Emotionale Störungen bei behinderten Kindern

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wiebke
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Beitragvon wiebke » 29.01.2010, 13:04

Hallo Norbert,

Fragen nerven nicht - dafür stehe ich hier doch zu Verfügung :wink:

Ich versuche hier mal eine Interpretation zu den beschriebenen Symptomen:
Traurige Gefühle kann Lorenz vermutlich repräsentieren, d.h. kann auch weinen, traurig gucken etc.? Wenn er nun erlebt, dass andere Kinder traurig sind und es in ihm auch traurige Emotionen auslöst, kann es sein, dass sein Lachen ein Versuch ist, sich selbst zu stabilisieren (Abwehrmechanismus). Auch bei seiner Angst vor Hunden kann dieses Lachen eine Abwehr sein, um die eigene Angst nicht so spüren zu müssen. Also immer dann, wenn das Lachen nicht angemessen erscheint, kann es als ein "Hochfahren" von einem guten Gefühl angesehen werden - eben um das "schlechte" traurige Gefühl nicht aushalten zumüssen.
Das dieses vemeintlich unempathische Verhalten bei Aussenstehenden nicht gut ankommt ist verständlich - hier gilt es jetzt Lorenz zu verstehen, denn er ist vermutlich viel sensibler als er nach aussen erscheint.

Frage gerne weiter nach. Ich kann hier nur mögliche Erklärungsmodelle anbieten - ohne das Kind zu kennen, nicht so leicht.

Herzliche Grüße
Wiebke
Wiebke Hindmarsh
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Marie v. Ebner-Eschenbach

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NorbertMN
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Beitragvon NorbertMN » 29.01.2010, 15:57

Vielen Dank für die rasche und ausführliche Antwort!

Wie sensibel Lorenz ist, kann ich nur schwer beurteilen. Er spricht nicht. Seine emotionalen Reaktionen sind niemals extrem. Er kennt keine Wutausbrüche. Er bewegt sich fast nie plötzlich und rasch. Er guckt nicht wirklich traurig und er weint auch so gut wie nie - höchstens einmal im Jahr vielleicht, und dann scheinbar aus heiterem Himmel. Wir sind dann immer ganz bestürzt, können ihm aber nicht helfen. Trösten lässt er sich nicht.

Du schreibst von Lorenz' "vermeintlich" unempathischen Verhalten. Nun, Empathie ist auch sonst nicht seine starke Seite. Das merkt man, wenn er zu uns ins Bett kommt. Er macht sich brutal Platz, sofort hat man ein Knie im Magen. Mit Aggression hat das nichts zu tun, da bin ich sicher. Er kann sich nur einfach nicht vorstellen, dass es uns weh tut, wenn wir seinen Ellenbogen auf die Nase kriegen.

Nur dieses Lachen! Meinst du, es kann viele verschiedene Gefühle ausdrücken? oder ganz allgemein so etwas wie Gemütsbewegung, gleich ob positiv oder negativ?
Vater von Lorenz, Jg. 1994, frühkindlicher Autismus mit schwerer bis schwerster geistiger Behinderung. Tochter Jg. 88, berufstätig und außer Haus

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wiebke
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Beitragvon wiebke » 29.01.2010, 16:31

Hallo Norbert,

nun noch eine schnelle Antwort - da ich mich dann über das Wochenende hier verabschiede und ab Montag erst wieder antworten kann...

Wie gesagt, es ist nicht so leicht Lorenz Verhalten zu interpretieren, zumal seine Diagnose Autismus es nicht grad vereinfacht.

Meine Vermutung ist aber auch bei Autisten, dass das Verhalten aus der Sicht des Kindes -verbunden mit seinen Behinderungen/ Wahrnehmungsstörungen - Sinn macht, auch wenn er sich uns nur schwer erschliesst.

Es ist schon möglich, dass das Lachen verschiedene Emotionen ausdrücken soll. Ich könnte es in dem Sinne interpretieren:" Das hier ist heftig was ich wahrnehme und meine heftigste Art, Emotion zu zeigen (oder zu empfinden) ist Lachen."

