Wie geht ihr damit um, wenn euer Kind angestarrt wird?

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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christinefä
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Beitragvon christinefä » 06.02.2006, 21:01

Am liebsten wäre mir, wenn alle Menschen meinen Sohn kurz anlächeln würden.
Er macht das ja auch bei allen :wink:

Und wer sich dann wirklich interessiert, darf gerne Fragen. Ich gebe (vielleicht jetzt noch :?: ) gerne Auskunft, beginne häufig mit: Er ist behindert, geistig behindert. Und je nach dem wird weitergefragt, oder ein anderes Thema angeschnitten.

Wenn ich einen behinderten Menschen sehe, versuche ich auch, ein freundliches Gesicht zu machen. Denn wie Susanne schon geschrieben hat, nicht hinsehen ist auch schlimm, starren leider auch. Also ist mir die freundliche Variante doch die liebste :)

Mein Mann hat übrigens letzthin auch so gestarrt, und meinte es ganz sicher nicht bös oder abwertend.

LG Christine
Christine 64, F 65, C 92, A 95, O 96(Asperger Autist), J 98 & Philipp 01 (frühkindlicher Autismus, Sprachbeginn mit 4 1/2, noch immer 1-2 Wort Sätze, Microdeletion 22q13.33 Phelan Mc Dermid Syndrom)
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eve´s mum
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Beitragvon eve´s mum » 06.02.2006, 21:10

Hallo Christine,

leider reagieren aber auch nicht alle Eltern behinderter Kinder so positiv wie du auf freundliche Beachtung. Manche haben scheinbar schon soviele schlechte Erfahrungen gemacht, daß sie selbst bei freundlichem auf-sie-zugehen verschlossen und abweisend reagieren.
Hab das Problem häufig mit Eve. Die GB-Schule, die sie besucht, liegt praktisch bei uns um die Ecke, so daß wir beim Einkaufen oder Spazierengehen häufig auf Kinder, die sie vom Schulhof kennt, mit ihren Eltern treffen. Eve selbst ist ein total aufgeschlossens Mädel, strahlt die ihr bekannten Kinder natürlich an, zeigt sie mir und winkt. Ihr selbst sieht man die Behinderung nicht unbedingt auf den ersten Blick an. Viele Eltern dieser Kinder machen regelrecht dicht, wenden sich ab oder suchen mit ihren Kindern das Weite.
Hab mir mittlerweile schon angewöhnt, sobald Eve ein Kind entdeckt, gemeinsam mit ihr hinzugehen, das Kind zu begrüßen und zu erklären, daß sie die gleiche Schule besuchen. Sofort entspannen sich die Eltern dieser Kinder und reagieren freundlich und aufgeschlossen.
Ich jedoch bin immer wieder erschrocken darüber, welch ein Spießrutenlauf der Alltag für manche Eltern behinderter Kinder doch sein muß, wenn sie hinter jeder freundlichen Geste direkt etwas Schlechtes vermuten :cry:

Traurige Grüße
Karin
"Nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen brauchen unsere Liebe." (Oscar Wilde)

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Beitragvon ehemalige Userin » 07.02.2006, 12:50

Hallo,
ja das Schauen unserer Mitmenschen ist schon so eine Sache!!!
Manche der Gaffer machen mich mega agressiv, so das ich am liebsten einen Rundumschlag erteilen möchte.
Bei Kindern die über ihre eigenen Füsse vor lauter Schauen stolpern muss ich mir ein gelegentliches Lächeln verkneifen.
Wenn ich die, die über Gebühr starren anspreche, ( und ich bin in der Regel äußerst höflich) wenden diese sich betreten von dannen.
Justin bekommt in dieser Richtung vermutlich vieles nicht mit oder registriert es nicht.

Es gibt auch immer wieder viele positive Erfahrungen, die sich in einem Lächeln äußern können oder für uns einfach mal zur Erleichterung eine Tür gehalten wird.
Und die meisten positiven Erfahrungen erleben wir, wenn Justin mit seinem Rad unterwegs ist. Ob es jetzt Kinder sind die das Rad supercool finden und selbst gerne solch eines hätten ( von denen abgesehen die hinter ihm herrufen:" Der ist ja doof, so groß und fährt noch Dreirad") oder Erwachsene, die ihn bestärken weiter zu machen.

