Mütter und Kinder (Töchter) - die besondere Beziehung?

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Irene
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Beitragvon Irene » 13.10.2005, 21:58

Hallo Annamirl,

Deine Geschichte macht mich echt betroffen und ich habe gerade mal mein Gewissen erforscht, ob ich vielleicht auch solche Anzeichen aufweise wie Deine Mutter! :)
Finden konnte ich dabei meine Mutter, die schon öfters mal vom Stapel gelassen hat: "Stefan wird dich sein Leben lang brauchen! Der wird nie selbständig leben können!" Meine etwas lapidare Antwort darauf: "Der fliegt mit 18 genau so raus wie seine Schwester! (Ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen)
Ich versuche schon, Stefan so zu erziehen, wie seine Schwester. Es gab schon Situationen, wo Stefan im Hof mit Nachbarkindern "Wrestling" spielte, ich das Fenster schloß und mir selber sagte: du kannst nicht immer daneben stehen, laß ihn mal machen. Es fiel und fällt heute noch schwer. Aber ich tue Stefan nichts gutes, wenn ich ihn "ausbrüte". Ich möchte schon, dass er irgendwann sein eigenes Leben leben kann, und ich auch mal Enkelkinder bekomme. Auch merke ich, dass ich es für mich brauche, wieder mehr Freiraum zu bekommen. Ob es mir gelingt, wird sich erst in ein paar Jahren herausstellen.
Noch etwas: das Loslassen fällt mir bei Sonja auch nicht leichter. Ich bin da im Zwiespalt: einerseits bin ich froh, wenn sie ihre Unternehmungen macht, andererseits vermisse ich sie dann fürchterlich! Bei mir darf man aber auch nicht vergessen (und das würde sehr verleiten), dass mein Mann unter der Woche 500 km weit weg arbeitet.

Viele Grüße
Irene
Sonja (11/91), Stefan (07/94): spastische Hemiparese rechts

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Jane H.

Beitragvon Jane H. » 14.10.2005, 00:28

Hallo Annamirl...

Also bei uns war es einfach so wir assen nichts von kleinkindern ab ca drei jahren an ...Ich weiss nicht warum .
nee meine Mutter wollte alles wie kleine Puppen haben aber keine durfte schöner sein als sie ,sie wollte immer im Mittelpunkt stehen keine von ihren Kindern darf sie in den schatten stellen und aber auch keines Ihrer Kinder darf einen schatten auf sie werfen ....das war wohl ihr hauptproblem . Wie gesagt sind wir ja eine jüdische Familie und meine Mutter wurde meinen Grosseltern kurz nach dem Krieg geboren ,...jüdische Kinder waren zu dem zeitpunkt ja fast nicht mehr vorhanden und eben sehr besonders für ihre eltern ,.meine Mutter wurde sehr verwöhnt und hat alles erhalten und das hat wohl ihren Charakter so verdorben .Die soll da bleiben wo sie ist ...

Shalom jane

susanne1977
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Beitragvon susanne1977 » 14.10.2005, 07:28

Bei uns ist es so, das Franzi wohl etwas mehr "verwöhnt" wird, als ihre beiden Brüder. Aber sie wird nicht zu sehr umsorgt. Ich bin oft froh, das sie unser drittes Kind ist, denn so habe ich gar keine Zeit, sie überzubehüten. Es sind ja noch zwei andere da, die mich auch brauchen.
Z.B. geht es zur Zeit bei uns ums Krabbel/Robben. Wenn sie es versucht und dann irgendwann meckert, renne ich nicht gleich und helfe ihr. Sie muß es schon probieren. Klar irgendwann helfe ich ihr dann schon, aber ich laß sie erst, auch unter Protest, alleine probieren.
Einen "Sonderstatus" hat sie aber trotzdem irgendwie. Kommt wohl daher, das sie bei der Geburt fast gestorben wäre.
Neulich ging es bei uns darum, wie lange Franzi noch bei uns im Schlafzimmer schläft. Ich würde sie gerne in ihr Zimmer umquartieren........Mein Mann sagte drauf: Sie bleibt bei uns erst mal, mind. solange sie an der Atemüberwachung ist, denn ich habe immer das Gefühl sie beschützen zu müssen.
Meine Kids: Florian ADHS und hochbegabt geb. 08.07.98, Sebastian vollkommen gesund geb. 30.09.02, Franziska Z.n schwerer Asphyxie nach Plazentalösung, Entwicklung?? Behinderung noch keine festgestellt, leicht entwicklungsverzögert geb 28.10.04

