Fragen zu Bauen und Wohnen mit einem behinderten Kind

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Sabine
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Fragen zu Bauen und Wohnen mit einem behinderten Kind

Beitragvon Sabine » 12.10.2005, 21:05

Hallo zusammen,

meine Freundin hat mich gebeten, für sie hier folgende Fragen zum Bauen und Wohnen mit einem behinderten Kind zu posten.

Sie und ihr Mann haben eine geistig behinderte Tochter (5, kann laufen, ist motorisch und geistig auf dem Stand eines etwa 1,5 Jahre alten Kindes, autistische Züge) und einen kleinen Sohn (1,5). Sie suchen nun dringend eine größere Wohnung, weil sie bislang nur ein Kinderzimmer haben. Bruder und Schwester können nicht in einem Zimmer schlafen, weil das Mädchen oft nachts Schreianfälle hat, die über mehrere Stunden andauern können.
Die jetzigen Mitbewohner im Haus hören darüber weg, kriegen es nicht so mit oder sind einfach tolerant.
Nun ist es für die Familie schwierig, eine neue Wohnung zu finden, denn die Schreianfälle der Tochter hat meine Freundin bislang bei der Wohnungssuche mit angegeben. Letzte Woche hat sie daraufhin schon beim ersten Telefonat mit dem Vermieter eine Absage bekommen: Ein behindertes Kind, das auch noch schreit, wolle man nicht im Haus haben...
Nun haben meine Freundin und ihr Mann in Erwägung gezogen zu bauen oder ein Haus zu kaufen.
Der Mann meiner Freundin verdient 780 EUR (netto), zusätzlich bekommt die Familie Pflegegeld (Stufe 2) für die Tochter, Kindergeld für beide Kinder und knapp 670 EUR Arbeitslosenhilfe, weil das Geld des Mannes zu knapp ist.
Meine Fragen nun:

- Würde eine Bank auch bei einem Geringverdiener Kredite für einen Hausbau/Hauskauf gewähren?
- Hat die Familie ein "Recht" auf eine größere Wohnung, weil beide Kinder nicht in einem Zimmer schlafen können? Sie wohnen jetzt in einer 3-Zimmer-Wohnung.
- Muss bei Gesprächen mit den Vermietern zwingend erwähnt werden, dass die Familie eine behinderte Tochter hat?

Eure Antworten werde ich dann an meine Freundin weiterleiten.

Lieben Gruß,
Sabine
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jessie
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Beitragvon jessie » 12.10.2005, 21:30

huhu!

fangen wir vorne bei den fragen mal an:

bauen/kredit:
sehe ich ziemlich schwarz, wenn keine großen ersparnisse da sind (ich benötigte ca. 25.000eur eigenkapital,min, so grob über den daumen), dann ist das eigentliche einkommen ja "nur" 780eur, kindergeld wird teilweise angerechnet, pflegegeld nicht, ob die bank die arbeitslosenhilfe akzeptiert, denke ich mal eher nicht. käme auf einen versuch drauf an (am besten bei der hausbank antesten)
hart, aber so ist es leider, ohne eigenkapital läuft schon mal gar nix in der richtung.

andere wohnung:
wie groß ist denn die jetzige wohnung? da kann ich jetzt nichts zu sagen, da die wohnfläche nicht angegeben ist, und die ist maßgebend.
man könnte versuchen, über das landeswohnungsbauprgramm zu gehen, aber dieser weg ist seeeeeeeeehr steinig, da hier der besitz eines schwerbehindertenausweises nicht reicht, bevorzugt werden rollifahrer und blinde. aber nicht vergessen: ein dach über den kopf gehört zu den grundbedürfnissen!
nach den einkommen würde ich mal vermuten, das es klappen könnte, das deine freundin einen wohnungsberechtigungsschein bekommen könnte. versuchen!!! denn in diesen scheinen ist die angemessene größe für den haushalt angegeben, für behinderte gibts einen mehrbedarf von 15qm, oder aber auch, wenn es die behinderung erfordert, einen zusätzlichen raum.
das scheint mir erstmal der sicherste weg zu sein. amtlich bescheinigen lassen, das der wohnraum so benötigt wird.

angabe behinderung:
teils/teils. im normalem mietverhältnis definitiv nein. im förderungsbau klares ja, da hier die art der behinderung und der behinderungsgrad eine große rolle spielt.

wenn aber ein wohnberechtigungsschein vorliegen würde, wäre es also egal. dann wird diese wohnung benötigt.

ausserdem: wenn sihc parteien über kinderlärm streiten, hat der auszuziehen, der keine kinder hat! wurde mal irgentwo entschieden, weiß aber nicht mehr wo.

hoffe, das irgentwas brauchbares für dich dabei ist.

gruß jessie
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neue_Eva
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Beitragvon neue_Eva » 12.10.2005, 21:34

Hallo Sabine,

- Muss bei Gesprächen mit den Vermietern zwingend erwähnt werden, dass die Familie eine behinderte Tochter hat?

Davon habe ich noch nicht gehört, aber spontan würde ich sagen, ein Anruf beim Mieterverein könnte Klärung bringen.

Liebe Grüße

Birgit
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Beitragvon benni » 12.10.2005, 22:13

Hallo Sabine,

ich kann mich Jessi hier nur anschließen .

- bei Finanzierung zum Bau / Kauf sehe ich ebenso schwarz, da das Familieneinkommen bzw. der Verdienst des Mannes sehr gering ist und ich denke bei Arbeitslosenhilfe machen die meisten Banken dicht . Höheres Eigenkapital ist vermutlich als Sicherheit in dem Fall nicht vorhanden , seitdenn es ist finanz. Unterstützung durch Eltern / Schwiegereltern da, so einen Fall kenne ich auch von einer Familie hier mit einem beh. Kind , sie hätten die Finanzierung sonst auch nicht durch bekommen . Eine andere Möglichkeit wäre noch so viel wie möglich Eigenleistung zu machen , ersetzt aber nicht das Eigenkapital. Die Prognosen zum Eigentum sind in dem Falle sehr schlecht , ich weiß nicht ob noch Schulden wie z. B. Finanzierung fürs Auto , Raten für Möbel... vorhanden sind , was zu den monatlichen Belastungen dazu kommt, darüber wollen die Banken auch sehr genau Bescheid wissen und es wird eine Schufa - Auskunft eingeholt.


- Größere Wohnung mit 2 Kinderzimmern könnte ich mir als Alternative vorstellen , soweit ich informiert bin, hat man mit einem beh. Kind Anspruch auf ein zus. Zimmer mit 15 qm , schrieb Jessi schon. Ich denke ebenfalls damit könnten sie mehr Erfolg haben und würde bei der Stadt / Gemeindeverwaltung / Wohnungsamt einen Antrag stellen mit Angabe der Behinderung.


- Die Behinderung anzugeben bei Wohnungsangeboten auf dem freien Markt davon würde ich abraten, damit haben wir letztes Jahr selbst schlechte Erfahrungen gemacht. Bevor wir uns entschlossen die Finanzierung fürs EFH zu beantragen , gaben wir hier eine Suchanzeige für eine 4 - R- Whg. im EG oder mit Lift auf. Wir bekamen nur ein Angebot bzw. einen Anruf mit angeblich 2 möglichen Wohnungen. Als ich dann erwähnte , dass wir ein beh. Kind haben was nicht laufen kann, hatte der jenige es sehr eilig das Gespräch zu beenden .

Ich denke die wahrscheinlich beste Variante ist hier der Wohnberechtigungsschein.

L.G.

Anja
Anja mit Benjamin 03/97- schwere Mehrfachbehinderung wahrscheinlich durch 6- fach-Impfung, Muskelhypotonie,Wahrnehmungsstörungen/aut. Züge, Grand-mal-Epilepsie, Skoliose, Gastrotube, Tracheostoma, Sondennahrung
Benjamin hat 1 grossen und 3 kleine Brüder

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Beitragvon Lisa Maier » 12.10.2005, 22:49

Hallo Sabine,

die Behinderung würde ich auf jedenfall für mich behalten. Allerdings sollte die Wohnung gut schallisoliert sein, denn andere Leute haben auch Bedürfnisse. Wer jemals in einem Haus mit extremen Nachbarn gewohnt hat, der sollte das verstehen. Und wir wollen ja nicht aus normalen, netten Zeitgenossen Behindertenfeinde züchten. Eventuell könnte man ja auch das entsprechende Zimmer mit so Zeug für Musiker (Schallschlucktabete) ausstatten.

Viele Grüße

Lisa

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Beitragvon Christoph » 13.10.2005, 09:09

Hallo Sabine,

Eigentum ist nicht.
1. Eigenkapital, dazu ist ja alles gesagt.
2. die Banken haben eine "Daumenkalkulation": Nettoeinkommen minus Belastung für das Darlehen minus sonstige notwendige Aufwendungen für bspw. Risikoabsicherungen, Nebenkosten (=Risikolebensversicherung oder auch Berufsunfähigkeitsabsicherung; Heizkosten, Strom usw.) am Schluss muss dann eine bestimmte Summe stehen, die für den alltäglichen Bedarf zur Verfügung stehen muss. Die aktuellen Werte müsste ich raussuchen, aber für eine 4-köpfige Familie sollte nach allem rund 1.000 € zur Verfügung stehen - wenn dieser Wert nicht erreicht wird, gilt der potentielle Bauherr als nicht kreditwürdig.

Das wird also nicht klappen.

liebe Grüße

Christoph
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Beitragvon Petra B » 13.10.2005, 09:57

Hallo Sabine,

wie oben schon steht, glaube ich auch dass zum Eigentum alles gesagte ist. Evtl. noch der Hinweis, auch falls es momentan mit vielem Hin- und Her so aussehen sollte, dass es klappen könnte, sollte einkalkuliert werden, dass die Zinsen im Moment zum Bauen spitze sind, nur wenn der Kredit ausläuft, wie stehen die Zinsen dann?? kann der Kredit auch mit höheren Zinsen getilgt werden.

Meine Meinung ist, wer heute baut sollte eine höhere Tilgung einplanen, so als ob der Zinssatz höher wäre.

Zum Hinweis an den Vermieter wegen der Behinderung:
Eine Behinderung muss nicht angegeben werden, nur du schreibst

das Mädchen oft nachts Schreianfälle hat, die über mehrere Stunden andauern können.


da bin ich schon der Ansicht, dass darüber geredet werden muss.

Klar bekommen sie ohne darüber zu reden evtl. schneller eine Wohnung, nur wie sieht es dann aus??
Bei der Besichtigung einer Wohnung sieht man nicht wie hellhörig das Haus ist und in wie Weit sie schallisoliert kann, das können höchstwahrscheinlich auch nur Fachleute sagen.
Wie Lisa Meier auch schreibt, auch andere Bewohner des Hauses haben Bedürfnisse und Rechte, z. B. auf Schlaf in der Nacht.

Viele Grüße
Petra B

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Beitragvon Sabine » 14.10.2005, 11:38

Hallo zusammen,

super vielen Dank für eure Antworten!!! Ihr habt mir/uns schon sehr weitergeholfen.
Also ein Wohnberechtigungsschein ist vorhanden. Wie wird denn damit verfahren?
Bekommt man mit diesem Schein bestimmte Wohnungen "zugewiesen"?
Die Wohnung, die die Familie jetzt hat, schätze ich auf 70-75 qm. Keinesfalls mehr!
Ich denke auch, dass das nächtliche Schreien nicht verschwiegen werden darf - das könnte ansonsten großen Ärger mit den anderen Mietern geben, das kann dann oft bis zur Klage gehen... Darauf würde ich mich auch nicht einlassen.

Lieben Gruß,
Sabine
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Beitragvon jessie » 14.10.2005, 12:34

hi sabine

wenn bereits ein wohnungsberechtigungsschein vorhanden ist, stimmt da was mit der wohnungsgröße nicht so ganz. selbst ein allgemeiner wbs in NRW beinhaltet eine angemessene wohnungsgröße von 90qm oder 4 zimmern für 4 personen.

dennoch sollte deine freundin nun versuchen, einen vermerk auf "dringender wohnbedarf" zu bekommen (ausnahme-wbs), vielleicht mit der begründung, das aufgrund der schwerbehinderung die derzeitigen wohnverhältnisse wegen des ärztlich anerkannten leidens objektiv ungeeignet ist (attest besorgen!). und vielleicht auch einen eintrag, das es 4 zimmer sein müssen, dafür vielleicht auf ein paar qm verzichten.

gruß jessie
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Beitragvon Sabine » 14.10.2005, 12:53

Hallo Jessie,

vielen Dank für deine Hilfe - ich werde meine Freundin gleich mal in Kenntnis setzen.

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