Erziehungsmaßnahmen bei geistiger Behinderung?

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Sylke T.
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Erziehungsmaßnahmen bei geistiger Behinderung?

Beitragvon Sylke T. » 06.02.2006, 15:36

Hallo,

zur Zeit haben wir mit Vincent einige Kämpfe auszustehen. Wenn er was nicht mag oder einfach nur bockig ist (sei ihm ja auch gegönnt) kommt es immer öfter zu Aussetzern. Er schmeißt was rum - gerne auch das Essen - oder wirft sich schreiend auf den Boden, schlägt auf den Boden. Leider muss sein kleiner Bruder auch öfter dran glauben und er schlägt ihn oder schubst ihn. Bei jedem anderen Kind würde ich wenn er z.b. das Essen umschmeißt z.b. nichts Süßes geben oder wenn er schlägt ihn 5 Minuten in sein Zimmer schicken. Mit erklären kommen wir nicht weit, aufgrund seiner geistigen Behinderung versteht er es nicht wirklich (oder will er uns nur nicht verstehen?) Da er ja nicht sprechen kann, kann er uns auch widerum nichts erklären.

Habt ihr ein paar Tipps was wir tun könnten?

Sylke
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Vincent 11/00 Rubinstein-Taybi-Syndrom, div. Fehlbildungen und ASS, Entwicklungsstand eines Kleinkindes - aber zuckersüß :weelchair:

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Brigitte 1953
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Beitragvon Brigitte 1953 » 06.02.2006, 16:05

Hallo Sylke,

also wir haben da keine großen Unterschiede gemacht. Müssen auch noch heute so verfahren- also Grenzen setzen und einhalten.

Steffi bockt auch noch mit 20 ganz gut rum, wenn es nicht nach ihrem Köpfle geht und Martin ist mit 19 endlich in der Pubertät und wenn ihm dann was nicht passt, gibt es stundenlanges Gebrülle. So laut, dass sogar schon eine Nachbarin angerannt kam, weil sie dachte, bei uns wäre was Schlimmes passiert.

Unsere Mäuse spüren sicher auch sehr genau, dass sie Grenzen erreicht haben oder unsere Familienregeln übergangen sind.

Steffi kommt dann irgendwann angetappert " Tutte mir leid, wieder gut"?

Martin hat da den längeren Atem und auch in der Schule wird er dann in einen ruhigeren Raum gestellt, bis er sich wieder beruhigt hat, weil sein schrilles Schreien tut echt weh.

Ignorieren und entschuldigen, damit würden wir den Kids keinen wirklichen Gefallen tun. Grenzen und Regeln gibt es überall und das müssen auch behinderte Kinder lernen, was die allermeisten auch trotzdem ganz gut auf die Reihe kriegen können.

Kommt oft nur auf die Konsequenz und das Durchaltvermögen der Eltern an, weil es ohne nämlich schneller ruhig , oder was auch immer wird.

Lieben Gruss

Brigitte :D

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Beitragvon marianne » 06.02.2006, 16:42

Hallo Sylke, ich würde mich Brigitte anschließen. Habe eben nochmal in deiner Vorstellung nachgelesen. Wenn Vincent geistig auf dem Stand eines Kleinkindes von eineinhalb bis zwei ist, dann würde ich genauso wie bei einem Kind dieses Alters ohne große Erklärungen ein deutliches NEIN in Situationen sagen, wo das Kind Grenzen einhalten muss. Und wie bei einem Kind in diesem Alter versucht er dann natürlich das gleiche immer wieder.

Auch bei Janosch, der mit seinen fünfeinhalb Jahren geistig vielleicht wie ein Dreijähriger in manchen Gebieten ist, in anderen weiter, handle ich wie mit einem Dreijährigen, wenn er sich so benimmt. Er kommt dann schon in sein Zimmer oder muss mal 5 Minuten auf einem Stuhl sitzen oder darf nicht Fernsehen oder kriegt keinen Lutscher etc.

Bevor er wenigstens diese Zusammenhänge verstand und daraus lernte, wenn auch langsam, als er sich also wie ein Zweijähriger benahm, habe ich ihn auch in sein Zimmer gebracht, wenn er sich sehr trotzig benahm oder habe ihn neben mir oder auf meinem Schoß eine Weile gehalten, bevor er weiterspielen durfte. Das verstand er dann nach einer Weile auch, dass zu dem NEIN eine für ihn unangenehme Konsequenz gehörte. Aber es dauerte. Treppensteigen ohne Theater ganze zwei Jahre! In anderen Bereichen ging es schneller, und noch andere sind immer noch täglich Thema.

Ich finde, auch wenn es immer und immer wieder dieselben Erziehungsthemen bei Janosch sind, seit Jahren, er braucht mit seinen geistigen Grenzen erst recht Regeln, um nicht ungewollt aggressiv oder sich oder anderen gefährlich zu werden. Und ein NEIN sowie einfache Regeln verstehen auch Kleinkinder. Ermüdend für uns Eltern sind nur die ständigen Wiederholungen.

