Oh Gott, bloß nicht geistig behindert?

Hier könnt ihr Gedichte, Texte und kleine Geschichten zum Thema "besonderes Kind" einstellen und darüber dikutieren.

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ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 19.03.2011, 19:27

ich habe mir in meiner ersten Schwangerschaft NIE Gedanken darum gemacht das irgendetwas mit meinem Kind sein könnte.
Als wir 8 Wochen vor dem regulären ET noch im Belgienurlaub waren, war kurioserweise im Bungalow neben uns eine Bekannte die Intensivschwester in der Kinderklinik Siegen war. Ich hab mich noch mit ihr unterhalten und ihre Stärke bewundert täglich mit kranken Kindern konfrontiert zu sein und hätte NIE gedacht das ich diese Frau dann 4 Wochen später täglich sehe.

Als ich dann erfahren hab das mein Sohn mit einer Gastroschisis zur Welt kommen wird, ist erstmal für uns eine Welt zusammengebrochen. Aber nicht weil er krank ist, sondern weil mein ganzes Umfeld total entsetzt reagiert hat da wir uns für unseren Sohn entschieden haben (mir wurde in der 32. woche noch ein Abbruch "angeboten" )
Es war nervenaufreibend immer und immer wieder zu erklären das es UNSER Sohn ist und wir kein Recht haben zu entscheiden ob er leben darf oder nicht.

Als Justin dann geboren war, sah erst alles super aus. Er wurde operiert und nach 5 Wochen durfte er als gesundes Kind nach Hause.

4 Wochen später musste er leider wieder ins Kh da er einen Darmverschluss hatte und schon seinen eigenen Kot erbrach.
Nach einer endlos langen Op sah es gut aus und die Ärzte waren guter Hoffnung.
Doch in der Nacht hat er mehrmals sich aufgegeben und die Ärzte mussten ihn 10mal reanimieren und ihn ins künstliche Koma legen.
Ab dem Tag haben die Ärzte uns ganz ehrlich gesagt das sie nicht wissen ob unser Sohn jemals wieder mit nach Hause kommt und uns eine Nottaufe ans Herz gelegt. Sie meinten auch das wenn er es überlebt uns keiner sagen wird, in welchem Zustand er entlassen wird.

Ab da wurde uns erstmal bewußt was es bedeutet ein besonderes Kind zu haben UND man lernt wer wirklich zu einem hält in so einer extremen Situation.

Wir haben mit ihm einen langen Weg hinter uns der manchmal auch an den Nerven zerrte, aber es hat sich gelohnt. Die Prognose der Ärzte war das mein Sohn NIE laufen wird und wir uns glücklich schätzen können wenn er überhaupt krabbelt und auch eine normale Schule nie besuchen kann.

jetzt ist Justin 12,5 Jahre alt und ein gesunder Junge mit einem besonderen Bauch.
Ich denk heut noch manchmal dran ob man mal in die Klinik fahren sollte (wir wohnen jetzt leider 500km davon entfernt) und einfach mal zeigen was aus ihm geworden ist.

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Hedwig B.
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Beitragvon Hedwig B. » 19.03.2011, 22:37

Ihr Lieben,

wie schön, das sich hier soviele Reaktionen eingefunden haben.
Na dann will ich mich mal daranmachen, alles zu lesen...

Liebe Britta: Ich bedanke mich mit Knix für das Kompliment.
Ich schreibe oft einfach nur, was mir im Kopf umgeht.
Und dieser Punkt beschäftigt mich tatsächlich schon lange,
weil mir einfach nicht klar ist, warum ich solch eine Angst habe
vor der eventuellen geistigen Behinderung.
Ganz bald auch wieder mehr per Privatnachricht. :D
Ich möchte ja auf dem Laufenden bleiben.

