Unterstützung für Paare, die ein behindertes Kind erwarten

In dieser Kategorie geht es um rechtliche Dinge, Fragen zur Krankenversicherung, Pflegegeld etc.

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Sabine
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Unterstützung für Paare, die ein behindertes Kind erwarten

Beitragvon Sabine » 19.06.2004, 09:33

Hallo, hier eine kurze Info aus unserer Lokalzeitung:

"Junge Paare, die ein behindertes
Kind erwarten, sollen in Zukunft stärker unterstützt
werden. Dazu soll die Beratung in den pränatalmedizinischen
Einrichtungen ausgebaut und umfassender auf die Angebote
der Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen im Land
hingewiesen werden, sagte die nordrhein-westfälische
Familienministerin Birgit Fischer (SPD) in
Düsseldorf. Ein jetzt abgeschlossenes Modellprojekt
zu dem Thema habe einen großen Bedarf in diesem Bereich
ergeben, hieß es weiter.
Nach Angaben Fischers sollen Frauenärzte und Beratungsstellen deshalb noch enger zusammenarbeiten. "Paare, die nach vorgeburtlichen Untersuchungen wissen, dass ihr Kind aller Voraussicht nach schwerste Schädigungen haben wird, dürfen mit dieser schlimmen Diagnose nicht allein gelassen werden", betonte sie.
In dem Modellzeitraum 2002 und 2003 seien rund 1400 Beratungen durchgeführt worden, hieß es. Das Modellprojekt wird im Auftrag des Bundesfamilienministeriums wissenschaftlich begleitet. Diese Evaluation läuft noch bis 2006 - dabei werden unter anderem die Frauen nach den langfristigen Effekten der psychosozialen Beratungen befragt."

(Quelle: IKZ-online.de, Archiv, Juni 2004)

Meine Meinung dazu:
Dieser Vorsatz ist in meinen Augen sehr löblich.
Er sollte jedoch auch auf Paare ausgeweitet werden, die bereits ein behindertes Kind haben! Eltern, die erfahren, dass ihr Kind behindert ist (entweder kurz nach der Geburt oder oft eben auch erst Monate oder Jahre später) werden mit dieser Diagnose nur allzu oft alleine gelassen.
Übrigens: 98 % aller Paare, die erfahren haben, dass sie ein behindertes Kind erwarten, treiben ab - sofern das Alter der Schwangerschaft dies noch zulässt.

Lieben Gruß,
Sabine
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Jan-Paul (10/01), schwer mehrfachbehindert ohne Diagnose, Tim-Henrik (03/05), Lea-Kristin (01/11)
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Beitragvon Gast » 19.06.2004, 14:22

hallo Sabine,
ich sehe das genau wie Du!
Man wird mit der Diagnose alleinegelassen und muß sehen wo man Informationen oder Hilfe bekommt. Gut ist aber, das das Thema Behinderung mal wieder in der Presse Platz gefunden hat.

liebe Grüße

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Beitragvon Sabine » 19.06.2004, 15:20

Hallo Anja!

Mir ist übrigens kein Paar bekannt, das schon vor der Geburt von der Behinderung seines Kindes wusste und sich dann bewusst für das Kind entschieden hat. Ich kenne eigentlich nur Eltern, die erst kurz nach der Geburt erfahren haben, dass ihr Baby behindert ist - oder wie bei uns Monate oder gar Jahre nach der Geburt.
Meine Freundin erzählte mir mal von einer Arbeitskollegin, die durch eine Fruchtwasseruntersuchung erfahren hatte, dass ihr ungeborenes Baby das Down-Syndrom haben wird. Diese Frau hat dann daraufhin abgetrieben, ist kurze Zeit später wieder schwanger geworden und ist nun Mutter eines normal entwickelten Kindes. Ich kenne Fälle, wo die Mutter bewusst ein behindertes Kind ausgetragen hat, nur aus der Presse. Es scheint also eine kleine Sensation zu sein, wenn eine Frau sich für diesen Weg entscheidet.

Lieben Gruß,
Sabine
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Beitragvon Gast » 19.06.2004, 18:02

Hallo Sabine :D

es ist glaube ich auch in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen sich bewußt für ein behindertes Kind zu entscheiden.

Man ist ja so schon genug "gestraft" in unserer Gesellschaft, wenn man ein behindertes Kind hat, aber dann kann man ja nichts dafür, aber wenn man sich bewußt dafür entscheidet...
Ich habe übrigens Mütter kennengelernt, die eine Schwangerschaft bewußt zuende ausgetragen haben, obwohl sie wußten, ihr Kind ist behindert und hat manchmal sogar nur eine begrenzte Lebenserwartung. Sie reden aber nur unter gleichgesinnten frei darüber, eventuell noch mit der Familie, sonst stoßen sie nur auf Unverständnis und werden oft noch angefeindet!