annamirl

Beitragvon annamirl » 14.10.2005, 20:00

Hallo Ihr Lieben,

ich lese mit Spannung und Freude eure Berichte. Finde es einfach klasse, welche positiven Lösungswege einfach existieren!
Aber ich lese schon eine individuelle Sorge heraus um das besondere Kindele.
Darf ich fragen, wie und wann ihr auch mal an eure ganz persönlichen Grenzen stoßt? Wie schafft ihr euch Freiräume oder tut auch selbst was gutes? Was gibt euch die Kraft die Situation zu meistern?
Musstet Ihr euch von bestimmten Vorstellungen, Idealen , inneren Bildern befreien, als klar wurde dass euer Kind besonders sein wird?

Ich selbst habe mich als kleines Mädchen immer als Tänzerin gesehen. Kurz vor der Diagnose habe ich noch die Aufnahme für ein Ballettinternat geschafft. Seit ich 4 war, war ich im Balllett.
Anfangs haben mir nach der OP alle erzählt, ich müsse nur ganz fleißig KG machen und immer üben, dann könnte ich auch wieder Ballett machen. Für mich war es ein harter Prozess zu kapieren, dass meine linke Seite nie wieder "balletttauglich" sein wird.Und diesem inneren Bild trauere ich immer noch ein bissle nach.

Vor Kurzem habe ich von einer besondedren Ballettgruppe erfahren, wo 80 Jährige und Übergewichtige mittanzen. Ich überlege, da mal vorbei zu schauen......einen hübschen Spitzfuss habe ich ja jetzt von natur aus :P


jana, das ist interessant, meine Eltern sind auch Juden....shalom


LG
annamirl

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Anke B.
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Beitragvon Anke B. » 14.10.2005, 20:46

Hallo annamirl,

sie streiten und sie lieben sich. Bei den Kleinen ist es so das sie sich manchmal wirklich richtig hauen und ich dazwischen gehe um sie zu trennen. Aber abends beim zu Bett gehen, krabbelt Pascal nochmal zu Nicole um ihr ein Küsschen zu geben. Wenn er es mal nicht macht ruft Nicole ihn: Cascal küssen !!!! Einfach zum Schießen die beiden.

Die beiden großen lieben ihre beiden Geschwister und sie passen auch auf sie auf. So haben wir die Babysitter gleich im Haus, wenn wir wirklich mal Essen gehen, was aber sehr selten vorkommt.

Melanie ist aber diejenige die sich sehr viele Gedanken um Nicole macht. Es macht sie sehr schwer zu schaffen das ihre kleine Schwester behindert ist. Aber nicht weil sie sich schämt sich mit ihr in der Öffentlichkeit sehen zu lassen, sondern weil es ihr sehr Leid tut, das Nicole so vieles nicht kann was für sie ja immer selbstverständlich war und ist.

Pascal ist derjenige der doch viel zurückstecken muss, weil Nicole fast meine ganze Zeit in Anspruch nimmt. Er ist auch sicherlich einer der sich damit schwertun könnte eine behinderte Schwester zu haben, grade wenn die anderen Kinder anfangen zu hänseln oder so. Sein Selbstbewußtsein müssen wir ganz besonders stärken.

liebe Grüße von Anke
Nicole *01.06.01,Myelinisierungsstörung, fortschreitende Kleinhirnatrophie, geistig- und körperbehindert, Rumpfataxie, Skoliose unsere Vorstellung
mein Album
http://www.mobil-mit-behinderung.de/con ... s/home.htm

Jane H.