Liebe Conny: Ja, ich kann verstehen, dass es Dich auch traurig macht, wie die Familien wargenommen werden können. Ja nicht von Jedem, aber von vielen. Aber wie schön, dass Du Dich trotzdem gemeldet hast, zumal ich schon oft auf der spannenden Blogseite Deiner 2 Cleveren gelesen habe, denn auch Ihr gehört zu den mich beindruckenden Geschichten.
Und ich weiß, sollte es bei uns tatsächlich auch Not tun, werde ich Dir Löcher in den Bauch fragen über all die Lautgebenden Buttons und Schalter und auch über GUK.

Verrückt ist ja, das mir zu mindest tatsächlich rein sachlich klar ist, das geistig behindert nicht gleich doof ist. Aber rein emotional konnte ich mich gar nicht dagegen wehren, das eine geistige Behinderung für mich und meine Vorstellung von einem Kind mit einem großen Schrecken verbunden war...Und ja, auch manchesmal noch ist.
Ich habe Angst, ob er denn Freunde finden würde, sollte es so sein.

Ich hatte eine Freundin in meinen Kindheitstagen, die eine leichte geistige Behinderung hatte.
Ich hab sie sehr gemocht, weil man mit ihr so unglaublich phanatsievoll spielen konnte.
Ich glaube mit keinem bin ich so gern auf Abenteuer in fremde Phantasiewelten gezogen.
Jedoch wurde sie von anderen Kindern und auch von ihren Geschwistern doch sehr oft auch angefeindet. Ihr Anderssein hat die Andersartigen genervt. Und ich war ich doch ein Kind, was auch gerne von allen gemocht werden wollte, hatte nicht immer die Stärke ihr dann bei- und klar zu ihr zustehen.
Dieses zum Beispiel macht mich oft traurig, weil die Vorstellung, das es Friedrich so ergehen könnte mir das Herz zerreist.

Aber eines kann ich Dir ganz sicher sagen, mit Liebe ist er bis zum Zerbersten gut ausgestattet. :D

Liebe Jutta: Auch Dir einen herzlichen Dank.

Liebe Roswitha: Ohja, diese Ungewissheit ist oft unerträglich und zermürbend.
Und ich muss auch ehrlich zugeben, das es hier in diesem Forum auch Sätze gab, die mich in große Sorge gebracht haben...Zum Beispiel das ein fehlendes soziales Lächeln ein Hinweis auf eine geistige Behinderung sein kann und auch eine verspätete motorische Entwicklung. Beides trifft auf Friedrich zu. Und das hat mich - und damit natürlich auch ihn - zeitweise extrem unter Druck gesetzt.

Ich musste sehr schmunzeln über Eure ehemalige Rentenplanung....
Aber ja, viele Situationen können nicht mehr so ablaufen, wie urprünglich gedacht.
Viele Situationen lassen sich allerdings zu meinem Erstaunen auch sehr viel problemloser bewerkstelligen, als ich vorher gedacht hätte...Ich habe vor vielen Terminen oft viel mehr Angst als nötig.

Und ja, auch ich fühle meistens einen Kloß im Hals bei einem direkten Vergleich.
Das ist sehr schwer zu ertragen.

Liebe Katrin: In der Schwangerschaft haben wir nur das Fristtrimesterscreening gemacht, keine Fruchtwasseruntersuchung, weil wir in unserer Naivität wohl im wesentöichen an das Downsyndrom gedacht haben. Verrückt, alles andere, was passieren könnte haben wir - glaube ich - ernsthaft ausgeblendet.

Und das Downssyndrom erscheint einem - zu mindets von aussen betrachtet - ja fast schon gesellschaftsfähig zu sein. Man sieht es sofort, die Menschen meinen die Spannbreite zu kennen, die Eltern müssen also, so unsere Vorstellung, eigentlich nichst erklären.
Ja, auch das Naiv. Lerne ich doch hier, wieviele Bandbreiten es auch hier gibt und genauso wie bei allem gibt es auch hier alles...Und wenn ich hier lese, Downssyndrom und Autismus verschlägt es mir für einen Moment den Atem und ich denke empört WAAAS? Aber ja, natürlich, das eine schützt ja vor dem anderen nicht.
Freunden von uns hat man übrigens jetzt erst nach 9 Jahren diagnostiziert, das ihr Sohn das Downsyndrom hat. Er hat einfach nicht die typischen Merkmale gehabt.

