Soziale Integration (Beitrag von Dr. Dieter Lotz)

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Soziale Integration (Beitrag von Dr. Dieter Lotz)

Beitragvon Sabine » 10.10.2004, 22:16

Hallo!

Herr Dr. Lotz hat uns einen von ihm verfassten Artikel zum Thema "Soziale Integration" zukommen lassen, den ihr euch hier herunterladen könnt.
Dr. Lotz ist Diplom-Heilpädagoge und Dozent an der Evangelischen Fachschule für Heilpädagogik am Elisabethenstift in Darmstadt.
Der Artikel erschien in TPS (Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, Darmstadt) 12-97.

Lieben Gruß,
Sabine
Dateianhänge
TPSArtikel12-97.pdf
Artikel zum Thema "Soziale Integration"
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Beitragvon Sabine » 11.10.2004, 09:33

Integration und Realität

Es ist gut und richtig, dass der Integrationsgedanke in den letzten Jahren mehr und mehr in den Vordergrund gerückt ist und in vielen Kindergärten und Schulen inzwischen behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam betreut bzw. unterrichtet werden.
Integration - das hört sich toll an! Genau das wollten wir ja auch für unseren Sohn als endgültig feststand, dass hinter seiner Entwicklungsverzögerung eine "handfeste" Behinderung steckte. Er bekam bis zu seinem 3. Geburtstag 1x pro Woche Frühförderung und 2x wöchentlich Krankengymnastik. Daneben haben wir und insbesondere Jan-Pauls Oma uns intensiv mit ihm beschäftigt und versucht, neue Entwicklungsschritte anzubahnen. Wir stellten jedoch immer mehr fest, dass Jan-Pauls Entwicklung sehr langsam verläuft und sich nicht unbedingt forcieren lässt.
Als Jan-Paul über zwei Jahre alt war, stellte sich für uns die Frage nach einem geeigneten Kindergartenplatz. Wir sind hier am Ort mit zwei heilpäd. Kindergärten ausgestattet. Welcher sollte es nun werden? Wir beratschlagten gemeinsam mit Jan-Pauls Frühförderin und kamen überein, dass Jan-Paul zunächst erst mal in einer kleinen Gruppe von Kindern am besten betreut und gefördert werden könnte.
Von den beiden genannten Kindergärten kam einer schon mal nicht in Betracht, weil die Voraussetzungen für "Krauch - und Liegekinder" dort nicht gegeben waren. Die Kinder, die diesen Kindergarten besuchen, können mit drei Jahren laufen oder zumindest sehr gut krabbeln, was bei Jan-Paul nicht der Fall war und ist.
Der andere Kindergarten, für den wir uns schließlich entschieden, erfüllte die Voraussetzungen für ein "Krauchkind" wie Jan-Paul am Ehesten. Wir vereinbarten einen Besuchstermin und schauten uns die einzelnen Gruppen an. Danach war klar, dass eine integrative Gruppe für Jan-Paul nicht in Frage kam. Der Grund: Viel zu laut und viel zu "wuselig". Dazu hätte er motorisch einfach fitter und mehr an laute Kindergruppen gewöhnt sein müssen.
Eine Krabbelgruppe hatten wir nur wenige Monate nach Jan-Pauls Geburt besucht. Später ging ich immer seltener hin - die anderen Kinder krabbelten oder liefen sogar schon, während Jan-Paul nach wie vor auf dem Boden lag und von den anderen Kindern kaum zur Kenntnis genommen wurde. Sie wandten sich "gleichwertigen" Spielgenossen zu, nahmen sich gegenseitig das Spielzeug weg, liefen um die Wette usw. Da hatten weder Jan-Paul noch ich etwas von - zumal Jan-Paul aufgrund seiner Wahrnehmungsstörung die anderen Kinder auch kaum zur Kenntnis nahm. Die Gespräche der anderen Mütter drehten sich zunehmend um Erziehungsfragen und setzten einfach voraus, dass die Kinder mobil und fit - eben normal entwickelt - waren. Ich kam mir vor wie ein kinderloser Single, der sich versehentlich in der Tür geirrt hat und in eine Veranstaltung junger Mütter mit ihren einjährigen Krabbel- und Laufkindern geraten ist. Wir gingen also nicht mehr hin. Regelmäßige Kontakte zu Eltern mit anderen Kindern hatte ich bis zu Jan-Pauls Eintritt in den Kindergarten nicht mehr. Da es schwierig war, Kontakte zu anderen Eltern mit behinderten Kindern aufzunehmen und wir zwischendurch auch noch von Berlin nach Westdeutschland zogen, bestand mein bzw. unser Bekanntenkreis nach wie vor überwiegend aus Singles und kinderlosen Paaren.
