Diskriminierung bei "Popstars" am 23.10.

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marianne
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Beitrag von marianne »

Hallo Zusammen, hmm.....schon vor mehr als 30 Jahren, als ich Jugendliche war, gab es in der normalen Jugendsprache an unserem Gymnasium die Unart, die Begriffe "Spasti" (Spastiker), "Behindert" oder "Asi" (Asozialer) oder "Epilepi" (Epileptiker) als Schimpfworte sich gegenseitig an den Kopf zu werfen. Genauso "Fascho" (Faschist).

Es ist weder neu noch abhängig vom Bildungsstand. Leider. Viele Eltern haben das auch nahtlos an ihre Kinder weitergegeben, so widerlich das ist.

Ich selber fand das als Jugendliche damals "witzig", so schlimm das ist und so sehr ich mich heute schäme, obwohl ich einen behinderten Bruder hatte. Das ging nebeneinander, fragt mich heute nicht, wie. Wenn allerdings jemand meinen Bruder beleidigte, gab es großen Ärger mit mir.

Heute weise ich die Menschen, die solche "Schimpfworte" in ihrem normalen Alltagswortschatz haben, und das sind bei weitem nicht nur Jugendliche, auch darauf hin, dass ich dies nicht akzeptiere.
Es ist leider sehr verbreitet, z.B.: "Wie sehen denn deine Schuhe aus? Die sehen ja voll behindert aus."
Aber ich weiss, dass es eine Zeit gab, wo ich dieses moralische Bewusstsein selber nicht hatte und bin darum vorsichtig, damit ich die Leute auch mit meiner Meinung erreiche, denn sonst stellen sie erst recht auf Stur.

Gerade viele Jugendliche, ich auch früher, finden es ja cool, Erwachsene in Empörung zu bringen, was dann generell als Erfolg verbucht wird, egal, was die sagen.

Wenn ich aber sage, dass mir das weh tut, weil Janosch ja auch behindert ist, dann sind die "Gedankenlosen" immer ganz geschockt und sagen: "Aber den meine ich doch gar nicht." Aus meiner eigenen Jugend weiss ich, dass solch eine Antwort sogar ehrlich ist.

Einmal wurde mir auch geantwortet: "Janosch ist doch viel weniger behindert als die Normalen. Die sind doch viel behinderter." Daran merkte ich dann, wie quer Jugendliche in dem Punkt oft denken. Das schreit wirklich nach Sensibilisierung und Aufklärung. Wichtig nur, den richtigen Ton zu treffen, damit ich sie auch erreiche.

Leider leider ist es also tatsächlich so, dass viele Menschen erst sensibilisiert werden müssen und Empörung sie nur reizt, es so weiter zu machen.

Ich bin ein POPSTARS-Fan, weil es alles dort sehr meinen Jugendträumen gleicht. Leider habe ich diesen Satz nicht mitbekommen, finde es aber gut, Michaela, dass du dorthin geschrieben hast und finde die Reaktion von PRO7 auch gut.

Bei anderen Sendungen gebe ich @Isolde recht. Die sind so niveaulos (für so manche gilt das auch für POPSTARS) ,dass eigentlich pausenlos irgend ein PIEP für inakzeptable Worte oder Inhalte oder Einstellungen gesendet werden müsste.

Liebe Grüße! Marianne
Janosch (06/00) Frühkindlicher Autismus, leichte geistige Behinderung, Aufmerksamkeitsstörung, Adoptivkind

There´s a crack in everything but that´s how the light gets in (Leonard Cohen)

Glenn
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Beitrag von Glenn »

@ Jutta3
eine Meinung zu vertreten ist eine Sache, aber andere grundlos anzugreifen die andere. Du kennst mich nicht, du weißt nicht ob ich z.B auch betroffener bin, also kannst du auch nicht über mich urteilen. Und was ich lese, bzw. welche diskussionen ich verfolge ist auch meine Sache!
Sicherlich sehen betroffene es anders, als Aussenstehende, aber "den Mund aufmachen" wird man ja wohl gerade noch dürfen