Und ja, als es bei Friedrich dann mit der motorischen Entwicklungsverzögerung immer deutlicher wurde und die Ärzte das auch komunizierten, haben wir auch gedacht - naja, 3 - 6 Monate...das holt er entweder auf, oder man muss halt über Hilfen nachdenken, was solls.
So lang er nur kognitiv fit ist....

Liebe Gülsum: Mich beeindruckt, wie klar Ihr zu Eurem Kind steht.
Und fühl Dich umarmt und bewundert, wie gut Du mit Deiner tragischen Situation klarkommst.
Was für ein Glück Euer Sohn hat, bei Euch geboren worden zu sein.

Liebe Sonja: Den Gedanken finde ich auch nach und nach immer wichtiger. Wäre es besser für unser Kind kognitiv fit zu sein und die Rückstände zu bregreifen und darüber traurig zu sein... Oder ist es eventuell schön, in der eigenen Welt glücklich zu sein.
Das ist ja das, was meinen Mann beim Zahnarzt umtrieb.

Schlimm ist ja, das geistige Behinderung in unserer Gesellschaft bedeutet nicht der NORM zu entsprechen. Also nicht so zu funktionieren, wie die NORMalität es verlangt. Ihnen wird quasi unterstellt, sich nicht an- bzw. einpassen zu können...Wenn man mal darüber nachdenkt, wieviele der Menschen die der NORM enstprechen doch ziemlich ungewöhnlich und unangepasst oder unangebarcht daher kommen ist es schon ziemlich seltsam.

Liebe zweite Sonja: Ich bin gespannt mal in Deinen Buchtipp hineinzustöbern...Und schön zu hören, das es Euch mit der Diagnose nun besser geht. Ich habe ja immer noch großen Schiss vor der Endgültigkeit einer Diagnose. Habt Ihr denn schon Kontakt zu anderen Familien, die von Eurem Syndrom betroffen sind.

Liebe Andrea: Ja, die Akzeptanz von Andersartigkeit - wie der Kölner sagen würde "Jede Jeck is anders" - würde vieles viel einfacher machen. Aber wenn man bedenkt gibt es heute ja auch schon viel Hilfe. Integration, Frühförderung, Therapie...aber es ist doch jeder froh, wenn es ihn nicht getroffen hat. Ja, wäre es akzeptierter wäre es einfacher.

Liebe Janine: Gott, wie wunderbar, das Ihr Euch für dieses Kind entschieden habt.
Ein gesunder Junge mit einem besonderen Bauch...Das klingt serh schön formuliert.

Ihr Lieben, etwas mühsam sind wohl heute meine Antworten zu lesen..Ich bin etwas kaputt. Wir hatten eine große Geburtstagseinladung.
Aber ich wollte Euch so gerne zurückschreiben, weil ich mich so sehr gefreut habe über Eure Reaktionen.

Ich wünsche Euch eine gute Nacht und hoffe auf mehr.
Liebe Grüße,
Karo
F. *02/10, ALTE, 1q44 Mikrodeletionssyndrom

Dem Schicksal den Hintern versohlen für seine schlimmen Taten, dem Schuft, das möchte man manchmal wirklich gern.
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Beitragvon nele73 » 19.03.2011, 23:30

Hallo Karo,

Oh Ja, das glaub ich dir daß Friedrich gut mit Liebe ausgestattet ist! :D
Übrigens, nicht das man mich mißversteht: Die Gedanken die du hier niedergeschrieben hast sind mir überhaupt nicht fremd, auch ich habe vor aenne´s geburt solche gedanken gehabt!
Und auch ich musste am lebenden beispiel lernen was eine geistige behinderung wirklich bedeutet :wink:

Ich finde übrigens daß du eine tolle fähigkeit hast die richtigen worte zu finden! Dein Text spricht mich so an, du schreibst so mit ganz viel respekt, aber trotzdem sehr offen und ungeschminkt!!

