Kontakte mit Müttern gesundgeborener Kinder

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Sonja P
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Kontakte mit Müttern gesundgeborener Kinder

Beitragvon Sonja P » 18.12.2005, 22:00

Hallo!
Wie geht es euch bei Kontakten mit Müttern gesundgeborener Kinder? Bei mir beginnen die Probleme schon, wenn eine Freundin von mir hochschwanger ist. Da beginnt bei mir schon die große Traurigkeit, weil meine Schwangerschaft schon im sechsten Monat zu Ende ging. Die Schwierigkeit besteht dann darin den Spagat zu schaffen: einerseits wünsche ich dann dieser Freundin ja dass alles gut geht, und will mich auch mit ihr freuen. Auf der anderen Seite nagt da der heimliche Neid und die Trauer, dass es bei mir nicht gut ging. Und diese Trauer darf ich ja dann nicht zeigen, denn welche Schwangere hätte dafür schon Verständnis? Keine!! Zu recht will sie, dass man sich mit ihr freut. Andere Gefühle sind da einfach nicht am Platz. Also zeige ich meine anderen negativen Gefühle nicht und spiele Theater. Wenn mich das zu sehr belastet, versuche ich die Kontakte zu reduzieren, was natürlich auch keine Lösung ist!
Und wenn dann das Kind auf die Welt kommt und alle glücklich sind, beginnen die zweischneidigen Gefühle bei mir von Neuem. Kennt ihr das? Wie geht ihr damit um?
LG, Sonja

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Beitragvon Nellie » 18.12.2005, 22:28

Hallo Sonja,

auch mir fällt es nicht immer leicht... ich glaube, ich schaffe das auch nur gerade, weil ich irgendwann von einem gesunden Kind träume...

Ich will zu einem Punkt bei Dir unbedingt was sagen:
Sonja hat geschrieben:Auf der anderen Seite nagt da der heimliche Neid und die Trauer, dass es bei mir nicht gut ging. Und diese Trauer darf ich ja dann nicht zeigen, denn welche Schwangere hätte dafür schon Verständnis? Keine!! Zu recht will sie, dass man sich mit ihr freut. Andere Gefühle sind da einfach nicht am Platz.

Nein! Du hast das Recht, Deine Gefühle zu äußern! Eine Freundschaft sollte das aushalten. Ich bin mir sicher, dass eine Freundin sich auch über Deine Gefühle Gedanken macht... ich habe eine Freundin mit einem gesunden Kind, die sich selbst viele Gedanken über meine Gefühle zu ihm macht! Als wir beide nicht darüber geredet haben, haben wir beinahe unsere Freundschaft aufs Spiel gesetzt. Mit offenen Worten, dass man einerseits natürlich alles Gute wünscht und auf der anderen Seite aber es sich sehnlichst wünscht, ist es für mich viel besser.
Keine Schwangere hat das Recht, ausschließlich positive Gefühle zu verlangen, keiner überhaupt hat das Recht, Dir das Aussprechen Deiner Gefühle zu verwehren!

LG
Nellie
Linn *2004, schwerste Mehrfachbehinderung durch pontocerebelläre Hypoplasie Typ 2a (PCH 2a), Button, Epilepsie, Tracheostoma, nachts beatmet
A. *2009
Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann. (Richard von Weizsäcker)
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Beitragvon Jennifer » 18.12.2005, 22:41

Hi Sonja,
du kennst doch Deine Freundin wenn es eine echte Freundin ist dann versteht sie mit einer selbstverständlichkeit deine Gefühle, sie ist Schwanger du warst Schwanger sie weiß doch was man sich wünscht und sie wird Dich ganz sicher verstehen wenn du ihr das erklärst, das es dir schwer fällt, und du traurig bist.
Ich war in der 24 Woche als Alina geboren wurde und drohte nicht durch zu kommen, als sie in dieser Woche war haben viel darüber geredet, und sie hat auch verstanden das ich nicht stunden bei ihr sein konnte weil es mich zu sehr schmerzte, denn Alina war zu dem zeitpunkt gerade 5 Monate alt und noch auf Intensiv.
Wenn ich schon ihren Kugelrunden süßen Babybauch sah kamen mir die Tränen es war alles noch so frisch.
Ich habe ihr gesagt ich wünsche ihr alles Gute und ein gesundes Baby, aber es macht mich traurig das ich das nicht erleben durfte.
Sie hat mich verstanden, und das war für uns beide gut darüber zu reden!
Sprich mit ihr dann wird sie dich verstehen wenn nicht ist sie auch nicht die Freundin für die du sie hälst.
LG Jenny
Alina Janine 10.01.01 FG 24SSW, 390g, Cerebralparese, Hirnblutungen, Balkenhypoplasie, Blind, Epilepsie, ASD2, Tetraparese, Mikrozephalus, Bronchopulmonale Dysplasie II, Hüftdysplasie, war Langzeitbeatmet, PEG Sonde,
Manuel Mika geb.gest.8.3.07 (Alinas Cousin)
Manuel Mika´s Bruder Lino-Patrice geb. 7.10.08 29.SSW gesund

