Pflegesohn

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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karin123
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Pflegesohn

Beitragvon karin123 » 23.10.2008, 21:24

hallo,

mein Mann und ich stehen momentan vor einem großen Problem. Wir haben eine 2,5jährige gesunde Adoptivtochter und seit 9 Wochen einen 11 monate alten Pflegesohn. Wir hatten immer so ein Gefühl, dass er krank ist, doch das JA hat immer gesagt, er schielt und ist ein bißchen entwicklungsverzögert, mental ist jedoch alles o.K.. Nun waren wir mit ihm bei einem Spezialisten( Neuropädiatrie) und er meinte wir sollen unbedingt eine genetische Untersuchung machen lassen, er hat faciale Dysmorphien, entwicklungsmäßig ist er am Stand eines 6 monate alten Kindes. Motorisch kann er sich zwar über den Boden rollen und seit neuestem schiebt er sich rückwärts durchs Zimmer. Der Arzt meinte er würde motorisch sicher alles lernen wenn auch später, die Sprachentwicklung ist auch verzögert, er meinte die motorischen Probleme werden immer mehr in den Hintergrund rücken, dafür die geistigen in den Vordergrund.
Er kann natürlich keine Prognose über seine geistige Entwicklung abgeben.

Da wir nie vor hatten ein geistig behindertes Kind aufzunehmen, weil wir einfach Angst davor hatten so einer großen Aufgabe nicht gewachsen zu sein, überlegen wir nun was wir tun sollen? Sollen wir das Pflegeverhältnis abbrechen, oder sollen wir uns trauen? Wir denken natürlich auch an unsere Tochter, momentan sind die beiden ein Herz und eine Seele, würde sie eine Trennung verkraften, bzw. wie wäre es später, würde sie unter ihrem Bruder leiden, weil er anders ist, weil sie Rücksicht nehmen muß, wären wir der Situation gewachsen.

Es ist so schwierig, und meine Gedanken kreisen den ganzen Tag nur um dieses Thema, wir haben den kleinen Kerl schon lieb gewonnen und er hat sich in der kurzen Zeit bei uns schon recht gut eingewöhnt und auch schon Fortschritte gemacht.Das Familienleben klappt sehr gut, es ist einfach mit 2 Kindern viel schöner als mit einem.
Alle Freunde und Verwandte mit denen wir gesprochen haben raten uns ab, es kann sich keiner vorstellen "so etwas" freiwillig auf sich zu nehmen.

Mein Mann ist dafür, dass wir die Herausforderung annehmen sollen, ich habe meine Zweifel.Einerseits bricht mir das Herz, wenn ich mir vorstelle mich wieder von ihm zu trennen, andererseits denke ich an all die Probleme, die mit so einer großen Aufgabe verbunden sind und weiß nicht ob wir das bewältigen, bzw. ob ich es bewältige und was für uns alle das Beste ist.

Ich weiß, dass ich diese Entscheidung nur alleine treffen kann, doch vielleicht könnt ihr mir ja den einen oder anderen Gedanken zur Entscheidungshilfe schicken. Wäre schön, fühle mich momentan sehr alleine und drehe mich im Kreis.

l.g.
Karin

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Heike&Co
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Beitragvon Heike&Co » 23.10.2008, 22:04

Hallo Karin,

ich kann Dir nicht wirklich bei Deiner Entscheidung helfen.....ich würde dir aber raten erstmal die genetische Untersuchung abzuwarten, um abzuklären, ob ihm wirklich etwas schwerwiegendes fehlt. Dann würde ich mich über das Krankheitsbild kundig machen, damit man einen ungefähren Überblick darüber bekommt wie er sich entwickeln wird. Vorher ist es eigentlich nicht möglich eine Entscheidung zu treffen. Dann möchte ich dir sagen, dass man durchaus in die Situation hineinwachsen kann! Man wächst an seinen Aufgaben :) . Ob eure Pflegetochter wirklich irgendwann unter ihm leiden wird??- sie könnte durchaus auch unter einem gesunden "Geschwisterchen" leiden... Sicher müßen die Geschwister Abstriche machen, aber "leiden" würde ich das nicht nennen. Meine beiden Großen lieben ihren Bruder abgöttisch. Er ist der Mittelpunkt unserer Familie und das durchaus im positiven Sinn. Die beiden Großen sind für ihr Alter sehr sozial geprägt und stehen Menschen mit Handicaps sehr viel offener gegenüber als ihr gleichaltrigen Freunde. Das empfinde ich eher als eine Art Menschlichkeitsvorteil - nicht als Belastung für sie.
Lange Rede kurzer Sinn :wink: :
Ich denke man kann jede Situation meistern - vorausgesetzt man hat Rückhalt in der Familie und man weiß wofür man es macht. Wenn euch der Kleine jetzt schon so am Herzen liegt....laß Dich darauf ein. Wenn irgenwann der Punkt kommt, wo du und dein Mann sagt es geht nicht mehr kann man immer noch was anderes machen. Nur wenn man sich nicht traut weiß man auch nicht, was einem entgeht.