Und: immer her mit den fragen, ich antworte immer gerne :D

LG
Conny
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Aenne Malin 11/01, Mutation c12orf57,Sehbehindert, Balkenhypoplasie, Epilepsie, geistige Behinderung
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Beitragvon KerstinM. » 19.03.2011, 23:33

Hallo Karo,

auch ich habe deine Zeilen gelesen und war berührt. Es ist sehr gefühlvoll formuliert und spiegelt Gefühle auf sonderbare Weise. Ich kann alles nachvollziehen und denke oft gleich und doch oft oder mittlerweile anders.

Nicht das geistig behinderte Kind, schreckt mich! Die Reaktionen der großen Welt, schrecken mich nur für meinen Sohn, weil es ihm ungerecht gegenüber ist. Ich kann das für mich selbst gut über die Schultern werfen. Ungerecht gegenüber Markus finde ich es, weil er schon viel mehr Leistung zeigen musste, als viele andere. Er hat alle Schwierigkeiten mit Bravour hinter sich gebracht und hat das Bestmögliche daraus gemacht. Ich bin mir manchmal nicht so sicher, ob er es nicht für mich ausgehalten hat, einzig diese Kraft aufgebracht hat um meinen Wunsch zu erfüllen: ich wollte ihn behalten!! Welche Kraft?! Welch ein Lebenswille?!

Ein Arzt hat mal zu mir gesagt: Das Kind ist die Härte! Da war Markus noch mit Tubus gerade aufwachend und er tat als wenn nichts gewesen ist: Hallo Welt hier bin ich und hier bleibe ich!

Und genau das ist für mich die Schwierigkeit im Leben mit einem Kind mit schweren Behinderungen: die stete Angst , dieses behinderte und so wertvolle Leben verlieren zu können.

Ich war mal in einem Wartezimmer mit Markus und da kam eine Mutter mit einem Kind vorbei. Der Junge betrachtete Markus und der Mutter fehlten irgendwie die richtigen Worte, sie suchte sie, man sah es ihr an und dann nahm sie ihr Kind an die Hand und sagte: Der Junge kann ja nichts dafür, wäre so gern wie du. Und ich antwortete: Nein, das glaube ich nur bedingt oder eigentlich gar nicht. Ja, er kann nichts dafür. Aber, Markus kennt seine Defizite nicht, er weiß nicht, dass er laufen, sprechen müsste. Er fühlt sich wohl, so wie er ist. Wichtig ist nur, dass er so angenommen wird, wie er nunmal ist. Die Mutter überlegt und sagt zögerlich: Ja, so habe ich das noch nie betrachtet. Lebensglück hat mehr Facetten, als man auf den ersten Blick sieht.

Mein Lebensglück besteht aus meinen drei Kindern, jedes auf seine Art einzigartig und ganz besonders, und der Liebe zu ihnen.( Natürlich gibt es auch noch mehr, aber darum geht es ja hier jetzt nicht! )

Sicher leben wir in vielen Bereichen anders mit vielen besonderen Herausforderungen an den Alltag, aber wir leben viel bewusster und ganz bestimmt nicht schlechter!

Gruß Kerstin
Kerstin mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf,Epilepsie
PK (*14)spastische Tetraparese, gesetzl. blind, Entwicklungsverzögerung, Epilepsie, kleiner Sonnenschein
Ein behindertes Kind ist wie ein krummer Baum - du kannst ihn nicht gerade biegen, aber du kannst ihm helfen, Früchte zu tragen.

Hedwig B.
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Beitragvon Hedwig B. » 20.03.2011, 00:09

Noch eines am Rande, was mich gerade schmunzeln lies.
Wisst Ihr, ich war - soweit ich denken kann - auch spätentwickelt.
Sagte und sagt meine mich liebende Mutter auch immer wieder.

Ich habe immer Kinderladen nie kapiert, das die anderen mir die Sandförmchen wegnehmen, wenn ich nicht gleich schnalle, das sie sie haben wollen.