Es ist halt alles drin!

Aber es nagt so manches mal an einem!!!

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Ange
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Beitragvon Ange » 07.02.2006, 19:45

Hallo Ihr,

war heute in einem voll besetzten Wartezimmer (beim Augenarzt) und auch andere kleine Kinder waren da - da haben mich natürlich wieder die eine oder andere Mutter gefragt, wie alt Sophie ist (interessehalber). Und ich hab spontan einfach "1 Jahr" geantwortet - hab Sophie also um einiges jünger gemacht (hab noch hinterhergenuschelt "also auf dem Stand von 1 Jahr). War gerade so eine entspannte Atmosphäre und die Kleinen haben so schön gespielt - hab mir in der Situation einfach eine Auszeit von blöden Reaktionen genommen... :oops:
War dann aber ganz lustig, weil eine andere Mutter meinte: "Ach lustig, mein Sohn wird nächsten Monat 1 Jahr" - und der Kleine war ungefähr 2 Köpfe kleiner als Sophie, hab dann eher so in mich reingegrinst und mir gedacht, soll sie sich doch denken was sie will... :wink: V.a. weil sie ja schon so viele Zähne hat... ;-)

@ Gaby: freut mich, daß es so gut bei Dir in der Gruppe gelaufen ist - hab Dir ja auch schonmal erzählt, daß ein Bekannter, den ich noch aus dem Geb.vorbereitungskurs kenne, bei Nachtreffen immer so blöd Sophie angestarrt hat und ich mich immer total drüber aufgeregt hat - als ich das mal meinem Mann erzählt hab meinte er, daß der andere zu ihm gesagt hätte, daß er ja Sophie total hübsch fände... Hab ich also wieder nur Schlimmes vermutet... :shock:
Sophie (05/04), gb; Grouchy I-Syndrom (= Mikrodeletion 18p Minus" (18p 11.31)) - voller Lebensfreude; Bruder 1 (03/07); Bruder 2 (05/10)

"Sie ist anders als die anderen, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei. Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit Dir Dein ganzes Herz entzwei". (Wortfront)

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Beitragvon janaquinn » 08.02.2006, 06:37

Guten Morgen zusammen,
auch meine Familie und ich werden hier in Wuppertal angestarrt, als wenn wir bunte Hunde wären, vorallem wenn wir mit beiden Kids unterwegs sind. Taima und Yannic sind beide, noch, in einem Geschwisterwagen untergebracht und die Leute starren, um nicht zu sagen, sie glotzen, wie die Kühe auf der Weide! Ich muß dazu sagen, ich kannte sowas vorher nicht, denn in München geht man offen mit behinderten Menschen um, da wurde man nicht angestarrt, höchstens mal gemeckert, wenn man mit dem Kiwa in die volle U-Bahn mußte, aber das war´s auch schon.Hier dagegen wird ein Bummel durch die Stadt zum Spießrutenlauf und ich hasse es. Mein Mann geht damit sehr offen um und spricht die Leute direkt an, um sie zu fragen, welche Probleme sie haben oder ob er Schokolade auf der Nase hat. Das hilft meist. Ich muß mich erst daran gewöhnen, vorallem an die abschätzenden Blicke, welche teilweise sagen:" Die hat schon ein behindertes Kind und hat sich noch eines angeschafft!" :icon_pale: Ja habe ich und ich bin stolz auf meine BEIDEN Kinder. Beide sind Geschenke und beide sind auf ihre ganz eigene Art einzigartig und wundervoll! Gerade Yannic hat mir in den letzten Jahren soviel Kraft und Hoffnung geschenkt: 2003 starb meine Mama ganz plötzlich an Darmkrebs und im Dezember 2004 hatte ich 2 Tage vor Weihnachten eine Fehlgeburt in der 18. SSW, mein Mann war zu dieser Zeit beruflich in Frankfurt für 4 Monate und Yannic gab mir jeden Tag die KRaft wieder aufzustehen und den Tag in Angriff zu nehmen.Dafür liebe ich ihn abgöttisch.
:P Ich bin stolz auf meinen Sohn und was er alles erreicht und geschafft hat, er ist ein großartiger großer kleiner Mann und ich bin dankbar seine Mama sein zu dürfen, auch wenn er mir manchmal den letzten Nerv raubt, mit seinem Blödsinn!!!
Jana +Kids
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Beitragvon RenateT » 08.02.2006, 14:20