Aber vielleicht schreiben die Fachfrauen hier im Forum auch noch was dazu, die zu diesem Thema eine Ausbildung haben und täglich erzieherisch mit geistig behinderten Kindern arbeiten.

Lieber Gruß!

Marianne

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Beitragvon B.ianca » 06.02.2006, 17:18

Hallo!

Also, bei mir in der Arbeit verfahren wir auch ganz "normal". Wenn ein Kind z.B. ein anderes Kind schlägt, versuchen wir es erstmal mit einem kräftigen NEIN. Wenn das auch nichts hilft, muss das Kind eben für fünf Minuten in den Nebenraum, mit geschlossener Tür.
Dann versuchen wir es nochmal und meistens klappt es dann auch.

Bei einem Mädchen in meiner Gruppe sind wir leider schon soweit, dass sie mit bestimmten Kindern nicht mehr spielen darf, weil sie immer wieder zuhaut.
"Wer nicht bereit ist, von ihnen zu lernen und ihre Leistung zu achten, belästige sie nicht mit Mitleid und Trost."- Franz Fühmann

Bianca, 19 Jahre alt, Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin -> Fachschule für HEP in Reichenbach; meine Praxisstelle ist das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum Regensburg

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Beitragvon Manu7 » 06.02.2006, 17:47

Hallo

Ich versuch es auch mit klare Regeln, wenn ein Nein nicht mehr hilft, schicke ich meine Kinder auch mal ins Zimmer.
Auch andere Verbote gibts bei mir, zB. kein Süßes ( meine mögen gerne Süß),oder
Fernsehverbot, oder Abends gibts keine Musik mehr.

Bisher bin ich ganz gut damit gefahren, auch bei meiner Tochter, sie ist auch leicht Geistig behindert, weiß aber genau was sie macht.
Nur wenn sie nicht hören will, das macht sie das auch, und schaltet voll auf Stur und zuckt nur mit den Schultern.

Gruß

Theo mit Kids

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Beitragvon Barbara A. » 06.02.2006, 18:30

Hallo,

ich mache bei Tia auch keine Ausnahme, ich behandel sie so, wie ich ein *normales* Kind behandeln würde.
Leider muß ich bei Tia schon mal eine härtere Gangart einlegen, erst kommt ein normales Nein und wenn dann nichts passiert, wird mein Nein heftiger von der Stimme und wenn garnichts geht, schick ich sie in ihr Zimmer. Oder setz sie irgendwo hin und sage: so jetzt bleibst du sitzen. Manchmal funktioniert das.
Aber es ist schon schwer mit ihr. Weil sie ja auch nicht sprechen kann, aber ein sehr gutes Sprachverständnis hat. Manchmal frage ich mich, ist das die normale Trotzphase oder hat diese bockigkeit jetzt mit ihrer Krankheit zu tun ?? Leider kann ich dies nicht unterscheiden, da Tia mein erstes Kind ist.

Wenn Tia wieder ihre Ausraster hat und anderen Kindern Haare zieht, dann ziehe ich nach einmaligem androhen die Konsequenz und nehme sie aus dem Spiel raus, folgt danach wieder das gleiche wird sich angezogen und gegangen oder der Besuch muß leider gehen. Ist zwar nicht schön, aber vielleicht lernt sie es dadurch.

Wir stehen noch ganz am Anfang und müssen noch vieles in dieser Hinsicht her lernen, aber durch die I-Kita bekommen wir sehr wertvolle Tipps .

LG Barbara :icon_flower:
mit Tia-Marie Gendefekt Entwicklungsstörung mit besonderer Senke im Bereich der Sprachentwicklung,
Unsere Vorstellung:http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic8121.html
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Beitragvon Isolde » 06.02.2006, 19:23

Hallo Sylke,

auch ich habe ein geistig behindertes Kind das die Aussetzer hat, wie ein normal entwickeltes Kind, alles nur um ein paar Jahre verschoben.
Er versteht mehr als wir je geglaubt haben.
Und so versteht er auch ein klares Nein.
Die langen Erklärungen des Weshalb, Warum und Wieso, die kann man sich sparen, weil das die Kinder nicht verstehen.
Aber akut aus der Situation heraus - Nein, das darfst Du nicht, Du darfst nicht schlagen - ich glaube schon dass dieses die geistig behinderten Kinder verstehen.

Und solche Wutanfälle sind auch wichtig für die Kinder um genau auch die Grenzen gezeigt zu bekommen. Sie brauchen das genauso wie die gesunden Kinder.

Also ganz normal - auch mit Konsequenzen - mit dem Kind reden und verfahren.
Die Gefahr ist ja am Ende dass man denkt, ein geistig behindertes Kind könne dieses und jenes nicht verstehen und lässt es dann machen.
Nein, nein, nur nicht in die Irre führen lassen - vielleicht muss man dieses Nein dann etwas mehr und anders betonen und vielleicht auch 3-4x mehr sagen, aber es wirkt, wenn immer bei der gleichen Situtation dieses Nein kommt.