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Re: Kontakte mit Müttern gesundgeborener Kinder

Beitragvon nicolemax1 » 18.12.2005, 22:54

Hallo Sonja,
ich kann mich den anderen nur anschließen. Deine Gefühle müssen in eurer Freundschaft einen Platz haben !!!
Ich denke auch, dass eine schwangere Freundin Verständnis haben muß !!
Sollte das nicht der Fall sein, dann würde ich die Freundschaft ernsthaft überdenken....
Trotzdem sollte man sicher irgendwann an den Punkt kommen, sich über die gesunde Entwicklung von Kindern zu freuen, auch wenn das sehr schwer fällt.
Nachdem Max auf die Welt kam habe ich sehr lange den Kontakt zu gesunden gleichaltrigen Kindern vermieden, ich habe den Vergleich einfach nicht ertragen.
Wir hatten jedoch das riesige Glück, noch ein gesundes Kind zu bekommen. Heute sind wir in der glücklichen Lage beide Seiten zu verstehen.
Das wünsche ich dir von Herzen!!!!!
Liebe Grüße
Nicole

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Beitragvon Sabine » 18.12.2005, 23:16

Hallo Sonja,

uns ging es da ähnlich wie Nicole. In der Schwangerschaft mit unserem Timmi hatte ich zudem das Glück, dass meine Freundin, deren erstes Kind ebenfalls mit einer Behinderung geboren wurde, zeitgleich mit mir mit dem zweiten Kind schwanger war. das war für mich einfach super und der Austausch mit ihr durch nichts zu ersetzen. Da sie für ihren Sohn genau wie wir für unseren keine Diagnose hat, wurden wir ja von den gleichen Ängsten geplagt: Würde unser zweites Kind gesund zur Welt kommen? Zum Glück haben wir beide während unseren Schwangerschaften immer wieder kräftige Kindsbewegungen verspürt (was bei unseren ersten Kindern nicht der Fall war!) so als wollten uns unsere Kinder signalisieren, dass mit ihnen alles in Ordnung wäre.
Zwischen der Erkenntnis, dass Jan-Paul wohl behindert sein wird und meiner zweiten Schwangerschaft, bekam dann meine Schwester ihre zweite (gesunde) Tochter. Ich konnte mich trotz all unserer Schwierigkeiten mit ihr freuen - das hat ganz gut funktioniert.
Schwer tat ich mich mit Kontakten zu anderen Müttern mit Kindern in Jan-Pauls Alter. Das ging einfach nicht, weil Jan-Paul einfach zu schwer behindert ist und ich im Zusammensein mit diesen Frauen genausogut kinderloser Single hätte sein können.
Bevor ich mit Timmi schwanger war, hatte ich demnach keinerlei Kontakte zu anderen Müttern, sondern pflegte - neben den beruflichen Kontakten - nur die Beziehungen zu meinen Freunden aus der Studien- und "Single-Zeit". Im Prinzip hätte ich genauso gut kein Kind haben können... Zeitweise habe ich mich gar nicht als "richtige" Mutter gefühlt, weil mit Jan-Paul eben alles komplett anders läuft als bei normal entwickelten Kindern. Wie groß der Unterschied ist, merke ich erst jetzt, wo der Timmi da ist und so langsam auf seinen 1. Geburtstag zusteuert. Diese Entwicklung zu erleben, ist einfach ein ganz, ganz großes und kostbares Geschenk.
Ich muss allerdings gestehen, dass bei mir immer in Sachen Timmi eine gewisse "Überbesorgtheit" bleibt - man hat halt immer Angst, dass all das Schöne mit diesem Kind einem auch wieder plötzlich genommen werden könnte. Diese Ängste kennen Mütter von "nur" normal entwickelten Kindern - glaub ich - in dem Maße nicht...

Lieben Gruß,
Sabine
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Beitragvon ehemalige Userin » 19.12.2005, 07:58

Hallo Sonja,
ich habe einen tollen Freundeskreis und mache, glaube ich, vergleichsweise sehr gute Erfahrungen. ABER: Mir ist genau das passiert, wovor Du Angst hast: Eine ganz gute langjährige Freundin wurde ein Jahr nach mir schwanger. DAs war zu einer Zeit, wo Malte nur spuckte und auch nachts fast die ganze Zeit getragen werden musste. Und die Diagnosen wurden immer schlimmer. Ich habe ihr das gar nicht mehr erzählt, sondern nur gemailt. Damit sie die mails öffnen kann, wenn sie da gerade Ruhe für hat.
Und die meinte dann, ihr gehe es so super in der Schwangerschaft, da könne sie meine ständigen Klagen nicht ertragen. Auch ein behindertes Kind sei ein Geschenk Gottes und die Behinderten, die sie kenne, seien alle glückliche Menschen. Malte war zu der Zeit wirklich überhaupt nicht glücklich und wir auch nicht - tja, die Freundschaft ist natürlich erkaltet.
Aber sollte ich so tun, als liefe es eigentlich ganz gut bei uns, wenn wir wegen Schlafmangel nicht arbeiten konnten und die ganze Wohnung nur nach Erbrochenem roch?
Aber ich habe auch viele ganz positive Erfahrungen gemacht.
LG
Vera

