Mütter und Kinder (Töchter) - die besondere Beziehung?

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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annamirl

Mütter und Kinder (Töchter) - die besondere Beziehung?

Beitragvon annamirl » 13.10.2005, 17:06

Hallo Ihr Lieben,

jetzt komm ich mal zu meinem eigentlichen Anliegen, warum ich hier gelandet bin.
Wie in der Vorstellungsrunde beschrieben, bin ich Tochter.
Meine Mum starb vor etwas mehr als einem Jahr und ich bin gerade in einer Phase, wo ich versuche, mir meine Beziehung zu meiner Mum zu erklären. Deswegen suche ich Kontakt zu Müttern, deren Kinder besonders sind.
Aber mal als Backroundinfos:
Ich bin ´77 als ziemlicher Wonneproppen 8 Wochen zu früh zur Welt gekommen. Meine Mum war damals 39 und ich war wohl so ein halber Unfall.
Meine beiden Eltern sind Ärzte, Neurologen. Beide haben nach meiner Geburt weitergearbeitet. Meine Schwester und ich wurden von Nannys, Au Pairs, etc betreut.
Kurz vor meinem 8 Geburtstag wurde bei mir ein Hirntumor diagnostiziert und operativ entfernt. Danach hatte ich meine ganzen Behinderungen.
Als Ärzte ließen mir meine Eltern sicher die bestmöglichen Therapien zu kommen.
Nur....mich verfolgt der Gedanke, oder mehr das Gefühl, dass es insbesondere meiner Mutter ganz gut gefallen hat, dass ich so krank wurde.
Ich kann es schwer festmachen, aber hier ein paar Beispiele, die ich für aussagefähig halte:
Kurz nach der OP, ich mit großem, weißem Kopfverband auf Wochenendurlaub zu Hause. Besuch ist da, meine Mum führt sie zu meinem Bett. Sie rupft mir den verband runter und die Leute bestaunen mitleidig meine Narbe. Mir ist das unangenehm , es tut weh, Mutter schimft, ich soll nicht so das Gesicht verziehen.

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Mum ist mit mir in der Frührehaklinik, wir sind in einem Zweibettzimmer. Sie pflegt mich, kein Schritt mache ich allein. Sie verbietet mir das Bett zu verlassen, abgesehen von den Therapien natürlich. Aus Trotz, aber auch aus einem natürlichen Bewegungsdrang einer 8-Jährigen heraus, stehe ich trotzdem auf. Mein heimlicher Stolz, dass ich es eben doch allein aufs Klo schaffe, ist riesig.

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wieder zu Hause verbietet sie mir erst mal alles, ich muss nach ihr klingeln, wenn ich aufs Klo möchte. Lesen kann ich angeblich nicht mehr wegen meiner neu erworbenen Sehbehinderung. Unterm Bett hab ich Bücher versteckt, die ich heimlich lese.
Ich nehme an, das klingelnde Glöckchen nervt sie selbst, jedenfalls heistt irgendwann, ich müsse zu oft aufs Klo. Ohne Urinprobe, ohne Untersuchungen, ohne alles habe ich dann eine Blasenentzündung, diagnostiziert und behandelt von meiner Mutter. Viel Mitleid und Bewunderung für meine arme, sich aufopfernde Mutter die eingelähmtes Kind mit Blasenentzündung betreut.

