Schulpflicht, aber nicht schultauglich?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Danie
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Beitragvon Danie » 13.01.2006, 18:32

Hallo Andrea :hand: ,

es ist für mich immer schwierig, beratend tätig zu werden ohne das betreffende Kind und seine spezielle Situation zu kennen.
Ich kann aber gern versuchen, dir ein paar allgemeine Hinweise zum Thema "Rückstellung - ja oder nein" sowie ein paar Aspekte zur Situation im GU zu geben, die euch evt. bei der Entscheidungsfindung für Florian helfen. Inwieweit diese für Florian von Bedeutung sind, kannst am besten du selbst beantworten. Gleichzeitig ist auch die Meinung der Erzieher aus dem Kiga zu beachten - sie werden seine Entwicklung ebenfalls gut einschätzen können.

Zunächst ist eine Rückstellung vom Schulbesuch in NRW nach den Veränderungen im Zuge von PISA & Co. zwar nicht mehr "erwünscht" und bestimmt nicht mehr so einfach durchzusetzen, jedoch durchaus noch möglich. Hier genauere Infos:
"Vom Schuljahr 2005/2006 an werden Rückstellungen vom Schulbesuch auf gesundheitlich begründete Ausnahmen beschränkt. Gleichzeitig wird eine Schuleingangsphase eingeführt, die die ersten zwei Schuljahre umfaßt und in der in der Regel jahrgangsübergreifend unterrichtet wird. Kinder können diese Eingangsphase je nach Entwicklung und Fähigkeit in einem, in zwei oder in drei Jahren durchlaufen. Die 768 Schulkindergärten werden in die Grundschulen integriert" (Quelle: http://www.tageseinrichtungen.nrw.de/pisa/index.html).

Er ist aber noch ziemlich klein, gerade mal einen Meter. Und vor allen Dingen spricht er noch "nicht wirklich".


Du scheinst selbst begründete Zweifel an einer Einschulung zum jetzigen Zeitpunkt zu haben. In der Schule wird Florian von Kindern umgeben sein, die ihn körperlich um einiges überragen und verbal in der Regel sehr gewandt sind. Die Gruppe wird aus mindestens 20-30 Schülern bestehen. Ein Sonderpädagoge wird ihn in Kernzeiten fördern, aber ein großer Teil des Unterrichts wird in der Großgruppe stattfinden. Wird er der einzige GU-Schüler in der Gruppe sein? Inwieweit ist er in der Lage sich selbstständig zu versorgen (z.B. An-/ Aus-/ Umziehen, Toilettengänge, Ausführen kleinerer Tätigkeiten etc.)? Du kennst die Situation an Grundschulen ja von deinen beiden älteren Söhnen - da brauch ich ja nicht viel zu erzählen. Führe dir diese in Einzelheiten vor Augen und stelle dir die Frage, ob Florian unter diesen Rahmenbedingungen bestehen und sich wohlfühlen könnte. Nur unter Maßgabe dieser Dinge wird er sich positiv weiter entwickeln können.

Ich möchte an dieser Stelle nicht den GU kritisieren, ganz im Gegenteil. Aber der GU ist noch lange nicht für jedes Kind geeignet. Wir erleben immer wieder Kinder, die nach Ende der GU-Phase auf unsere Schule (Förderschule für geistige Entwicklung) wechseln und dort richtig aufblühen, weil Unterricht und Schulstruktur doch in vielerlei Hinsicht eher ihren Lernbedürfnissen entsprechen.
Soll es denn unbedingt der GU sein, oder habt ihr evt. auch eine Förderschule für geistige Entwicklung in Erwägung gezogen? Schaut euch doch beide Einrichtungen bzw. Maßnahmen einmal an. Hospitationen vor Ort sind oft sehr hilfreich, um konkrete Vorstellungen zu bekommen.

