Matthias Gilge (Autismustherapeut, Dipl. Reha. Pädagoge)

Hier stellen sich verschieden Fachleute vor, die im REHAkids Forum aktiv sind.

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maciek
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Beitragvon maciek » 06.11.2011, 18:04

Hallo,
danke erstmal für die vielen Glückwünsche.
Mir ist auch keine Liste mit Adressen bekannt, aber wie schon gesagt wurde muss das Jugendamt oder Sozialamt über verschiedene Angebote informieren, nicht nur über die billigsten. Außerdem gibt es in jedem Kreis Autismusbeauftragte in den Schulämtern, die vielleicht auch etwas mehr wissen.
kischuerm:
Du hast vollkommen Recht. Es ist ein Spagat aber nur gedanklich. In der Praxis gibt es bei mir keine Widersprüche. Die Worte sind für die Ämter und Professionelle, um die notwendigen Hilfen zu erhalten.Meinen Klienten (Eltern, Kinder) stülpe ich keine Meinung oder irgendeine Therapieform über.
Die von mir genannten Therapieansätze halte ich für keine Allheilmittel und bin mir dessen bewußt, dass sie nicht für jeden geeignet sind.
Insgesamt finde ich, dass nicht die therapeutischen Ansätze meine Klienten weiterbringen sondern ich als Persönlichkeit. Um mit autistischen Menschen zu arbeiten muss man viele Eigenschaften mitbringen. Einerseits muss man einfühlend, geduldig und "weich" sein und andererseits standhaft, durchsetzungsfähig und robust.
Das alles haben mr meine Klienten im Laufe der Jahre beigebracht und das ist mein wichtigstes Rüstzeug. Wie ich das dann nenne was man miteinander veranstaltet,ist meiner Meinung nach Marketing.
Habe schon ABA-Therapeuten erlebt, die so steif waren, dass sie keinen Kontakt zu ihren Klienten herstelen konnten und 18 jährige I-Helferinnen ohne Vorbildung, die richtige Naturtalente im Umgang mit Autisten waren. Letztendlich kommt es darauf an eine tragfähige Beziehung aufzubauen.
Und das lernt man weder an der Uni noch in irgendeinem Kurs.

Gruß

matthias

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ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 08.11.2011, 04:05

Hallo Matthias !

Du hast vollkommen recht - wie man eine Beziehung zu einem Menschen aufnimmt (egal ob mit oder ohne Autismus), lernt man nicht in einer Ausbildung.
Manchmal schadet es sogar, etwas über Autismus zu wissen, wenn man einem Menschen mit Autismus begegnet - und es vorher weiß.

Die Therapieansätze sind nur mögliche Werkzeuge, die man, wenn man gut ist, im richtigen Moment nutzen lernt... und wenn man die richtige Persönlichkeit hat, weiß man auch, wo jede Therapieform seine Grenzen hat.
Schließlich arbeitet ein Automechaniker auch nicht nur mit bloßen Händen...aber auch nicht nur mit einem Schraubenschlüssel.

Im Zweifel sind mir die ungelernten Kräfte lieber, die es einfach aus dem Bauch heraus richtig machen.
Dennoch gibt es ja auch eine seltene Spezies von Experten, die es richtig machen - und auch wissen, warum :D .

Wir haben gerade das Glück, dass wir zwei Schulassistentinnen tatsächlich beides haben (das richtige Herz aber auch ausgebildet in ABA und anderen Theorien).
Die beiden sind sowohl fachlich als auch menschlich stark gefordert - das wurde beim letzten Team sehr deutlich - aber die Fortschritte sind enorm. Mir geht es da weniger um schulische Leistung als darum, dass mein Sohn sich nun nach 8 Wochen in der Schule bereits selbständig macht, weil er die wichtigsten Schulregeln verstanden hat - und es den Assistenten gelungen ist, den Lehrerinnen und Kindern unseren Sohn zu "erklären". Das heißt, dass die Schulassistentinnen sich bereits stellenweise überflüssig gemacht haben.... Ich bin mir sicher, dass hätten Nicht-Fachkräfte so nicht schaffen können.
Aber: vielleicht schaffen sie es, ihn fit für eine gute Nicht-Fachkraft im nächsten Jahr zu machen...

Ich freue mich über alle Experten mit dem richtigen Bauchgefühl - davon gibt es leider viel zu wenige !!!

