Gedanken

Hier könnt ihr Gedichte, Texte und kleine Geschichten zum Thema "besonderes Kind" einstellen und darüber dikutieren.

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elkeundmax
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Gedanken

Beitragvon elkeundmax » 13.09.2007, 08:56

Gott schwebt über die Erde und sucht sich die Werkzeuge der Arterhaltung mit großer Sorgfalt und Überlegung aus. Er beobachtet genau und diktiert seinen Engeln in sein internes Fortpflanzungsbuch.

"EvaMüller, Tochter, Schutzengel Matthias; Gabi Schmitz, Sohn,
Schutzengel Kunigunde; Carola Kastner, Sohn, Schutzengel ?
Gebt ihr Gerhard, der ist an Flüche gewöhnt."

Schließlich diktiert er einem Engel einen Namen in die Feder und sagt lächelnd: "Diese beschenke ich mit einem behinderten Kind"

Der Engel ist erstaunt. " Warum sucht ihr gerade sie aus, Herr? Sie ist doch so glücklich?" "Genau deshalb" sagt Gott und lächelt wieder. "Wie kann ich einem kranken Kind eine Mutter geben, die nicht lachen kann? Das wäre ja grausam."

"Geduld hat sie auch nicht." sagt der Engel.

"Ich will ja gar nicht, daß sie Geduld hat. Sonst ertrinkt sie am Ende in einem Meer aus Trauer und Selbstmitleid. Wenn der erste Schmerz und Schock vorbei sind, wird sie alles tadellos zuwege bringen. Heute habe ich ihr zugesehen. Sie hat das richtige Gespür für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Und das ist bei Müttern leider seltern, aber notwendig. Hör zu, das Kind, das ich ihr schenken werde, wird in einer anderern, in seiner Welt leben. Und sie muß es dazu bringen, in der ihren zu leben. Das wird nicht einfach sein."

"Aber Herr, soviel ich sehen kann, glaubt sie nicht mal an dich."

Gott schmunzelt.

"Das macht nichts. Das bringe ich schon in Ordnung. Doch, doch, ich halte sie für hervorragend geeignet. Sie hat genügend Egoismus."

Der Engel ringt nach Luft. "Egoismus? Ist das vielleicht etwas Gutes?"

Gott bejaht es. "Wenn sie sich nicht gelegentlich von dem Kind trennt, wird sie die Belastung nicht ertragen und es wird ohnehin schwer für sie sein, alles auszuhalten. Genau diese Frau ist es, die ich mit einem nicht ganz vollkommenen Kind beschenken werde. Sie weiß es zwar noch nicht, aber sie ist wirklich zu beneiden. Nie wird sie ein gesprochenes Wort als selbstverständlichkeit hinnehmen, nie einen Schritt als etwa Alltägliches.
Wenn ihr Kind das erste mal Mama sagt, wird ihr klar sein, das sie ein Wunder erlebt. Wenn sie ihrem blinden Kind einen Baum, einen Sonnenuntergang schildert, wird sie ihn so sehen wie nur wenige Menschen meine Schöpfung.
Ich werde ihr erlauben, alles deutlich zu erkennen, was auch ich erkenne.
Grausamkeit, Vorurteile, Unwissenheit. Und ich werde ihr erlauben sich darüber zu erheben. Sie wird niemals allein sein. Jeden Tag ihres Lebens, jede Minute. Weil sie meine Arbeit ebenso sicher tut, als wäre sie hier neben mir."

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