Werkstatt auch halbtags möglich? RV lehnt ab

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Christina-Fredi
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Werkstatt auch halbtags möglich? RV lehnt ab

Beitragvon Christina-Fredi » 05.02.2012, 14:47

Hallo,
ich bin zum ersten Mal in diesem Forum. Mein durch Geburtstrauma (Hirnblutung) geistig und koerperlich behinderter Bruder ist 45 Jahre alt. Er wohnt in einem Behindertenwohnheim der Diakonie mit Werkstatt in 100m Entfernung. Er wuerde gern in der Werkstatt arbeiten, hat dort schon hospitiert und fleissig mitgemacht, ist jedoch nur 4 Stunden belastbar und braucht dringend seinen taeglichen 2-stuendigen Mittagsschlaf, um zu regenerieren und psychisch ausgeglichen zu sein.
Soweit ich weiss, sind die Werkstattplaetze subventioniert und es scheint das Problem zu sein, dass nur ein "halber" Platz von der Rentenversicherung nicht gern finanziert wird. Das heisst fuer meinen Bruder: Da er 8 Stunden nicht durchhaelt, darf er nun gar nichtarbeiten, obwohl er hochmotiviert ist, die Arbeit ihm Spass macht und er sich sonst nicht sinnvoll beschaeftigen kann. In der ebenfalls vorhandenen Tagesstaette mit sehr alten bzw. sehr stark geistig Behinderten waere er mit Kochen, Backen, Singen, Basteln etc. absolut unterfordert.
Nun will ich persoenlich mit der RV in Kontakt treten und brauche Argumentationshilfe. Eine Sozialklage laeuft wohl auch schon, kann aber ewig dauern. Wer hat dieses Thema schon durch und kann mir raten? Bin fuer jeden Hinweis dankbar!

Liebe Gruesse,
Christina

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BettinaDA
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Beitragvon BettinaDA » 05.02.2012, 17:17

Bist Du sicher, daß die Arbeitszeit wirklich 8 Stunden beträgt? Der reine Aufenthalt dort mögen vielleicht 8 Stunden sein, aber wenn Du mal genau schaust, dann sind dort jede Menge Pausen dabei. Mein Sohn hat nicht nur eine Mittagspause, sondern auch noch Frühstück und nachmittags gibt es meines Wissens auch noch mal eine Pause.

Auch kann ich mir nicht vorstellen, daß man einem Mitarbeiter den dringend benötigten Mittagsschlaf streitig machen will. Außerdem wird wohl in den wenigsten Werkstätten ein so straffes Arbeitsprogramm durchgezogen, wer nicht mehr kann, der darf Pause machen. So zumindest kenne ich es aus unserer Werkstatt.

Kannst Du denn dort nicht nochmals nachfragen und Dich mit dem Verantwortlichen (Werkstattleiter oder Soziale Dienste) direkt unterhalten? Das kann ja wohl nicht sein, daß Dein Bruder nur deshalb nicht dort arbeiten gehen kann.

Viele Grüße
Bettina
Sohn 8/90 atpischer Autismus, Hypogonadismus.

Kaja
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Beitragvon Kaja » 05.02.2012, 23:01

Hallo Christina,

die DRV hat die eine Finanzierung des Platzes nach § 16 SGB VI i.V.m. §§ 39 ff SGB IX vorzunehmen, wenn dein Bruder werkstattfähig ist. Die Werkstatt(un-)fähigkeit definiert die DRV selbst hier:

Werkstattunfähigkeit liegt demgegenüber bei Personen vor, für die lediglich Pflege, Aufbewahrung oder die bloße Beschäftigung in Betracht kommt (also die Tagesstrukturierung im Vordergrund steht)... Außerdem liegt Werkstattunfähigkeit vor, wenn das Leistungsvermögen weniger als 3 Stunden Beschäftigungszeit i. S. v. § 6 WVO pro Tag umfasst.

Auch die Beschäftigungszeit hat eine Definition:

(1) Die Werkstatt hat sicherzustellen, dass die Behinderten im Arbeitstrainings- und Arbeitsbereich wenigstens 35 und höchstens 40 Stunden wöchentlich beschäftigt werden können. Die Stundenzahlen umfassen Erholungspausen und Zeiten der Teilnahme an Maßnahmen im Sinne des § 5 Abs. 3.
(2) Einzelnen behinderten Menschen ist eine kürzere Beschäftigungszeit zu ermöglichen, wenn es wegen Art oder Schwere der Behinderung oder zur Erfüllung des Erziehungsauftrages notwendig erscheint.

Wenn dein Bruder mindestens drei Stunden Beschäftigungszeit am Tag (nicht am Stück) durchhält, dürfte die geringere Arbeitszeit kein Ablehnungsgrund sein.