Liebe Grüße

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Beitragvon Sabine » 19.06.2004, 20:31

Hallo Anja,

stimmt! Kann sein, dass man deshalb so wenig davon erfährt.
Ich bewundere den Mut und die Kraft, den werdende Mütter aufbringen, die sich bewusst für ihr behindertes Kind entscheiden. Man sollte vor ihnen wirklich den Hut ziehen anstatt sie anzufeinden!
Ich kann aber im Gegenzug auch verstehen, wenn sich eine Frau, die ein behindertes Kind erwartet, für eine Abtreibung entscheidet - sofern das Schwangerschaftsalter eine solche Möglichkeit zulässt.
Ich werde auch manchmal gefragt, wie ich mich denn verhalten hätte, wenn man mir schon in der Frühschwangerschaft gesagt hätte, dass ich ein behindertes Kind erwarte. Wahrscheinlich wäre ich völlig kopflos gewesen, verzweifelt und mein erster Gedanke wäre sicher auch in Richtung Abtreibung gegangen. Thomas und ich hätten sicherlich endlose Gespräche geführt und wären dann zu irgendeiner Lösung gekommen, die dann wie auch immer ausgesehen hätte.
Ich ernte übrigens immer viel Erstaunen, wenn ich als Mutter eines behinderten Kindes diesen Standpunkt vertrete und damit zu erkennen gebe, dass ich keine rigorose Abtreibungsgegnerin bin. Ich finde es gut, dass viele Frauen schon in der Frühschwangerschaft erfahren können, dass sie ein behindertes Kind erwarten und dann selbst eine Entscheidung treffen können - auch wenn diese Wahl bestimmt eine Qual ist... Man darf dabei aber eben nicht vergessen, dass die Entscheidung für ein behindertes Kind für viele Frauen weitreichende finanzielle und familiäre Konsequenzen hätte, die nicht jede tragen kann und will. Ich denke dabei vor allem an sehr junge Frauen, allein Erziehende oder Frauen, die ohnehin schon in finanziellen Schwierigkeiten stecken, Sozialhilfe beziehen und in dieser Situation vielleicht schon mehrere Kinder zu versorgen haben.
Ich glaube aber auch, dass viele Frauen in erster Linie kein behindertes Kind haben möchten, weil sie die Verantwortung nicht tragen wollen, vielleicht auch noch nie mit behinderten Kindern zu tun hatten und insgeheim wissen, dass sie nicht damit klar kommen würden. Viele haben Angst, dass ihre Partnerschaft an dem Kind zu Bruch gehen könnte, dass sie nie wieder arbeiten gehen könnten und lebenslang an das Kind gebunden sein würden. Hinzu kommen dann noch Angst vor der Zukunft ("was wird aus dem Kind, wenn wir mal nicht mehr sind?" ) oder eben auch die Panik, mit einem behinderten Kind nicht mehr "gesellschaftsfähig" zu sein und in die Isolation zu geraten. Auch alles Gründe, die ich nachvollziehen kann.
Ich bin jedenfalls froh, dass wir keine Entscheidung für oder gegen Jan-Paul treffen mussten und in den Umgang mit ihm und seiner Behinderung langsam "hineinwachsen" konnten. Wir freuen uns über jeden Fortschritt den er macht und werden ein großes Fest geben, wenn er seine ersten Schritte alleine machen kann.
Und welche Eltern eines normal entwickelten Kindes würden aus diesem Anlass schon eine Party geben?! Unsere Familien und Freunde freuen sich jedenfalls jetzt schon aufs "Freibier"! :D

Lieben Gruß,
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Beitragvon Helmut » 19.06.2004, 21:10

Hallo zusammen,

ich weiß nicht so recht, ob das tatsächlich so gut ist was die da vorhaben. Der 2. Satz widerspricht doch schon dem ersten. Wer weis das er ein Behindertes Kind erwartet, hat Untersuchungen die das gezeigt haben hinter sich. Was soll der mit noch mehr PID und co. ? Das ganze kann im grunde nur heißen, das angehenden Eltern die Möglichkeiten zur Vermeidung von Behinderten deutlich gemacht werden sollen. Aufklären über das Leben mit einem behinderten Kind....die Förderung so betroffener Familien weiter aus zu bauen, was m. M . wohl wesentlich wichtiger sein sollte, ist damit offensichtlich nicht gemeint. Das was da erreicht werden soll ist vermutlich, die Gebutenzahl zu steigern, imdem man das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen ,durch intensive Aufklärung über Vermeidungsmöglichkeiten veringert, und dadurch mehr Eltern zu Kinderkriegen an zuregen. Ob das so löblich ist ?