LG, Heike
Heike(*75) mit Luca(*03,Hypophyseninsuffiziens, stark hypoton, geistig retardiert und allg. Entwicklungsverzögerung - ohne Diagnose)Lena (`95) und Tobias (`97) an der Hand und Bea (*12/01 †11/02 Hypophyseninsuffiziens)) im Herzen

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Levinsmama
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Beitragvon Levinsmama » 23.10.2008, 22:06

Hallo Karin

es ist eine sehr schwierige Situation ,die Aussenstehende nur schwer beurteilen können.Doch du bist do nicht allein,dein Mann will die Herausforderung ,deine Tochter liebt den kleinen,du hast Zweifel aber du bist nicht gegen dieses Kind,stimmt?? Du hast nur Angst vor Überforderung!
Wenn ich mich nicht entscheiden kann? dann stelle ich mir die 10-10-10 Formel vor.
Was passiert und wie fühle ich mich 10 min.später ,dach dem ich meine Entscheidung getroffen habe ,wie wird es sein und wie werde ich mich fühlen wenn 10 Monate vergangen sind.Und wie wird es sein 10 jahre später. Die Vorstellung wie ist 10 jahre später für dich sein wird, ist die Ausschlaggebende.Überlege dir gut ob du mehr daran verzweifelt sein wirst ,weil du dieses Kind nicht behalten hast ,oder weil du es behalten hast!!!

Vielleicht war das kein Zufall ,dass dieses kleine Wesen gerade zu euch gekommen ist :wink:

LG Ewa
E *11.02.78 und D *25.04.1978
mit L *18.03.2004 HFA, generalisierte idiopathische Epilepsie (seit 2010 ohne Medis anfallsfrei)
D *23.11.2007
L *27.09.2010
R *30.09.2014

"In einer Irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich."

Astrid F.
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Beitragvon Astrid F. » 23.10.2008, 22:20

Hallo Karin

Das ist eine schwierige Entscheidung. Bei uns war es so: erst gesunder Adoptivsohn, dann behinderte Pflegeschwester ( Down Syndrom ) dann drei leibliche Kinder.
Ich kann jetzt nur von mir sprechen. Ich möchte Angelina nicht missen. Sie hat mir soviel gegeben, aber ich weiß auch wie schwer diese Aufgabe sein kann. Ich bin an meinen Aufgaben gewachsen und das Schicksal hat uns auch ein leibliches Kind mit Problemen geschickt. Ich bin oft sauer, wütend, entäuscht und alles zusammen, aber wenn ich meine Kinder sehe ist vieles wieder gut. Es ist einfach mehr Aufwand, aber ich wüßte nicht wie ich in deiner Situation entscheiden würde.

Ich wünsche dir das du die richtige Entscheidung treffen kannst, und zwar in aller Ruhe, denn die braucht man dann. Ich höre persönlich immer auf mein Bauchgefühl.

Liebe Grüße

Astrid
Michael 1984, Angelina 1993 Down Syndrom Asthma und Neurodermitis, Rebecca 1994 Hochwuchs, Franziska 1996 und Viktoria 1998 fünfeinhalb Wochen zu früh und Grauer Star angeboren
Homepage Lernspiele astrid123.npage.de

Claudia Z.
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Beitragvon Claudia Z. » 23.10.2008, 22:37

Hallo Karin,

wir sind auch Adoptiveltern eines gesunden Kindes aus Afrika und Pflegeeltern eines geistig behinderten Kindes.
Unsere Kleine wurde im Alter von 14 Monaten als "Risikokind" zu uns vermittelt, wir wurden sorgfältig und intensiv auf eine mögliche GB vom Jugendamt vorbereitet und werden seit 6 Jahren professionell und kompetent vom Jugendamt begleitet.

