Frühgeborenes erhält Schmerzensgeld nach Infekt im KH

In dieser Kategorie geht es um rechtliche Dinge, Fragen zur Krankenversicherung, Pflegegeld etc.

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Sabine
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Frühgeborenes erhält Schmerzensgeld nach Infekt im KH

Beitragvon Sabine » 01.10.2004, 09:07

Hallo!

Heute stand in unserer Lokalzeitung, dass ein behindertes Kind 250.000 EUR Schmerzensgeld bekommen wird, da es sich im KH auf der Frühchenstation einen Infekt zugezogen hatte, der vermeidbar gewesen wäre.

In Auszügen möchte ich den Beitrag wiedergeben:

"Erstes Urteil im Hygiene-Skandal an der Uniklinik Gießen: Eines von 30 frühgeborenen Babys, die auf der Intensivstation mit lebensgefährlichen Keimen infiziert wurden, erhält lt. Urteil des Landgerichts Gießen ein Schmerzensgeld von 250.000 EUR sowie eine monatliche Rente.

Das heute knapp siebenjährige Mädchen ist schwerstbehindert. Schuld war nach Feststellung des Gerichts mangelnde Hygiene auf der Kinderintensivstation.
Mindestens 28 Frühgeborene infizierten sich von Okt. 1996 bis März 1999 auf der Station mit dem Darmbakterium Klebsiella-oxytoca. Die Staatsanwalt geht sogar von 36 infizierten Babys aus, vier sind den Ermittlungen zufolge gestorben, 24 weitere litten unter schweren psychischen oder nervlichen Schäden."

Natalie erhält nach jahrelangem Rechtsstreit neben dem Schmerzensgeld nun eine monatliche Rente in Höhe von 800 EUR. Infolge der Infektion ist sie blind, kann nicht sprechen und war im Alter von fünf Jahren auf dem Entwicklungsstand eines drei Monate alten Säuglings.
Lt. Gericht verlief die Infektion in mindestens zehn Fällen auf die gleiche Weise wie bei Natalie, die aus der Nähe von Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) stammt.
Die Klinik muss zudem dem Landkreis Bad Kreuznach für die Unterbringung Natalies in speziellen Betreuungseinrichtungen 70.000 EUR zahlen und alle künftigen Kosten übernehmen.
Die Eltern hatten von der Infektion erst durch einen Artikel in einer Fachzeitschrift erfahren, sagte der Anwalt der Eltern. Bis dahin hätten sie die Krankheit der Tochter für Schicksal gehalten...
Die Richter befanden, dass das Pflegepersonal die Infusionsflaschen für die empfindlichen Frühgeborenen nicht immer mit einem Desinfektionsmittel besprüht, sondern in einen Putzeimer (!) mit Desinfektionsmitteln für eine Werkbank (!) getaucht und damit abgewischt hätte. Diese Lösung war zu gering dosiert.

(Quelle: Iserlohner Kreisanzeiger, 1.10.2004)

Lieben Gruß,
Sabine
Zuletzt geändert von Sabine am 03.10.2004, 14:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Christoph » 01.10.2004, 09:35

Hallo Sabine,

schön für Eltern und Kind, aber was für skandalöse Zustände und Fehler müssen einer Klinik wohl unterlaufen, bis die Betroffenen Recht bekommen. Und das ganze nach mehreren Jahren Rechtsstreit ... In diesem Fall waren es "einfache" handwerkliche Fehler, die bei einem Krankenpflegerazubi (eigentlich wollte ich der Schwesternschüler schreiben, aber das lasse ich denn mal, obwohl es eine hübsche Wortschöpfung ist) dazu geführt hätten, dass er durch ihre Ausbildung gefallen wäre.
Die Fehler der Klinik lagen offen zu Tage und ließen sich nachweisen, aber - vgl. unsere Diskussion "Impfschaden" - sobald es sich nicht um handwerkliche Fehler handelt, sondern um komplexe Zusammenhänge bleiben die Betroffenen denn doch auf der Strecke.