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Beitragvon Sabine » 19.12.2005, 09:18

Hallo Vera,

ganz ehrlich: Auf so eine Freundin kannst du auch getrost verzichten!
Ich habe in meiner Schwangerschaft mit dem Timmi ja auch hier im Forum gelesen und bei so manchem Schicksal hier sind mir auch die Tränen gekommen. Ich hätte mich doch nicht hinsetzen und sagen können: So, ich bin jetzt schwanger und kann nicht mehr ins Forum gucken, weil hier oft so schreckliche Dinge stehen, von denen ich in meiner jetzigen Situation nichts hören mag!!!
Während meiner Schwangerschaft habe ich vom Tod eines Babys (starb bei der Geburt) in der weitläufigen Bekanntschaft erfahren. Ein anderes Baby lang schwer krank im Krankenhaus. Das habe ich alles "gut überstanden" und fühlte mich in keinster Weise in meiner Schwangerschaft "gestört".
Nee, Vera, in der Not zeigen sich wahre Freunde und diese eine ist wohl keine gewesen. Ich habe durch Jan-Paul auch eine langjährige sehr gute Freundin verloren. Der Verlust dieser Freundschaft ist mir lange Zeit sehr nahe gegangen, weil diese Freundin fast wie eine Schwester für mich war. Sie stand mir einige Zeit lang sogar näher als meine eigene Schwester! Nun habe ich schon 3,5 Jahre nichts mehr von ihr gehört... Ich denke noch oft an sie und daran, was sie jetzt wohl macht. Aber ich denke, wir hätten uns jetzt eh nicht mehr viel zu sagen gehabt, weil ich nicht glaube, dass sie unseren Weg mit Jan-Paul hätte weiter mitgehen können.

Lieben Gruß
Sabine
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Chelly

Beitragvon Chelly » 19.12.2005, 15:09

Hallo Sonja,
also, ich hatte auch lange Zeit Probleme mit Müttern von gesunden Kindern. Mein Selbstbewußtsein war damals echt im Keller. Das lag nicht nur drann, weil ich erfuhr, daß mein Sohn behindert ist. Kurz zuvor ging meine Ehe in die Brüche und ich war von Sozialhilfe abhängig. Und dann erfuhr ich, daß mein einziges Kind schwerbehindert ist. Ne, diese Zeit war echt nicht schön. . Ich war auf jede Frau neidisch, die ein Otto-Normalverbraucher Leben führte. Ganz besonders schlimm war da halt für mich der Kontakt zu verheirateten Müttern von gesunden Kindern. Mittlerweile ist mein Sohn 14 und ich kann über mein Verhalten von damals echt nur den Kopf schütteln. Aber wir sind halt alle nur Menschen.

Gruß von
Chelly :D

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Beitragvon Nicole&Kevin » 16.01.2006, 21:41

Hallo Sonja!

Ich habe auch immer ein mulmiges Gefühl, wenn jemand aus unserem Bekanntenkreis uns mitteilt schwanger zu sein. Klar ist es schön, daß ein neues kleines Lebewesen entsteht, aber dann wird man daran erinnert, daß bei uns nicht alles in normalen Bahnen verläuft. Bin dann auch erstmal traurig und brauch ne Zeit um mich mit dem Gedanken anzufreunden, denn selber hat man in dieser Zeit auch erfahrungen gesammelt mit Müttern gesunder Kinder. Und diese waren für mich oft niederschmetternd! Ein Beispiel: der Kindergeburtstag meines Sohnes wahr für mich, obwohl ich mir diesen Tag vorher so toll vorstellte total demütigend und verletzend. Meine damals geglaubte Freundin schickte alle Kinder raus zum Fahrradfahren und mein kleiner Mann blieb allein bei uns Erwachsenen. Und dies nur damit sie auf ihrem dicken Ar.... sitzen konnte und ihre ruhe hatte. Glaub mir wenn mir dies heute passieren würde, würde ich sofort was sagen, doch damals taht ich dies erst einige Tage später. Wenn ich dieses Jahr mit Kevin feier, dann nur mit der Familie und einer engsten Freundin mit zwei Kindern. Und vorallem, wenn es die Umstände erlauben mit einem kleinen süßen Mädchen, die Kevin und ich beim ersten Blick ins Herz geschlossen haben, sie heißt Neele!

Liebe Grüße


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