Kinderbesuch hatten wir selten - es sei denn meine Schwester kam mit ihren beiden Kleinkindern zu Besuch oder wir besuchten sie. Schon diese Besuche waren für Jan-Paul sehr anstrengend - die lebhaften Mädchen ermüdeten ihn und oft verschlief er die gesamte Besuchszeit.
Eine lebhafte, laute Gruppe kam also - zumindest vorläufig - nicht in Frage. Wir entschieden uns für die Sondergruppe, die aus neun Kindern mit drei Erziehern besteht. Der Gruppenraum ist ruhig und freundlich gestaltet - am Boden liegen Matten, Knautschsäcke und eine Hängematte ist auch vorhanden. Genau richtig für unser Kind, das zwar in den Vierfüßlerstand kommt, allerdings beim Versuch zu krabbeln oft mit dem Kopf auf den Boden haut und beim Hinsitzen meistens nach hinten kippt. Das Spielzeug ist ebenfalls genau auf die Bedürfnisse von "Krauch- und Liegekindern" abgestimmt.
Im Kindergarten bekommt Jan-Paul 2x in der Woche Krankengymnastik und 1x wöchentlich geht er zum Schwimmen.
Er ist jetzt seit einer Woche im Kiga und es scheint ihm gut zu gefallen. Jedenfalls ist er immer munter und guter Dinge, wenn ich ihn aus dem Taxi ins Haus trage.
Oft werde ich nun gefragt, ob Jan-Pauls Kiga-Gruppe denn integrativ sei. Wenn ich diese Frage dann verneine, ernte ich zumeist erstaunte und fragende Blicke. Ja, warum denn nicht?! Ganz einfach: Weil in einer kleinen Sondergruppe auf Jan-Pauls Bedürfnisse viel besser eingegangen und er seinen Möglichkeiten entsprechend auch viel besser gefördert werden kann. Hier kann er sich erst einmal daran gewöhnen, in einer anderen Umgebung mit mehreren Kindern zusammen zu sein. Einige seiner Gruppenkameraden sind "Liegekinder", ein Mädchen kann sehr gut krabbeln, sitzen und greifen. Manchmal werde ich darauf angesprochen, ob sich Jan-Paul von normal entwickelten Kindern nicht einiges abgucken könnte. Darauf antworte ich dann, dass er bis vor kurzem gar nicht in der Lage war, andere Kinder intensiv wahrzunehmen und auch keinerlei Nachahmungstrieb zeigte. Wie sollte er "abgucken", wenn er dazu gar nicht in der Lage war?
Außerdem ist es ja nicht so, dass Jan-Paul im Kiga gar keinen Kontakt zu anderen, normal entwickelten Kindern hätte. Es gibt gemeinsame Spiel- und Bastelaktionen, bei schönem Wetter sind alle auf dem Spielplatz und es wird auch oft zusammen gefrühstückt.
Sollte Jan-Paul im Laufe seiner Kindergartenzeit große motorische Fortschritte machen und belastbarer geworden sein, kann er zudem in eine integrative Gruppe wechseln, wo er dann seinem Entwicklungsstand entsprechend mehr gefordert wird.
Natürlich ist der integrative Gedanke eine tolle Sache - aber auch hier gilt "look at the child". Was kann das Kind? Wo liegen seine Stärken? Wo sind seine Schwächen?
Vor lauter "Integrationseifer" wollen viele Eltern nicht sehen, dass ihr behindertes Kind in einer Integrationsgruppe überfordert wäre und man sich in einer Sondergruppe viel besser um seine Fähigkeiten und Möglichkeiten kümmern könnte.
Wir sind mit unserer Entscheidung bislang zufrieden. Diese Zufriedenheit wird durch Jan-Pauls Entwicklung auch bestätigt: Erstaunt haben wir am Wochenende festgestellt, dass er andere Laute probiert und sehr viel deutlicher mitteilt, was er möchte und was nicht. Insgesamt scheint er wacher und aufmerksamer zu sein und das Geschehen um ihn herum besser verfolgen zu können. Ob das nun am Kindergarten liegt oder dieser kleine Entwicklungsschub nun ohnehin anstand, können wir natürlich nicht so ohne weiteres beurteilen. Jan-Pauls Verhalten zeigt uns allerdings, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die Entscheidung für die Sondergruppe für ihn in Ordnung war.