Ich habe viel zu lange noch mit Playmobil gespielt.
Da waren die anderen schon längst bei Bravo und Schminke.

Das mit Jungs hab ich auch erst spät kapiert.

Richtig Geld verdiehnt, also nicht nur Praktikum, und ähnliches, auch später als die Anderen.

Spätes Kind und späte Heirat...

Aber ich hab Glück gehabt, das man mir keinen wie auch immer gearteten Stempel aufgedrückt, keine wie auch immer geartete Schublade für mich fand, keinen wie auch immer gearteten Makel an mir ausmachte...

Verrückte Welt.
Würde man mich heute entwicklungsverzögert nennen?

Liebe Kerstin: das unsere Kinder weitaus mehr leisten müssen in dieser Welt, um sich an sie heranzupassen, ja, das ist etwas, was mir auch im Kopf herumspringt. Ich meine, wie oft schon, seit seiner Geburt habe ich meinem Sohn seine Füßchen gezeigt.
Er findet sie einfach total uninteressant. Nagut, er packt sie schonmal an. Aber eher desinteressiert. Vielleicht will er in diesen Momenten etwas ganz anderes tun.
Wie oft am Tag rolle ich ihn hin und her, zeige ihm Schritt für Schritt, wie das geht, nur damit er das Drehen verinnerlicht. Vielleicht will er in diesem Momenten etwas ganz anderes tun.
wie oft spiele ich Kitzelspiele mit ihm die ihn meistens kalt lassen. Vielleicht will er in diesen Momenten etwas anderes tun.

Aber er macht mit. Und ich will gerne glauben, das er es mir zuliebe tut. :D

Wie schön ist es, das sich alle Deine Drei so bereichernd für Dich herausstellen.
Das sie die Essence Deines Lebensglückes sind.

Dazu fällt mir noch eine mich beeindruckende Geschichte ein.
Eine Freundin meiner Mutter hat einen Sohn, der das Downsyndrom hat.
Und sie sagte immer: Alle meine Kinder sind wunderbar. Mal sind sie meine Augensterne,
mal auch Musik in meinen Ohren. Mal mein lachender Mund und mal ein Glücksgefühl in meinem Bauch. Der Matti aber, der ist mein Herz...

Das finde ich sehr schön.
Sie sagt, das ist so, weil sie mit ihm so eng verbunden ist, weil er andauernd ihren Lebensmut forderte und er gleichzeitig soviel pulsierende Lebendigkeit in ihr Leben brachte...

Eine Gute Nacht nun,
Karo
F. *02/10, ALTE, 1q44 Mikrodeletionssyndrom



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Beitragvon KerstinM. » 20.03.2011, 00:12

Dazu fällt mir noch eine mich beeindruckende Geschichte ein.
Eine Freundin meiner Mutter hat einen Sohn, der das Downsyndrom hat.
Und sie sagte immer: Alle meine Kinder sind wunderbar. Mal sind sie meine Augensterne,
mal auch Musik in meinen Ohren. Mal mein lachender Mund und mal ein Glücksgefühl in meinem Bauch. Der Matti aber, der ist mein Herz...

Das finde ich sehr schön.
Sie sagt, das ist so, weil sie mit ihm so eng verbunden ist, weil er andauernd ihren Lebensmut forderte und er gleichzeitig soviel pulsierende Lebendigkeit in ihr Leben brachte...

:D
Kerstin mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf,Epilepsie

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Beitragvon so&mo » 20.03.2011, 07:38

