Werkstattfähig - wer entscheidet das?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Skylar
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Werkstattfähig - wer entscheidet das?

Beitragvon Skylar » 22.01.2012, 09:43

Hallo zusammen,

ich bin gerade in der Situation dass ich für Kevin eine neue Tagesbetreuung suche. Er geht zu Zeit in die Tagesstätte seiner Einrichtung die aber aus verschiedenen Gründen nicht das Richtige für ihn ist.

Wir haben nun einen "Vorstellungstermin" in einer WfbM der Lebenshilfe und die Dame am Telefon fragte mich eben ob er werstattfähig sei...
Kevin ist schwer geistig behindert, hat eine Tetraspastik, ist mit und ohne Rollstuhl einigermaßen mobil, er versteht alles wenn man seine Aufmerksamkeit hat und man in kurzen Sätzen spricht und er antwortet mit Ja und Nein. Er ist 20 Jahre alt und sehr aktiv/verspielt/pubertär.

Es ist mir klar, dass Kevin nicht "klassisch" werkstattfähig ist. Er wird sich sicher nicht hinsetzten und den ganzen Tag fleißig arbeiten und er ist vor allem feinmotorisch ja auch sehr eingeschränkt.

Irgendwie war für alle immer klar, dass er in einer Tagesförderstätte betreut wird und ich habe mich nicht dagegen gewehrt... Wenn ich mir ihn aber jetzt in der Tagesstätte ansehe möchte ich nicht, dass er nur noch "betreut" wird.
Er ist soooo interessiert und aktiv und lebensfroh und war immer gut durch positive Verstärker zu motivieren.
Ich habe irgendwie das Gefühl dass da noch mehr geht - ich hoffe ihr versteht was ich meine!

Habt ihr eine Ahnung wer jetzt rausfindet ob Kevin werkstattfähig ist? Das geht ja sicher nicht bei einem Vorstellungstermin?!

Tut mir leid, dass es so lang geworden ist...
Für alle die durchgehalten haben: Danke fürs Lesen!

Liebe Grüße,
Tina

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katrinchen
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Beitragvon katrinchen » 22.01.2012, 12:26

Hallo Tina,

bei uns läuft das so:
Die Schüler absolvieren Schnuppertage und Praktika (in der Regel 3) in den Werkstätten (oder auch woanders, wenn möglich oder sinnvoll).
Danach findet ein Gespräch mit der ARGE statt. Dort wird über die Praktika und die Wünsch der Eltern und Schüler gesprochen, sodass dann festgelegt wird, was allen Beteiligten am sinnvollsten erscheint.
Das wird dann geprüft (das kostet ja alles Geld) und ein Bescheid wird zugestellt.

Hat Kevin Praktika gemacht? Hatte er Schnuppertage?
Vorher finde ich es sehr schwierig, eine Aussage zur Werkstattfähigkeit zu treffen.
Ein Kriterium ist immer wieder, dass der Beschäftigte in einer Gruppe von 12 Personen von einem Mitarbeiter "führbar" ist. Alle, die mehr Betreuung, Anleitung, Unterstützung brauchen, sind meistens eher in der Tagesförderstätte.
Trotzdem sind natürlich gerade auch in der WfbM Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf.

Es gibt darüberhinaus ja auch Tagesförderstätten, die werkstattähnliche Arbeiten verrichten, aber eben einen höheren Betreuungsschlüssel haben. Und eben auch andere Tagesstrukturen haben. So wird z.B. am Vormittag gearbeitet und am Nachmittag gemeinsam gespielt etc.
Gibt es noch andere Einrichtungen bei euch in der Nähe, die ihr euch ansehen könntet?

LG Katrin
Katrin (*83), Förderschullehrerin an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

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dagmar neo frea
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Beitragvon dagmar neo frea » 22.01.2012, 13:43

Hallo Tina

Werkstattfähig heißt:

http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_9/__136.html


sofern erwartet werden kann, dass sie spätestens nach Teilnahme an Maßnahmen im Berufsbildungsbereich wenigstens ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung erbringen werden.

Ausschlußkriterein sind massive Selbst und Fremdgefährung oder ein sehr hoher Pflegebedarf.
Dann greifen die verschiedenen Betreungsschlüssel und Die Betreung findet in Fördergruppen statt.
Tagesförderstätte ist in guten Einrichtungen nur für sehr Alte oder sehr schwer beeinträchtigte Menschen vorgesehen.
Assistenz ist auch möglich und kann beantragt werden.