Lieben Gruß,
Sabine
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Jean
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Beitragvon Jean » 11.10.2004, 18:35

Hallo Sabine,

ich muß Dir zustimmen, Integration schön und gut aber nicht immer angebracht.
Zu meiner Schulzeit waren 30 Kinder in einer Klasse sicht selten. Ich hätte in einer Regelschule mit meiner Sehbehinderung überhaupt keine Chance gehabt. Daher bin ich von Anfang an auf eine Sehbehindertenschule gegangen. Man wird schon noch früh genug, so fern es die Behinderung zuläßt, "in den Poll unter die gesunden Menschen geworfen" und muß sich sort freischwimmen.

schöne Grüße
Jean

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nele73
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Beitragvon nele73 » 11.10.2004, 18:43

Hallo liebe Sabine!
Diese und ähnliche Gedanken zum Thema Integration habe ich mir nun auch schon sehr oft gemacht. Auch Aenne wäre im Moment noch überfordert in einer Integrativen Kindergruppe, auch wenn sie schon sehr gut krabbelt und auch schon an Gegenständen entlanläuft, fällt es ihr sehr schwer andere Kinder überhaupt wahrzunehmen. Ich habe mich ja vorerst noch gegen einen Kindergarten entschieden, habe aber zwei kleine Tageskinder 2-3 mal die Woche bei mir und beobachte erst jetzt, nachdem diese Tageskinder 1 jahr bei mir sind das sie anfängt (sehr verhalten und überhaupt nicht mit einem normalen Kind vergleichbar) diese wahrzunehmen. Von Kontaktaufnahme kann man dagegen noch nicht sprechen. Alles in allem braucht Aenne noch sehr stark den eins zu eins Kontakt mit mir, was auch der Grund ist weswegen ich ab Januar auch mit den Tageskindern bis zum nächsten Sommer nochmal pausieren will!
Ich finde Integration grundsätzlich sehr erstrebenswert, finde aber auch, das man das nur am einzelnen Kind festmachen kann!
Liebe Grüsse Nele
Conny,Bj.73,Olaf,Bj.70 mit
Lea-Marie 10/95
Aenne Malin 11/01, Mutation c12orf57,Sehbehindert, Balkenhypoplasie, Epilepsie, geistige Behinderung
Henry Roland 04/06, Mutation c12orf57, Balkenagenesie, Nierenaplasie rechts, geistige Behinderung, Epilepsie, Sehbehinderung

