Wie geht ihr damit um, wenn euer Kind angestarrt wird?

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 09.02.2006, 10:50

Hallo zusammen :pc5:

also, solche Aüßerungen wie gerade oben geschrieben, musste ich mir zum Glück noch nicht anhören, ist ja entsetzlich. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken und würde sicher auch meine gute Kinderstube vergessen.

Dagegen hatte ich gestern einen eher harmlosen Vorfall, der mich aber trotzdem traurig und nachdenklich gemacht hat:

Wir waren im Wartezimmer, Jann saß auf dem Boden, schaute sich um und sang leise vor sich hin.
Zwei andere Jungs spielten an einem Tisch und der eine meinte zum anderen "Der spinnt!". Ich war mir im ersten Moment nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden hatte, meine Schwester, die mich begleitet hatte, bestätigte mir das aber hinterher. Da ich eben nicht ganz sicher war, hielt ich still und auch die Mutter des anderen Kindes sagte gar nichts.

Es ärgert mich immer, dass ich in solchen Situationen nicht schneller reagiere. Und ich bin mir auch unsicher, was genau man sagen sollte. V.a. wenn die Mutter doch daneben sitzt - etwas zur Mutter sagen oder zu dem anderen Kind?
Wie haltet ihr das?

Liebe Grüße
Hope
:icon_flower:

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Gabriella
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Beitragvon Gabriella » 09.02.2006, 12:11

Liebe Hope,
hm, das ist schwer zu sagen. Vielleicht wäre es am besten, diese unbedachte Bemerkung einfach nicht überzubewerten. Wir selber sind ja manchmal geneigt zu sagen, wenn einer zum Beispiel fünf Autos in der Garage stehen hat oder freiwillig in einem See bei 13 Grad schwimmen geht, dass er womöglich spinnt und haben die Sache danach gleich wieder vergessen.
Gabriella (1972) mit Elli (6/02); ist sehr lieb und zu ihrer kleinen Schwester Marina (8/04), PhelanMcDermid-Syndrom (auch 22q13.3 Deletion): Muskelhypotonie, verzögerte Entwicklung, keine aktive Sprache, weiß sich aber gut mitzuteilen und Wonneproppen Adrian (05/08)
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Susanne X
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Beitragvon Susanne X » 09.02.2006, 12:44

@ Renate: Ja, jetzt hab ich dich besser verstanden. Find ich super :)

@ janaquinn: Echt???!!!! Coole Reaktion. Natürlich völlig unkorrekt, indiskutabel, und Gewalt-ist-immer-falsch, usw.


aber irgendwie völlig angemessen! 8)

Sowas würde ich gern mal erleben. Ich meine, ich würde niemals zuschlagen, ich kenne mich, außer, jemand würde gegen mich oder jemanden, den ich liebe, tätlich. Aber sehen würde ichs gern mal. Ist ja wie aus einem Film....


lg aus München

Gabriella
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Beitragvon Gabriella » 09.02.2006, 13:07

ein kleiner Versuch, die dummen Bemerkungen dieser dummen Leute zu relativieren (weil die Welt halt insgesamt oft ein Schandmaul hat): als ich seinerzeit Grundschülerin war, war ich leicht pummelig und etwa einen halben Kopf größer als die anderen Kinder. Ein Mitschüler nannte mich doch tatsächlich Gabri-elefant (also eine sehr schmeichelhafte Variante meines Vornamens, der auf ein paar Kilo mehr abziehlte) und zum zweiten sagte eine Grundschullehrerin (eine studierte Pädagogin!!!!) beim Einüben eines Tanzspieles, dass "diese lange Latte" doch nicht da reinpasse. Tja, beides kein Thema mehr für mich, da ich nun unter 1.70 und schlank bin, aber diese Bemerkungen vergißt man einfach nicht. Somit sieht man halt einfach, wie unbedacht irgendetwas von der Umwelt "abgeworfen" wird und wie nichtig und eigentlich nicht wert ist, dass man es sich merkt!!! Natürlich sind wir als Eltern besonderer Kinder auch ganz besonders sensibel, wenn es um unseren Zwerg geht, aber es ist, was es ist: eine Seifenblase, die nichts verwehrtbares beinhaltet. Liebe Grüße und alles Gute für unsere Schätze von Gabriella
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Beitragvon janaquinn » 09.02.2006, 13:14