Aber Florian ist nun mal geistig behindert und ich denke, damit es wirklich gelingen kann, muss er noch fitter werden


Da hast du einen ganz wichtigen Punkt erkannt! Denn was bringt eine altersgerechte Einschulung, wenn das Kind noch nicht über die notwendigen Voraussetzungen verfügt? Es ist sehr schwierig, Kinder nach langjährigen Schulversagenserfahrungen wieder Motivation zum Lernen zu vermitteln. Erfoderlich sind ja nicht nur kognitive, sondern auch soziale und psychisch-emotionale Fähigkeiten.

Aber der Schulrat vom Kreis Recklinghausen sagt, es gäbe generell keine Rückstellungen mehr, nur bei schweren gesundheitlichen Bedenken.


Wahrscheinlich gibt es momentan nur die medizinische Argumentationsschiene, wenn ihr von der Rückstellung Gebrauch machen wollt. Ich weiß allerdings nicht, ob hausärztliche Gutachten ausreichend sind, oder zusätzlich eine Untersuchung beim Amtsarzt erfolgen muss. Da müsstet ihr euch beim Schulamt erkundigen.
Ich möchte euch trotzdem Mut machen diesen Weg zu gehen. Wenn ihr der festen Überzeugung seid, dass Florian von einem weiteren Kiga-Jahr profitiert, versucht von der Ausnahmeregelung Gebrauch zu machen. Nehmt dabei alle möglichen Personen (Ärzte, Therapeuten, Erzieher etc.)mit "ins Boot", die mit Florian zu tun haben und aussagekräftige Gutachten verfassen können.

Eine interessante kritische Stellungnahme zu den aktuellen Veränderungen im Schuleingangsbereich gibts hier:
http://www.wdr.de/themen/kultur/bildung ... e__debatte

Ich wünsche euch viel Erfolg und steh euch bei Rückfragen - auch per PN- gern zur Verfügung!
Liebe Grüße!
___________
Daniela (*1973, LKGS) mit Sohn (*2004, Neurodermitis, KISS und diverse
Nahrungsmittelallergien), Tochter (*2009) und unseren Zwillingssternchen (*2008/+ 2008) ganz tief im Herzen

Unsere Galerie: http://www.REHAkids.de/phpBB2/album_per ... er_id=3982 .

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Beitragvon Karin65 » 13.01.2006, 19:52

Das ist ja klasse, das ich nun doch noch so viele Beiträge zu diesem Thema bekommen habe. Damit kann ich schon ne ganze Menge anfangen. Danke.
Habe mir schon einiges ausgedruckt.


@Dani:Ich hätte da noch ne Frage, ich hatte mir ne Kopie von dem Schreiben vom Gesundheitsdienst (Jugendärztliche Stellungnahme zur Einschulung) geben lassen.

Da wurde als Schulärztliche Empfehlungen lediglich angekreutzt: Zurückstellung vom Schulbesuch Verbleib im Integrationskindergarten

Außerdem steht dann noch als Bemerkung drunter: Das Hans für das Schuljahr 2006/2007 noch eine intensive ganzheitliche heilpädagogische Förderung benötigt. Weil er im schulrelevanten Entwicklungsbereichen noch unreif ist.

Kannst du mir das näher erklären?

Gruß Karin65

Danie
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Beitragvon Danie » 14.01.2006, 09:42

Hallo Karin :hand: ,

Da wurde als Schulärztliche Empfehlungen lediglich angekreutzt: Zurückstellung vom Schulbesuch Verbleib im Integrationskindergarten


Ich denke, dass dieses schulärztliche Votum die rechtliche Grundlage für Hans' Rückstellung darstellt. Wie du weißt, ist die Rückstellung vom Schulbesuch mittlerweile in allen Bundesländern schwieriger geworden, da man im Zuge der PISA-Studie zu der Erkenntnis gelangt ist, einen frühestmöglichen Übergang von Kindergarten in Schule zu bevorzugen. Hinter der Neuerung steckt die politische Absicht, das Durchschnittsalter bei der Einschulung zu senken. Das passt zu den Plänen der Landesregierung für ein Abitur nach 12 Jahren. Es wurden Konzepte erarbeitet (z.B. in NRW das Modell der "Flexiblen Schuleingangsphase"), die auch Kinder mit Entwicklungsdefiziten frühzeitig in die Schule integrieren sollen.
Kritiker werfen dem Schulministerium vor, es zwinge den Schulen Veränderungen auf, ohne die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen: Räume, Personal, Fortbildung. Mehr dazu kannst du unter http://www.wdr.de/themen/kultur/bildung ... e__debatte nachlesen.

