"Es" hat mich getroffen

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Sabine
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"Es" hat mich getroffen

Beitragvon Sabine » 14.10.2007, 07:28

Hallo zusammen,

auf vielfachen Wunsch habe ich diese poetische Betrachtung von Userin "anetteb" noch einmal hier gesondert eingestellt.
Es sind die Gedanken einer Mutter über ihren autistischen Sohn.

LG
Sabine


„Es“ hat mich getroffen

Zuerst die Vorteile: Ich kann mit meinem Sohn bis er sechs Jahre alt ist, umsonst in der ersten Klasse in der Deutschen Bahn durch Deutschland fahren.
Ich bekomme im Zoo oder Wildschweingehege Rabatt.
Mein Sohn ist auffallend hübsch.
Trotzdem ist bei uns etwas faul.
Und weil bei uns etwas faul ist, kann ich mich nicht zu den Normalo-Müttern zählen, die in ihren rosa Tigerentenclubs die Ikea-Cafes bevölkern und dabei ihre Zweit-Babys an der linken Brust nuckeln lassen. Die, welche normal entwickelte Luca-Finns oder Tim-Janniks zur Welt gebracht haben. Die vom Schicksal verschonten. Die Normalos aus Doppelhaushälften, die Dinge wie „als ich mit Lisa-Marie zum ersten Mal beim Frisör war“ oder „Pia-Luna-treibt- mich-zum-Wahnsinn-weil-sie-nur-rosa-tragen will“ ihren anderen weiblichen Club-Mitgliedern als aufregendstes Erlebnis als kleine Sensation verkaufen? Nein, ich gehöre nicht diesen Tigerentenclubs an. Denn „es“ hat mich getroffen. Ja, genau, Achtung, jetzt kommt das böse Wort. Mein Kind ist „behindert“ (autsch!), lauter: „behindert“ Das üben wir noch mal, das muss flüssiger kommen. Oute ich mich, kommt erst immer Standard-Situation Nummer eins: „Wirklich? Verwächst sich das nicht noch?“ Drei von zwei Malen folgt: „Hoffentlich ist meiner nicht auch behindert, er spricht so wenig! “ Wegsortiert in die Schublade „trauriges Einzelschicksal“, der kann später mal Schaukelstühle aus Wäscheklammern basteln. Die Folge-Einladung bleibt aus, Kontaktsperre zu den kleinen Finns und Leonies: Prinzessin Lillifee hat uns brutal aus ihrem rosa Reich geschmissen. Farbige oder asiatische Kinder sind ja mittlerweile chic, aber beh…(Ssst…bitte nicht das böse Wort!) kommt irgendwie nie in Mode.
Ich habe etwas erlebt, dass in jedem Leitfaden für Geburtshelfer wahrscheinlich unter „S“ wie „Super-Gau“ steht: Da bin ich, meine zwei aufgestellten Knie und davor einen Pulk von gekleideten Ärzten, von denen schon seit zwei Stunden schon keiner mehr mit mir persönlich spricht. Alle haben keine Ahnung und davon eine ganze Menge. Das Kind will nicht raus, die Oberärztin zerrt mit der Zange, erfolglos, der Professor rückt mit der Saugglocke an, (O-Ton „Ich habe noch jedes Kind so rausgekriegt“). Dann das Keuchen dieser Hebamme, die offenbar vorher in Hinter-Kasachstan bislang nur Geburtshilfe bei Kälbern geleistet hat. Sie stemmt sich mit ihrem ganzen kräftigen Körper auf meinen Oberkörper. „Scheiße, Scheiße, Scheiße“, höre ich noch eine Anästhesistin fluchen, bevor ich in einen bösen Traum falle. Noch heute bin ich nicht wirklich daraus aufgewacht.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße“ fasst es gut zusammen. Nachdem wir mit unserem rätselhafen Sohn Dauergast bei Ärzten und Psychologen und Therapeuten waren, haben wir uns für diese Diagnose entschieden (unser Kind bekam drei verschiedene): „Frühkindlicher Autismus atypischer Prägung, 70 Prozent schwerbehindert“.
Schwupps, schon raus aus dem Wettbewerb, stolze Präsentationen unseres Sohnes woanders entfielen. Instinktiv verhängten wir erstmal eine Besuchssperre . Schließlich ist es unangenehm, wenn der Besuch mit zwei Jahre jüngeren Kleinkindern im Haus ist, die bereits reden wie ein Buch und wogegen unser Paul dazu im Vergleich wie Kaspar Hauser wirkt. Auch meinem alten Vater wird strengste Informationssperre auferlegt. Er hält sich ja schon von selbst daran. Kein Wort über seinen Enkelsohn im Dorf. Die Einladung zu einem Klassentreffen wäre jetzt eine Katastrophe. Ein ehemaliger Lehrer fragt nach mir? Auf meinen Vater kann ich mich verlassen: „Sie ist jetzt Mutter“, nicht mehr als diese Information darf der frischgebackene Opa herausgeben. „Aber sie hatte doch so viel Spaß an ihrem Beruf…“
Ach, hatte sie das? Das muss vor der Bronzezeit gewesen sein. Dass ich jetzt nur noch für meinen Sohn lebe und die Managerin für die Krankheit dieses Kindes geworden bin, ist eine Geschichte, die sich irgendwie so gar nicht verkaufen lässt. Auch wenn ich sagen würde: „Hey, ich bin trotzdem glücklich, er ist so ein niedliches Kerlchen, er macht eben nur kleine Fortschritte!“ Keine Chance, es glaubt Dir niemand. Es gilt überall – ob in der Stadt oder auf dem Land - stets die goldene „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Regel.
Liebe Tigerenten! Wenn Ihr auf einem Geburtstag oder einer Konfirmation gerade in guter Stimmung seid. Ladet mich ein und mindestens eine von Euch wird dabei sein, die vor Mitleid ein paar Tränen zerdrückt und mir versichert, wie leid ich ihr tue. Komisch, denke ich jedes Mal und ziehe dem nicht sprechenden Jungen die Jacke an.
Mein Sohn ist auffallend hübsch.
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Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
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Susanna
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Beitragvon Susanna » 18.10.2007, 15:54

