Nelli mit Leonard (schwere Asphyxie unter der Geburt)

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

Moderator: Moderatorengruppe

Nelli82
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 47
Registriert: 09.05.2012, 21:34

Nelli mit Leonard (schwere Asphyxie unter der Geburt)

Beitragvon Nelli82 » 12.05.2012, 00:21

Hallo, ich möchte mich und meinen Sohn Leonard gerne vorstellen. Wie vielen, die hier geschrieben haben, geht es mir auch so, dass ich dieses Forum schon ein bisschen beschnuppert habe, ohne mich zu Wort zu melden. Ich bin mir um ehrlich zu sein auch gar nicht ganz sicher, ob ich hier überhaupt richtig bin, denn mein Sohn ist vor einigen Wochen "ohne Befund" aus der Klinik entlassen worden und entwickelt sich im Moment altersgerecht. Ich berichte einfach mal von vorne:

Leonard wurde am 7.3.2012 spontan mit 3900 g geboren. In der Schwangerschaft gab es keinerlei Auffälligkeiten oder Probleme - Mutter und Kind kerngesund. Gegen Ende der Schwangerschaft wurde darüber gesprochen, ihn früher zu holen, weil er laut Ultraschall sehr leicht war für sein Alter (small for date). Er entwickelte sich aber stetig weiter, weshalb letztlich davon abgesehen wurde. Einen Tag vor der Geburt wurde er dann auf 2700 g geschätzt - von zwei unabhängigen Ärzten und durch zwei unterschiedliche Ultraschallgeräte. Über 1 Kilogramm leichter also als das tatsächliche Geburtsgewicht. An ET sollte dann unabhängig davon eingeleitet werden, da ich angeblich an Bluthochdruck litt. Beim Langzeitblutdruckmessen im Krankenhaus konnte dies aber nicht bestätigt werden, weshalb ich wieder entlassen wurde. Zwei Tage später bei 40+2 machte sich Leonard dann von ganz alleine auf den Weg. Die Geburt dauerte ab Klinik ca. 8 Stunden, wobei ich bereits mehrere Stunden vorher mit Wehen zuhause ausgehalten hatte. Sie verlief ohne Komplikationen, ich bekam ca. zwei Stunden vor Ende eine PDA. Das CTG war stets unauffällig. Mir ging es gut und Leonard scheinbar auch. Die Presswehen dauerten ca. 40 Minuten, kurz zuvor wurde die Fruchtblase gesprengt, weil sie partout nicht platzen wollte. Das Fruchtwasser war klar. Auch während der Presswehen war alles gut. Hebamme und Arzt waren zugegen, es war bis dahin ein wunderschönes Ereignis. Dann war Leonard da.

Er bewegte sich nicht, schrie nicht.
Arzt und Hebamme wurden innerhalb weniger Sekunden hektisch, schnitten die Nabelschnur durch, nahmen ihn zur Seite und rannten dann mit ihm aus dem Raum. Mein Freund verfolgte sie bis zu einem geschlossenen Raum mit Aufschrift "Reanimation". Wir hörten schrille Rufe im Flur, die nach einem Notarzt verlangten. Ich war ab diesem Moment völlig in Trance, dachte und wiederholte nur noch, mein Kind sei tot. Nach etwa 20 Minuten kam endlich jemand zu uns, nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit allein im Kreißsaal waren und nicht wussten, was geschah. Eine Hebamme sagte uns nun, Leonard hätte wiederbelebt werden müssen, werde jetzt künstlich beatmet, der Notarzt sei da. Die Frage, was schief gelaufen sei, konnte nicht beantwortet werden, bis heute nicht. Die Frage ob er überleben würde, in jenem Moment ebenfalls nicht. Alle waren extrem geschockt. Dann kam irgendwann der Notarzt und berichtete uns, wie es um Leonard stand. Ich weiss nicht mehr genau, was er sagte, ich weiss nur noch, dass mein Freund zusammenbrach.