Außerdem steht dann noch als Bemerkung drunter: Das Hans für das Schuljahr 2006/2007 noch eine intensive ganzheitliche heilpädagogische Förderung benötigt. Weil er im schulrelevanten Entwicklungsbereichen noch unreif ist.


Der Begriff "schulrelevante Entwicklungsbereiche" im Sinne von Voraussetzungen für den Schuleintritt ist komplex und gliedert sich in zahlreiche Einzelfertigkeiten und - fähigkeiten.
Der folgende Link handelt zwar schwerpunktmäßig von Hochbegabung, enthält jedoch einen interessanten Beitrag zum Thema "Schulreife" und "Schulfähigkeit": http://www.sbndb.de/hochbegabung/Bauste ... -03-04.pdf .

Besonders gelungen finde ich die Skizze "Voraussetzungen für den erfolgreichen Schulstart beim Kind" und die nachfolgenden Erläuterungen. Sie verdeutlicht sowohl im Überblick als auch im Detail, welche komplexen Einzelleistungen hinter dem Begriff "Schulfähigkeit" stecken.
Man darf jedoch nicht vergessen, das diese Auflistung an der Entwicklung von Regelschülern orientiert ist. Im Hinblick auf die Situation "besonderer" Kinder sind gemäß ihrer individuellen Entwicklung vielfache Abstufungen möglich.

Hoffe, dir ein wenig geholfen zu haben :) !
Liebe Grüße!

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Beitragvon Karin65 » 19.01.2006, 14:21

So ihr lieben,

wir haben jetzt erst mal ein Gespräch mit einem Sonderschullehrer geführt, um uns zu Informieren, wie denn nun wirklich die Sachlage ist.
Wir haben außerdem einen Antrag auf ein sonderpädagogisches Gutachten gestellt.
Da werden nun erst mal Berichte über Hans geschrieben vom Kindergarten. Dann werden Sonderpädagogen und auch Grundschullehrer und Erzieherinnen gebeten, "Hans mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen"
Es werden auch Gespräche mit uns Eltern geführt und das zuhause und das Häusliche Umfeld werden begutachtet. Dann wird man sich mit den Eltern zusammensetzen und besrechen, was für Hans am besten ist. Wir werden über jeden Schritt informiert. (hat man uns gesagt)
Außerdem wird dann auch gleich besprochen, was Hans noch alles braucht. (Hilfsmittel für Schule oder Kindergarten und im häuslichen Bereich. ) Wobei ich denke, das er Zuhause eigentlich sehr gut ausgestattet ist. Da las ich mich aber gerne noch eines besseren Belehren.
Das erst "Gutachten" wird in der nächsten Woche vom Kindergarten erstellt.

Gruß karin65

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Schulpflicht

Beitragvon Familie Schücke » 29.01.2006, 14:30

Hallo, ich weiß nur, dass die Kinder ganz klar vom Gesundheitsamt zurückgestellt werden können und dann ist es für den Direktor doch auch eine ganz klare Sache!
BEi Freunden ist es so, dass das Kind von allen Seiten, Rektor, Sprachheilkindergarten, Neurologe etc. für NIcht Schultauglich eingestuft wird, aber das Amt sagt - er muSS! Da sit es doch schon anders. Warum kann das Gesundheitsamt denn nicht mal mit dem Rektor Kontakt aufnehmen.
MEin Sohn war am Freitag zur Schuleingangsuntersuchung beim G Amt und wurde als Schultauglich eingestuft. Wenn dem nicht so gewesen wäre, wäre er zur Vorschule gekommen oder noch ein weiteres Jahr in den KIndergarten.
Anders kenne ich da nicht.
LG NIcole


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