Vielleicht hilft es dir ein wenig weiter. Ich wünsch Dir viel Kraft, um dich weiterhin so für deinen Sohn zu engagieren. Frag gern weiter :wink:

Herzliche Grüße
Wiebke
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Beitragvon wiebke » 04.02.2010, 12:10

Hallo ihr Lieben,

mein Mann Ronald hat hier in seiner Vorstellung als Professional ausführlich über seine Sichtweise zu seinem Schwerpunkt ADS/ADHS berichtet. Es ist dort eine lebhafte Diskussion darüber entstanden :D
http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic64048.html

Meine Arbeit mit den Familien behinderter Kinder findet in sehr ähnlicher Weise statt und ist natürlich immer individuell angepasst, da die Problematik aufgrund der Behinderung eine ganz andere sein kann und entsprechend andere Belastungen wirken, auch auf z.B. die Geschwisterkinder.
Natürlich bringen auch wir Eltern behinderter Kinder unserer ganz eigene Geschichte mit in die Familiensituation und können dadurch die Belastungen u.U. nicht so leicht bewältigen. Zu denken ist z.B. an das oft schwierige Verhältnis mit den eigenen Eltern (Großeltern der behinderten Kinder) und den daraus entstehenden Gefühlen des Nichtverstandenwerdens oder Alleingelassenwerdens, das viele kennen :cry:
Auch wenn das Kind eine lebensbegrenzende Diagnose bekommen hat, ist der Leidensdruck in den Familien umso größer, wenn sich abwehrendes Verhalten ("Das halt ich nicht aus . das ignoriere ich") von Familienmitgliedern (Ehemann, Großeltern, Onkel, Tanten, Geschwisterkinder etc.) zeigt.

Die Lösungen liegen für mich - auch aus eigener Erfahrung - in der Auflösung der schwächenden Emotionen im Familiensystem. Über die einzelnen Methoden dazu können wir hier aber nicht Auskunft geben nach den Nutzerbedingungen des Forums REHAkids, was wir auch für sinnvoll halten! Gern unterstütze ich dieses wichtige Forum mit meiner Teilnahme und meinem Wissen bzw. meiner Sichtweise über psychische Wirkfaktoren in den Familien mit behinderten Kindern.

Herzliche Grüße
Wiebke
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Beitragvon Tatjana1179 » 12.02.2011, 22:22

Hallo Wiebke
mein Name ist Tatjana, und ich habe eine Frage bzgl. meiner Tochter Denise ( 4 ).
Evtl. hast du ja einen Tip für mich.

Denise erbricht des öfteren morgens auf nüchternen Magen. Das ganze dauert ca. 2 Stunden, dabei hat sie auch bauchschmerzen. Wenn sie sich ausgebrochen hat braucht sie einen Moment ,und dann geht es ihr wieder gut und sie ist den Rest des tages absolut fit. Sie kann dann auch alles essen oder trinken ohne weitere Schmerzen.
Die Ärztin im SPZ meinte es könnte so eine art Tic sein um Ihre entwicklung zu verarbeiten. Ich selbst bin total ratlos.
Vielleicht hast du sowas ja schonmal gehört.
Vielen Dank
Tatjana
Denise (26.01.07) Frühgeburt, Hirnblutung, Hydrocephalus, Porencephalie, PVL, Epilepsie, Hemiparese li.

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wiebke
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Beitragvon wiebke » 13.02.2011, 18:06

Hallo Denise,
es ist möglich, dass das Erbrechen und die Bauchschmerzen emotional bedingt sind.
Ob das ein Tic ist... aus meiner Sichtweise kann es auch da emotionale Gründe geben.
Aus der Ferne kann ich Dir nur raten die Situation an den jeweiligen Morgen genau zu betrachten - aus allen Perspektiven. Wie stressig fängt der Tag an, wie geht es Denise im Kindergarten, wer hat noch Grund "Bauchschmerzen" zu haben? Papa, Mama, Geschwister? Auch darauf kann Denise sensibel reagieren. Was ist an den Wochenenden? Gibt es irgendwelche Zusammenhänge?
Gern kannst Du mir eine PN schreiben um möglicherweise da mehr in die Tiefe zu gehen.
Herzlichen Grüße
Wiebke Hindmarsh
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Ines Sch.
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Re: Emotionale Störungen bei behinderten Kindern

Beitragvon Ines Sch. » 28.06.2011, 12:40

wiebke hat geschrieben:Hallo,

nachdem ich lange Stamm-User war bin ich nun auch Professional!

Ich arbeite nun als Psychotherapeutische Heilpraktikerin gemeinsam mit meinem Mann Ronald Hindmarsh (Schwerpunkt ADS/ADHS) in eigener Praxis. Mein Schwerpunkt sind Familien mit behinderten Kindern bzw. emotionale Störungen bei behinderten Kindern.