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dagmar neo frea
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Beitrag von dagmar neo frea »

ich bin hier auf den satz gestoßen :!: ,hast du die behinderte memme gesehen :!:

der ausspruch ist interessant,denn spiegelt er doch die angst wieder die so ein kind haben muß

angst davor schwach zu sein
angst davor krank zu sein
angst davor nicht zu funktionieren ,wie es von dem kind erwartet wird

und das wo gerade behinderte viel mehr mut,viel mehr geduld,viel mehr kraft aufbringen müssen,um alltägliches zu bewältigen

armes kind
Dagmar *1962,Robert *1965,Frea Jakobine *1985, T21,operierter AV- Kanal,Neo Leander*2004, HFA

http://www.institut-fuer-menschenrechte ... rpd_de.pdf
https://www.youtube.com/watch?v=dVrX7Gqjzs0

jutta3

Beitrag von jutta3 »

HAllo Glenn,
ne, ob Du Betroffener bist kann ich nicht sagen, ich gehe von dem aus, wie Du Dich hier vorstellst (Professioneller, Heilerziehungspfleger) und da Du außerdem keine Signatur unter Deinem Beiträgen stehen hast, die Dich etwas näher erklären würde, kann ich mir den Rest nicht zusammenreimen.
Außerdem schreibst Du ja, dass es Betroffene wohl etwas skeptischer sähen, wenn Du nicht meinen würdest, skeptischer als Du, was dann?
Aber Du darfst gern hier weiter mitdiskutieren, belebt die Diskussion ungemein! :wink:
LG
Jutta

Lina Mare 67
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Beitrag von Lina Mare 67 »

Hallo ,

es gibt wohl 'zig Aussagen , Sätze und Formulierungen im deutschen Sprachgebrauch die in irgendeiner Form diskriminierend sind z.B..
- sich schwarz ärgern
- (wenn ein Kind nicht hört ): Bist du taub ?
- (wenn der Ehemann die Butter im Kühlschrank nicht findet ): Bist du blind :shock:
- ... die Jugend von heute ...
- zum alten Eisen gehören
- Alzheimer lässt grüßen ...
- Grufty
- Bauerntrampel
usw. die Liste ließe sich wahrscheinlich ewig erweitern und aufallen wird es hauptsächlich den Betroffenen .
Oder man macht sich z.B. nach so einer Diskussion wieder mehr Gedanken über das, was man so alles sagt . Erst dann wird einem wieder bewusst was man selbst oft so von sich gibt :wink: .
Sicher sind solche Aussagen nicht schön , aber oft sind sie wirklich nur so dahingesagt .
Mir ist das bewußt geworden , als sich mein Mann (Italiener) mal beschwert hat wieviele rassistische Bemerkungen gemacht werden . Ich habe dann mal besonders darauf geachtet, was so gesprochen wird und tatsächlich mir fielen plötzlich ganz viele Redewendungen auf .
Für jeden Menschen gibt es sicher besonders sensible Bereiche und auf diese achtet man dann halt auch mehr.

Viele Grüße Petra

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Isolde
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Beitrag von Isolde »

marianne hat geschrieben:Hallo Zusammen, hmm.....schon vor mehr als 30 Jahren, als ich Jugendliche war, gab es in der normalen Jugendsprache an unserem Gymnasium die Unart, die Begriffe "Spasti" (Spastiker), "Behindert" oder "Asi" (Asozialer) oder "Epilepi" (Epileptiker) als Schimpfworte sich gegenseitig an den Kopf zu werfen. Genauso "Fascho" (Faschist).

Danke Marianne,

@all
da fällt mir wieder die Diskussion ein ( http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic43629-0.html ), die wir hier schonmal hatten, mit all den Abkürzungen,
was heute so Normal ist - und was ja jeder inzwischen in seinem Sprachgebrauch zu haben scheint,
und wie die Diskussion hier im Forum auch mal zeigte - es scheinbar völlig normal ist,
dass es ein "Aspi" ist, ein "Downi", ein "Epi" .... etc. .....
und das ist genauso dahingesagt und Viele fühlen sich dadurch auch verletzt.