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Mit 9 Jahren kann ich mich angeblich nicht alleine anziehen, tue ich es doch, schimpft sie, reißt an mir herum, alles srei falsch. Sie fähret mich täglich zur KG, bringt michin die Schule, betreut mich während der Pausen, holt mich ab, kontrolliert meine Hausaufgaben, killert alles weg, weil es falsch ist und schreibt sie selbst neu. Ich muss neben dran stehen, heulend, erschöpft, müde mit Kopfweh.In die Badewanne oder ins bett muss mich mein Dad bringen.
In diesem Jahr bekomme cih eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung. Im Krankenhaus kann ich mich endlich alleine anziehen, dauert natürlich länger und ich blicke oft nicht durch wo hinten und vorn ist, aber langsam lerne ich es.
Die Entzündung klingt ab, mit Diätvorschriften werde ich heimgeschickt. Es dauert keine Woche und die Entzündung blüht neu auf. Nächtlicher Arztbesuch, Mum weigert siuch, mich ins Krankenhaus zu bringen.
Heimlich belausche ich das Wohnzimmergespräch. Der Arzt lässt sich versichern, dass ich Diät eingehalten habe. Keine Butter, wenig Öl, leichte Sachen. Mir schwant Böses, im Magen habe ich njoch das Rahmgeschnetzelte vom Abendessen. Seit meiner Entlassung hat Mum die leckersten, fettesten, süßesten Sachen für mich gekocht. Wollte ich nicht weiter essen, weil mir schon schlecht war, schimpfte sie, dass sie nur wegen mir x-stunden in der Küche stand. In dieser Nacht habe ichmir zum ersten mal den Finder in den Hals gesteckt und absichtlich erbrochen. Ein verhaltensmuster, dass ich mir erst 11 Jahre später mühsam abtrainieren werde.


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Große Feier der Genossen, muttern mit mir mitten drin. Muttern erzählt lang und breit meine Krankheitsgeschichte, will dass ich die Narbe zeige, dass ich zeige, welche Bewegungen ich mit dem Fuß und der Hand nicht machen kanbn, um uns schart sich ein Halbkreise. Mit 11 habe ich keine Lust auf nächtliche, laute, verrauchte Parteifeiern, ich ahbe Kopfweh, bin müde und erschöpft. Ein anderes Genossentöchterlein tanzt
Rock´n Roll. Mum schimpft mich, schubst mich zum Auto, zieht mich anden haaren, nur wegen mir geht sie jetuzt frrüher von der Feier weg, warum ich immer so mufflig bin und warum ich nicht so toll Rock´n Roll tanze.


Heute weiss ich, dass meine Mutter unglaublich schwer loslassen konnte. Und dass sie sich die Rolle der martyrerin selbst ausgesucht hat. Irgendetwas, was ihr sonst fehlte, hat ihr das "sich um Tochter" kümmern gegeben.
Genauso weiss ich, dass auch ein Teil echter Besorgnis dabei war . Und vermutlich hatte sie auch Schuldgefühle, so a la " Als Neurologin hätte ich doch früher merken müssen, dass da was nicht stimmt".



Ich Labertasche.......eigentlich habe ich ja Fragen an Euch.

Wie geht das Euch so mit dem Loslassen von besonderen Kindern?
Fällt das schwerer als mit gesunden Kindern?
wie geht es euch, wenn ihr seht dass euer Kind was macht, was ewig dauert und vielleicht noch falsch ist? Möchtet ihr das dann manchmal selbst machen? Wo sind da eure Grenzen?
Kennt ihr Schuldgefühle?

das sind ein paar meiner Fragen, entschuldigt bitte, wenn sie zu intim oder grenzüberschreitend sind, aber es interessiert mich wirklich.
Ich als Tochter kenne nur meine Seite, mit meiner Mum war später kein Gespräch mehr möglich.
Als angehende Sonderpäd. vertrete ich die Vorstellung, Kinder möglichst selbstständig zu machen, Fehler zu zulassen, Perfektion als nicht erreichbar an zu sehen und überhaupt ist Lachen und Spaß erst mal wichtiger, als die korrekte hausaufgabe, richtiges Sitzen des Shirts oder ein sauber eingenommenes Mittagessen.
Mir fällt es sehr schwer zu verstehen, wieso meine Mutter mich so gar nicht gehen lassen wollte und konnte. Und ich letztendlich mit Gewalt gegangen bin.
wie geht es euch wenn die Kleinen flügge werden?
Danke Fürs Lesen!
LG
annamirl

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wiebke
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Beitragvon wiebke » 13.10.2005, 17:24