P.S.: zum Glück ist die Uni-klinik Gießen weit weg. Dazu noch eine Anekdote: Jonas hatte sich in der Uniklinik Freiburg mit den üblichen Krankenhauskeimen angesteckt. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden erstmal die Eltern verdächtigt, die Keime eingeschleppt zu haben, der Schuß ging daneben. Wir hatten keine Krankenhauskeime im Angebot, wer hätte das gedacht ... . Schlußendlich wurde uns die Erklärung angeboten, dass ein aus Offenburg nach Freiburg verlegter Säugling die Keime eingeschleppt habe. Soviel zum Umgang mit hygienischen Problemen in Kliniken, wo doch zwischenzeitlich jeder weiß, dass Kliniken gegen die mulitresistenten Krankenhauskeime einen endlosen Kampf ausfechten.

Gruß

Christoph
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Beitragvon Skylar » 01.10.2004, 09:49

Guten Morgen Christoph!

Ich glaube Dein Kind wäre heute nirgendwo so gut gegen Keime geschützt wie in der Uniklinik Giessen! Da putzt mit Sicherheit keiner mehr mit verdünnten Putzmitteln, in anderen Klinik vielleicht schon noch!?... :?


Liebe Grüße,

Tina (die versucht die Ehre der Uni-KLinik Giessen zu retten, mit der sie schon sehr gute Erfahrungen gemacht hat)
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Beitragvon Christoph » 01.10.2004, 10:02

Hallo Tina,

die Ehre der Uniklinik Giessen mußt Du nicht retten, ich gebe Dir recht, diesen Fehler werden sie sicher nicht mehr machen.

Gruß

Christoph
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Beitragvon benni » 01.10.2004, 11:46

Hallo,
den Artikel habe ich gestern auch gelesen, nachdem woanders per Link darauf hingewiesen wurde.

Ich findes es wirklich den Hammer,dass den Eltern sowas verschwiegen wurde, natürlich ging es wieder mal um Geld.
Wie schwer müssen sie es gehabt haben, um so eine Entschädigung durch zu fechten und an ihr Recht zu kommen ? Sicher durch viele Instanzen und jahrlangen Kampf.

Den Eltern die ihre Kinder verloren haben, hilft keine Éntschädigung mehr.

Benjamin hatte sich im KH mal mit Rota-Viren infiziert.


Gruß Anja

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Beitragvon Sabine » 01.10.2004, 12:10

Hallo!

Ich habe eine "KH-Phobie" und war bislang auch erst zwei Mal stationär drin: Bei meiner und bei Jan-Pauls Geburt :wink:. Woher diese Aversion kommt, weiß ich auch nicht. Immer, wenn ich an einer Klinik vorbei muss, habe ich ein komisches, ungutes Gefühl. Keine Ahnung, woher das kommt.
Mit Jan-Paul selbst waren wir erst zwei Mal im KH: Ein Mal für drei und ein Mal für fünf Tage. Schon das hat mir gereicht. Es stimmt schon, was oft behauptet wird: Im KH werden die Kinder öft kränker als zu Hause.
Der Fall von Natalie und ihren Leidensgenossen ist natürlich skandalös. Das, was da abgelaufen ist, wird für die nächsten Jahre an der Uniklinik Gießen "kleben" bleiben - da sind intern bestimmt auch einige Köpfe gerollt.
Den Eltern kann man die Gesundheit ihrer behinderter Kinder nicht wiedergeben. Die hohe Geldzuwendung ermöglicht aber zumindest die lebenslange Betreuung der Kleinen und ihre finanzielle Absicherung. Das ist schon mal viel Wert.