Gruß
Kirsten

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dagmar neo frea
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Beitragvon dagmar neo frea » 08.11.2011, 06:03

hallo kirsten und mathias

mathias hat geschrieben:

Letztendlich kommt es darauf an eine tragfähige Beziehung aufzubauen


ich habe bissl bauchschmerzen,wenn ich eure postings lese.
ein proffessionelle beziehung bedeutet für mich vor allem auch,das ich die distanz herstellen kann,mein verhalten und meine vorgehensweise zu reflektieren.

beziehung als therapie finde ich jetzt erstmal komisch :roll:

es werden doch ziele gesetzt,die dann erarbeitet werden,die konstruiert man doch nicht ausschließlich aus dem bauch herraus sondern möglichst fachgerecht an den situatonen lang :roll:
sicherlich ist eine gute beziehung eine grundlage,aber doch wohl nicht alles?

oder hab ich jetzt was mißverstanden?

l.g.
Dagmar *1962,Robert *1965,Frea Jakobine *1985, T21,operierter AV- Kanal,Neo Leander*2004, HFA

http://www.institut-fuer-menschenrechte ... rpd_de.pdf
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maciek
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Beitragvon maciek » 08.11.2011, 09:41

Kirsten:
Dann hast du Glück, dass du Unterstützung von Menschen bekommst, die professionelles Können mit wichtigen menschlichen Eigenschaften verbinden. Das ist die beste Mischung.
Alles was du am sonsten schreibst, kann ich auch nur so bestätigen

dagmar neo frea:
vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt.
Mit tragfähige Beziehung meine ich nicht kuscheln, spielen, Papa ersetzen usw.
Tragfähige Beziehung bedeutet, dass ich meinen Klienten da abhole wo er steht, mit ihm das mache was er gerne vorschlägt, um z. B sein Interesse zu wecken. Mit der Zeit bringe ich immer mehr meine Inhalte rein und erwarte, dass sich meine Klienten auf meine Anforderungen einlassen.
Beziehung bedeutet Gegenseitigkeit und nicht Einseitigkeit. Das lernt man bei mir.
Wenn ich eine gute Beziehung hergestellt habe, kommen meine Klienten(Eltern, Kinder) immer wieder gerne, auch wenn die Stunden für alle beteiligten (mich eingeschlossen) nicht immer einfach sind. Es geht um Konfrontation mit sich selbst und mit dem was das eigene Handeln in anderen Menschen auslöst (damit sind wieder alle gemeint, nicht nur das autistische Kind).
Beziehung bedeutet manchmal Distanz und manchmal so viel Nähe, dass es schon weht tut. Das ist im Leben wie in der Therapie gleich.
Und natürlich ist Beziehung nicht alles, aber bei Autismus, der Ausgangspunkt für alles andere.
Und natürlich werden am Anfang Ziele festgelegt, die man im Verlauf der Therapie überprüft und weiterentwickelt. Ich wollte auf keinen Fall die Bedeutug der Fachlichkeit in Abrede stellen, sondern die Bedeutung des Beziehungsaufbaus, gerade bei Autismus, hervorheben.

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Beitragvon ehemalige Userin » 08.11.2011, 16:19

Hallo Dagmar !

Es gibt viele Therapeuten, die nicht bereit sind, ihrem Klienten in bestimmten Situationen Nähe zu geben, sich sehr stark innerlich distanzieren - aus Angst, sie könnten sich verlieren.
Nicht-Fachkräfte machen dies dann einfach aus dem Bauch heraus - manchmal besteht auch gerade darin die "unprofessionelle Gefahr"...

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in bestimmten Situationen unabdingbar ist, diese Nähe zuzulassen - man kann das dann nachher professionell aufarbeiten, aber nicht in der Situation.
Wenn es richtig war, dann fällt es dem Klienten anschließend normalerweise sehr leicht, sich zu distanzieren - manchmal leichter, als dem Therapeuten. Daher ist eben gerade hier die Professionalität gefragt.

Dadurch, dass unsere I-Helfer meinem Sohn soviel Nähe und Zuwendung geben, hat er erst die Chance, sich unabhängig von ihrer Hilfe zu machen. Aber dafür mußte er ihnen erst einmal wirklich vertrauen. Das dies gelungen ist, habe ich daran gesehen, dass die Tränchen geflossen sind - bei meinem Sohn...
Und genauso wie sie die Beziehung aufgebaut haben, unterstützen sie ihn auch in seinem Wunsch, sich loszulösen - obwohl sie im Moment ziemlich schockiert sind, dass sie dann auch manchmal schonungslos weggestoßen werden....
Diesen Spagat muß man erst einmal professionell bewerkstelligen !

Wie schon geschrieben, sind unsere I-Helfer in ABA ausgebildet. Das hilft in bestimmten Situationen sehr - aber genauso wichtig (nein, wichtiger) ist es, dass sie meinem Sohn signalisieren: wir sind dafür da, das es Dir gut geht - und das mein Sohn genau weiß, dass sie zwar eine gewisse Kontrolle über ihn ausüben, aber sie niemals etwas tun/verlangen würden, was ihm schadet. (Ansonsten würde er diese Kontrolle auch gar nicht zulassen, dafür ist er selbstbewußt genug).
Er hat einfach schon oft erlebt, dass die Kämpfe, die sie gemeinsam durchstehen, letztendlich dazu führen, dass er sich zwangfreier bewegen kann - daher existiert beinahe blindes Vertrauen.
Und er weiß auch genau, wenn es in einer Situation Wahlfreiheit gibt, dann gestehen sie ihm diese auch immer zu.
Deshalb akzeptiert er von den beiden auch einen recht strikten (hart/klar aber dennoch sehr sehr herzlichen) Umgangston.