guten morgen in die runde,
hab mich gleich wieder eingeloggt und mich über weitere beiträge zu deinem thema, karo, gefreut. moritz brabbelt zwar schon aus seinem kinderbett, aber scheint noch ganz fröhlich, so dass zeit für ne tasse kaffee und computer bleibt.
da ich erzieherin bin, bin ich auch sehr nah an der realität "gesunder" kinder und hab mich natürlich schon viel mit ähnlichen fragen auseinadergesetzt, aber ich kann auch ganz klar sagen, dass ich auch "froh" bin, dass ich moritz nicht in diese leistungsgesellschaft pressen muß. das fängt schon so stark bei den kleinsten an, freundinnen die berichten, meine 1 1/2 jährige mag noch keine klatschspiele etc. und geht weiter über kindergarten und dann zum schuleintritt. ich hab schon viele kinder erlebt, die fast an diesem ganzen stress zerbrochen sind, sich nie frei entfalten konnten. und hinsichtlich dessen bin ich ganz froh, das moritz frei ist von diesem ganzen. und ich finde die pädagogik oft viel ganzheitlicher und am kind angepasster, die in "behinderten"-einrichtungen gelebt wird, z.B. in der friedel-eder-schule.
auch muß ich meinen schatz mit niemanden vergleichen, er macht nun seine ganz eigene entwicklung und macht mich da auch immer wieder sehr glücklich. und ich möchte ihn auch als mein "lebensveränderer" begreifen, ich darf durch ihn auch ganz viel neues lernen, dass ich ohne ihn nie getan hätte, z.b. meine geduld.
und natürlich bin ich an manchen tagen auch sehr traurig, gerade wenn dann doch mal ähnlich alte knirpse durch unsere wohnung trampeln und ich natürlich sehe, dass moritz so anders ist.
aber ich glaube ganz fest an ein glückliches leben mit einem besonderen kind,
nun erstmal ganz liebe sonntagsgrüße :D ,
sonja

p.s. hab zu einer mama hier im netz ersten zaghaften kontakt und im realen leben habe ich nun auch jemanden kennengelernt, zwar nicht mit selben syndrom, aber mit ganz ähnlichen erfahrungen, ängsten, hoffnungen etc. und... sie wohnt hier gleich bei mir ums eck. wir haben uns nun schon paarmal getroffen und sind sehr froh über unser kennenlernen, was übrigens auch über die REHAkids gelaufen ist.
Unser kleiner, großer Schatz Moritz (10/09-12/13) mit dem seltenen MECP2-Duplikationssyndrom."Moritz hat sich im Dezember 2013 ganz unerwartet auf seine Engelsreise begeben.Wir vermissen ihn sehr.Er lebt in unseren Herzen weiter."

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Beitragvon RenateT » 20.03.2011, 08:50

Liebe Karo

das hast du toll geschrieben. Wer will schon ein behindertes Kind. Das sucht man sich nicht aus :D , das kriegt man so :lol:
Es ist doch so normal, um Angst vor dem Unbekannten zu haben.
Aber die Angst gerät (finde ich) recht schnell in den Hintergrund, das Kind mit seinem ganz ausgesprochenen Charakter, mit seinem "Ich bin wie ich bin" schiebt sich vor die Angst und auf die Dauer "vergisst" man fast, dass man ein behindertes Kind hat.

Schönen sonnigen Sonntag

Renate
Mutter von drei nichtbehinderten Kindern und von Tikvah: schwere Entwicklungsstörung des Gehirns, Epilepsie, frühzeitige Pubertät

"Mut ist Angst die gebetet hat." Corrie ten Boom

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Beitragvon MamaCaro » 20.03.2011, 09:11

Guten Morgen,

als wir die Unterlagen für unsere erste Adoption ausfüllten, kamen wir nicht an einigen Fragen vorbei, es wurde genau beleuchtet, welche Krankheiten und Vorgeschichten wir uns zutrauen. Wir beschäftigten uns das erste Mal mit dem Gedanken, dass ein gesundes Kind nicht selbstverständlich ist. Wir lasen über Krankheiten, Drogen, Schwangerschaftskomplikationen und stellten fest - wir kreuzen nichts an. Das einzige, was wir ausschlossen damals waren Alkohol und Drogen in der Schwangerschaft, denn ich hätte nie getrunken. Aber alles andere hätte mir genauso passieren können. Wir wurden damals schon von unserer Umgebung unverständlich angesehen, denn wenn man schon die Chance hat, ein gesundes Kind "anzukreuzen", warum um Himmels Willen tut man das nicht???