Letztlich war es wie folgt: Leonard kam mit einer schweren Asphyxie zur Welt. Sein APGAR: 1/4/6 Sein PH: 6,66 Sein BE: -20,3
Er kam zyanotisch und schlapp mit einfacher Nabelschnurumschlingung zur Welt, zeigte keine Spontanatmung, wurde reanimiert und nach ca. 10 Minuten intubiert und für 72 Stunden runtergekühlt auf 34 Grad (Hypothermie, Kältebett). Nach 72 Stunden wurde seine Temperatur schrittweise erhöht, ein Medikament nach dem nächsten entzogen. Es wurden insgesamt drei Hirnultraschalle durch die Fontanelle gemacht. Alle unauffällig. Zwei EEGs. Beide unauffällig. Sämtliche Organe ohne Befund. Er atmete nach 7 Tagen selbständig. Trank nach weniger als 10 Tagen aus der Flasche und wurde nach 11 Tagen von der Intensiv entlassen und zur weiteren Beobachtung auf die Neuropädiatrie verlegt. Er gedieh gut. Trank die vorgeschriebene Menge Muttermilch aus der Flasche, machte erste Versuche aus der Brust zu trinken, meldete sich, wenn er hungrig war, wurde lebhafter und zeigte soweit keine Auffälligkeiten. Leonard wurde nach 17 Tagen aus der Klinik nach hause entlassen.

Die einzige Auffälligkeit passierte am fünften Tag auf der Intensivstation, nach Reduzierung der Sedierung. Er krampfte. Im Entlassbrief ist die Rede von einem generalisierten klonisch-tonischem Krampfanfall. Er bekam daraufhin und bis heute Luminal. 22,5 g, 1 1/2 Tabletten. Jeden Abend um 20 Uhr. Am Folgetag des ersten Anfalls kam es erneut zu einem kurzen Krampfanfall. Bis auf diese beiden Krämpfe sind keine Weiteren aufgetreten. Das Abschluss-EEG findet am 25. Mai statt. Bleibt es wie gehabt ohne Befund, werden die Luminaletten höchst wahrscheinlich abgesetzt. Der ärztliche Plan war, sie langsam auszuschleichen - durch die natürliche Gewichtszunahme. Mittlerweile wiegt Leonard knapp über 5 Kilogramm.

Die U3 beim Kinderarzt ist sehr gut gelaufen. Er ist altersgerecht entwickelt. Der Arzt meinte, er wäre nicht darauf gekommen, dass Leonard so einen schweren Start hatte, hätte er die Krankenakte nicht gelesen. Zur U3 war er also völlig unauffällig, dies wurde von Ärzten aus der Familie und der Nachsorgehebamme bestätigt. Nächste Woche haben wir einen weiteren Vorsorgetermin, bei dem Leonard u.a. geimpft werden soll. Wir drücken weiterhin die Daumen. Auch dafür, dass die Krämpfe womöglich nach Absetzen der Medikation nicht mehr auftreten.

Wir wissen jetzt schon, dass wir, bzw. Leonard extremes Glück im Unglück hatten, egal was jetzt noch kommen mag. Wir sind jeden Tag so froh darüber, ihn um uns zu haben.

Ihr seht: Unsere Geschichte ist bis hier hin verhältnismässig "harmlos", vergleicht man sie mit so manch anderen in diesem Forum. Ich kann nur allen, die ein schwereres Schicksal getroffen hat, meine aufrichtige Bewunderung aussprechen. Ich kann die Gefühle und die große Sorge ums eigene Kind so stark nachvollziehen, dass es mich sprachlos macht, von so viel Stärke, Mut und Durchhaltevermögen zu lesen.

Warum ich diesen Bericht in erster Linie schreibe: Um Anderen Mut zu machen! Man liest im Internet fast ausschliesslich von Fällen, die nicht so glimpflich abgelaufen sind. Natürlich suchen im Internet vor allem Eltern Hilfe, deren Kinder sich nicht normal entwickeln. Eltern, die mit dem ersten oder zweiten Schrecken davonkommen, tauchen entweder kurz in einem Forum wie diesem auf oder gar nicht. Das ist völlig natürlich - und mir wird es vielleicht (oder hoffentlich?) nicht anders gehen. Ich möchte aber gerne meinen Beitrag leisten und einen - bis hier hin - positiven Bericht zurücklassen, in der Hoffnung, dass er von hilfesuchenden Eltern gefunden und gelesen wird und dazu beiträgt, zuversichtlich zu bleiben.

Liebe Grüße
Nelli mit Leonard

Werbung
 
silnaja
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 377
Registriert: 21.07.2009, 13:44
Wohnort: Schleswig - Holstein

Beitragvon silnaja » 12.05.2012, 06:48

Liebe Nelli,

schön, dass Euer Kleiner sich so gut entwickelt. :D
Dieses "Froh sein über das Glück im Unglück" kann ich gut nachvollziehen. Es holt mich immer wieder runter, wenn ich "gierig" werde und ungeduldig. Dann denke ich : "Mensch, sei froh, dass Deine Kleine läuft und spricht, auch wenn es erst mit drei war..." Und mit der Entwicklung anderer Kinder im Umfeld vergleiche ich deshalb auch nie. Ich bin froh um unser Glück (im Unglück).