Hallo Annamirl!
Mir wurde ganz beklommen beim Lesen Deiner Schilderungen! Ich denke keine von uns Müttern hier im Forum kann sich mit dem Verhalten Deiner Mutter identifizieren. Vermutlich hatte Deine Mutter ganz andere Probleme (mit sich) als eben ein behindertes Kind zu haben. Du hast doch noch eine Schwester, oder? Wie ist es ihr denn ergangen in Eurer Kindheit?
Es tut mir sehr leid, dass Du all das neben Deinen Erkrankungen ertragen musstest. Hast Du schon mal daran gedacht mit psychologischer Hilfe Deine
Erlebnisse aufzuarbeiten?
Sei ganz lieb gegrüßt, Wiebke
Wiebke Hindmarsh
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Beitragvon Constanze » 13.10.2005, 17:28

Hallo annamirl,

willkommen im Forum.
Ich bin schon ein wenig dankbar, dass sich jemand mit Deinen Problemen hier meldet. Denn ich bin eine von "der anderen Seite". Gerade gegenwärtig tun sich auf einmal eine Menge Probleme zwischen meiner Tochter (7) und mir auf, die ich gefühlsmäßig für eine schwierige oder stockende Ablösungsgeschichte halte. Die Details möchte ich lieber in einer pn schreiben. Fakt ist, dass sich irgendwie eine eigene Dynamik zu entwickeln scheint, wenn Mutter und Kind behinderungsbedingt so eng zusammenkleben und die üblichen Mechanismen des Selbständigwerdens und Ablösens nicht ganz so funktionieren.
Vielleicht können wir beide voneinander lernen.

Liebe Grüße
Constanze
Constanze und Reiner mit Leon (09/96) und Henrike (05/98, 29+3 SSW, cerebrale Diparese)

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Beitragvon Majana » 13.10.2005, 17:46

Hallo Annamirl,

auch mir wurde ganz komisch beim Lesen. Ich bin, ebenso wie Du, auf der Seite der "behinderte" Tochter, und kenne es doch so ganz anders als Du. Meine Eltern waren sehr drauf bedacht, dass ich möglichst selbstständig werde. Für mich klingt es beim Lesen fast so, als habe deine Mutter sich mit deiner Behinderung und die Pflege dadurch profilieren wollen...

Liebe Grüsse, Majana
Leben ist nicht Dauer sondern Inhalt.

*1981 mit ÖA IIIb, CF, ADHS und diversen Kleinigkeiten

annamirl

Beitragvon annamirl » 13.10.2005, 17:50

Liebe Wiebke,

ja, ich habe eine teilstationäre Therapie gemacht und ich mach momentan eine ambulante Therapie.
Sicher spielen bei meiner Familiengeschichte noch Dinge eine Rolle als allein meine Krankheit. Auch ohne meine Erkrankung wäre nicht alles okay gewesen, so wurde es nur schlimmer, oder sichtbarer, offensichtlicher.
Meine Schwester ist wie ich, seit Jahren essgestört. In unserer Kindheit war sie das "perfekte" Kind, zart, schmal, untergewichtig. Gewinnerin vieler Preise, sehr gute Schülerin, brav. Seit meiner erkrankung durfte sie mich aber nicht mehr anfassen, weder um mich zu umarmen noch um mich auch mal weg zu schubsen, wenn ich als kleine Schwester genervt habe.


Liebe Constanze,
ja, wir können uns auch gerne über pn unterhalten. Danke, dass so ehrlich bist!




ich möchte niemanden von euch unterstellen, dass er oder sie nicht das allerbeste für sein kind will, und wahrscheinlich wollte auch meine Mutter nur das Beste für mich. Probleme gab es trotzdem.
Und ich wolte einfach mal nachfragen, ob ihr nicht ein paar Probleme verstehen könnt oder auch selbst könnt. Vielleicht in anderem ausmaß oder vielleicht auch nur gedanklich.

LG
annamirl

Jane H.

