Es geht voran, oder doch nicht?

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Jenny66
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Beitragvon Jenny66 » 05.09.2017, 14:09

Hier bin ich mal wieder....
weiß gar nicht, warum ich schon so lange nichts mehr geschrieben habe... :roll:

Wie ging es weiter?
Das mit dem Praktikum ist ja jetzt schon ein alter Hut. :lol:
Es ging alles gut aus. Die waren dort super nett. Unterm Strich entpuppte sich doch tatsächlich diese Praktikumszeit als die schönste und lehrreichste Zeit während des einen Jahres auf der Berufsfachschule. Wer hätte das gedacht?

Einige Monate später kam dann noch eine Klassenfahrt, wo auch die Abschlussprüfung stattfand. Einige Irrungen und Wirrungen dort, auch einige schlechte Noten dort. Aber unter dem Strich hat sie alles geschafft und einen guten Abschluss bekommen.

Jetzt besucht sie ein berufliches Gymnasium, was dann drei Jahre dauern wird.

Wir haben noch keine Ahnung wie das ausgehen wird. Natürlich hat sie hier und da Schwierigkeiten. Aktuell schafft sie wohl eine Deutsch-Hausaufgabe nicht. Wir kriegen es auch nicht hin, können auch nicht helfen. Wo jetzt nun wieder Hilfe herkommen soll, keine Ahnung.

Letztendlich sind es jetzt sehr lange Tage und es ist nicht viel nebenher noch möglich. Wie schon immer. Nur dass sie jetzt mal gerade wieder den Schulalltag schafft, mehr ist nicht drin. Sie hangelt sich so Stück für Stück hoch. Ob sie es schaffen wird, ist ungewiss. Wenigstens ist das Klima dort gut.

Ungewiss ist auch, ob sie ihren Ausweis verlängert bekommen wird. Ist alles in Arbeit. Wir nehmen es wie es kommt. Ich will einfach nur schauen, welche Möglichkeiten danach drin sind, ob mit oder eben ohne Ausweis. Das ist so die letzte Aktion, die wir Eltern noch machen können. Sie ist jetzt achtzehn und muss danach dann selbst schauen.

Jenny66
Tochter, 1999 (sel. Mutismus + AS)

Anjali
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Beitragvon Anjali » 06.09.2017, 15:47

Hallo Jenny,

es geht voran, und wie man an den Praktikumserfahrungen sieht, sogar bisweilen sehr, sehr gut. Mein herzlicher Glückwunsch :D
...und jetzt beginnt wieder ein neuer Abschnitt mit 3 Jahren beruflichem Gymnasium.
Dafür wünsche ich deiner Tochter (und dir) alles Gute. Die Daumen sind gedrückt.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

rena99
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Beitragvon rena99 » 06.09.2017, 17:32

Hallo Jenny,

ich freue mich immer total, von euch zu lesen. Man nimmt ja irgendwie doch Anteil!

Erst mal herzlichen Glückwunsch an deine Tochter, das ist wirklich eine Leistung! Und wenn sie das berufliche Gymnasium wirklich schaffen will, dann wird sie das auch. Jedes Jahr werden die Mädels ja doch noch ein Stück reifer.

Dass Schule anstrengend ist für sie, glaube ich gerne. Meine Tochter sagt ja immer, Schule sei für sie 10% inhaltlicher Stress und 90% Sozialstress. Sich immer fragen, ob man gerade das richtige sagt, die richtige Person anspricht oder die Person eben nicht asnpricht, ob man jetzt aufzeigen soll oder lieber doch nicht. Alles muss über den Kopf gehen, nichts geht aus dem Bauch heraus. So gesehen ist das Leistungssport.

Meine Tochter hat ganz gut gelernt, für die notwendigen Auszeiten zu sorgen. Ohne die geht es einfach nicht. Und sie hat gelernt, sich deswegen nicht zu grämen. Damit ist in der Woche dann weniger möglich als bei anderen Jugendlichen, aber immerhin.

Umbrüche sind natürlich immer total schwierig. Und da stehen immer noch etliche vor der Tür.
Das ist so die letzte Aktion, die wir Eltern noch machen können. Sie ist jetzt achtzehn und muss danach dann selbst schauen.
Da habe ich selbst wenig Hoffnung. Ich glaube, unsere Tochter wird uns Eltern noch länger als Ratgeber brauchen, als das sonst der Fall wäre. Nur müssen sich die Rollen umdrehen. Ich schiebe nicht, sondern biete meine Hilfe für den Fall an, dass sie selbst danach fragt. Wobei ja auch ganz normale Jugendliche nicht so selbstständig sind, wie man manchmal so meint. In meiner Umgebung gibt es zig Eltern, die selbst bei den Bachelorarbeiten im Studium ihre Kinder noch unterstüzten müssen, gerade was die Psyche angeht. Da kann ich mich aus meiner Jugend so gar nicht dran erinnern.