Wir bekamen einen auf den ersten Blick gesunden 5tägigen Jungen, der sich zwar (im Nachhinein betrachtet) schon als Baby autistisch verhielt, aber unser ganzer Stolz war. Auch als der Autismus immer mehr rauskam, waren seine Macken für uns kein Problem, wir haben sie einfach als liebenswerte Eigenschaften angesehen. Dann kam die Zeit des Kindergartens, hinaus in die große Welt. Und da schafften es dann Mitmütter, Erzieherinnen, Verwandte und viele andere, was rassistisch denkende Menschen (unser Sohn ist farbig) nicht bei uns geschafft haben: sie machten uns nieder, beleidigten unseren Sohn und unsere Erziehung, stellten uns in Frage. Dieses wunderbare Kind musste das erste Mal erfahren, wie gemein die Welt sein kann - wobei er das Ganze besser wegsteckte als wir. Unsere Haut wurde dicker, unsere Liebe größer, unsere Kraft mehr, für das Leben "da draussen". Und immer wieder kam der Kommentar "hauptsache, nicht sooo autistisch, denken kann er ja"

Und wir beschlossen, ein Geschwisterchen zu wollen. Wieder kamen die Meinungen, ob uns denn nicht schon eins reiche, das komisch sei, was wir unserem Sohn antäten, der gefühlskalt, wie er nun mal sei, einen Konkurrenten akzeptieren müsse, usw. Wir gingen unseren Weg und eine kleine Maus kam zu uns: auf Alkohol- und Nikotinentzug, zu leicht, zu durchsichtig für unsere Welt stand sie da auf unserem Küchentisch. Und wir sagten ja, obwohl wir uns nie dieser Herausforderung stellen wollten. Aber wir wussten, sie passt zu uns, wir schaffen das. Nun trennte sich erneut die Spreu vom Weizen, mir wurde in der Krabbelgruppe "verboten" zu erzählen, denn wir sind selbst schuld, wenn wir so ein Kind wollen. Die Maus ist noch klein, wir wissen nicht, wie sie sich entwickelt und wir wollen es auch gar nicht wissen. Wir warten einfach ab, was kommt, wir wissen inzwischen, dass uns die Intelligenz unserer Kinder nicht wichtig ist.

Ich bin durch meine Kinder stärker geworden, ich hätte mir das nie gedacht. Situationen, wo ich meine, ich kann nicht mehr, schaffe ich trotzdem. (immer mit Hilfe des besten Papas von Welt). Ich, die immer so darauf bedacht war, ja nicht aufzufallen, sich immer im Mittelfeld aufzuhalten, geht jetzt stolz mit zwei auffallenden Kindern durch die Welt. Und ganz viele Beiträge hier machen mir Mut und geben mir Kraft, denn wenn ich vieles von Euch lese, denke ich, Ihr packt viel mehr und steht noch, dann kann ich das auch :D

Entschuldigt bitte die vielen Worte, aber die Beiträge hier haben mich berührt.

Einen schönen Sonntag
Caro
Leben ist nicht das, was wir erwarten, Leben ist das, was passiert.
***********************************
Caro (1977) mit Göttergatten (1972), Adoptivsohn Simon (2007, Asperger, Schlafstörung) und Pflegetochter (2010, Z.n. Alkohol- und Nikotinentzug, bis jetzt keine Entwicklungsstörungen)

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Beitragvon KerstinM. » 20.03.2011, 10:59

Hallo Varo,
Entschuldigt bitte die vielen Worte, aber die Beiträge hier haben mich berührt.


und dein Beitrag berührt mich!

stand sie da auf unserem Küchentisch.

sozusagen auf eurem Lebensmitte( l )punkt

geht jetzt stolz mit zwei auffallenden Kindern durch die Welt.

Ja, Stolz auf unsere Kinder, gibt Kraft und gibt den Weg vor!

Gruß Kerstin
Kerstin mit Markus(*97), Hydrocephalus mit schwerem Verlauf,Epilepsie

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