Beitragvon Jane H. » 14.10.2005, 22:42

Hallo annamirl .
Interressant dass du auch jüdische Eltern hast .Vielleicht könnte dies auch eine Spur sein die das verhalten deiner Mutter erklären kann? wann genau wurde sie geboren ??Viele Jüdische Kinder welche nach dem Krieg geboren wurden wurden oft sehr verwöhnt oder eben auch überbehütete oder sehr distanziert erzogen ,sie habe alle irgendwie dann doch unbewusst etwas mit bekommen ,Vielleicht wurden j auch deswegen sehr hohe erwartungen an deine Mutter gestellt ,wie eben damals an viel Kinder ,vielleicht wurde sie den Ansprüchen nicht greht und versuchte doh zu zeigen wie gut sie ist indem di da so eine Pflegeschau mit dir veranstaltetet .oder sie war eben wie meine Mutter sehr verwöhnt und konnte es nicht haben nicht mehr Im Mittelpunkt zu stehen und dass alles geschieht wie sie will .Schau mal in der geschichte und den hintergründen deiner familie nach und dann findest du vielleicht antworten auf deine Frage..
Shalom wünscht dir Jane und klein-David.

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Markus
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Beitragvon Markus » 15.10.2005, 00:49

Hallo annamirl,

ich habe mir Dein 1. Posting mittlerweile 3 mal durchgelesen, danach dann auch die Antworten. Da ich kein besonders gläubiger Mensch bin, lasse ich den religiösen Standpunkt, der hier mittlerweile einfliesst, mal ausser Acht. Ich habe das Gefühl, dass sich Deine Mutter über Dich profilieren wollte, vielleicht wollte sie Ihre medizinische Kompetenz mal allen zu Gesichte bringen. Sicher der denkbar schlechteste Weg, sein Kind so darunter leiden zu lassen. Aber oft ist es doch der nach aussen gewahrte Schein, besonders in Familien mit Kindern die behindert sind. Vielleicht war es ein Hilferuf Deiner Mutter, den Du natürlich nicht auffangen konntest. Für mich ein Armutszeugnis, womit ich Deine Mutter nicht persönlich und schon gar nicht posthum angreifen möchte, ich möchte Dir dafür danken, dass wir Alle mal wieder zum Denken aufgefordert werden. Das was Dir widerfahren ist, passiert täglich, stündlich in vielen Familien, nicht nur mit behinderten Kindern, und da müssen wir die Augen aufhaben um zu sehen, was um uns herum geschieht.


In diesem Sinne

Markus
Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.
Max Planck (23.04.1858 - 04.10.1947)

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Beitragvon Ricarda » 15.10.2005, 14:59

Hallo annamirl,
tatsächlich ist es schon so,dass man sich als Mutter, wirklich spontan betrachtet, völlig unersetzbar hält.Das liegt auch ganz einfach daran,dass es ja tatsächlich nicht so ganz unproblematisch wäre,mal "schnell" sein besonderes Kind jemandem zu überlassen.Da hängt halt ne Menge Erklärung und Pflege dran,und so fällt es schon schwer,(weil man eben automatisch durch jahrelanges "Training" die besonders enge Beziehung hat),zu entscheiden:was solls,es gibt auch andere wunderbare Personen,die gut pflegen,und ich möchte nicht die alleinseligmachende Pflegerin und Bezugsperson sein.Ich freu mich immer,wenn ich in meinem Umfeld von Menschen das Angebot kriege:natürlich nehmen wir deinen Sohn,natürlich kann er da mit,natürlich geht er mit der Schule schwimmen.Da bin ich doch immer wieder überwältigt,wie einfach es trotz allem geht!Und das Allerbeste ist doch, wenn mein Sohn freudestrahlend allein ohne mich was ganz Tolles erlebt hat, und die Pflege irgendwie ganz nebensächlich wurde!Genial,das ist so toll!
Aber ich bin ehrlich,das ist zunächst ein Kopfprozess,der danach ins Herz übergeht.Und wenn deine Mama das nicht so gut geschafft hat,verzeih es ihr!Vielleicht habt ihr irgendwie mit euern tatsächlichen Empfindungen aneinander vorbeigelebt,was ja auch in ganz "normalen"Familien vorkommt!Eigentlich ist es in jeder Familie immer wieder ein Auftrag an jedes einzelne Familienmitglied,sich aufzumachen und aufzuraffen,den andern so zu sehen und zu erfahren, wie selber gerne gesehen und erfahren wird!Das ist genau das Problem,lernen von seinen Projektionen für sein Gegenüber absehen zu lernen...aber es ist echt nicht völlig einfach!
Mama von Lukas(24)Down-Syndrom,seit 7/04 nach Schwimmbad-Unfall auch Rolli-Kind
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.
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Beitragvon marianne » 15.10.2005, 18:06