Kerstin+Niklas

Beitragvon Kerstin+Niklas » 11.10.2004, 20:53

Hallo an alle und an Sabine,
ich habe auch sehr lange nachgedacht, in welchen Kindergarten ich meinen Sohn mit gutem Gewissen geben kann. Nach reiflicher Überlegung und dem Zureden unserer lieben Physiotherapeutin hab ich mich für den heilpädagogischen Kindergarten der Lebenshilfe hier in Dresden entschieden. Ich war voller Erwartung, weil Niklas zu diesem Zeitpunkt nur robben konnte, trotz aller Bemühungen! Die erste Zeit war sehr schwierig, ich glaube heute, es war auch ein bischen "Nicht-los-lassen-wollen-und-können"! Niklas wollte am Anfang weder Trinken noch essen im Kiga! Ich hatte auch Angst wegen des Lärms, aber zum Glück ist die Gruppe gut gemischt! Ein Kind das eigentlich geistisch gesund ist, aber leider viele Medikamente bekommen muss und auf eine Spenderniere wartet,
ein entwicklungsverzögerter Junge 3 jahre alt, ein autistisches Mädchen 3 Jahre, ein schwerstbehindertes Mädchen, 3,5 Jahre alt, und ein ebenfalls sehr schwer behindertes Mädchen gerade 3 Jahre alt geworden! Das letzt genannte Mädchen hat mich schwer beeindruckt! Ich habe sie kennengelernt als sie und Niklas in der Eingewöhnung waren, die Eltern kenne ich inzwischen auch! Sie hatte es sehr viel schwerer als Niklas, hat viel geweint, aber die Erzieherinnen haben sie immer ganz sanft gewiegt, mit ihr gespielt und gesungen. Nach 4 Wochen hat sie morgens die Arme nach der Erzieherin ausgestreckt!!! Was für ein Erfolg!!! Und ich bin heute auch sehr glücklich über meine Entscheidung, Niklas fühlt sich in dem Kindergarten sehr wohl und spielt gern mit den anderen Kindern. Er isst dort gut und trinkt viel
und er mag die Erzieherinnen gern!
Irgendwann möchte ich auch, dass er in einen Integrationskindergarten geht,
aber jetzt ist er in dem heilpädagogischen Kindergarten besser dran!
Und für alle Eltern die überlegen: Bitte, bitte, nicht daran denken, was Sie gerne für ihr Kind möchten, sondern wo sich ihr Kind wohl fühlen würde! Sie können später immer noch in einen integrativen Kindergarten wechseln!
Liebe Grüsse an alle!

Evi
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Integrationskindergarten

Beitragvon Evi » 11.10.2004, 23:23

Liebe Sabine und auch alle anderen,

bin meist nur stille Mitleserin, aber zu diesem Thema möchte ich auch "meinen Senf abgeben". Sabine, Du hast mir aus tiefster Seele mit Deiner Einstellung gesprochen! Auch ich/wir haben damals sehr lange überlegt, welcher Weg für unsere Katharina der richtige sein wird. Katharina konnte zwar mit gut 2 Jahren laufen, war aber sehr unsicher (Gleichgewichtsprobleme) und zudem ein ängstliches und anhängliches Kind. Als die Zeit für den Kiga gekommen war, war sie gut 3 1/2 Jahre alt. Ich hatte sie ca. 5 Monate vor Kiga-Eintritt an einem Tag die Woche in eine Nachmittags-Spielgruppe ohne Mama gegeben. Diese Spielgruppe wurde von den Erzieherinnen eines unserer örtlichen Kigas organisiert. Dort wollte ich ausprobieren, ob Katharina überhaupt schon "reif" für die Trennung von mir war, da sie zudem zu dieser Zeit fast noch kein Wort sprach und sich so auch nicht mitteilen konnte. Aber siehe da, sie hatte keinerlei Trennungsprobleme, kam auch ohne Worte (mit Mimik, Gesten und Deuten) gut zurecht und somit war klar, im Herbst geht's in den Kiga. Man muß sein Kind gut beobachten und genau abwägen, ob man Integration wählt oder nicht. Ich sage auch: nicht um jeden Preis!
Katharina geht zwar in eine I-Gruppe und für sie ist es sicher der optimale Weg, aber man muß schon genau abwägen, wieviel Förderung man für's Kind haben möchte, schafft das Kind die großen Gruppen (15 Kinder), ist es nicht überfordert.
Aber nicht jeder Kiga der sich I-Kiga nennt, "lebt" die Integration auch wirklich. Wir hatten tatsächlich eine Phase, bei der die I-Kinder (alles motorisch relativ fitte Kinder) mehr nebenher liefen und nur ein klärendes Gespräch mit der Kiga-Leitung konnte hier Abhilfe schaffen.
Schaut Euch die Einrichtung gut an - am besten hospitiert man mal einen oder mehrere Tage - so haben wir's gemacht.
Eigentlich ist die Kindergartenzeit eine gute Zeit für Integration, denn in den meist altersgemischten Kindergartengruppen fallen Leistungsunterschiede nicht so extrem auf wie z.B. in der Schule, die ja nach Alter gestaffelt ist. Aber wie gesagt, es kommt wirklich auf das einzelne Kind an und nur die Eltern können beurteilen, was sie ihrem Kind "zumuten" können.