Viele Grüße Kaja

Christina-Fredi
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Beitragvon Christina-Fredi » 15.02.2012, 18:53

Hallo Bettina und Kaja,
vielen Dank fuer eure Hinweise. Ich habe inzwischen mit allen Verantwortlichen vor Ort (Werkstattleitung u. Sozialdienst) gesprochen. Dass mein Bruder werkstattfaehig ist und weit mehr als ein Mindestmass an Leistung bringt, wird von allen bestaetigt. Das Problem scheint anders gelagert zu sein, als ich dachte. Mein Bruder wohnt erst seit 1,5 Jahren in diesem Heim und durfte bisher nur mal ehrenamtlich ein paar Wochen in der fuer ihn neuen Werkstatt arbeiten, bis geklaert ist, wer die Kosten fuer den Werkstattplatz uebernimmt. Die Rentenversicherung lehnt mit der Begruendung ab, dass er frueher (1988-2003) schon mal in einer WfB gearbeitet hat und ihm daher eine erneute Foerderung nicht zusteht. Jetzt waere wohl das Sozialamt zustaendig. Ist es wirklich so, dass das Eingangsverfahren (3 Monate) fuer die Aufnahme in einer WfB nur einmal im Leben finanziert wird und spaeter nie wieder, auch wenn es eine neue Werkstatt ist, die fruehere Arbeit fuer mehrere Jahre unterbrochen werden musste und das erste Eingangsverfahren schon ueber 20 Jahre zurueckliegt? Gibt es da keine Ausnahmen? Wisst Ihr was dazu? Jetzt laeuft eine Klage vorm Sozialgericht und zeitgleich wird auch ein Antrag beim Sozialamt fuer die Finanzierung des Werkstattplatzes gestellt. Hoffentlich dauert das alles nicht Monate - mein Bruder ist sehr resigniert.
Kennt Ihr Paragrafen zum Thema "Eingansverfahren"? Danke fuer Eure Muehe,
viele Gruesse, Christina

Michaela W.
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Beitragvon Michaela W. » 16.02.2012, 11:45

Hallo Christina!

Mein Sohn ist derzeit im Berufsbildungsbereich einer Werkstatt. Er war erst 3 Monate im Eingangsverfahren und jetzt für 2 Jahre im Berufsbildungsbereich. Bei ihm werden die Kosten von der Agentur für Arbeit (Rehaberufsberatung) übernommen. Das läuft unter "Leistungen zu Teilhabe am Arbeitsleben".
Es ist echt ein Unding, dass Deinem Bruder soviele Steine in dem Weg gelegt werden. Verständlich, dass er resigniert.

LG und viel Glück

Michaela
Michaela (50) Asthma, stiller Reflux, hoher Puls, Bluthochdruck, Kniearthrose
Kevin (27): Ein Fall für Dr. House. Unklare Genese (derzeit ausdiagnostiziert) mit beinbetonter Spastik, Pseudotumor Cerebri (Shunt seit 2010), Bluthochdruck, hoher Puls, vergrößerte Leber+Milz, Asthma
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Kaja
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Beitragvon Kaja » 16.02.2012, 20:53

Hallo Christina,

das Eingangsverfahren ist in § 40 SGB IX wie folgt geregelt:

(1) Leistungen im Eingangsverfahren und im Berufsbildungsbereich einer anerkannten Werkstatt für behinderte Menschen erhalten behinderte Menschen

1. im Eingangsverfahren zur Feststellung, ob die Werkstatt die geeignete Einrichtung für die Teilhabe des behinderten Menschen am Arbeitsleben ist sowie welche Bereiche der Werkstatt und welche Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben für den behinderten Menschen in Betracht kommen, und um einen Eingliederungsplan zu erstellen ...

2) Die Leistungen im Eingangsverfahren werden für drei Monate erbracht. Die Leistungsdauer kann auf bis zu vier Wochen verkürzt werden, wenn während des Eingangsverfahrens im Einzelfall festgestellt wird, dass eine kürzere Leistungsdauer ausreichend ist.

Eine Konkretisierung dazu gibt es in § 3 WVO
§ 3 Eingangsverfahren
(1) Die Werkstatt führt im Benehmen mit dem zuständigen Rehabilitationsträger Eingangsverfahren durch. Aufgabe des Eingangsverfahrens ist es festzustellen, ob die Werkstatt die geeignete Einrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben und zur Eingliederung in das Arbeitsleben im Sinne des § 136 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch ist, sowie welche Bereiche der Werkstatt und welche Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und ergänzende Leistungen oder Leistungen zur Eingliederung in das Arbeitsleben in Betracht kommen und einen Eingliederungsplan zu erstellen.
(2) Das Eingangsverfahren dauert drei Monate. Es kann auf eine Dauer von bis zu vier Wochen verkürzt werden, wenn während des Eingangsverfahrens im Einzelfall festgestellt wird, dass eine kürzere Dauer ausreichend ist.
(3) Zum Abschluss des Eingangsverfahrens gibt der Fachausschuss auf Vorschlag des Trägers der Werkstatt und nach Anhörung des behinderten Menschen, gegebenenfalls auch seines gesetzlichen Vertreters, unter Würdigung aller Umstände des Einzelfalles, insbesondere der Persönlichkeit des behinderten Menschen und seines Verhaltens während des Eingangsverfahrens, eine Stellungnahme gemäß Absatz 1 gegenüber dem zuständigen Rehabilitationsträger ab.
(4) Kommt der Fachausschuss zu dem Ergebnis, dass die Werkstatt für behinderte Menschen nicht geeignet ist, soll er zugleich eine Empfehlung aussprechen, welche andere Einrichtung oder sonstige Maßnahmen und welche anderen Leistungen zur Teilhabe für den behinderten Menschen in Betracht kommen. Er soll sich auch dazu äußern, nach welcher Zeit eine Wiederholung des Eingangsverfahrens zweckmäßig ist und welche Maßnahmen und welche anderen Leistungen zur Teilhabe in der Zwischenzeit durchgeführt werden sollen.

