Tagespflege oder Werkstätte

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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BenPi
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Tagespflege oder Werkstätte

Beitragvon BenPi » 22.01.2012, 10:10

Da ja viele von euch auch ältere Kinder haben, frage ich euch mal.

Meine geistig behinderte Tante lebt bei meinen Eltern. Sie haben die Pflegschaft seit nun knapp einem Jahr. Für finazielles und Aufenthaltsbestimmungsrecht wurde allerdings ein gerichtlicher Betreuer festgelegt.
Meine Tante ist 52 Jahr alt. Sie ist seit sie bei meinen Eltern lebt in einer Tagespflege untergebracht, wo sie sich auch sehr wohl fühlt.

Das Gericht möchte sie aber partout in den Behinderten-Werkstätten unterbringen. Obwohl sie selber auch gar nicht wirklich möchte.

Sie lebte bislang immer nur bei ihrer Mutter, hat damals eine Mädchenschule bis zur 5. Klasse besucht und später nochmal in einer Kantine gearbeitet. Dort musste sie aber aufhören, da sie die Hygiene-Vorschriften zunehmend nicht mehr einhalten konnte. Neurolgisch hat sie immer weiter abgebaut.

Ausser ihrem Namen kann sie nichts lesen oder schreiben. In alltäglichen Dingen ist sie ebenfalls sehr unselbstständig. Sie braucht zumindest immer jemanden, der sie anleitet (z.B. beim waschen, zähneputzen, anziehen), weil sie alles wieder vergisst.

In der Tagespflege ist sie mittlerweile gut integriert und auch die dortigen Betreuuer sind der Meinung, das sie einen "Arbeitsalltag" nicht mehr wuppen würde. Dazu kommt, solange sie selbst entscheiden kann, ist sie guter Dinge. Wenn sie aber etwas "muss" wird sie mürrisch und unwirsch und verweigert oft.

Meine Eltern haben versucht, die Situation in einem Anhörungsverfahren zu erklären. Jedoch hieß es nachher nur, meine Eltern wollen sie nicht selbstständig werden lassen. Was so aber nicht stimmt. Selbst in der Tagespflege sagen sie, das sie eher Rückschritte als Fortschritte macht. Aber das zählt ja alles nicht...Aussage des gerichtlich bestimmten Betreuers "die werden ja auch dafür bezahlt, das sie dort ist, kein Wunder das sie sie dort also halten wollen". Und vom Richter kam ein "Tagespflege...soll das alles gewesen sein? Den ganzen Tag nichtstun?"
Was denken die eigentlich? Auch dort machen sie viel, haben Programm und alles. Und es ist vor allem sehr familiär.

Der gesetzliche Betreuer bleibt solange involviert bis sie in den Werkstätten untergebracht wurde. Über dieses Urteil sind alle fassungslos.
Zumal der Betreuer jeden Monat richtig viel Geld kostet.

Lohnt es sich da Widerspruch einzulegen?

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Baka
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Beitragvon Baka » 22.01.2012, 10:20

huhu BenPi...

Auch in den Werkstätten gibt es Bereiche, in denen auf deine Tante geachtet wird..
dort machen die Leute nur das, was sie auch können..

was ist das für eine Tagespflege in der sie ist?
ist das eine Tagesförderstätte? eine Tagesförderstätte gehört ja zur Werkstadt, dort ist es aber ähnlich wie in der Tagespflege...

ob ein Widerspruch etwas bringt, weiß ich nicht...

aber Werkstatt ist nicht immer nur Arbeit...
schaut euch die an..
die Werkstatt hat immer ein EIngangsverfahren in dem geschaut wird, wohin die Person passt...

lbg baka
Hannah (02/08) - unbekanntes Entwicklungsretardierungssyndrom mit Wilms-Tumor - Sternenkind seit 20.06.2013,
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BenPi
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Beitragvon BenPi » 22.01.2012, 10:29

Das Problem ist bei ihr halt die regelmäßigkeit. ihr fällt es schwer sich an vorgaben zu halten. So wie eben damals in der kantine: sie hat nicht die hände gewaschen, ins essen gespuckt, wenn es nicht nach ihr ging mit geschirr geworfen... .

Es ist eine Tagespflegestätte. Es sind hauptsächlich Menschen ab 50 dort, mit oder ohne Behinderung. Sie versteht es nicht mal richtig. Für sie ist es ein Krankenhaus und sie arbeitet dort (weil man sie dort überall helfen lässt, wenn sie möchte). Sie hatte ja vorher nie etwas mit Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten zu tun. nachdem sie nicht mehr gearbeitet hat, hat meine Oma sie quasi an der kurzen Leine gehabt. Sie musste bei meinen Eltern vieles erst neu lernen. Zum Beispiel richtig mit besteck essen, sich einigermaßen alleine anziehen, waschen..., was nicht immer ganz einfach ist/war, da ihr Sprachverständnis stark herabgesetzt ist.

Und wie gesagt, der Hauptpunkt ist eigentlich, das sie dort aus der Tagespflege nicht weg möchte. Es ist ja seit zig Jahren das erste mal, das sie etwas "eigenes" hat. Daher auch für mich voll verständlich.

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Inge
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Beitragvon Inge » 22.01.2012, 10:56

Hallo BenPi,

besteht die Möglichkeit, dass Deine Tante in der WvbM eine Art "Praktikum" machen, also z.B. eine Woche zur Probe arbeiten kann, damit alle miteinander sich ein Bild davon machen können?

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

'Sommerkind' von Wortfront


Viele Grüße
Inge

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Beitragvon chriz » 22.01.2012, 11:00

Hallo BenPi,
ich kann Dir zwar leider nicht weiterhelfen, möchte Dir aber sagen, dass ich es vollkommen verstehen kann und auch gutheißen würde, wenn sie sich dort wohlfühlt und dort bleiben möchte. Und ja offenbar auch gut betreut wird. Einen solchen Ort zu finden ist nämlich garnicht so leicht.
Ich wünsche Euch alles Gute!
LG,
Christiane

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Beitragvon ehemaliger User » 22.01.2012, 11:02

Hallo BenPi,

in Werkstätten kann man so Schuppertage mache. Da kann deine Tante mal sehen ob es für sie wäre. Ich habe auch vorher gesagt da gehe ich nie hin und jetzt fühle ich mich wohl. Dort wird auch z.Zt. einige Angebot für ältere Menschen gemacht.

Außerdem habe viele WfbM auch Tagesstättenangebote an, wo es um Tagesstruktur und ähnliches geht.

Ich würde mit ihr mal einfach mal dort hingehen.

LG

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Beitragvon BenPi » 22.01.2012, 11:14

Ja, Schnuppertag wissen wir schon :) Praktikum geht nicht, wegen der Anfahrt. Hier schafft es keiner zeitlich sie jeden Tag hinzufahren/abzuholen, weil wir alle berufstätig sind und der Fahrdienst geht während eines Praktikums nicht.

Unser Problem ist eher, was ist wenn es ihr erst gefällt und nach nem halben Jahr geht es nicht mehr, weil sie auch alles verweigert? Oder einfach nicht mehr hin will? Dann ist auch der Tagespflegeplatz weg. Sie haben schon gesagt, das wir dann höchstens wieder auf die Warteliste könnten, aber sie können natürlich den Platz nicht freihalten, ist ja aber auch klar.
Wohin dann mit ihr? Wie gesagt, hier sind alle berufstätig und können sie nicht zuhause betreuen. Und alleine bleiben kann sie nicht.


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