaV » 03.02.2013, 18:51

Hallo Nadine,

viel wissen wir nicht über die Blindheit unserer Tochter. Wir wissen, dass sie hell/dunkel erkennen kann, das heißt sie kneift die Augen zusammen, wenn wir vom Schatten ins Sonnenlicht kommen. Auch ist der Pupillenreflex vorhanden.

Am 24.04. haben wir den nächsten Termin in der Augenklinik, da wird dann endgültig die Diagnose gestellt, dennoch erwarte ich nicht so viel von der Untersuchung, da Lana nicht spricht bzw. nur sehr sehr wenig: Mama, Papa, Wa-Wa (=Hund), De-de, Nee Nee, Nein, Bäh (=Bär), Buh (=Buch). Mehr bisher nicht.


Liebe Grüße,

Samantha
Lana (*15.10.10): Hirnblutung, HC, Frühgeburt (30+6), Rickham-Reservoir, VP-Shunt, Ventrikulostomie, linksseitige Hemiplegie, Spitzfuß, taktile Hypersensibilität, schwierige Essstörung, entwicklungsverzögert (14 bis 3 Monate), Opticusatrophie, Nystagmus, Neurodermitis, V.a. von-Willebrand-Syndrom, Krampfleiden seit April 2013, Gabe von Keppra

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Beitragvon Manuela1304 » 25.02.2014, 17:52

Hallo

ich kann nur ganz eingeschränkt antworten da unser Schatz korrigiert erst 4 Monate alt wird, ich weiss nicht was normal in dem alter ist, J. hat ja auch nch ein paar andere Baustellen die ihn evtl. einschränken können.
Er wird wahrscheinlich blind sein, bestenfalls hell/dunkel sehen können, dafür ist er noch zu klein es zu wissen. Es ist keine Pupillenreaktion da, das kann aber auch durch die 3 Augen Op´s kommen, da die Augen verklebt sind von innen, zudem hat er getrübte Linsen. Der Augenarzt sagt man kann es noch nicht beurteilen.

Er greift nicht nach Gegenstände, wenn man ihm ihrgentwas in die Hand geben möchte, hält er es nicht fest, ausser und das ist ein recht grosses Problem er zieht heftig an seiner Sauerstoffbrille und Magensonde, also kann er greifen wenn er will. Einen Finger hält er gerne und kräftig fest.
Vor ein paar Tagen hat er im Hochstuhl liegend nach sachen am Spielbogen gegriffen und in den Mund genommen, vieleicht entwickelt es sich jetzt weiter.

Man kann kaum glauben das er so schlecht sehen kann, denn wenn er wach ist schaut er sich regelrecht um, auch wenn er ihrgentwo neu hin kommt. Er schaut auch meist in die Richtung wo Geräusche kommen.

Ganz liebe Grüße
Manu
Pflegesohn J. ( Juni 2013 ): Extremfrühchen ( 24+2 SSW ) mit Kurzdarmsyndrom wegen Magen-,Dünndarmperforationen ( z.n.Darmstoma, 2 Fisteln, Broviac Katheter mit TPN ) BPD, Monitorüberwachung und Sauerstoff nur noch bei Bedarf, Frügeborenenretinopathie Grad 5 dadurch Blind, Pfortaderthrombose,Button, Pflegegrad 4


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