Hallo Susanne, ja ich finde Gewalt auch absolut nicht richtig, ganz im Gegenteil!! Aber in diesem Fall war es einfach zuviel!! Ich meine, du lebst selber noch in München und weißt genauso wie ich, wie offen und tolerant diese Stadt ist, aber daß war einfach zuviel!! Wie sieht es eigentlich aus in der alten Heimat, mein bester Freund hat mir erzählt, ihr erstickt im Schnee! Wahrscheinlich wird es wie letztes Jahr, Schnee bis Ende März und dann mit einem Schlag Frühling!! Hach manchmal vermisse ich München schon ganz schön. Vorallem jetzt wo es bald Frühling wird und bei euch die Biergärten aufmachen. Wir waren immer entweder im Westpark, toll für die Kinder zum spielen oder im Hirschgarten, der urigste und schönste Biergarten Münchens für mich. Sind wahrscheinlich entweder im März oder im Mai mal wieder bei euch! Darauf freue ich mich schon!! :D Leider ist die Fahrt nach München heftig, 620 km einfach!!!
Na schau´n mer mal!
LG nach München
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Beitragvon RenateT » 09.02.2006, 13:28

Hallo Janaquinn
habe deine Geschichte grad am Mittagstisch unseren älteren Töchtern erzählt. Die (und ich eigentlich auch) wollen nun schrecklich gerne wissen, wie es weiter ging. Hat sie zurückgeschlagen oder ging sie weg oder was und waren noch viele Leute im restaurant?
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Beitragvon janaquinn » 09.02.2006, 13:50

Hallo Renate+Kids, die gute Frau war so verdattert, daß sie im ersten Moment nicht reagieren konnte und dann hat sich bei der Wirtin beschweren wollen. Allerdings hatte sie da schlechte Karten, weil diese eine Freundin unserer Familie ist und sie dann kurzerhand vor die Tür gesetzt hat und Hausverbot erteilt hat.Es waren noch mehr Leute in der Wirtschaft, aber die Gute hat so laut gesprochen, daß es fast alle mitbekommen haben und MIR applautiert haben.Vorallem, wenn man bedenkt das diese Frau gerade mal an die 50 Jahre alt war und so´nen Stuß daherredet. Denn gerade ältere Menschen reagieren eigentlich relativ offen auf Yannic und seine Behinderung, es sind eher die Jüngeren die so drauf sind. Sehe ich leider auch in meiner Familie, da wird auch zwischen meinen beiden Kindern unterschieden: Auf der einen Seite Yannic: Das Kranke Kind und auf der anderen Seite Taima: Das Gesunde Kind. :evil:
Und warum? Weil sie nicht akzeptieren können, daß Yannic behindert ist, sie scheuen sich sogar, daß Wort "Behinderung" in den Mund zunehmen, als wenn es so furchtbar ist, dem ganzen einen Namen zu geben und es so greifbar zu machen. Ich weisse meine Geschwister dann daraufhin, daß ich 2 gesunde Kinder habe, aber eines davon Behindert ist. Denn wäre Yannic krank, würde er mit Fieber im Bett liegen. Die Einzige, die zu Yannic´s Behinderung steht und sie akzeptiert, ist meine älteste Schwester, sie ist auch Yannic und Taima´s Patentante! Sie liebt beide abgöttisch und macht keinerlei Unterschied zwischen ihnen. Dann bekäme sie auch echt Ärger mit mir, denn Yannic hat aufgrund seiner Behinderung keinerlei Sonderstatus, er wird genauso behandelt wie sein Schwesterchen und bekommt genauso Schimpfe, wenn er Blödsinn baut. Und damit fahre ich eigentlich ganz gut.
Liebe Grüße nach Belgien aus Wuppertal
Jana mit Kids
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Beitragvon RenateT » 09.02.2006, 16:31

Danke für die Antwort, Jana
Ist ja toll. Hoffentlich hat die Dame dazu gelernt. Vor allem der Applaus hat sicher gut getan!!!
Ja, das mit der Familie kenne ich auch ein bisschen, aber da wir meine Familie in Deutschland nicht sehr oft sehen, denke ich, ist es mehr die Angst vor dem Unbekannten, das sie zurückhält. Und vielleicht kommen sie sich einfach auch blöd vor, wenn sie versuchen, mit Tikvah zu reden und die reagiert nicht (in ihren Augen).