Viel Glück beim Ausprobieren...

lieben Gruß - Isolde
„Ich habe den lieben Gott in manchen Kneipen besser kennengelernt als in manchem Bibelkreis.“ Rainer Maria Schießler, Pfarrer in München St. Maximilian

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Beitragvon christinefä » 06.02.2006, 21:43

Dieses Thema ist bei uns gerade hochaktuell.

Vor lauter Bäumen sahen wir den Wald nicht mehr und waren gänzlich betreibsblind geworden! :oops:
Ich schäme mich dafür, dass ich das unangenehme Benehmen von Philipp so lange geduldet habe. Auch er ist ein Meister im Werfen... Teller, Gabel, Löffel, Tischset, alles fleigt durch die Küche und nicht selten hat er ein Geschwister getroffen. Wir haben so lange nicht richtig reagiert, weil wir immer den Grund gesucht haben. Hatte er keinen Hunger? War das Essen zu heiss? Waren die Geschwister zu unruhig??? Gründe gab es immer viele :(

Nun aber ist Schluss mit Entschuldigungen. Mit der Früherzieherin haben wir die Situation ganz genau betrachtet und auch die Konsequenzen durchgespielt.

Nun gehen wir folgerndermassen vor:
Wenn der erste Gegenstand fliegt :arrow: Philipp berühren, Augenkontakt suchen, deutlich sagen: Ich will nicht, dass du wirfst.
Beim 2. Mal :arrow: den Tripp Trapp vom Tisch weg ziehen, nach 1 Minute etwa wieder zurücknehem
Beim 3. Mal: :arrow: Muss er in sein Zimmer, weil dort der einzige Raum ist, wo er toben kann, ohne allzugrossen Schaden anzurichten. Ich trage ihn also einen Stock höher...nach 2-3 Minuten hole ich ihn wieder
Beim 4. Mal :arrow: muss er für den Rest der Mahlzeit im Zimmer bleiben, Essen gibts erst bei der nächsten Zwischenmahlzeit wieder.

Wenn er aber nie vom Tisch muss, bekommt er ein paar Smarites! :D

Das machen wir nun seit einer Woche so und der Erfolg scheint sich ein ganz kleines Bisschen einzustellen.
Wenn er nun etwas wirft, hebt er den Zeigefinger und schimpft. Dummerweise ist das soooo süss, dass ich mich jedesmal sofort abwenden muss, damit er mein Lachen nicht sieht.
Ich denke mal, dass er schon die Verbindung von werfen zu schimpfen gemacht hat. Und irgendwann wird er auch werfen-schimpfen-wegmüssen gespeichert haben.

Aber es braucht ganz viel Energie mit einem behinderten Kind die Konsequenzen durchzuziehen. Aber eine andere Möglichkeit gibt es leider nicht.
Christine 64, F 65, C 92, A 95, O 96(Asperger Autist), J 98 & Philipp 01 (frühkindlicher Autismus, Sprachbeginn mit 4 1/2, noch immer 1-2 Wort Sätze, Microdeletion 22q13.33 Phelan Mc Dermid Syndrom)
unsere Vorstellung http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic ... ght=#73943

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Beitragvon ehemalige Userin » 07.02.2006, 12:12

Hallo Ihr Lieben,

bei uns ist das Thema Grenzen setzen immer wieder hochbrisant, da die Fronten doch immer wieder neu gesteckt werden müssen.
Und für alle die sich in der Phase befinden neue Wege zu beschreiten, kann ich nur Durchhaltevermögen wünschen.
Justins und mein Leben ist auf Grund dessen wesentlich entspannter im Umgang miteinander geworden.
Justin braucht einen festen Ritus und Verhaltensregeln, die für ihn klar verständlich sind - und das Grenzen setzen hat ihm einen inneren Halt gegeben, ähnlich wie bei gesunden Kindern.
Und heute gilt Justin als ein wohlerzogenes Kind, der seinen nicht unerheblichen Charme einzusetzen weiss.

Für uns Eltern beinhaltet es ebenso konsequentes Handeln und uns selbst auch immer wieder in Frage zu stellen - dass das nicht immer leicht ist, ist mir durchaus bewusst!!!

Aber auf Zeit gesehen, wird es leichter.

Also TOI TOI TOI

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kachiya
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Beitragvon kachiya » 07.02.2006, 12:37

Hallo,

ich habe zwar kein geistig behindertes Kind, aber einen Zweijährigen zuhause, der gerade fleißig dabei ist, sein ICH zu entdecken.
In einem schlauen Erziehungsbuch habe ich mal eine interessante Sache gelesen. Kindern soll man keine Grenzen setzen, Kinder sollen lernen, die Grenzen ihrer Mitmenschen zu erkennen und zu akzeptieren. Diese eigenen Grenzen müssen dem Kind irgendwie entwicklungsgerecht gezeigt werden.
Ich finde diesen Ansatz sehr gut, da ja alle Mitmenschen (nicht nur die eigenen Kinder) die eigenen Grenzen akzeptieren sollen.
Das alles hört sich sicherlich einfacher an, als es wirklich ist, aber wir versuchen danach zu handeln (Nicht: "Das macht man nicht", sondern "Ich möchte das nicht").

LG,


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