Ich würde mich ganz offen mit den Gedanken, die Ihr momentan habt, an Euren zuständigen Pflegekinderdienst oder den zuständigen SA wenden.
Uns wurde auch immer gesagt, dass wir nicht "weiter" gehen müssen als wir uns zutrauen.

Ich sehe es als keine Schande, wenn man ein Pflegeverhältnis lieber abbricht, weil man den Bedürfnissen des Kindes nicht (mehr) gerecht werden kann.

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Beitragvon karin123 » 23.10.2008, 22:38

hallo,

vielen Dank für eure Gedanken, die 10-10-10 Formel finde ich einen interessanten Ansatz, muß ich mal darüber nachdenken. Das mit dem Zufall ist so eine Sache, als wir den kleinen das erste mal gesehen haben, waren wir uns beide darüber einig dass er nicht nur schielt und ein bißchen entwicklungsverzögert ist, wie uns die Sozialarbeiterin einreden wollte, wir haben beide gesagt, wir lassen die Finger davon, doch irgendwie hat das ganze eine Eigendynamik entwickelt. Wir haben gesagt, naja warten wir noch den Befund ab, dann noch einen Befund, und dann waren wir auch schon mitten drin und jetzt ist er bei uns und schläft gerade seelenruhig neben mir, und mir schmilzt das Herz.

Naja vielleicht soll es ja wirklich so sein, denn an Zufälle glaube ich eigentlich nicht.
Wir werden jetzt mal die genetische Untersuchung abwarten und sehen was dabei rauskommt, wenn dabei überhaupt etwas rauskommt, ausser seiner facialen Dysmorphien und Stereotypien hat er momentan keine Symptome, also auch keine körperlichen. Sein Gesicht schaut eigentlich genauso aus wie bei FAS beschrieben, doch ob die Mutter getrunken hat wissen wir nicht und läßt sich auch nicht herausfinden.

l.g.
Karin
Heinz(40), Karin( 41), Adoptivtochter Franziska(3/06)); PS Raphael(11/07) psychomotorische Retardierung ohne Diagnose

Claudia Z.
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Beitragvon Claudia Z. » 23.10.2008, 22:58

Hallo Karin,

ich glaube nicht mal, dass die SA Euch etwas "einreden" wollte. In dem Alter kann sie keine sichere Prognose stellen.
Unsere Kleine war bereits 14 Monate alt und es war Fakt, dass es in ihrer Familie mehrere Angehörige mit geistiger Behinderung gibt.

Ich denke aber, dass es denkbar ungünstige Voraussetzungen sind, wenn man davon ausgeht, dass das JA bzw. dessen Mitarbeiter bewusst etwas "einreden wollten" -> das hat ja auch etwas mit Willkür zu tun.

Gerade bei einem behinderten Pflegekind sehe ich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Jugendamt als unabdingbare Grundvoraussetzung.
Auch was dann Euere Adoptivtochter betrifft - unsere muss oft Abstriche machen, weil unsere behinderte Pflegetochter viel Aufmerksamkeit fordert und nicht nur das.

Da bin ich froh, dass wir kompetente Ansprechpartner haben, die immer wieder mal den Blick von Aussen drauf richten und beim "sich sortieren" unterstützen können.

Wenn es aber gedanklich in die Richtung geht: "Das böse JA hat uns ein behindertes Kind angedreht..." würde ich lieber zum Abbruch raten, das kann keine fruchtbare Beziehung geben, sondern eher eine FURCHTbare.

ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 23.10.2008, 23:13

Liebe Karin,
wie Du in meiner Signatur lesen kannst, bin ich auch betroffen.......wir haben 1980 ganz bewußt drei schon recht große Pflegekinder aufgenommen und später unsere beiden behinderten Söhne.

Da ich gelernte Erzieherin bin, wußte ich in etwa, was auf mich zu kommt........aber auch nur in etwa.....ehrlich. Ich kann Dir sagen : man wächst mit seinen Aufgaben.....aber : man muß es auch wirklich wollen.

Eine Entscheidung, die Dir tatsächlich niemand abnehmen kann.