Im übrigen sind Werkstätten verpflichtet,alle Behinderten aufzunehmen.
Das sortieren nach Händelbarkeit,wie Kathrin es oben beschreibt, dürfte nicht wirklich mit dem rechtlichen Auftrag übereinstimmen.

L.G.
Dagmar *1962,Robert *1965,Frea Jakobine *1985, T21,operierter AV- Kanal,Neo Leander*2004, HFA

http://www.institut-fuer-menschenrechte ... rpd_de.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=dVrX7Gqjzs0

ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 22.01.2012, 14:09

1) Die Werkstatt für behinderte Menschen ist eine Einrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben im Sinne des Kapitels 5 des Teils 1 und zur Eingliederung in das Arbeitsleben. Sie hat denjenigen behinderten Menschen, die wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können, 1.
eine angemessene berufliche Bildung und eine Beschäftigung zu einem ihrer Leistung angemessenen Arbeitsentgelt aus dem Arbeitsergebnis anzubieten und
2.
zu ermöglichen, ihre Leistungs- oder Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu entwickeln, zu erhöhen oder wiederzugewinnen und dabei ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.
Sie fördert den Übergang geeigneter Personen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt durch geeignete Maßnahmen. Sie verfügt über ein möglichst breites Angebot an Berufsbildungs- und Arbeitsplätzen sowie über qualifiziertes Personal und einen begleitenden Dienst. Zum Angebot an Berufsbildungs- und Arbeitsplätzen gehören ausgelagerte Plätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Die ausgelagerten Arbeitsplätze werden zum Zwecke des Übergangs und als dauerhaft ausgelagerte Plätze angeboten.
(2) Die Werkstatt steht allen behinderten Menschen im Sinne des Absatzes 1 unabhängig von Art oder Schwere der Behinderung offen, sofern erwartet werden kann, dass sie spätestens nach Teilnahme an Maßnahmen im Berufsbildungsbereich wenigstens ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung erbringen werden. Dies ist nicht der Fall bei behinderten Menschen, bei denen trotz einer der Behinderung angemessenen Betreuung eine erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung zu erwarten ist oder das Ausmaß der erforderlichen Betreuung und Pflege die Teilnahme an Maßnahmen im Berufsbildungsbereich oder sonstige Umstände ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung im Arbeitsbereich dauerhaft nicht zulassen.
(3) Behinderte Menschen, die die Voraussetzungen für eine Beschäftigung in einer Werkstatt nicht erfüllen, sollen in Einrichtungen oder Gruppen betreut und gefördert werden, die der Werkstatt angegliedert sind.

Hallo,

ich bin der Meinung, dass Katrinchen, es in tetwa richtig erläutert hat.

Und es ist hilfreich, wenn man die komplette Gesetzgebung inhaltlich nicht aus dem Zusammenhang reißt.

Es ist sicher möglich, im Einzelfall eine Assistenz zu beantragen, wobei sicherlich bestimmte Kriterien beachtet werden müssen.

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Beitragvon Skylar » 22.01.2012, 14:47

Hallo Katrin, Hallo Dagmar,

Danke für eure Antworten!

Kevin hat keinerlei Praktika oder Schnuppertage durchlaufen. Irgendwie gingen immer alle fest davon aus, dass er in einer Tagestätte betreut wird. Dazu kam noch, dass er in den letzten beiden Schuljahren zwei schwere Operationen an der HWS über sich ergehen lassen musste und zuvor erheblich körperlich abgebaut hatte. Als er noch bei uns im Kinderheim wohnte ging er in die Tagesfürderstätte die an unsere WfbM angegliedert ist aber seit seinem Umzug in die Heilpädagogische Einrichtung wird er in der Tagesstätte für schwerbehinderte betreut. Damals (bevor ich zur gesetzlichen Betreuerin bestellt wurde) wurde wohl garnihct zur Diskussion gestellt ob er nicht doch vielleicht ein Arbeitstrainig durchlaufen könnte um in eine WfbM integriert zu werden...

Leider gibt es bei uns im ländlichen Hessen nur denkbar wenig Alternativen zur WfbM der Lebenshilfe. Die Tagesbetreuung in der Wohngruppe vor Ort oder eben die Einrichtungseigene Betreuung in der Tagesstätte.

Ich bin wirklich gespanntwie der Termin in der WfbM wird und hoffe er kann dann relativ zeitnah vielleicht ein Praktikum machen.