Beitragvon Jane H. » 13.10.2005, 18:56

Hallo Annamirl...
Meine Mutter war anders .Ich bin frühchen habe ADHS und mein zwillingsbruder tetraspastik. Am Anfang waren wir die süssen babies dann wollte sie immer meinen Bruder heilen und als das nicht ging und sie merkte dass es so bleibt ,war der nicht mehr interressant für sie ,.bei mir hat meine Mutter dann sehr hohe Erwartungen gestellt und wegen meinem ADHS konnte ich nicht gerecht werden und meine MUtter hat mich gestraft und sehr ekelhaft gemeine Sachen gesagt ,zu meinen geschwistern war sie normal .Irgendwann begann ich mich aufzulehnen ,MIt 13 trennten sich meine Eltern und meine Mutter zog nach israel ,im gegensatz zu meinen anderen geschwistern haben ich und mein zwillingsbruder sie nie mehr besucht und haben auch nicht den Wunsch danach ,.Wir hatten am Anfang Briefe geschrieben ,aber sie hat uns beiden nie geantwortet .seitdem ist unsere Mutter für uns zwei gestorben. mein Vater hat eine neue Frau und mit unserer Stiefmutter verstehen wir uns supergut ,die hat uns das gegeben was unsere mutter uns nicht gab und auch mit unseren Vater haben wir ein sehr gutes verhältnis ,wir wohnen noch zuhause .Ich denke meine mutter wollte immer ein leben nach Plan in geraden Linien und weil mein bruder und ich nicht diesem Plan und diesen Linien entsprachen hat sie uns wohl als unvollkommen angesehen....
mfg jane und Klein-David

Jane H.

Beitragvon Jane H. » 13.10.2005, 18:57

P.S. mein bruder wie auch ich essen sehr wenig schon seit wir kleine Kinder sind , ich denke erst war es trotz und jetzt Gewöhnung .

annamirl

Beitragvon annamirl » 13.10.2005, 20:14

Liebe Majana,
ich höre gerne auch die guten, positiven Ablösungsverläufe!
Und ja, ich vermute, dass meine Mum einfach ständig sich selbst überfordert hat. Deswegen musste sie sich einen Ausgleich schaffen, etwas wo nur sie sich profilieren konnte. und das war dann eben meine Pflehge.

Liebe Jana,

das hört sich schlimm an. Ganz anders als bei mir, aber die Basis ist ähnlich. Ein Mensch, der sich perfekteKinder wünscht, kleine Püppchen. warum auch immer dieser Wunsch da ist, da hat auch seine Gründe.
Hast du heute das Gefühl, Essen auch für etwas emotionales einsetzen zu können?
Ich meine, aus Gewöhnung wenig zu essen ist auch nicht ganz gesund.
LG,
annamirl

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Beitragvon Anke B. » 13.10.2005, 20:23

Hallo Annamirl,
es macht mich sehr betroffen wenn es so lese wie deine Mutter sich dir gegenüber verhalten hat und kann es nicht nachvollziehen. Man könnte meinen sie hatte Minderwertigkeitskomplexe und wollte durch dich beweisen wie toll sie doch wäre weil sie das alles mitmachen muss.

Ich versuche meine Tochter Nicole jeden Tag aufs neue zu motivieren auch alleine was zu machen. Scheitert allerdings manchmal auch an meiner Ungeduld vor allem wenns doch mal schnell gehen soll. Eigentlich kann sie alleine in den Rollstuhl klettern, aber wenn ich es eilig habe setzte ich sie rein, nur ein Beispiel. Unsere Beziehung ist sehr eng, enger als zu meinen anderen 3 gesunden Kindern, was mich manchmal auch sehr belastet und ich dann ein schlechte Gewissen den anderen gegenüber habe. Aber ich setze alles daran sie soweit wie möglich selbstständig zu bekommen, sodass sie eines Tages mal alleine zurecht kommen kann.

ganz liebe Grüße von Anke
Nicole *01.06.01,Myelinisierungsstörung, fortschreitende Kleinhirnatrophie, geistig- und körperbehindert, Rumpfataxie, Skoliose unsere Vorstellung
mein Album
http://www.mobil-mit-behinderung.de/con ... s/home.htm

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annamirl

Beitragvon annamirl » 13.10.2005, 20:33

Liebe Anke,
danke auch dir, für den Bericht und die Ehrlichkeit.
Wie gehen denn deine Kinder untereinander miteinander um? Hab gelesen, dass zweie schon ein wenig älter sind. Vertraust du denen die Kleine auch mal an? Streiten sie auch mal miteinander?
LG
annamirl


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