Hattest Du in einer Klinik entbunden, die eine Kinderintensiv im Haus hatte?

Liebe Grüsse und freut Euch um Euren Kleinen!
(P.S. auch die durchwachten Nächte sieht man anders mit so einer Geschichte, ich finde man "jammert" weniger um Alltäglichkeiten)
Silnaja mit unserer Grossen A. (11/2008, 24+2 SSW, 390g), im Sehen eingeschränkt und entwicklungsverzögert und Bruder J. (11/2011 27+0 SSW, 830g) ...mal sehen

Jojo111
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1196
Registriert: 27.09.2010, 21:35

Beitragvon Jojo111 » 12.05.2012, 08:47

Vielen Dank für den positiven Bericht. Schön, dass es eurem Sohn so gut geht.
Meine Nichte wurde unter ähnlichen Umständen geboren und ebenfalls 72 h gekühlt. Inzwischen ist sie 17 Monate alt und alles ist bestens, sie lief mit 13 Monaten, spricht schon einiges und hat überhaupt keine Probleme. :) Das sah damals auch ganz anders aus.
LG, Jojo
mit dem bezaubernden Trio (Mademoiselle 2006, JIA, sehbehindert, SH rechts mit HG versorgt, ADHS --- Monsieur 2006, Asperger, ADHS, LRS, AVWS --- kleiner Charmeur 2010, HFA, SEV, VED, V.a. Tourette)

"Be who you are. And say what you feel. Because those who mind don't matter. And those who matter don't mind." Dr. Seuss

Nelli82
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 47
Registriert: 09.05.2012, 21:34

Beitragvon Nelli82 » 12.05.2012, 13:01

silnaja hat geschrieben:Liebe Nelli,

schön, dass Euer Kleiner sich so gut entwickelt. :D
Dieses "Froh sein über das Glück im Unglück" kann ich gut nachvollziehen. Es holt mich immer wieder runter, wenn ich "gierig" werde und ungeduldig. Dann denke ich : "Mensch, sei froh, dass Deine Kleine läuft und spricht, auch wenn es erst mit drei war..." Und mit der Entwicklung anderer Kinder im Umfeld vergleiche ich deshalb auch nie. Ich bin froh um unser Glück (im Unglück).

Hattest Du in einer Klinik entbunden, die eine Kinderintensiv im Haus hatte?

Liebe Grüsse und freut Euch um Euren Kleinen!
(P.S. auch die durchwachten Nächte sieht man anders mit so einer Geschichte, ich finde man "jammert" weniger um Alltäglichkeiten)


Hallo und Danke für Deine Antwort. :)

Du hast recht, man nimmt die Zeit mit dem Kleinen und alles, was damit zu tun hat, viel intensiver wahr und die Wertschätzung ist viel grösser.

Das Krankenhaus, in dem ich entbunden habe, hat keine angebundene Kinderintensiv. Es nimmt daher nur Fälle ab der 36. SSW, keine Risikoschwangerschaften oder dergleichen. Ich war laut Aussage der Hebamme der erste Fall dieses Ausmaßes nach zwölf Jahren. Der Notarzt der Kinderklinik war innerhalb von 10 Minuten vor Ort und wir haben mit der Uniklinik eine der renommiertesten Kinderkliniken überhaupt erwischt, die eben auch die Hypothermiemethode anwenden. Auch das war Glück im Unglück.

Deiner Signatur entnehme ich, dass Deine beiden Mäuse Frühchen waren? Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ihr alles durchmachen musstet. Ich habe das Bild der Frühchenstation der Intensiv noch ziemlich deutlich vor Augen...
Nelli mit Leonard (03/12, 40+2 SSW), schwere Asphyxie unter der Geburt, milde CP/ Entwicklungsverzögerung, fein- und grobmotorische Probleme, Tonus-Regulationsstörung (Tremor), Mikroschielen

Sohn, 12/15
Tochter, 05/18

Unsere Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic.php?t=90964

Nelli82
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 47
Registriert: 09.05.2012, 21:34

Beitragvon Nelli82 » 12.05.2012, 13:03

SandraDe hat geschrieben:Vielen Dank für den positiven Bericht. Schön, dass es eurem Sohn so gut geht.
Meine Nichte wurde unter ähnlichen Umständen geboren und ebenfalls 72 h gekühlt. Inzwischen ist sie 17 Monate alt und alles ist bestens, sie lief mit 13 Monaten, spricht schon einiges und hat überhaupt keine Probleme. :) Das sah damals auch ganz anders aus.