Auf jeden Fall drücke ich euch die Daumen, dass es positiv weiter geht und im Mittel immer vorwärts, auch wenn zwischendurch mal wieder ein Schritt zurückführt.

Ganz liebe Grüße

Rena
Rena mit Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)
"Jeder Zwang ist Gift für die Seele." (Ludwig Börne)

Jenny66
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Beitragvon Jenny66 » 16.10.2017, 07:34

Hallo,

vor einigen Wochen hatten wir hier ein totales Tief.
Unsere Tochter wirkte sehr bedrückt, hat sich total zurück gezogen, auch kaum noch mit uns gesprochen. Sogar meinem Mann ist das aufgefallen. Ich konnte das nicht richtig einordnen. Dachte, dass es mit der Umstellung zusammen hängt und dass sie Probleme in Mathe und Deutsch hat und dazu eben die sonstigen Probleme.

Bis zu dem Tag, wo ich sie etwas zu fassen kriegte. Habe ihr erklärt, dass ich mit ihrem Rückzug nicht klar komme und ich wissen möchte, was dahinter steckt, ich sie auch zufrieden lasse, wenn das jetzt der neue Umgang untereinander werden soll, weil sie das so will, sich abnabeln will. Sie blieb zunächst zurückhaltend, bis ich durch Zufall etwas abgeklopft hatte und sozusagen auf eine Mine getreten bin.

Es war also so, dass sie mit einem Klassenkameraden von Anfang an sich gut verstanden hat. Und dieser wollte nun die Schule abbrechen, weil es ihm auch zu schwer fällt. Er war dann gleich krank geschrieben und es schien, als würde er nicht wieder kommen.

Das hat unsere Tochter massiv runter gezogen (irgendwo verdeckt waren da wohl auch schon wieder Suizidgedanken bei ihr). Dieser Schüler ist noch schulpflichtig und ist auch vor Wochen wieder zurück gekommen, hat die Klassenfahrt auch mitgemacht, alles super. In den Ferien haben die beiden jetzt auch zusammen Hausaufgaben gemacht und geübt.

Aber es hängt alles wie eine böse dunkle Wolke über unsere Tochter. Er wird die Schule verlassen, sobald er etwas anders hat, eine Ausbildungsstelle. Und unsere Tochter befürchtet, dass sie es nicht schafft, wenn er weg ist. Sie hat ja selbst auch große Schwierigkeiten und ihre Motivation hängt quasi mit ihm zusammen. Endlich ist da mal jemand, der sie mit ihrem Handikap versteht, weil er selbst auch in gewisser Weise gehandikapt ist.

Ja, ich weiß auch nicht. Ermutigungen und Durchhalteparolen meinerseits helfen absolut nicht mehr weiter. Es ist größtenteils so, dass sie sich mit ihrem Kummer zurück zieht, sieht, erwartet und erhofft auch von nirgendwo mehr Hilfe. Wir haben keinen Plan B und ich habe nichts konkretes in der Hand, was ich ihr verlässlich anbieten kann, wie es in Zukunft weiter gehen kann.

Die Ferien sind zuende und es fängt jetzt schon mal mit einer Mathe-Arbeit an, die wohl nichts werden wird. In anderen Fächern läuft es ganz gut, aber Deutsch und Mathe sind ja nun einmal für das Abi wichtig, ohne das geht es nicht.

Daneben freue ich mich und bin stolz auf unsere Tochter, weil sie eine Weißheitszahn-OP hinter sich gebracht hat und für die nächste auch schon ein Termin feststeht. Andererseits hat sie mir neulich gesteckt, dass sie den ersten Termin nur hat machen lassen, weil sie dachte, dass sie dann eh nicht mehr hier ist. Solche Sachen sagt sie dann. Einerseits weiß ich, dass es immer wieder mal zu solch überzogenen Zuständen und Aussagen kommen kann, die man nicht überbewerten sollte. Andererseits ängstigt mich ihre Impulsivität in bestimmten Situationen.

Mich belastet momentan mal wieder, dass ich nie richtig weiß, wie ernst das alles gemeint ist und was ich noch machen kann, damit es ihr wieder besser geht. Sie erzählt mir ja auch nicht mehr alles, was ja im Grunde genommen auch gut und richtig ist, da sie ja auch älter wird. Mir bleibt jetzt eigentlich auch nur, dass ich darauf vertraue, dass ihre langjährige Freundin sie immer wieder aufbauen kann und was sie sonst noch so zur Aufmunterung hat und nutzt...das Zocken, Sprachen lernen, Geschichten schreiben und so.