Mein Fokus liegt auf der emotionalen Stabilität der ganzen Familie.
Ein schönes Beispiel dazu:
Ein geistigbehinderter Junge zeigt plötzlich verstärkt Verhaltensauffälligkeiten:
schlimmere Schlafstörungen, extremere Eßprobleme, verstärkte Unruhe.
Seine ältere Schwester (16) hat seit einiger Zeit heftigen Liebenskummer und lebt diesen lebhaft und pubertär aus. Die Eltern sind zwar einigermaßen genervt aber durchaus verständnisvoll. Der kleine Bruder allerdings kann die Situation vom Verstand her nicht erfassen aufgrund seiner geistigen Behinderung. Stattdessen reagiert er emotional auf die Gefühle der Schwester: Er spürt ihren Schmerz und ihre Wut und zeigt mit seinen Mitteln (Verhaltensauffälligkeiten sind da auch Ausdruck von Emotionen) wie es ihm damit geht. Die Lösung hier war ein "Gespräch" zwischen den Geschwistern. Die Große hat dem Bruder erzählt wie es ihr geht, war dabei zwar traurig, aber auch liebevoll zu dem Bruder und hat
ihm damit fühlen lassen, dass ihr Kummer mit IHM NICHTS zut tun hat.
Emotional konnte der Junge also die Info aufnehmen und damit beruhigter reagieren. Somit konnten auch die Verhaltensauffälligkeiten vermindert werden und damit die Belastung der Familie insgesamt verringert werden.

Ich arbeite mit Ansätzen aus der Systemischen Familientherapie und mit auflösenden Methoden aus der Energetischen Psychotherapie.

Gern beantworte ich Fragen und nehme auch weiterhin im Forum als betroffene Mutter teil.

Herzliche Grüße
Wiebke Hindmarsh
_________________
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Marie v. Ebner-Eschenbach

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Hallo Wiebke,

ich bin erst neu hier und muß mich erstmal zurecht finden.
Doch Dein Beitrag viel mir sofort auf.

Meine Tochter hat ja das DS und autistische Züge.
Leider ist es so das ihre Emotionen viel mißverstanden werden und es schon viele Probleme in der Schule gab.

Sei es Brillen oder Bücher zerstören oder nicht essen wollen.

Es ist schwer rüber zu bringen das es schon wichtig ist meine Tochter zu
integrieren doch nur bis zu einem bestimmetn Maß.
Und das wird selten von anderen akzeptiert.

Meine Tochter brauch, in solchen Phasen, Ruhe und damit meine ich auch WIRKLICH Ruhe.
Es sollte sich dann, wenn möglich, niemand im Raum mit aufhalten.

Auch stelle ich immer mehr fest, das wenn meine Tochter Emotionen zeigt, sie gar nicht weiß wie sie damit umgehen soll!?
Da ja keine oder fast keine Sprachentwicklung gegeben ist.

Sehr schwierig momentan und für mich gerade sehr sehr anstrengend.

GLG Ines

Lily343
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Beitragvon Lily343 » 29.05.2018, 16:57

Hallo Wiebke,
Ich habe eine Frage bezüglich meiner Tochter. Sie ist jetzt 3J10M also fast 4. Sie hat selektiven Mutismus und ist sprachlich und sozial emotional entwicklungsverzögert. In letzter Zeit äußert sie häufiger, dass sie Angst hat. Sie ist sehr fasziniert von Tieren, gleichzeitig hat sie Angst vor ihnen. Z.B. beobachtet sie gerne Ameisen, wenn die allerdings auf sie zu oder gar auf sie drauf krabbelt springt sie panisch auf und sucht meine nähe. Je größer die Tiere sind desto mehr Angst hat sie.
Jetzt meie Frage: Ist das noch normal oder sollte ich uns Hilfe holen?
Ich bin mir da sehr unsicher, da ich selbst eine psychische Erkrankung habe (allerdings keine Angststörung, sondern eine Persönlichkeitsstörung).
Ich dachte da du ganzheitlich familiär arbeitest, könntest du mir vielleicht am ehesten einen Rat geben.
Viellen Dank im voraus!
LG Lily

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jonasb
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Beitragvon jonasb » 29.05.2018, 19:56

Hallo,
super, dass es sowas gibt. Ich bin ein mensch der _immer_ versucht die Ursachen zu finden. Ganzegal ob es ein Kind mit Behinderung ist oder nicht. Es ist so so so wichtig, das Verhalten der Kinder zu verstehen und es nicht wegzutherapieren (Verhaltenstherapie)
VG, Jonas mit Söhnchen:Periventr'ikuläre Leukomalazie, ICP, Z.n. West-Syndrom mit BNS, Button, Resektion links Parietal, Entwicklungsstörung, Epilepsie... ein heller Stern am Himmel sei 30. Dezember 2018
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