Liebe Grüße, Tina

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Beitragvon Skylar » 22.01.2012, 15:17

Hallo Esthe,
Dein Posting habe ich zu spät gelesen. Ich würde gerne noch wissen ob es bezüglich der Betreuung von schwer geistig Behinderten Menschen Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt?!

Lieben Gruß, Tina

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Beitragvon Skylar » 02.02.2012, 15:54

Hallo zusammen,

ich war heute mit Kevin in der WfbM und die könnten es sich grundsätzlich vorstellen. Das nächste ist also ein 3wöchiges Praktikum im Arbeitstrainingsbereich um herauszufinden ob Kevin für die WfbM (die sogenannte "Schongruppe") nach einer Eingewöhnungszeit im Arbeitstrainig geeignet wäre. Das ist erstmal super und ich freue mich, dass sie es versuchen wollen!

Nun komme ich aber zu meinem Problem. Der Transport für die 3 Wochen Praktikum muss selbst organisiert werden. Die Wohngruppe ist leider zu schlecht besetzt um das leisten zu können und ich wohne zu weit weg.
Ein Taxi würde für eine Fahrt 30 €uro kosten, Minicar habe ich noch nicht in Erfahrung gebracht.
Der Kostenträger hat gleich gesagt, dass wir über die Eingliederungshilfe keine Chance haben, hat mich aber noch mit einer Dame verbunden die für die Transporte zuständig ist. Diese wusste aber nicht genau bescheid und will sich noch mal melden.

Hatte schon mal jemand von euch die Situation dass von einer Wohngruppe aus ein Praktikum absolviert wurde? Hat jemand eine Idee wie ich das organisieren könnte? Es wäre ja echt schade wenn Kevins Karriere in der WfbM schon am Praktikum scheitert...

Liebe Grüße,
Tina

Bastian-Eltern
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Beitragvon Bastian-Eltern » 02.02.2012, 16:53

Hallo,

die Beförderung ist als Eingliederungshilfe für behinderte Menschen zu gewährleisten und vom Amt zu übernehmen. (Teilhabe am Leben /Eingliederung in die Gesellschaft) aber was soll man machen wenn die nicht wollen und die Zeit drängt?
Ich würde die Übernahme der Kosten beantragen und auf die Dringlichkeit der Maßnahme deutlich machen.

Wenn die dann wirklich verzögern oder querschießen sofort zum SG und eine "einstweilige Anordnung" beantragen (ist die Schnellste Lösung)
Oder selbst zahlen und Kostenerstattung verlangen.
Kann aber passieren das die Kosten bei dir hängen bleiben.

lg Arnold
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B. 01/07 Frühkindlicher Autismus, Sprachentwicklungsstörung (spricht nicht), Schlafstörungen 100% GBH PS3
D. 01/07 atypischer Autismus und Verdacht auf ADHS. Sprachentwicklungsstörung 100% GBH PS2

Susanne1965
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Beitragvon Susanne1965 » 02.02.2012, 18:31

In unserer örtlichen Werkstatt werden bei Bedarf auch die Praktikanten über den eigenen Fahrdienst befördert.
Zugleich gibt es dort eine Arbeitsgruppe, in der auch die fitten Menschen aus der TaFö eine Arbeitsleistung erbringen.

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Beitragvon katrinchen » 02.02.2012, 20:18

Hallo!

Ich denke für die Kosten ist es entscheidend, was für ein Praktikum es ist.
Wir haben folgende Fälle:
a) Offizielles Schulpraktikum: Da wird der normale Schulbustransport so umgelegt, dass die Schüler direkt in die WfbM gebracht werden.
b) Arbeitserprobung über ARGE: Da bekommt die WfbM Geld für den Transport. Sofern man zum Einzugsbereich dieser zählt, fährt ein Werkstattbus, der die Beschäftigten abholt.
c) Individuelle Praktikumstage: Auch bei uns müssen die Schüler an diesen Tagen ihren Transport selbst organisieren. Manchmal klappt es, dass Mitarbeiter der WfbM die Praktikanten für die Tage mitnehmen können. Meist fahren die Beschäftigten aber mit dem öffentlichn Bus.

Nach der Beschreibung von Kevin würde ich aber mal ausschließen, dass Variante c) funktionieren kann.

Gäbe es evtl. irgendwie die Möglichkeit, über Verhinderungspflege etc. jemanden zu beschäftigen, der mit Kevin mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt. Die Fahrtkosten wären ja über den SBA abgedeckt?!
Mehr fällt mir leider auch nicht ein...

LG Katrin
Katrin (*83), Förderschullehrerin an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung


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