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Beitragvon Regina Regenbogen » 16.10.2017, 07:48

Wir haben keinen Plan B und ich habe nichts konkretes in der Hand, was ich ihr verlässlich anbieten kann, wie es in Zukunft weiter gehen kann.
Vielleicht würde es deiner Tochter reichen, wenn du ihr Möglichkeiten (NICHT verlässliche Lösungen!) aufzeigst, wie sie sich selbst Plan B gestalten könnte?

Ihr Freund hat das scheinbar geschafft, dieses Wissen zieht sie offenbar runter und führt ihr ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten vor Augen.

Ich kann absolut nachvollziehen, dass man nicht nach vorne schauen kann, wenn man sich fühlt als würde man in Treibsand stecken.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Beitragvon rena99 » 16.10.2017, 13:51

Oh je Jenny,

das tut mir leid! In solchen Zeiten planen wir immer nur von Tag zu Tag. Und überlegen, was der Tag auch an schönen Dingen bringen kann. Ist natürlich schwierig, wenn sie mit dir nicht regelmäßig kommuniziert.

Ich drücke euch die Daumen!

LG
Rena
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Beitragvon Jenny66 » 17.10.2017, 07:35

Gestern kam sie von sich aus auf die Möglichkeit eines Gespräches mit der Beratungslehrerin. Ihre Probleme sind natürlich größtenteils durch ihren Autismus bestimmt. Davon weiß aber dort niemand. Und ihre Erfahrungen sind halt, dass es keine wirkliche Hilfe und Unterstützung gibt und dann hat sie sich geöffnet, womöglich dann infolgedessen auch geoutet und sie soll dann trotzdem normal funktionieren. In diesem Dilemma steckt sie. Und da kann ich auch schlecht sagen, dass sie es ruhig wagen soll, weil ich ja diese Erfahrungen ebenfalls mit ihr teile. Das muss sie jetzt selbst wissen, was sie da macht. Ich hoffe nur, dass sie ihren Mut nicht verliert, egal welche Schritte sie versucht.

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Beitragvon T.Sophie » 17.10.2017, 10:54

Hallo!

Also Beratungslehrer sind eigentlich ziemlich nett. Allerdings haben die erstmal nicht so viel mit dem Unterricht und so selber zu tun. Keine Ahnung, ob sie dann passende Hilfen bekommen kann.
Wenn ich so drüber nachdenke... Habt ihr denn über Nachteilsausgleiche nachgedacht? Die gibt es ja auch an Berufsschulen...

LG T.Sophie
Baujahr 1988 / diverese Traumafolgestörungen / Tinitus, Dysplasie im Knie / chronische Magen-Darm-Probleme (subtotale Dickdarmentfernung + Entfernung der Galle)
SBA mit 60GdB ohne Merkzeichen

ein.ZIG.Artig

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Beitragvon Jenny66 » 07.12.2017, 08:06

Ich melde mich mal wieder, auch wenn sich noch nicht viel getan hat.
Letzte Woche ging es unserer Tochter ganz schlecht. Es ist alles viel zu viel. Samstag haben wir alle miteinander geredet. Hin und herüberlegt, ob und an welchem Tag sie dann die kommende Woche mal fehlen kann, um die Woche überstehen zu können. Da waren wir auch zu keiner richtigen Lösung gekommen (entweder verpasst sie zu viel oder es werden Arbeiten geschrieben). Aber am Dienstag ging dann gar nichts mehr und sie musste zuhause bleiben. Jetzt hat sie den gestrigen zehn-Stunden-Tag geschafft. Heute sind es acht Stunden. Mal sehen, wie es wird.

Sie hat auch noch nicht mit der Beratungslehrerin gesprochen. Letzte Woche Freitag war Weihnachtsbasar auf ihrer alten Schule. Da wollte sie ihre ehemalige Klassenlehrerin ansprechen und fragen, was sie machen kann. Aber das hat sich nicht ergeben, dass sie darüber sprechen konnte.

Wir hangeln uns jetzt so weiter. Ich weiß nicht, ob sie sich irgendwann traut. Aber wenn, dann wird sich das alles lange hinziehen. Weil sie würde ja erst einmal nur zur Beratung dort in der Schule gehen. Ob sie sich dort dann auch wirklich outen würde, ich habe keine Ahnung. Und sie müsste sich ja auch irgendwann gegenüber ihren Lehrern outen, um überhaupt mal annähernd an das Thema Nachteilsausgleiche heran zu kommen. :roll:

Ich finde es alle wieder ziemlich stressig hier. Bin froh, wenn Ferien sind, um verschnaufen zu können.

Jenny66
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Beitragvon rena99 » 29.10.2018, 13:47

Hallo liebe Jenny,

falls du hier noch liest: wie geht es euch?

LG
Rena
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