Lieben Gruß,
Sabine

P.S.: Als wir im August letzten Jahres für einige Tage in der Vestischen Kinderklinik Datteln waren, wurde das KH gerade von einer Mückenplage heimgesucht. Ein Junge war so übel von den Viechern zugerichtet worden, dass er deshalb sogar einige Tage länger im KH bleiben musste. Auch Jan-Paul sah ziemlich "vermackt" aus, ich selbst hatte auch einige Stiche.
Gut, da konnte die Klinik natürlich nichts für. Die haben Mückensalbe verteilt und die Stiche der Kinder gekühlt. War schon heftig...
Die Klinik liegt in der Nähe eines Kanals - ich glaube Dortmund-Ems-Kanal. Von dort kamen die Mücken wahrscheinlich her.
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Beitragvon Christoph » 01.10.2004, 13:50

Hallo Benni,

richtig, die Uniklinik Freiburg hatte dieses Jahr einen solchen Fall vor Gericht. Da ist ein Kleinkind auf der Intensivstation verblutet, nachdem irgendjemand vom Personal an der Bluttransfusionszufuhr das falsche Ventil geöffnet hatte, lief also Blut aus dem Kind raus statt rein.
Schlußendlich haben die Eltern, glaube ich, ein Schmerzensgeld von 25.000 € erhalten.
Die Schmerzen sind bei den Eltern sicher nicht weg und für die Uniklinik war das ein sehr preiswerter Abschluß des Falles. Ursprünglich tat ihnen das alles fürchterlich leid und zahlen wollten sie meines Wissens nur die Hälfte.

Auf eine zynische Schlußfolgerung verzichte ich offiziell.

Gruß

Christoph
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Beitragvon benni » 01.10.2004, 14:37

Hallo Christoph,
ich glaube wirklich , dass es der Klinik und dem Personal leid tat, aber was sind in so einem Falle 25 000 € oder noch weniger ?
In unserer Heimat gibt es momentan eine ähnliche Geschichte. Ich verfolge das schon eine Weile online, da wir 600 Km weg sind.
In einem größeren auf Risikogeburten spezialisierten Klinikum sind dort innerhalb weniger Wochen 4 Frauen bei einer Kaiserschnittentbindung gestorben, bisher ohne erkennbare Ursache. Bei den Obduktionen kam jeweils Kreislaufversagen raus, aber 4 mal innerhalb weniger Wochen ?
Alle Kinder haben überlebt.

Gruß Anja

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Beitragvon Julia » 01.10.2004, 21:31

Hallo zusammen!
Hui, da hat die Uni Gießen erst mal einen Ruf zu verteidigen/reinigen...dass sowas nicht anders laufen kann...
Und extrem doof von dem Pflegepersonal in diesem Fall. (Ich könnte dazu ewig lange Abhandlungen schreiben, aber dass würde den Rahmen sprengen.)
Holla, bin schockiert.
Wie Sabine schon sagt, wenigstens eine finanzielle Sicherheit haben die Eltern und das Kind nun.

Wie kann man denn ein falsches Ventil einer Blutkonserve öffnen, so dass es aus dem Kind rausläuft? :think: Transfusionen, werden doch engmaschig überwacht, gerade auf einer ITS :shock: .

Julia

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Elham

Beitragvon Elham » 01.10.2004, 22:46

Hallo,
Ich habe in der Uni-Klinik Giessen gearbeitet. Daher weiss ich , dass diese hygenische Mängel von einem gewissenhaften Oberarzt der Kinderklinik aufgedenkt, wissenschaftlich untersucht und anschliessend veröffentlicht wurden.
Die Putzfrauen der Klinik hatten sich über Hautreizungen beschwert, daraufhin wurde der Dosierung des Desinfektionsmittel (nicht von den Ärtzen sondern von der Hygie-Kommision) reduziert. Hätte der besagte Oberarzt dies nicht diese Kenntnisse veröffentlicht, hätte die Öffentlichkeit davon warscheinlich nie erfahren. Es freut mich aber , dass das behinderte Kind jetzt zumindest finanziell abgesichert ist.
Elham


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