Spätestens nächstes Jahr, wenn Katharina schulpflichtig wird, ist wohl Schluß mit der Integration. Es gäbe sicherlich die Möglichkeit auch hier eine Integration durchzusetzen, aber das wäre dann eine sog. Einzelintegration und somit wäre unsere Maus immer ein Außenseiter. Vom Leistungsdruck gar nicht erst zu reden.
Ich denke die Fördermöglichkeiten sind dann besser in einer passenden Schule für z.B. geistig behinderte Kinder.

So, das waren meine Gedanken dazu, sorry, ist etwas "langer Senf" geworden.

Liebe Grüße
Evi mit Katharina, *01/99, globale Entwicklungsverzögerung/geistige Behinderung; eingeschränkte aktive Sprache jedoch relativ gutes Sprachverständnis und immer eine strahlende junge Dame

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Antje Mustapha
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Beitragvon Antje Mustapha » 02.03.2005, 20:35

Hallo alle zusammen,
auch mir sprecht ihr hier aus der Seele, ich dachte schon, ich bin so fast alleine mit meiner Meinung, dass Integration nicht in jedem Fall gut geht, besonders, wenn die Bedingungen nicht so optimal gegeben sind.
Besonders gefällt mir der Satz, man sollte immer an das Wohl der Kinder denken und nicht, was man sich selber wünscht.
ich sende euch mal dmeinen Artikel, den ich in unserer Vereinszeitschrift "Lupe" vom BEBSK geschrieben hatte.

Bericht zum Thema Integration in bezug auf unsere Tochter Pauline


Dieser Bericht soll keine Wertung der Integration sein. Ich persönlich bin nicht grundsätzlich für Integration, aber auch nicht dagegen.
Nach meiner Erfahrung sollte aber die Integration nicht immer als das „non plus ultra“ hingestellt werden. Es ist sicherlich von Kind zu Kind und von Einrichtung zu Einrichtung, ob Schule oder Kindergarten sehr verschieden.

Unsere Tochter, Pauline, geb. 22.12.2000, vollblind, besucht seit dem 01.01.2002 die integrative Kita „Waldhaus“.

Wir haben Pauline in diese Einrichtung gegeben, mit dem Ziel, sie in die Kindergruppe zu integrieren.
Es sind 2 Jahre vergangen und von Integration kann leider keine Rede sein.
Die Gruppe umfasst 19 Kinder, davon 3 Integrationskinder und zur Betreuung 1 Heilpädagogin und 3 Erzieherinnen in Teilzeit.
Die Situation für Pauline hat sich zunehmend verschlechtert. Unsere Frühförderin hatte uns schon vor einem Jahr geraten, Pauline aus dem Kindergarten zu nehmen, da sie völlig überfordert war. Unser größter Fehler aus heutiger Sicht war, dass wir nicht auf diesen Rat hörten. Zum einen wollte ich ja auch arbeiten und zum anderen waren wir der Meinung, dass Pauline auch den sozialen Kontakt braucht. Das ist sicherlich auch richtig, aber nicht um jeden Preis. Jedenfalls nahmen wir Pauline nicht ganz aus der Gruppe, sondern reduzierten ihren Aufenthalt im Kindergarten auf 3 Tage in der Woche, in ganz schwierigen Zeiten nur 2 Tage in der Woche.
Leider wurde es nicht besser, im Gegenteil immer schwieriger. Seit Oktober 2003 schrie sie jeden Morgen, wenn es in den Kindergarten ging herzzerreißend, klammert sich an mich und wimmerte „Mama, bitte nicht!“ Da kann sich sicher jeder vorstellen, wie es einem geht.
Pauline verweigerte zunehmend jeglichen Kontakt mit den Kindern in der Gruppe, ist völlig gestresst, hat dadurch auch verstärkt Stereotypien (massives Oberkörperschaukeln) zum Stressabbau entwickelt, und sucht jede Gelegenheit aus der Gruppe herauszukommen. Ist sie mit Ihrer Heilpädagogin allein ging es etwas besser. Im Dezember 2003 hat sie dann fast jeden Tag wieder eingepullert, obwohl sie am Tag schon sauber war.
Nun gingen unsere Alarmglocken entgültig an.
Es wurde eine Beratung einberufen mit Kindergartenleiterin, Heilpädagogin, Frühförderin und uns. Bei der Aussprache war von Seiten des Kindergartens alles bestens und sie würden sich sehr viele Gedanken machen, dass kann nur am Kind liegen. Es wurde zunächst erst mal eine Pause für Pauline festgelegt.