Hallo Annamirl, ich habe einige Ärzte in der Familie und weiss daher, dass sie bei Krankheiten ihrer Kinder mitunter "cooler" und "geschäftsmäßiger" auf mich wirken als andere Eltern, (obwohl sie ansonsten sehr liebevoll sind, so dass an ihrer Liebe und Sorge für mich nie im geringsten zu zweifeln ist,) denn sie könnten ihren Beruf nicht ausüben, wenn sie ihre Einfühlsamkeit nicht auch ein Stück weit ausschalten würden. Außerdem sind Krankheiten für sie "Alltag". Dies erstmal vorweg, aber das Verhalten deiner Mutter geht für mich weiter. Ich habe gerade nochmal dein erstes posting gelesen und meinen ersten Eindruck nochmal bestätigt bekommen: Für mein Empfinden hat dich deine Mutter aggressiv behandelt. Ob das etwas mit dir und deiner Krankheit zu tun hatte oder mit Problemen deiner Mutter, mit denen du rein gar nichts zu tun hast, das würde dir vielleicht manches erklären. (Ich selber habe immer und viel unter dem herrischen Verhalten meiner Mutter gelitten, aber nicht nur ich, denn es ist ihre Persönlichkeit. Das zu erkennen kann auch sehr entlasten.)

Jedenfalls blieb deine Mutter, die vorher immer die Kinder an Nannys und AuPairs delegierte, nun immer bei dir und führte dich als "Fall" vor. Auch dass sie dir fettes Essen nach deiner Bauchspeichelentzündung gab, was ja, wie sie als Ärztin genau wusste, gefährlich für dich war, ist für mich eine schon nicht mehr versteckte Aggression. Ergibt diese meine "Lesart" vielleicht für dich auch Sinn? Ich will dir nicht wehtun, aber so kommt es mir wirklich vor.
Das Argument, das hier von vielen genannt wird, dass sich deine Mutter profilieren wollte als "Expertin" kommt bestimmt auch dazu. Ärzte sind ja oft sehr statusorientiert und machtorientiert und wollen alles "unter Kontrolle" halten. Bestimmt aber nicht alle, ich möchte hier auch keine Pauschal-Plattitüden schreiben, aber auch die Rolle deiner Schwester, wie du sie beschreibst, zeigt für mich, was deinen Eltern wichtig war.

Ich selber bin Mutter eines 5jährigen global um ca 2 Jahre entwicklungsverzögerten Sohnes. Du fragst, ob wir Mütter unsere Kinder nicht so selbständig sein lassen, wie sie eigentlich könnten. Das gilt für mich teilweise mit Sicherheit. Der Grund ist Erschöpfung. Wenn ich in den 8-12 Stunden, die ich täglich pausenlos mit Janosch aufgrund seiner Kontaktstörungen zusammen bin, ihn beim Anziehen, Waschen oder wenn er mir beim Einkaufen und Kochen helfen will etc. mit seiner extremen Ablenkbarkeit und seinem Tempo (mal völlig trödelig und mal hektisch) immer selbständig machen lassen würde, wäre er sicherlich schon weiter darin und auch selbstbewusster, aber das ist für mich so viele Stunden täglich nicht auszuhalten, deshalb wurschtele ich mich auf einem Mittelweg durch, und wenn er mir mal später sagen sollte, er habe viel früher mehr gekonnt, werde ich ihm nur zustimmen können und drauf verweisen, dass meine Kräfte nicht mehr zuließen. Janosch ist leider derzeit nur 3-4 Stunden im Kiga. Als er fünfeinhalb Stunden dort war, hatte ich viel mehr Kraft, ihn in seiner besonderen Art selbständig gewähren zu lassen, und darum setze ich auch große Hoffnungen in unseren baldigen Kiga-Wechsel, um seine tägliche Förderung auch durch andere Personen wieder zu erhöhen.
Körperliche und seelische Erschöpfung von Eltern sind bestimmt oft der Grund für Fehler. Aber das entschuldigt natürlich kein Verhalten wie das deiner Mutter, vor allem, wo sie sich ja jede Hilfestellung hätte nehmen können, wenn ich das recht verstehe.

Loslassen ist bei mir nicht das Problem. Obwohl Janosch als Adoptivkind noch verunsichert reagiert, wenn ich nicht zuhause bin, gewöhnen wir ihn schon seit 2 Jahren regelmäßig für ein Wochenende oder sogar eine Weiterbildungswoche daran.

Wie war/ist eigentlich dein Verhältnis zu deinem Vater und wie verhielt er sich, wenn deine Mutter dich so behandelte wie sie es tat?

Lieber Gruß

Marianne

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Isolde
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Beitragvon Isolde » 15.10.2005, 19:31

Hallo Annamirl,

an anderer Stelle konntest Du rein faktisch mal lesen, wie ich zur Welt gekommen bin.
Ich bin also auch behinderte Tochter meiner Mutter / Eltern, die heute noch leben und recht alt sind.
Ein Gespräch wird es hier auch nicht mehr geben.
Ich mucke heute höchstens auf, wenn sie mit Jonathan umgehen als sei er Luft und ihn ausgrenzen am Kaffeetisch.

Ich selber habe eine Beamtenfamilie im Hintergrund - durch und durch.
Meine Behinderung war auch ein Anlass gewesen um a) die Schuld auf mir abzuladen, dass nach meiner Geburt meine Mutter selber krank wurde, b) mir alle Fähigkeiten abzusprechen dass ich etwas kann, weil dieses wiederum a) entweder meine Mutter genervt hat oder b) ich ja irgendwie zu langsam bin.
Ich durfte zu Hause nichts und wieder nichts - nur artig sein, gehorchen, und das tun was meine Eltern von mir wollten wie ich zu sein habe.
Leider war ich dann oft nicht so - wie Du habe ich Ausbruchversuche gemacht, und hatte natürlich mit Konsequenzen zu leben.

Meine Schule durfte ich schon nicht so wählen wie ich es mir gewünscht hätte, musste machen, was Vater für richtig hielt. Ich tat ihm den Gefallen, hatte keine andere Wahl und dann kam die Ausbildung. Wieder hatte ich einen Wunsch, wenn ich schon Kaufffrau lernen musste - und wiederum durfte ich nicht, weil a) meine Mutter mit der Firma ein Problem empfand und b) mein Vater die Unverfrorenheit besaß noch meiner späteren Chefin gegenüber zu äußern, dass ich ja ein bisschen langsam im Erfassen bin und die andere Ausbildung da sicher für mich besser geeignet wäre.
Also lernte ich in einer kleinen Klitschefirma Bürokauffrau und nix wars mit Industriekauffrau in einer größeren Firma.

Ich wurde mit 18 Jahren aus dem Haus rausgeholt - ein damals noch junger Pfarrer half mir dabei.
Ansonsten wäre ich unter den Rädern gelandet.
Ich hatte materiell alles - seelisch wurde ich ganz klein gehalten, kein Selbstbewusstsein.
Ich habe später alles mir erlernt dorthin zu kommen wo ich heute bin und habe mehrmals Grenzen gezogen bei meinen Eltern, habe wieder nachgegeben und seit dem Jonathan da ist - habe ich erst angefangen das alles zu durchschauen.
Jonathan ist behindert bei den Großeltern, am besten in ein Heim geben, weil ich ja auch genug damit zu tun habe und noch heute sie der Ansicht sind, dass ich überfordert sein könnte.

Ich bin aber nicht überfordert und war im Leben noch mit nix überfordert gewesen. Im Grunde schon - weil der Beruf der Kauffrau nicht mein Weg ist. Es war schon immer der Sozialbereich mein Weg gewesen - aber das hat man mir abgesprochen. Also wurschtel ich heute vor mich hin - kein Arbeitgeber würde meine Geschichte für voll nehmen. Also bewege ich mich heute im Mittelmaß in meiner beruflichen Karriere und werde nie höher kommen, erstmal.
Ist noch nicht aller Tage Abend.

Du siehst wir haben ähnliche Erfahrungen, auch wenn meine Eltern auf eine andere Art und Weise krass waren.
Meine Eltern haben mich vor aller Verwandtschaft so hingestellt, als sei ich aufgrund meiner Behinderung nicht voll da, halt langsamer, halt irgendwie "gestört". Dabei bin ich sehr klar im Kopf.

Ich selber heute als betroffene Mutter von Jonathan habe manchmal so Tendenzen wie Marianne. Wenns schnell gehen soll, dann mach ich die Dinge und habe keine Zeit und auch ab und zu keine Geduld ewig nebendran zu stehen bis Jonathan nach Stunden die Schuhe angezogen hat, weil zwischendurch tausende andere Dinge interessanter sind.
Im Großen und Ganzen hat mich aber meine Geschichte gelehrt, dass ich Jonathan weitgehenst in allem unterstütze und ihm durch die "Freigabe" ins Internat die Chance einer freien Entwicklung gewähre.
Selber bin ich kein so bindender und klammernder Mensch, manche würden es als "gefühlskalt" bezeichnen. Ich bin etwas reservierter und vorsichtiger mit Menschen, aber ich werde Jonathan in jedem Fall anders erziehen, als ich es selber erfahren habe.

Sorry, ist lange geworden - aber Deine Geschichte hat mich so betroffen gemacht dass ich Dir damit nur sagen möchte, Du stehst nicht alleine da.
Während Du das Essen erbrochen hast, habe ich teilweise 5 Tafeln Schokolade am Tag gegessen = 500 gr. zwischen Mittagessen und Abendessen, und dann noch das Abendessen hinterher, damit es Mutter nicht merkt.
Meinen seelischen Frust konnte ich nur mit viel Essen an Süßen in den Griff bekommen. Heute bin ich immer noch Frustesserin, habe mich aber schon soweit im Griff.
Meine Geschwister sind z.T. anders groß geworden als ich.
An mir wurde es ausgelassen, dass ich a) ungewollt war und b) behindert war und jahrelang eine "Last" für meine Mutter war und sie c) angeblich durch mich so krank wurde. Solch eine Schuld auf den Schultern zu tragen ist auch Mist.

Lass Dich von mir ganz lieb gedrückt wissen,
kann Dir zwar sicher nicht viel helfen,
aber ich verstehe Dich SEHR gut.
Wenn Du magst - schreib mir ruhig eine PN.

Einen ganz lieben Gruß - Isolde
„Ich habe den lieben Gott in manchen Kneipen besser kennengelernt als in manchem Bibelkreis.“ Rainer Maria Schießler, Pfarrer in München St. Maximilian

Jonathans CFC-Syndrom + Unsere Vorstellung + https://www.facebook.com/CfcAngelDeutschland


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