Die DRV selbst zeigt also auf ihrer Internetseite, dass sie von einer Wiederholungsmöglichkeit ausgeht.

Viele Grüße Kaja

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Beitragvon Christina-Fredi » 03.03.2012, 17:10

Hallo Kaja, Michaela und Bettina,

Hurra, geschafft!!! Seit zwei Tagen arbeitet mein Bruder wieder in der Werkstatt und ist der glücklichste Mensch der Welt. Und ich bin es auch!

Nachdem die Rentenversicherung sich nicht mehr zuständig fühlte, habe ich die Betreuerin meines Bruders gebeten, einen Antrag beim Sozialamt auf Kostenübernahme für den Werkstattplatz zu stellen. Gleichzeitig habe ich ein glühendes Schreiben verfaßt und zusammen mit drei aktuellen Gutachten von Hausärztin, Heimleitung und Werkstattleitung nicht nur an die Rentenversicherung, sondern auch an das Sozialamt und an das Sozialgericht geschickt. Und nun hat sich alles überraschend schnell geklärt. Wer jetzt die Kosten übernommen hat, konnte ich noch gar nicht in Erfahrung bringen. Ich nehme an, daß es das Sozialamt war.

Ich danke Euch nochmal ganz herzlich für Eure Mithilfe!!! Freut Euch mit mir!!!

Liebe Grüße,

Christina

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Beitragvon Michaela W. » 04.03.2012, 13:43

Hallo Christina!

Na, das ist ja eine tolle Nachricht. Freut mich total für Deinen Bruder.

LG von Michaela
Michaela (50) Asthma, stiller Reflux, hoher Puls, Bluthochdruck, Kniearthrose

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Beitragvon Marc6892 » 04.03.2012, 14:47

Freue mich ebenfalls für Euch.

Aber mal eine Frage.

Das letzte halbe Jahr, wo ich Deutschland lebte, war mein Sohn in einer ähnlichen Einrichtung, aber in NRW. (Bis davor war er in einer GB-Schule und zu Hause) Nach der Schulzeit wäre er dort in ein angrenzende Einrichtung der Diakonie gekommen mit Werkstatt.

Wie ich das dort kennengelernt habe, wird dort sehr auf die Bedürfnisse der Bewohner bzw. der zu betreuenden Mitarbeiter eingegangen. Das heisst, wenn die Belastbarkeit auf 4 Stunden begrenzt gewesen wäre, hätte man ihn auch anschliessend zwei Stunden in einen Ruheraum gebracht und entsprechend betreut. Der Leistungsdruck in geschützten Werkstätten sollte doch nur entsprechend der Leistungsfähigkeit sein. (Natürlich wird Bequemlichkeit nicht unterstützt, wohl aber körperliche und psychische Grenzen).

Wäre das in dieser Einrichtung nicht so gewesen? Würde ich jetzt zum ersten Mal so hören. Oder ist dort nicht jede Einrichtung gleich in Ihren Reglementen?

LG aus der Schweiz
"Das Tolle daran, die einzige zwischen richtig und falsch unterscheidende Art zu sein, ist, daß wir uns immer genau die Regeln ausdenken können, die uns gerade in den Kram passen. - Die letzten ihrer Art, Douglas Adams

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Beitragvon dagmar neo frea » 04.03.2012, 18:51

Hallo Marc6892

Einen recht guten Eindruck über die Zustände in den Deutschen Werkstätten kann man sich in der online Diskussion erlesen.
Insbesondere interessant,wenn MItarbeiter(Betreuer?) sich dahingend auslassen,Schwerstmehrfachbehinderten den Zugang zu verwehren.
http://www.REHAkids.de/phpBB2/viewtopic ... 02#1546502

L.G.
Dagmar *1962,Robert *1965,Frea Jakobine *1985, T21,operierter AV- Kanal,Neo Leander*2004, HFA

http://www.institut-fuer-menschenrechte ... rpd_de.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=dVrX7Gqjzs0


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