Nachdem unsere Ergotherapeutin dann noch im Kindergarten hospitiert hat, um vielleicht heraus zu finden, warum Pauline nicht laufen will, obwohl sie die Bewegungsabläufe kann und uns danach völlig aufgelöst anrief und um ein Gespräch bat und uns die Situation für Pauline im Kindergarten genau schilderte, war klar, Pauline muss ganz schnell aus der Kindereinrichtung genommen werden.

Seit Mitte Dezember haben wir dann Pauline aus der Gruppe genommen.
Seitdem steht das kleine Plappermäulchen nicht mehr still, auch wenn man noch nicht alles versteht und Pauline hat angefangen allein zu Laufen. Auch die Stereotypien haben sich sehr verringert. Das ist mit Sicherheit kein Zufall.

Unserer Meinung nach sind in Paulines Einrichtung die Erzieherinnen und die Heilpädagogin völlig überfordert und konnten mit der Situation, ein blindes Kind zu betreuen und zu fördern, nicht gut umgehen.
Ich denke eine gute Integration steht und fällt mit den entsprechenden Bezugspersonen in der Gruppe, was mit Sicherheit nicht einfach ist.

Blinde Kinder brauchen für die Entwicklung ihrer Fähigkeiten besonders viel Motivation und Einfühlungsvermögen, was auch ein Wissen über die Entwicklungsbesonderheiten bei sehgeschädigten Kindern erfordert. Die Entwicklung eines blinden Kindes verläuft in einigen Bereichen anders als die eines sehenden Kindes. Ein blindes Kind nimmt seine Umwelt anders wahr, während Sehende 80 % aller Reize über den optischen Kanal aufnehmen, fällt dies bei einem blinden Kind komplett weg und ein wesentlicher Teil der Informationen über die Umgebung geht verloren. Die anderen Sinne können dies nur unzulänglich kompensieren und es bedarf eines erhöhten Förderangebotes und eines erhöhten Umfang an Betreuung.
Bei Pauline kommt hinzu, dass sie in ihrer Entwicklung retardiert ist und einen Entwicklungsstand von einem 1 ½ - 2jährigen Kindes hat.
Blinde Kinder sind generell in einem erhöhten Maß auf die Hilfe von Bezugspersonen angewiesen.
Durch das Nicht-Sehen ist keine Motivation zur Bewegung gegeben.
Motivation ist aber das Zauberwort bei der Entwicklung blinder Kinder. Man muss ständig versuchen, dass Kind aus seiner Passivität zu locken und anzuregen, die Umwelt zu erforschen. Dies gelingt nur, wenn das Kind mit Personen umgeben ist, denen es vertraut, Personen die viel Zeit, Geduld und Ausdauer haben sowie Personen, die sich in das Kind und seine Welt einfühlen können und es so akzeptieren, wie es ist.

Wie es jetzt weitergeht mit Pauline ist noch ungewiss, da wir noch keine geeignete integrative Kindertagesstätte gefunden haben. Im Moment habe ich sie zu Hause, was für mich persönlich auch nicht die optimale Lösung ist, aber Pauline geht es gut, sie fühlt sich wohl und ist viel ausgeglichener und fröhlicher.

Antje Mustapha, Halle, 2004-01-12
Liebe Grüße
Antje (Vincent 17, gesund; Pauline 6 vollblind, entwicklungsverzögert, minderwüchsig)
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UteH
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Beitragvon UteH » 03.03.2005, 20:25