Etwas unfair bei der ganzen Sache finde ich die Rolle des JA......warum waren die Sachbearbeiter nicht ehrlich zu Euch ?
Ein Kind anzusehen und sogar schon im Arm halten............und dann wieder hergeben......für mich unvorstellbar !
Kinder sind doch keine Ware, die wie im Supermarkt im Regal liegt........

Ich hoffe und wünsche Dir, Du kannst eine Entscheidung treffen, die Du nie bereuen wirst.

LG Heike

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Gudrun D.
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Beitragvon Gudrun D. » 24.10.2008, 22:34

Wir hatten das gleiche Problem. Wollten ein gesundes Mädchen.... und bekamen einen schwerst. mehrfach. behinderten Jungen.

Ich schlief nächtelang nicht, war verzweifelt. Doch ich wollte dem Kind( von dem auch nicht bekannt war, wie schwer die Behinderung ist) eine Herausnahme nicht zumuten.


Damals war er 10 Monate...... heute ist er 25 Jahre ----- und immer noch bei uns!
Seid lieb gegrüßt und gedrückt von
Gudrun!


Mit Benjamin Pflegesohn 28 Jahre CP.Tetraspastik, Ohne Sprache. schwerst behindert! und drei lbl. erwachsenen Töchter.
und 2 Enkel 5 und 2 Jahre alt. http://www.REHAkids.de/phpBB2/album_per ... er_id=4363[/URL]

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Mama Ursula
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Beitragvon Mama Ursula » 24.10.2008, 22:55

Hallo Karin!

Ist schon heftig, was Ihr da gerade durch macht - Euch geht es wie vielen leiblichen Eltern.
Wir sind Pflegeeltern von 3 Kids, unser Mädel kam als erstes, aber von ihr wußten wir, daß sie schwerstbehindert ist und bleibt und da ich vom Fach bin und schon jahrelang mit schwerstmehrfachbehinderten und anderen kranken Kindern gearbeitet habe, hatten wir eine Ahnung, was auf uns zukommt - zumindest von Seite des Kindes :wink:
Leider werden wir von den JuÄmtern nicht so intensiv betreut, das hätten wir aber auch drängender bei den Buben gebraucht. Die sind "fast" gesund, haben nur die "üblichen" Pflegekinder-"Macken" und die gruseln mich manchmal deutlich mehr :oops:
Unsere Buben kamen im Alter von 2,5 und 4 J. zu uns, da war Jessy fast 3 J. Und obwohl J. wirklich nur sehr wenig kann (lächeln und lachen, lautieren, Flasche trinken, mit den Armen fuchteln - Entwicklungsstand eines 3-6 monatigen, blinden Säuglings), lieben die Jungs sie. Haben sie voll angenommen, fühlen sich von ihr bedingungslos geliebt und lernen soooooooooo viel durch sie :wink:
Im Kindergarten und auch sonst sind sie mit "schwächeren", kleineren Kindern sehr umsichtig und haben ein unbeschreiblich tolles Einfühlungsvermögen - und das trotz ihrer heftigen Vorgeschichte :shock: :D
Unseren Buben, unserer Jessy und uns konnte nix besseres passieren, als zusammenzufinden :D

Aber ich muß Dir Recht geben - es ist nicht aller Tage Abend und es ist schon jetzt oft sehr anstrengend, alle Bedürfnisse und Wünsche unter einen Hut zu bekommen. Aber das ist es mit 2 Kindern immer :wink:

In unserem Freundes- und Familienkreis waren übrigens (fast) alle gegen die In-Pflege-Nahme von Jessy, fürchteten eine Überforderung (vorallem für meinen Mann). Heute können Freunde und Familie Jessy hüten (auch über Nacht :wink: ) und alle lieben sie aufrichtig :D Die kritischen Stimmen sind alle erstaunlich rasch verstummt, weil wir unserer Sache sicher waren :wink:

Grüßle
Ursula
Kinderkrankenschwester mit Fachweiterbildung Palliativ Care und Außerklinische Beatmung.
Pflegemutter von Jessy (16 J., schwerster Hirnschädigung wegen Sauerstoffmangel), kl.Bub (1 Jahr mit schwerster Hirnschädigung, Reflux, Spastisch-steife Knie), 2 gr. Jungs - ausgezogen.


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