Das verstehe ich unter einer professionellen, "tragfähigen Beziehung".

Gruß
Kirsten

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Beitragvon dagmar neo frea » 08.11.2011, 16:31

hallo kirsten und mathias

irgendwie verstehe ich nur bahnhof,aber macht ja nix :wink:

l.g.
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Beitragvon dagmar neo frea » 08.11.2011, 17:03

oder nochmal konkreter nachgehakt:

mathias hat geschrieben:

Mit der Zeit bringe ich immer mehr meine Inhalte rein und erwarte, dass sich meine Klienten auf meine Anforderungen einlassen.
Beziehung bedeutet Gegenseitigkeit und nicht Einseitigkeit. Das lernt man bei mir
.


hallo mathias

wieso lernt man das denn bei dir?das lernt man doch tagein tagaus und überall.
was ist,wenn sich klient nicht auf deine anforderungen einläßt?

kirsten hat geschrieben:

Dadurch, dass unsere I-Helfer meinem Sohn soviel Nähe und Zuwendung geben,

das ist ja sinnvoll,das kann ich völlig nachvollziehen

aber
du hast geschrieben:

Deshalb akzeptiert er von den beiden auch einen recht strikten (hart/klar aber dennoch sehr sehr herzlichen) Umgangston


da kann ich von meinen beiden kindern mit recht und fug behaupten,das damit eine tragfähige beziehung deutlich erschwert werden würde :wink:
die geben sich immer so viel mühe und nehmen sich alles zu herzen,so das auch der ton bei anderen eine ganz erhebliche musik spielt :wink:


l.g
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Beitragvon maciek » 08.11.2011, 18:18

dagmar:"wieso lernt man das denn bei dir?das lernt man doch tagein tagaus und überall.
was ist,wenn sich klient nicht auf deine anforderungen einläßt?"
-dass Beziehungen Gegenseitigkeit bedeutet, das wissen die Wenigsten. Deshalb gibt es so viele Konflikte unter den Menschen. Und das unabhängig von der Diagnose. Vor allem aber haben viele autistische Menschen Schwierigkeiten damit, sich in andere hineinzuversetzen oder zu erkennen, was ihr Handeln in anderen auslöst. Bei mir geht es über Konfrontation im geschützten Raum, Spiele oder Gespräche.
Auch ist vielen Eltern nicht klar, was ihr Verhalten in den autistischen Kindern auslöst oder welche Gefühle autistische Kinder in ihnen auslösen.
was ist,wenn sich klient nicht auf deine anforderungen einläßt?"
-was ich tue wenn sich meine Klienten nicht auf Anforderungen einlassen?
Unterschiedlich, weil es darauf ankommt, was mit der Verweigerung bezweckt wird.
Aber ich bin auch manchmal ein Sturrkopf und nur ein Mensch. Dann sitzen wir 1 Stunde am Tisch und schauen uns die Decke an, weil ich dann auch nicht mache was die Klienten wollen. Ich spiegle ihnen ihr eigenes Verhalten. Deswegen ist der Beziehungsaspekt so wichtig. Die Klienten sind gerne mit mir, wollen Erfolg, Lob und Spaß haben. Unabhängig vom Grad der Beeinträchtigung. Lange oder häufig die Decke anstarren-das macht keiner.Ist aber nur eine Reaktion, die nur in bestimmten Fällen was bringt. Unter anderen Umständen kann diese Reaktion ziemlich kontraproduktiv sein.
l.g

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Beitragvon dagmar neo frea » 08.11.2011, 18:38

mathias hat geschrieben:

Vor allem aber haben viele autistische Menschen Schwierigkeiten damit, sich in andere hineinzuversetzen oder zu erkennen, was ihr Handeln in anderen auslöst. Bei mir geht es über Konfrontation im geschützten Raum, Spiele oder Gespräche.
Auch ist vielen Eltern nicht klar, was ihr Verhalten in den autistischen Kindern auslöst oder welche Gefühle autistische Kinder in ihnen auslösen

hallo mathias

dann bin ich ja froh,das du wenigstens kurz anreißt,was eltern oder nicht autisten bei autisten auslösen.
konfrontation im geschlossenen raum hört sich für mich nicht sonderlich erstrebenswert an,eher gruselig.
wie sich das jetzt mit erfolg vereinbaren läßt ,ist mir schleierhaft.

l.g.
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Beitragvon maciek » 08.11.2011, 20:16

ich habe geschrieben "im geschützten Raum und nicht "geschlossen":Das sind vollkommen verschiedene Begriffe. Ich lasse es aber so stehen. Du scheinst dir deine Meinung schnell gebildet zu haben und ich habe gar keine ambitionen sie zu ändern


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