Für mich ist das dann unter dem Strich nichts anderes,
als dieser unüberlegte Ausspruch mancher Menschen "bin doch nicht behindert", um klar zu sagen, dass er noch ganz bei Trost zu sein scheint.

Wie gesagt - ich hätte den gesamten Tag nichts anderes zu tun, als Beschwerdebriefe zu schreiben um da die Gesellschaft zu sensibilisieren,
und mittlerweile stehe ich da drüber, auch wenn mein Sohn "behindert" ist - wenn er persönlich angegriffen wird mit entsprechenden Ausdrücken, dann werde ich eingreifen,
ansonsten werde ich meine Zeit nicht an dummen und sinnlosen Ausdrücken, Worten und Sätze verschwenden,
vielleicht muss man dafür auch erst knapp 47 werden und einen gewissen Abstand zu vielen Dingen des Lebens bekommen.

Keine Ahnung,

viele Grüße - Isolde
„Ich habe den lieben Gott in manchen Kneipen besser kennengelernt als in manchem Bibelkreis.“ Rainer Maria Schießler, Pfarrer in München St. Maximilian

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inaliane
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Beitrag von inaliane »

Hallo,
ich lese gerade diesen Tread, da sagt meine mehrfachbehinderte Tochter doch gerade:"eh, die sehn ja behindert aus" :?: :?: :?:
Was soll ich dazu sagen? Ich habe es unkommentiert stehen gelassen.
LG Ina
D. geb.1994, HFA- Autistin, Sehbehindert 8% Sehkraft mit imlant. Kunstlisen bds),kombinierte beidseitige Schwerhörigkeit (auf einem Ohr taub)
M. geb.1997, Aortaerweiterung d. Herzklappenfehlbildung, ADHS, ASS
Enkelin M. 02/15 ein lieber anstrengender Wirbelwind

Glenn
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Beitrag von Glenn »

Ach danke Jutta3, du bist ja zu großzügig! Da kann man wirklich nix mehr zu sagen!

jutta3

Beitrag von jutta3 »

Hallo Glenn,

ja, ich weiß, an manchen Tagen bin ich einfach umwerfend :D

LG
Jutta

ehemalige Userin

Beitrag von ehemalige Userin »

Hallo!

Ich melde mich jetzt mal als Betroffene, auch wenn es bei uns "alles" nicht so schlimm ist!
Ganz ehrlich? Mich stören solche Aussagen wie bei Popstars überhaupt nicht. Je mehr Aufmerksamkeit man derartigen Äußerungen schenkt, umso gewichtiger werden sie doch!
Ich steh da drüber und versuche das auch an meinen Sohn zu vermitteln.
Man kann sich nicht jeden Schuh anziehen, denn man hat nur zwei Füße.

Wenn er natürlich persönlich gemeint ist und gehässig angegriffen wird, werde ich entsprechend eingreifen, ohne aber überzureagieren.
Das Problem ist doch, dass Kinder das noch gar nicht einschätzen können, was sie da von sich geben/anrichten, schonmal gar nicht, wenn sie noch nie Kontakt zu Behinderten hatten!

Ich habe als Kind in der Nähe eines Behindertenheimes gewohnt, die Gruppen gingen täglich an unserem Haus vorbei und begegneten mir auf dem Schulweg.
Als ich noch jünger war (schätze so bis 14), hatte ich Angst vor ihnen. Nicht, weil sie gefährlich wirkten, sondern einfach, weil ich sie nicht einschätzen konnte.
Ich finde das völlig normal - es ist die Angst vor dem Unbekannten. Irgendwann war ich alt genug und habe begriffen, dass ich keine Angst haben brauch, und dass einem von "normalen" Menschen/Kindern viel mehr Unheil droht!

Mein Mann hatte z.B. als Kind panische Angst vor Dunkelhäutigen. Er hatte zuvor nie einen gesehen und so war es auch nie Gesprächsthema in der Familie.
Bei mir war das genau umgekehrt, da der Vater eines Freundes aus Afrika kam und ich ihn von kleinauf kannte... So ist das bei vielen Dingen!

Und es gibt einfach schlimmeres in der Welt, als eine Patricia bei Popstars, die unüberlegt etwas von sich gibt!

LG
Sandra

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