Vielen Dank fuer einstellen Sabine.
Mir liefen die Traenen beim lesen so uebers Gesicht.
L.G.

Alex Mama von Koschi
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Beitragvon Alex Mama von Koschi » 24.06.2009, 20:33

schnief....das ist unsagbar gut geschrieben...Dankeschön
LG
Alex
Meine Kids:
Marcel (11/89), Darya (08/96), Kiyan (04/98) und Kaywan (06/05) Kaywan mit:
- Hypoplastisches Linksherzsyndrom

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Beitragvon siebenfachemamialex » 24.06.2009, 20:38

Sehr treffend
DANKE
Alex 09/74Von Willebrand Jürgens Syndrom ,Albert01/73, Jannik9/96, Max 10/97 WPW Syndrom Alisa 11/99, Leonie 9/00 , Sina 9/04Schwerhörig(Hörgeräte versorgt) , Joshua 7/05(HämophilieB) und Nele 4/07 Multiple Organschäden,EVZ ,Ziliendyskenesie,Grosswuchssyndrom und ihrem Zwilling tief im Herzen.,und Rafael 7.4.09

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KatrinBr
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Beitragvon KatrinBr » 24.06.2009, 20:52

Das ist so ausgezeichnet geschrieben. Das Talent der Schreiberin unverkennbar. Ich konnte jedes Bild genau nachfühlen!
Vielen Dank und wenn möglich gern mehr!!!
LG
Katrin
Katrin mit H. und Jonas geb. 2006
Jonas : V.a. Frühkindlichen Autismus

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Beitragvon susanne2903 » 24.06.2009, 21:45

Sehr schön....
Einerseits traurig, andererseits ..... mußte ich so oft schmunzeln, da man sein eigenes Leben so oft wieder erkennt. Das ist wirklich gut geschrieben und ja, mehr davon.
Gruß Susanne
Susanne Bj.76 mit Felix03/03( Asperger Autist, ADHS, Myelinisierungsstörung, Entwicklungsstörungen der Motorik, Koordination und der Sprache, Dyslalie, Muskuläre Hypotonie,.....) und Marie 05/10

Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen. A. Schopenhauer

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Kate
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Beitragvon Kate » 24.06.2009, 22:11

danke :-)
29 J. Studentin, ICP-spastische Tetraparese, angeborener Herzfehler, Wirbelsäulendeformitäten, Hüftdysplasie, Nervenschädigungen Z.n. OP mit chronisch neuropathischem Schmerzsyndrom, Rollinutzerin
"Ich bin nicht so oder so, sondern so und so und so." (Peter T. Schultz) "Liebt einander oder geht zu Grunde." (W.H. Auden)


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