So etwas zu hören macht so viel Mut und Zuversicht! Vielen Dank! :)
Nelli mit Leonard (03/12, 40+2 SSW), schwere Asphyxie unter der Geburt, milde CP/ Entwicklungsverzögerung, fein- und grobmotorische Probleme, Tonus-Regulationsstörung (Tremor), Mikroschielen



Sohn, 12/15

Tochter, 05/18



Unsere Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic.php?t=90964

Gerda7
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 369
Registriert: 01.11.2007, 12:49
Wohnort: im hohen Norden

Beitragvon Gerda7 » 12.05.2012, 13:31

Liebe Nellie,

mir fehlen die Worte. Was habt ihr durchmachen müssen! Toll wie ihr das verarbeitet habt und toll wie euer Kleiner sich entwickelt. Mit dem Impfen würde ich persönlich noch ein bisschen warten bis er stabiler ist.
Ich wünsch euch alles Gute!

LG I.
Mama und Papa mit Singmaus 12/06, Wolf Hirschhorn Syndrom geb. 1.505 g + 40 cm - aktuell 05/12: 11 kg , Fieberkrämpfe, luxierte Hüften, extrem entwicklungsverzögert aber fast immer gut drauf ;o)

Jen2011
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 350
Registriert: 11.01.2012, 20:15
Wohnort: Hessen

Beitragvon Jen2011 » 12.05.2012, 15:04

Hallo Nelli,
Freut mich, dass es Eurem Leonard so gut geht und ich drücke auch weiter alle Daumen.
Mein Sohn gehört leider zu jenen, die es hart getroffen hat. Wir sind dennoch dankbar für Berichte, in denen es einem Zwerg mit schwerer Asphyxie vergleichsweise gut geht. Wenn wir den Mut nicht mehr hätten, nach vorne zu schauen, ich mag nicht darüber nachdenken.
Dennoch, jede schwere Asyphyxie, egal wie es ausgeht und das "Outcome" auch immer sein mag, ist eine zuviel. Es ist Versagen.
Viele Gruesse, Jen
Mein Sternenkind Justus, geb. 10/2011, verstorben 07/2012; schwere Asphyxie, Reanimation unmittelbar nach der Geburt, Epilepsie, HIE, Tetraparese.
Die Liebe bleibt.
& M., geb. 07/2015, & C., geb. 08/2017

Püppimelli
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1161
Registriert: 17.08.2010, 19:20

Beitragvon Püppimelli » 12.05.2012, 17:35

Hallo Nelli,

herzlich Willkommen hier! :icon_flower:

So ein Start ist wirklich grausam und lässt einen in ein tiefes Loch voller Ängste fallen!
Daher ist es besonders schön, dass er bis heute unauffällig ist!
Lasst es auf euch zukommen. Vielleicht wird nichts davon jemals auffallen, vielleicht wird er etwas länger brauchen, aber auf alles kann man eingehen und sich mit allem arangieren.

Ich wünsch euch alles Gute!
Liebe Grüße

Melli

silnaja
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 377
Registriert: 21.07.2009, 13:44
Wohnort: Schleswig - Holstein

Beitragvon silnaja » 12.05.2012, 18:03

Hallo Nelli,
ja, insgesamt war ich mit beiden 9 Monate in der Kinderklinik, 8 Monate auf Intensiv... Das genügt nun aber auch... :)

Das Schlimmste ist diese ewige Ungewissheit "was" kommt dabei am Ende raus.
Dieser komplette Kontrollverlust war für mich Kontrollfreak schwer zu ertragen: Nur Danebenstehen zu können und zu hoffen.

Das hat mich aber auch sehr verändert, als Menschen.
Ich kann heute besser hinnehmen, dass gewisse Dinge eben einfach passieren.

Alles wird gut...na gut, vielleicht zumindest besser :wink:

Liebe Grüsse
Silnaja mit unserer Grossen A. (11/2008, 24+2 SSW, 390g), im Sehen eingeschränkt und entwicklungsverzögert und Bruder J. (11/2011 27+0 SSW, 830g) ...mal sehen

Werbung
 
Martina39
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 14
Registriert: 01.05.2008, 15:51

Beitragvon Martina39 » 16.05.2012, 09:46

Hallo Nellie,

schön dass sich Leonard so gut entwickelt. Mein Sohn Gabriel ist jetzt 4 Jahre alt und ich freue mich über jeden seiner Fortschritte. Wenn man so etwas erlebt hat sieht man vieles ganz anders.

Weiterhin alles Gute.

Viele Grüsse

Martina


Zurück zu „Vorstellungsrunde“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast