Oh Gott, bloß nicht geistig behindert?

Hier könnt ihr Gedichte, Texte und kleine Geschichten zum Thema "besonderes Kind" einstellen und darüber dikutieren.

Moderator: Moderatorengruppe

sylkes
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 198
Registriert: 08.01.2011, 13:40

Beitragvon sylkes » 20.03.2011, 12:26

@caro: Sehr schön geschrieben und eure kleine kann sich noch sehr gut entwickeln wir haben ja auch ein kind aus einer alkoholschwangerschaft und sie ist schon recht fit geworden, lg von silke die dich aus dem kp kennt

Werbung
 
Benutzeravatar
MamaCaro
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 184
Registriert: 10.03.2011, 17:50
Wohnort: Bayern
Kontaktdaten:

Beitragvon MamaCaro » 20.03.2011, 15:01

OT an Silke: wir sind überall *G*

Caro
Leben ist nicht das, was wir erwarten, Leben ist das, was passiert.
***********************************
Caro (1977) mit Göttergatten (1972), Adoptivsohn Simon (2007, Asperger, Schlafstörung) und Pflegetochter (2010, Z.n. Alkohol- und Nikotinentzug, bis jetzt keine Entwicklungsstörungen)

Hedwig B.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 453
Registriert: 22.10.2010, 23:44

Beitragvon Hedwig B. » 22.03.2011, 18:03

Ihr Lieben,

heute war ich unterwegs und habe zwei Situationen erlebt und da erkannte ich auch, wovor ich mich so fürchte. Was mir solche Sorgen bereitet. Was es so bedrohlich macht.

Die erste Situation in der Bank. Dort war eine Mutter mit ihrer ca. dreijährigen Tochter.
Diese hatte das Downsyndrom. Und als sie dran waren, sagte diese niedliche Kleine: Jetzt Mama dran. Automat wartet.

Und alle Wartenden einschließlich mir mussten grinsen, weil es so lustig rüber kam.

Die zweite Situation war im Supermarkt. Dort ging eine Mutter mit ihrem ca. 15 Jährigen Sohn. Er hatte auch eine geistige Behinderung. Und er lief immer 2 Schritte hinter ihr und kam kaum nach und dann sagte er: Maama, diesen Mann da, den hab ich gern.
Er sagte das über ungefähr jeden 5. Mann im Markt. Eigentlich doch nett.

Und doch sahen alle die das warnahmen betreten zur Seite. Einige tuschelten auch.
Mir kam es vor, als sei es der Mutter peinlich. Kann aer sein, das ich meine eigenen Sorgen und Gedanken in sie reininterpretierte. Sie war jedenfalls sehr forsch zu ihm.
Und ich dachte mir, ja, solang sie noch klein und niedlich sind, nimmt man teil,
sind sie groß und jugendlich und pubertär schlaksig, mit beginnendem Bartflaum wie dieser Junge, finden es alle irgendwie peinlich....

Der Peinlichkeit preisgegeben zusein.
Das ist meine große Angst, glaub ich....

Friedrich übrigens lautiert nun endlich mehr als nur lange Chewbakka Aaaaaahaaa und Brummtöne. Ach, was bin ich entzückt.

Liebe Grüße,
Karo
F. *02/10, ALTE, 1q44 Mikrodeletionssyndrom

Dem Schicksal den Hintern versohlen für seine schlimmen Taten, dem Schuft, das möchte man manchmal wirklich gern.
Ins Ohr brüllen möchte man ihm "Gerecht geht anders, Du Amöbe!", auf das ihm die schicksalhaften Garstigkeiten mit 30 Atü ins verschrumpelte schlechte Gewissen schießen.

Benutzeravatar
KerstinM.
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 7437
Registriert: 17.08.2009, 21:09
Wohnort: Thüringen

Beitragvon KerstinM. » 22.03.2011, 18:12

d als sie dran waren, sagte diese niedliche Kleine: Jetzt Mama dran. Automat wartet.

Und alle Wartenden einschließlich mir mussten grinsen, weil es so lustig rüber kam.



Da hätte auch jeder gegrinst, wenn das Mädchen nicht das Down-Syndrom gehabt hätte. Ich zumindest, ist ja auch süß gesagt, von einer Dreijährigen. Der personifizierte Apparat....

Maama, diesen Mann da, den hab ich gern.
Er sagte das über ungefähr jeden 5. Mann im Markt. Eigentlich doch nett.


Da heutzutage jeder über die missratende Jugend schimpft, was sie allerdings nicht in jedem Fall ist, ist doch so ein Jugendlicher mir persönlich tausendfach lieber....schade, ist doch nur, dass er nur ungefähr jeden 5. Mann gern hat.....

und peinlich für den jungen Mann, hmm ich weiß nicht, er wird es immer so machen, also kann es ihm gar nicht peinlich sein :?:

finden es alle irgendwie peinlich....

ich würde es nicht peinlich finden, von daher eben nicht alle


Gruß Kerstin
Kerstin mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf,Epilepsie
PK (*14)spastische Tetraparese, gesetzl. blind, Entwicklungsverzögerung, Epilepsie, kleiner Sonnenschein
Ein behindertes Kind ist wie ein krummer Baum - du kannst ihn nicht gerade biegen, aber du kannst ihm helfen, Früchte zu tragen.

Hedwig B.
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 453
Registriert: 22.10.2010, 23:44

Beitragvon Hedwig B. » 22.03.2011, 18:18

Liebe Kerstibn,

ja, auch ich fand es nett. Und nicht peinlich.
Aber bloß, weil ich mir nun zu gestehe, das es mir mal peinlich war.
Ich also aufmerksamer hinsehe...

...schade, ist doch nur, dass er nur ungefähr jeden 5. Mann gern hat.....


So hab ich es allerdings noch nicht betrachtet. Sehr schön.

Liebe Grüße,
Karo
F. *02/10, ALTE, 1q44 Mikrodeletionssyndrom



Dem Schicksal den Hintern versohlen für seine schlimmen Taten, dem Schuft, das möchte man manchmal wirklich gern.

Ins Ohr brüllen möchte man ihm "Gerecht geht anders, Du Amöbe!", auf das ihm die schicksalhaften Garstigkeiten mit 30 Atü ins verschrumpelte schlechte Gewissen schießen.

Benutzeravatar
KerstinM.
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 7437
Registriert: 17.08.2009, 21:09
Wohnort: Thüringen

Beitragvon KerstinM. » 22.03.2011, 18:31

Mir kam es vor, als sei es der Mutter peinlich. Kann aer sein, das ich meine eigenen Sorgen und Gedanken in sie reininterpretierte. Sie war jedenfalls sehr forsch zu ihm.


War es der Mutter wirklich peinlich, oder war sie nur (wieder mal) enttäuscht darüber, dass sie das Gefühl eingeflößt bekam, sich für ihr Kind entschuldigen zu müssen, dafür das sie ihn noch mit zum einkaufen nimmt, er bei ihr lebt, es ihn überhaupt gibt. Nein, die Mutter muss sich für nichts entschuldigen und es muss ihr nichts peinlich sein. Peinlich müssten sich die anderen an die eigene Nase fassen. Sie sehen zuerst den behinderten Jugendlichen und dann erst den Menschen, das Kind einer Mutter, wenn es überhaupt von Manchem gesehen wird. :?

Wird man aufmerksamer oder ändert man den Blickwinkel?
Früher hatte ich großes Mitleid mit Betroffenen und sah ihr manches Nichtkönnen. Heute sehe ich, was sie "trotz Dem" können und ziehe vor vielen Leistungen den Hut. Bei Kindern, den Eltern und allen irgendwie Betroffenen!

Gruß Kerstin
Kerstin mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf,Epilepsie

PK (*14)spastische Tetraparese, gesetzl. blind, Entwicklungsverzögerung, Epilepsie, kleiner Sonnenschein

Ein behindertes Kind ist wie ein krummer Baum - du kannst ihn nicht gerade biegen, aber du kannst ihm helfen, Früchte zu tragen.

inkapust
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 396
Registriert: 18.11.2005, 19:41
Wohnort: Drelsdorf

Beitragvon inkapust » 22.03.2011, 18:42

Hallo!
Es stimmt für mich aber, das es einfacher war als er klein war, jetzt mit Bartflaum und Pubertät, wird die geistige Behinderung für Außenstehende immer offensichtlicher.
Wartezimmer z.B. beim KFO, empfinde ich als Belastung wenn Andre z.B. in einer Tour quasselt und die Stoptaste nicht zu finden ist, er ist zwar immer lieb und nett aber ich manchmal sehr große Probleme damit habe, wenn er sich nicht "normal" benimmt. Das Publikum reagiert sehr unterschiedlich, aber keiner wagt offen Fragen zu stellen. Offene Ablehnung hatte ich noch nicht.

Liebe Grüße Inka
Andre (14.01.1998) leichte geistige Behinderung, muskuläre Hypotonie, schlechtes Schlaf EEG mit Ospolot eingestellt, V.a. Unspezifisches
Dysmorhiesyndrom, seit 2006 AD(H)S Diagnose
Malina (24.08.2001) bisher normale Entwicklung

marianne
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 4861
Registriert: 12.01.2005, 11:19
Wohnort: Landkreis München

Beitragvon marianne » 22.03.2011, 20:17

Hallo Zusammen, ich freue mich über die ehrlichen offenen zunächst ablehnenden und dann liebevollen Worte gegenüber dem Thema der geistigen Behinderung hier im Thema. Danke, @Karo, dafür!

Für mich war vor unserem Sohn geistige Behinderung auch immer etwas, womit ich mich lieber gar nicht beschäftigen wollte. Ich hatte so oberflächliche krasse Abneigungen zum Schämen wie "hässlich, schlecht gekleidet und ekelig, wenn sie sabbern oder lautieren oder die Gesichtszüge aufgrund eines Syndroms seltsam aussehen." Obwohl (oder gerade), weil ich mit einem lernbehinderten Bruder aufwuchs, den ich sehr liebe, wollte ich mit "behindert" generell selber bei der Familiengründung nichts mehr zu tun haben.

Als wir unseren Sohn adoptierten, schlossen wir Behinderungen im Fragebogen aus, aber natürlich wussten wir, ich auch schon beruflicherseits, dass ein Adoptivkind, das ein Jahr lang in einem russischen Kinderheim lebte, entwicklungsverzögert ist und wahrscheinlich auch traumatisiert mit unvorhersehbaren Folgen. Generell wussten wir, dass selbst ein gesundes Adoptivkind mit dem Thema Adoption sich irgendwann krisenhaft auseinandersetzen würde und müsste.
Wir gingen davon aus, dass unser Sohn länger zum Kindergarten und auf Umwegen zu einem Schulabschluss kommen würde. Auch in einer Förderschule zu beginnen fanden wir gut denkbar. Das beunruhigte uns alles gar nicht, obwohl es ja auch schon als "behindert" gälte. Also, die Liebe zu unserem Sohn zerstreute von Anfang an so manche Bedenken. Aber dann auf Umwegen doch noch Schulabschluss und "nicht behinderte" Normalität zu erlangen, das dachten wir doch irgendwie.

Unser Sohn war von Anfang an verhaltensauffällig und sehr anstrengend durch seine Hyperaktivität und seine autistischen Züge, wie wir heute wissen. Und er war von Anfang an lebenssprühend und voller Freude neben seiner Angst. Ich schwankte innerlich zwischen Erschrecken, starkem Beschützerinstinkt, wachsender Liebe und Erschöpfung.

Ich durchlief auch eine Phase, die ich heute für mich nenne "die mein-Kind-ist-mein-Sonnenschein-Phase", weil die Schattenseiten neben den Sonnenscheinseiten sooo schwer waren, dass ich sie wegdrängte, nicht verdrängte, nicht zugeben wollte.

Als Janosch 5 Jahre alt war, bekamen wir völlig unvorbereitet und ahnungslos vor den Latz gesagt von einer Heilpädagogin, dass wir uns für Janosch auch mal Schulen für geistige Behinderung anschauen sollten. Das war ein emotionaler Absturz in die Tiefe.

Als wir dann aber kurz danach im SPZ bei der gründlichen Entwicklungsdiagnostik erfuhren, dass Janosch wirklich zwischen Lernbehinderung und geistiger Behinderung damals einzuordnen wäre, da herrschte vor allem Erleichterung vor, dass die ganzen Rätsel einen Namen hatten und wir damit arbeiten konnten.

Das Leben mit Janosch ist immer noch Sonne und Schatten, selten etwas dazwischen, weil er aufgrund seines ADHS und der autistischen Züge sehr intensiv ist. Aber heute ist es so, ohne dass ich die Sonnenschein-Seite zu viel strapazieren muss, denn es ist ein sooo wertvolles und sinnvolles Leben mit Janosch und er ist in seiner Schule und in unserer Gemeinde sehr gemocht und bekannter als wir Eltern aufgrund seiner autistischen Sonderinteressen und Inselbegabungen, die alle sehr erheitern. So marschiert er mit seinen Spielzeugwaschmaschinen überall herum uvm.

Die so menschenfreundliche entspannte Atmosphäre in Janoschs Schule und HPT haben mich schon oft denken lassen, wie froh ich bin, dass ich mich als Mutter in einer entspannten Schule bewegen darf und nicht zwischen all dem Krampf, den Regelschulen heute bedeuten.

Ja, ich sehe geistig Behinderte dort mit all den Merkmalen, die ich früher in die Abneigungs-Schublade gesteckt hätte, und ich habe dort auch schon manches Magentraining erlebt mit ekeligen Situationen rund um Stuhlgang und Sabbern, aber früher wusste ich noch nichts von der Herzenswärme und Lebensfreude, die in der Schule und HPT möglich ist und oft anzutreffen ist bei unseren Kindern.

Janoschs ADHS ist die größte Baustelle, gar nicht seine geistige Behinderung. Und da wirkt er eben auch manchmal unter "Normalos" wie ein Fall für die Supernanny und dann schäme ich mich auch und es verletzt meinen Stolz, ja, das ist so.

Aber wenn er dann im Kindermusical glockenklar die Hauptrolle im großen Theater singt oder die Leute ihn mit seinen Waschmaschinen lachend umringen in Restaurants oder im Pfarrsaal und meine Artikel über den besonderen Alltag mit ihm, die ich veröffentliche, so gerne gelesen werden, dann wird das wieder wett gemacht.

Aber meine Schwestern haben heute noch die gleichen Ansichten zu geistiger Behinderung wie ich sie auch mal hatte. Eine liebt zwar Janosch, würde aber nie mit in seine Schule kommen und die andere sieht Janosch als das Ende meiner Lebensqualität. Darauf habe ich auch massiv reagiert, dabei habe ich doch im Grunde ganz genauso gedacht.

Heute erlebe ich dennoch immer wieder und zwar zu 90%, dass Außenstehende von Janoschs Lebensintensität, Emotionalität und Freude angesteckt werden und sagen, sie hätten nicht gewusst, dass geistige Behinderung so ist. Na, ich ja auch nicht.

Janosch sagte mal lakonisch: "Wenn ich komme, freuen sich die Leute und wenn ich gehe, sind sie traurig." Stimmt meistens.

Also, es ist alles ganz ganz anders als früher gedacht und befürchtet, schlimmer und schöner und mir fällt dazu nur Goethe ein, wobei ich die einzelnen Worte nicht mehr genau weiß: "Seinen Lieblingen gibt Gott der Herr alles ganz. Das unendliche Glück und das unendliche Leid. Ganz."

Vor der Pubertät habe ich einen großen Bammel.... :roll:

LG Marianne
Janosch (06/00) Frühkindlicher Autismus, leichte geistige Behinderung, Aufmerksamkeitsstörung, Adoptivkind

There´s a crack in everything but that´s how the light gets in (Leonard Cohen)

Roy1969
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1187
Registriert: 18.02.2010, 13:39
Wohnort: Bayern

Beitragvon Roy1969 » 22.03.2011, 20:25

@Marianne

Alles geben Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

LG Roswitha
Roy 69, GöGa 74, D. 98, A. 05
D. HB mit ADS (ADS seit Februar 11 lt SPZ nicht mehr), A. seit 12/2010 Diagnose frühkindlicher Autismus
Alle mit Talent zum Glücklichsein :-)

Werbung
 
Benutzeravatar
KerstinM.
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 7437
Registriert: 17.08.2009, 21:09
Wohnort: Thüringen

Beitragvon KerstinM. » 22.03.2011, 20:35

Hallo Marianne,

einfach nur schön geschrieben... :icon_thumright:

Janosch sagte mal lakonisch: "Wenn ich komme, freuen sich die Leute und wenn ich gehe, sind sie traurig." Stimmt meistens.

wunderbar....Ich wünsche deinem Sohn und euch, dass du in geraumer Zeit schreiben kannst: stimmt!

Gruß Kerstin
Kerstin mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf,Epilepsie

PK (*14)spastische Tetraparese, gesetzl. blind, Entwicklungsverzögerung, Epilepsie, kleiner Sonnenschein

Ein behindertes Kind ist wie ein krummer Baum - du kannst ihn nicht gerade biegen, aber du kannst ihm helfen, Früchte zu tragen.


Zurück zu „Gedichte/Prosa“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste