Junger Sonderpädagoge stellt sich vor

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Olfri
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Junger Sonderpädagoge stellt sich vor

Beitragvon Olfri » 14.07.2009, 14:43

Liebe Reha-Kids-Community, liebe Eltern,

ich bin ein junger Sonderpädagoge aus Bayern, im ersten Dienstjahr und habe an der Universität in Würzburg Körperbehindertenpädagogik studiert, danach 2 Jahre lang mein Referendariat an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in Nürnberg gemacht und momentan Angestellter mit befristetem Jahresvertrag an einem Förderzentrum. Ich wurde von "Nele" im SB-Hilfe-Forum auf dieses Forum hier hingewiesen, deswegen will ich auch mein Anliegen hier schildern.

Bereits während des Referendariats trafen sich einige Eltern meiner damaligen Klasse, junge KollegInnen und Vertreter des BLLV, VDS und der GEW, um über die Arbeitsbedingungen und die Einstellungspolitik für Junglehrer in Bayern im sonderpädagogischen Bereich zu sprechen. Seit Jahren ist es nämlich so, dass junge und motivierte Sonderpädagogen nur noch befristete Jahresverträge erhalten und fachfremd eingesetzt werden - nur ein geringer Bruchteil bekommt Planungssicherheit durch Planstellen. Wirklich nachvollziehbare Gründe hat diese Einstellungspolitik nicht - denn Sonderpädagogen werden jedes Jahr dringend gebraucht und der Bedarf kann nicht gedeckt werden, stattdessen müssen regelmäßig Volks- und Hauptschullehrer als Ersatz den Dienst im Förderschulwesen antreten. Leider hat diese Praxis aus arbeitsrechtlichen Gründen (Kettenverträge) fatale Konsequenzen: die angestellten Lehrer müssen in der Regel jedes Jahr die Schule wechseln! Und das bedeutet, dass sehr viele Schüler seit Jahren jedes Jahr eine neue Lehrkraft bekommen - pädagogisch nicht nur höchst fragwürdig, sondern meiner Meinung nach sogar Irsinn. Gerade Schüler mit besonderem Förderbedarf benötigen konstante und vertrauensvolle pädagogische Bezüge, um bestmöglich lernen zu können. Ein ständiger Wechsel bewirkt das Gegenteil - besonders für Schüler mit Förderbedarf im sozial-emotionalen oder geistigen Bereich ist ein ständiger Wechsel Gift. Eltern erhalten immer wieder neue Ansprechpartner, der gemeinsame Erziehungsauftrag und eine konstante Förderplanarbeit wird erschwert. Jedes Jahr müssen die Kollegien und die Schulleiter erneut die neuen Mitarbeiter einlernen - nur um sie danach wieder zu verlieren. Und letztendlich zehrt diese Praxis einfach an den Nerven der betroffenen Junglehrer. Anstatt endlich motiviert und engagiert in die pädagogische Arbeit zu starten, von der Uni ausgestattet mit "revolutionären" Ideen wie Inklusion, Integration, gemeinsames Lernen mit allen Sinnen, Freiarbeit, Wochenplan, Lerntheken, kooperative Unterrichtsformen, bereit gemeinsam auch etwas in der Bildungslandschaft zu ändern, werden die jungen Lehrer jedes Jahr in ein anderes Kollegium, eine andere Schule, ein anderes Aufgabengebiet versetzt - es gibt unzählige Beispiele von KollegInnen, die nach 6 Jahren bereits an der 5. Schule sind - von Motivation ist da nicht mehr viel übrig geblieben...Leidtragende sind letztendlich auch in diesem Fall die Schüler. Von gleichen Bildungschancen darf man da nicht anfangen zu sprechen...

Es fällt mir schwer, dass jetzt hier alles genau zu erklären, vielleicht kennt ja das ein oder andere Elternteil hier im Forum die Situation. Es entstand vor 2 Jahren bei diesem Treffen das "Bündnis für faire und pädagogisch sinnvolle Einstellungspraxis", kurz BffE, das sich seit 2 Jahren dafür einsetzt, die Arbeitsbedingungen im sonderpädagogischen Arbeitsfeld zu verbessern. Mittlerweile werden wir landesweit vom BLLV, dem VDS, der GEW und vor allem von den Elternverbänden (BEV, LEB, NEV etc.) unterstützt. Unser Ziel ist eine Solidarisierung mit allen an der Bildung Beteiligten, um endlich auch für die "Schwächsten" der Gesellschaft eine tatkräftige Lobby zu erhalten. Wir setzen uns für eine Abschaffung der sinnlosen befristeten Jahresverträge ein, wollen mehr Planstellen, um kleinere Klassen zu ermöglichen (Bayern hat bundesweit die größten Klassen - in Pisa top, bei den Förderschulen Flop?) und haben auch eine klare Meinung bezüglich der Inklusion.

Inklusion ja - aber in Bayern (und wohl auch in allen anderen Bundesländern) besteht mit der Inklusionsdebatte die Gefahr, dass damit ein schulisches Sparprogramm unter dem Deckmantel der "Inklusion" vollzogen wird. Inklusion benötigt grundlegende Voraussetzungen, um wirklich Sinn zu machen und den Bedürfnissen ALLER Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden - es reicht nicht, einfach nur die Abschaffung der Sonderschulen zu fordern, was man fordern muss sind: garantierte Barrierefreiheit, Therapiemöglichkeiten vor Ort, medizinische und pflegerische Versorgung vor Ort, sonderpädagogische Kompetenzen in der Klasse, kleinere Klassen, wünschenswert wäre ein 2-Pädagogen-System, lernzieldifferente Lehrplanmöglichkeiten, Möglichkeiten der äußeren Differenzierung etc. In Bayern wird ja nicht einmal die "Integration" umgesetzt, stattdessen gibt es eine "Alibi-Integration" durch Kooperation, für die ebenfalls kaum Geld locker gemacht wird. Es gilt hier meiner Meinung nach in jedem Fall, wachsam zu bleiben.

Die Sonderpädagogik ist an den Universitäten schon lange weg gekommen vom rein medizinischen Modell der Behinderung. Unsere Aufgabe ist die Unterstützung zu gleichberechtigter Teilhabe zu gelangen, bestmögliche Bildungschancen zu eröffnen und Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrem Bestreben zu stärken, ein sinnerfülltes Leben zu führen, sprich die Vorgaben der UN-Konvention zu erfüllen. Leider ist DAS unter den derzeitigen Rahmenbedingungen in Bayern kaum möglich - an den Förderzentren darf man wohl eher von "Verwahrung" und bestmöglicher Segregation sprechen - ein Armutszeugnis für ein selbst ernanntes "Bildungsland".

Ich habe schon so viel geschrieben, es gäbe noch weit mehr zu schreiben. Ich verweise einfach auf unsere Homepage http://www.sopaed.net , auf der man sich noch mehr Informationen zu unseren Zielen und unseren bisherigen tollen (aber leider eher erfolglosen) Aktionen einholen kann.

Der eigentliche Grund meines Beitrags ist ein Aufruf, sich mit den Eltern und mit uns solidarisch zu erklären. Wir planen eine Podiumsdiskussion mit unserem Kultusminister Herrn Spaenle, zur Zeit wird nach einem möglichen Termin gesucht. Auf diesem Treffen soll Herrn Spaenle erneut eine Unterschriftenliste überreicht werden (letztes Jahr sammelten wir bereits 3000 Unterschriften). Zu diesem Zweck haben wir eine Online-unterschriftenaktion gestartet - bislang haben wir nach 2 Wochen bereits über 1500 Unterschriften eingeholt, überwiegend Eltern. Ich bitte die Community, sich ebenfalls in diese Unterschriftenliste einzutragen, damit sich endlich mal etwas im Sinne derjenigen ändert, über deren Köpfe immer nur entschieden wird und die immer wieder mit Alibi-Zusagen konfrontiert werden.

http://www.sopaed.net/unterschriftenliste/

Ich weiss, der Thread ist lang, der Text anstregend, aber ich hoffe, dass ich hier einige erreiche, die unser Bündnis unterstützen. Meiner Meinung nach ist es gerade mit der UN-Konvention an der Zeit, nicht mehr einfach nur alles hinzunehmen.

Ich stehe natürlich für Rückfragen hier im Thread zur Verfügung ;)

Liebe Grüße,
F. Kohl
BffE
http://www.sopaed.net

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Beitragvon Nicole&Kevin » 16.07.2009, 13:45

Hallo,

herzlich Willkommen hier! :wink:


Liebe Grüße

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ConnyT
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Beitragvon ConnyT » 16.07.2009, 21:26

hallo f.kohl,

herzlich willkommen

... mich kennst du aus einem anderen forum

ich finde dein engagement klasse ... weiter so ... ich drück dir/euch die daumen, das sich viele user an der unterschriftenaktion beteiligen.

grüssle conny
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Beitragvon Olfri » 16.07.2009, 21:53

Hallo Conni, vielen Dank ;)

Da ich mittlerweile sehr großes Gefallen an diesem Forum gefunden habe, werde ich auch noch ein paar Zeilen zu mir schreiben, im ersten Beitrag ist ja leider viel über mich zu finden

Meine Mutter arbeitet als HFL bereits seit ich denken kann ;) in einer Schule für seh- und schwer-mehrfachbehinderte Kinder. Ich kam so sehr früh zu meinen ersten Kontakten mit besonderen Kindern. Nach meinem Abitur machte ich meinen Zivildienst in eben dieser Einrichtung - das gefiel mir so gut und anscheinend machte ich meine Arbeit auch zufriedenstellend, dass mir im Anschluss ein unbefristeter Arbeitsvertrag als "pflegerische Hilfskraft" angeboten wurde, den ich gerne annahm, da ich noch nicht studieren wollte. Ich arbeitete im Schichtdienst im angegliederten Vollzeitheim in einer Gruppe mit 6 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren - ich sage immer, ich war Familienersatz.

Ein Jahr später reduzierte ich meine Stunden und begann in Würzburg das Studium der Sonderpädagogik mit der Fachrichtung Körperbehindertenpädagogik und arbeitete mein gesamtes Studium nebenher weiter, meist am Wochenende. Nach dem ersten Staatsexamen zog es mich wieder in die Heimat nach Nürnberg, wo ich mein Referendariat am FZkmE in Nürnberg begann. Kurz danach wurde mein Sohn Luis geboren. Das Referendariat war zwar stressig, aber auch eine tolle Erfahrung - im zweiten Jahr hatte ich die Klassleitung für eine vierte Klasse mit zwei Bezugslehrplänen (Grundschule und ILF) - ich werde diese Klasse, diese Gemeinschaft und auch die Eltern nie vergessen. Obwohl nach dem Jahr Bedarf an der Schule bestanden hätte und mich auch jeder versuchte zu halten (Direktorin, Unterschriftenliste der Eltern an die Regierung), wurden am Ende des Schuljahres viele Tränen vergossen. Trotz eines sehr guten Examens bekam ich nur einen befristeten Jahresvertrag von der Regierung angeboten - an einem Förderzentrum in einem sozialen Brennpunkt mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Da bin ich nun, und es hat über ein halbes Jahr gedauert, bis ich mich an die rauhe Wirklichkeit an dieser Schule gewöhnen konnte - und bis die Kids sich an mich gewöhnt haben. Mein Vertrag läuft nun aus, morgen erscheinen die Einstellungsnoten und das Zittern beginnt erneut - es droht sehr wahrscheinlich wieder ein Jahresvertrag - und ich hoffe, dass ich entgegen der Regel ein weiteres Jahr in meiner Klasse bleiben kann. Nicht, weil mir das so sehr Spaß macht, ich bin K-Pädagoge, sondern weil es einfach Irsinn wäre, diesen ungeliebten Schülern im nächsten Jahr erneut eine neue Bezugsperson vorzusetzen - es wäre die dritte im dritten Jahr und pädagogischer Irsinn.

So long, ein bisschen was zu mir ;)

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Beitragvon Riki » 17.07.2009, 09:54

Hallo Olfri,

dein ausführlicher Beitrag ist sehr informativ.

Jetzt weiss ich endlich, warum mein Sohn ( 9. Jg.stufe einer bayer. "G" - Schule ) jedes Jahr

eine andere Lehrkraft hat, seit Jahren... :roll:

LG, Riki

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Beitragvon Olfri » 21.07.2009, 13:13

Und das wird sich auch nicht so schnell ändern - auch die neuen Einstellungsnoten sprechen die deutliche Sprache, dass trotz hohem Bedarf wieder ein Großteil, vor allem G- und K-Lehrer, mit befristeten Jahresverträgen rechnen müssen...

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Beitragvon Olfri » 27.07.2009, 14:50

Menno, ich bin immer noch kein Professional :(

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Beitragvon Olfri » 30.08.2009, 08:57

Danke schön!

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Beitragvon Olfri » 11.09.2013, 21:54

Tja, lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen, aber jetzt ist es geschafft. Nach 5 Jahren an einem SFZ bin ich endlich wieder heimgekehrt an meine "K-Schule".

;)

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Beitragvon kirsten1960 » 08.02.2014, 23:35

Hallo Olfri,

als Mutter eines Kindes mit einer schweren mehrfach Behinderung (23) und Mutter eines Sonderschullehrers (32) an einem Förderzentrum für motorische Entwicklung finde ich dein Engagement super.

Gut, dass es Menschen wie dich gibt. Viel Erfolg im Beruf wünsche ich dir von ganzem Herzen.

Liebe Grüße
Kirsten


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