:-) Helmut
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Beitragvon Sabine » 19.06.2004, 22:06

Hallo Helmut,

also ich verstehe den Artikel so, dass die Beratung ausgebaut werden soll, nicht die Untersuchungen. Es geht wohl darum, Eltern, die ein behindertes Kind erwarten, bei der Entscheidung für oder gegen das Kind zu helfen. Ob die Eltern überhaupt eine solche Entscheidung treffen können, hängt wiederum vom Schwangerschaftsalter ab. Viele Behinderungen sind ja auch erst im letzten Schwangerschaftsdrittel zu sehen und dann kann die Mutter eh nicht mehr abtreiben, sprich eine selbstständige Entscheidung für oder gegen das Kind treffen.
Mein erster Gedanke beim Lesen des Artikels war sogar, dass die Abtreibungsrate durch intensive Beratung verringert werden soll.
Die ganze Aktion ist schon ganz o.k.
Ich würde es allerdings für ebenso wichtig halten, wenn Birgit Fischer, Renate Schmidt, und wie die Damen in diesem Bereich nicht alle heißen, mal den Krankenkassen und den Pflegekassen auf die Füße treten würden, die ja oft Leistungen verweigern, die für Eltern mit behinderten Kindern geradezu lebensnotwendig sind. Darüber sollte in der Presse auch mal berichtet werden.

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Beitragvon Helmut » 19.06.2004, 22:35

Hallo Sabine,

angehende Eltern behinderter Kinder mit Informationen über PID und co. zusätzlich über das zu informieren was sie erwartet...., ist doch ungefähr so, als wenn man großartig darum bittet das man sich in eine Wanne voll Wasser legt... um wenn man dann drin liegt, mit der Aufklärung darüber zu beginnen, warum man denn dabei Naß geworden ist. Dabei geht es eher darum die Leistungen der KK für behinderte zu veringern, als das es darum geht, Eltern die Entscheidung für oder gegen ein behindertes Kind zu erleichtern.

Wenn die hohen Damen und Herren angehende (= die Frau ist noch nicht schwanger) Eltern informieren wollen, sollten sie bei Gentestes vor der Schwangerschaft anfangen. Das werden die aber sicher nicht tun, weil dadurch die Geburtenzahl eher noch mehr in den Keller gehen würde. Eltern denen klar ist, das sie ein behindertes Kind bekommen, mit noch mehr Untersuchungen... und Behindertenvermeidungsdruck... "winken".... ist für mich nur schwer anders, als "nachträgliche Behindertenvermeidungsberatung" zu deuten. Was hätte das ganze angesichts leerer Kassen sonst für einen Sinn ?

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Beitragvon Sabine » 19.06.2004, 23:06

Hallo Helmut,

also wenn die Frau mit einem behinderten Kind schwanger ist, kann ja nichts mehr "vermieden" werden. In der Frühschwangerschaft kann sie sich ja noch für eine Abtreibung entscheiden. Wird die Behinderung aber erst im letzten Drittel der Schwangerschaft festgestellt, muss die werdende Mutter das Kind bekommen - ob sie nun will oder nicht. Nach der Geburt des Kindes kann sie sich dann entscheiden, sich selbst um das Baby zu kümmern oder es in ein Heim zu geben. Da ein Heimaufenthalt ja wesentlich teurer kommt als wenn das Kind bei seinen Eltern bleibt, haben Schmidt & Co. natürlich ein großes Interesse daran, dass das Kind in der Familie bleibt. Sicher geht es dabei aber auch um das Kindswohl und natürlich auch um den emotionalen Beistand für die Eltern. Das würde ich nicht so negativ sehen. Wer sich als Eltern in so einer Lage befindet, braucht einfach sehr viel seelischen Beistand, der mit dem Ausbau der Beratungseinrichtungen ja auch geleistet werden soll.

Wird die Behinderung bereits in der Frühschwangerschaft festgestellt, kann den Paaren die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung natürlich keiner abnehmen. Aber es wäre ja auch schon gut, wenn sich eine mitfühlende Psychologin kümmern, Verständnis zeigen und Lösungshilfen anbieten würde. Oft werden die Frauen ja mit der Diagnose einfach wieder auf die Straße gesetzt und müssen zusehen, wie sie mit dieser schlimmen Nachricht klarkommen. Und wenn dann mit Hilfe von Psychologen Abhilfe geschaffen wird, ist das schon viel Wert.

Wir werden ja sehen, was dabei herauskommt. Das Ergebnis der Studie kann man in zwei Jahren sicherlich anfordern :wink:.

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Beitragvon Helmut » 19.06.2004, 23:16

Sabine hat geschrieben:Hallo Helmut,

also wenn die Frau mit einem behinderten Kind schwanger ist, kann ja nichts mehr "vermieden" werden. In der Frühschwangerschaft kann sie sich ja noch für eine Abtreibung entscheiden. Wird die Behinderung aber erst im letzten Drittel der Schwangerschaft festgestellt, muss die werdende Mutter das Kind bekommen - ob sie nun will oder nicht.



Hallo Sabine,

das ist ein weit verbreiteter Irrtum, denn ungeboreren die wahrscheinlich Behindert sind... und wenn es "nur" DS ist... dürfen selbst kurz vor der Geburt noch straffrei abgetrieben werden....Es wurden sogar extra Abtreibungstechniken entwickelt, die sicher stellen das die Kinder die Abtreibung nicht überleben. Auch darüber werden die angehenden Eltern da sicher gründlich aufgeklärt.

:-) Helmut
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