Übrigens ist mir noch eine Gruselgeschichte eingefallen: der damalige Chef meines Mannes meinte ,dass wir nicht natürlich gehandelt hätten, denn in der Tierwelt würden die Tiere ihre missgebildeten Kinder auch einfach töten, das sei doch normaler als das Kind leben lassen. Gut, dass man solche Sachen im Lauf der Jahre doch irgendwie vergisst.

Also diese Woche habe ich fast zuviel Zeit hinter dem PC durchgebracht, also Schluss und an alle schon mal ein schönes Wochenende. Bei uns blühen die ersten Schneeglöckchen.
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Beitragvon Walli » 09.02.2006, 16:50

Hallo!
Also bei mir war es so, daß ich anfangs, als Louis endlich zu Hause war, peinlichst darauf achtete, daß sein deformiertes Ohr unter einer Mütze versteckt blieb. Inzwischen ist es mir egal, ob die Leute gucken. Bemerkungen sind von Fremden noch nie großartig gekommen, aber ich fürchte, das kommt auch noch.
Unsere Nachbarin z.B. nervt ständig, daß wir doch endlich sein Ohr operieren lassen sollen (was erst in ca. 10 Jahren geht), weil er doch sonst gehänselt werden könnte. Klar kann er das, und ich rechne auch damit, aber Kinder werden auch wegen anderen Dingen gehänselt.
Ich mache mir auch Sorgen, wie er später in der Schule klar kommen wird, ob er Freunde haben wird, eine Freundin...etc.
Die Schlimmste Bemerkung kam von meiner Schwester, als ich mit Louis vorletztes Jahr bei meinen Eltern zu Weihnachten zu Besuch war. Da er ja eine PEG hat und ich ihm darüber Milch gab (mittels Spritze), sagte sie echt: "Louis hängt an der Nadel". Das hat mich richtig wütend gemacht und verletzt, vor allem, weil es aus der eigenen Familie kam. Ich habe sie auch ziemlich zusammen gestaucht. Ich glaube, daß viele Leute Angst vor Anderssein haben (vielleicht, weil es letztendlich jedem passieren kann). Mir fällt da auch diesbezüglich ein schöner Satz ein, den ich mal in dem Buch "Ich sehe deine Tränen" las: "Viele Menschen haben Behinderungen, die man gar nicht sieht.
Ich denke, das Wichtigste ist, seinem Kind ein gesundes und großes Selbstvertrauen mit zu geben. Ich hoffe, das mir das gelingt. :hand:

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Beitragvon ehemalige Userin » 14.02.2006, 13:10

Hallo,
es macht jedes Mal auf´s neue betreten sich mit diesem Thema auseinander zusetzen.
Als Justin noch sehr klein war, meinte mal ein Onkel zu mir, es wäre wohl besser gewesen, ich hätte Justin abtreiben lassen sollen.
Oder er hätte direkt nach der Geburt getötet werden sollen, sprich mit einem Kissen erstickt werden. Die Mütter hätten dies in Italien zu früheren Zeiten nicht mitbekommen (er ist Italiener).
Wie es mir dabei ging, brauch ich wohl kaum näher zu erläutern.

Oder mein damaliger behandelnder Frauenarzt verwundert meinte, wie ich meinen Sohn so offensichtlich lieben könnte.

Klar lieb ich ihn!

Jeden Tag auf´s neue. Trotz aller Kämpfe und neuer Wege die wir beschreiten mußten.
Und wenn er mir sein verschmitzes Grinsen schenkt, nochmal so sehr!


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