hallo alle zusammen,

habe voller Interesse eure Postings gelesen und fühle mich in meiner Entscheidung Tim fürs erste in einen Kiga für besondere Kinder anzumelden,bestätigt.Den Gedanken der intergrativen Kiga finde ich wirklich gut,aber nachdem ich mir verschiedene angeschaut habe,weiss ich das ist (noch) nichts für Tim 15 Kinder 2 Erzieherinnen zum Teil keine therapeutischen Anwendungen,zum Teil viel zu kleine Räumlichkeiten,kaum Chance sich mit Rolli oder Gehwagen zu bewegen.Denke Tim würde momentan im I-Kiga untergehen.Jetzt kommt er in einen Kiga mit 1 Erzieherin ,alles Heilpädagogen,für höchstens 3 Kids hat im Kiga KG,Ergo,dh wenn er wieder zu Hause ist,haben wir Feierabend und müssen nicht noch wieder zu den Therapien.Zeit für uns. :D
Gestern ein Gespräch mit Leiterin eines I-Kiga gehabt,die meinte mit der Entscheidung würde ich Tim gesellschaftl. ausgrenzen,ist übrigens die Tante von Tim und hat sich bis jetzt einen Sch... um ihn gekümmert.
Hat danach so gut getan eure Meinungen;Erfahrungen zu lesen,hat mir echt geholfen,war doch ein bisschen ins Grübeln gekommen,aber jetzt ist gut :lol:

Liebe Grüsse

Ute
Ute 11/67 mit Phil 09/97 und Tim 05/02 Hemiparese re. ,Epilepsie, globale Entwicklungsverzögerrung, seit Jan 2016 durch Netzhautablösung fast Bind auf dem linken Auge

AnnaL
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Beitragvon AnnaL » 04.03.2005, 11:03

Hallo zusammen,
David wird im Herbst die integrative Einrichtung bei uns besuchen. Sein grosser Bruder ist dort seit drei Jahren und so konnte ich einen guten Eindruck gewinnen.
David ist bei den Erzieherinnen und besonders bei den Kindern schon bekannt. Klar, er sieht sie nicht, er kann nicht wirklich mit ihnen kommunizieren, er kann sie nicht ansprechen. Aber wenn ich ihn beim Abholen des Grossen dabei habe gibt es immer jemanden der/die ihn begrüsst.
Er bekommt in einem rein heilpädagogischen KiGa nicht mehr und nicht weniger Förderung. Er "kennt" schon einige Kinder. Er wird bereits zum Geburtstag eingeladen.
Das kommt bei ihm vieleicht nicht wirklich an, aber bei seiner Familie. Und das tut uns sehr gut. Das ist eben auch Integration. Wenn hier vor Ort ein "besserer" aber helipädagogischer Kindergarten wäre, würde ich ihn natürlich da hin geben.
Es steht und fällt eben immer mit den Menschen vor Ort.
Viele Grüsse
Anna

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Beitragvon Sabine » 04.03.2005, 11:07

Hallo zusammen,

das mit der Ausgrenzung sehe ich nicht so. Die Frage ist, ob ein schwer mehrfach behindertes Kind tatsächlich von einer lauten, gemischten Gruppe profitieren würde.
Man muss das ganze ja auch mal von der rein praktischen Seite sehen.
Jan-Paul besucht ja ein Heilpäd. Zentrum, in dem "alles" vertreten ist - Sondergruppe, integrative Gruppen und Regelgruppen. In der Sondergruppe, die JP besucht, kann viel besser auf die Bedürfnisse von schwer mehrfach behinderten Kindern eingegangen werden. Dort gibt es Matten, "Knautschis", besonderes Spielzeug, Ruheräume und einfach eine ganz andere Tagesstruktur, die ein schwer behindertes Kind nun einmal braucht - im Gegesatz zu einem normal entwickelten oder nur leicht entwicklungsverzögerten Kind. Ganz zu schweigen von den Therapien, die in den Tagesablauf mit eingebaut werden.
Man muss einfach auf sein Kind gucken und überlegen, welche Gruppe bzw. welcher Kindergarten es am meisten vorwärts bringen kann. Was nützt es, wenn ein schwer behindertes Kind zwar "mit dabei" ist, aber von der Gruppe und dem Gruppengeschehen überhaupt nicht profitiert, sondern sich nur überfordert fühlt?
Ich möchte, dass der Kiga unserem Sohn auch etwas "bringt" und er von der Gruppe profitiert. Insofern sind wir mit unserer Wahl mehr als zufrieden.

Lieben Gruß,
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