hallo zusammen

ich bin erschüttert, wenn ich so lese, was ihr alles erleben müsst. Liegt es daran, dass man in Deutschland seine Gefühle mehr zeigt, oder was, aber ich erlebte in Belgien bis jetzt noch nicht viel in der Richtung.
Das schlimmste, das wir erlebt haben, war, dass Tikvah auf einem Schulfest ihrer Geschwister ganz fröhlich, aber laut geschrien hat und eine Oma meinte: dem Kind sollte man eine Spritze geben, übersetzt heisst das, man sollte sie schnell mal umbringen.
Ein zweites Erlebnis hatten wir, als wir mal im Wald spazieren gingen und mit einem älteren Mann ins Gespräch kamen, der selber einen behinderten Enkel hat und meinte, solche Kinder seien doch eigentlich Euthanasiekinder, also besser so schnell wie möglich tot durch Todesspritze.
Eine andere Reaktion bekam ich in einer Livediskussion über Designerbabies auf dem belgischen Fernsehen, als mir ein Ethiker erkärte, er fände es ethisch unverantwortlich, dass man bewust ein Kind zur Welt bringt, von dem man weiss, dass es schwer behindert sein wird, dass es eigentlich unsere Pflicht ist, so ein Kind zu abortieren.

Am Anfang habe ich auf die Reaktionen der Leute geachtet, mich dabei tief verletzen lassen durch die starrenden Blicke, entsetztes Getuschel, einander anstossen und umdrehen...Da habe ich auch ganz böse zurückgestarrt, den Blick des anderen festgehalten usw...aber glücklicher wurde ich dadurch nicht., es hat mich nur ne Menge Energie gekostet und mich fertiggemacht.
Heute, 10 Jahre später merke ich nicht mehr, wie die Leute reagieren, Ich achte einfach gar nicht drauf. Wenn sie dann beim spaziergang durch die Innenstadt brüllt wie am Spiess und versucht, aus dem Rollstuhl zu kommen, bin ich mir sehr wohl bewust, dass wir Aufsehen erregen. dann versuche ich, nach aussen hin ganz ruhig zu bleiben und zu zeigen, dass ich meine Tochter liebe und doch glücklich mit ihr bin. Also ein positives Zeugnis zu geben.
Wenn ich merke, dass Kinder sie entsetzt anstarren, dann fühle ich da auch die Angst dieser Kinder hinter ihrem Starren, so ein: kann es sein, dass ich auch mal so werde? Dann spreche ich die Kinder einfach an und sage: Gell, das Kind sieht komisch aus? Es wird dann immer schüchtern mit dem Kopf genickt und dann sage ich,: weisst du, das Kind ist krank in seinem Kopf. Du nicht, du bist nicht krank im Kopf, du kannst laufen und reden und alles. Toll, gell, dass du gesund bist.
Meistens ernte ich daraufhin ein schüchternes, aber dankbares Lächeln und denke bei mir, das wird dieses Kind nie mehr vergessen. Ich hatte als Kind selber Albträume, wenn ich an einem bestimmten Haus vorbei musste, in dem ein behindertes Kind Laute von sich gab, die mir entsetzlich in den Ohren klangen.

Also der beste Weg für mich ist: mich blind stellen oder wenn ich es doch merke, in den positiven Angriff gehen und einfach erklären, was sie hat. Alles ander raubt mir meine doch schon so kostbare Energie, die ich für Wichtigeres dringend selber brauche.

Renate
Mutter von drei nichtbehinderten Kindern und von Tikvah: schwere Entwicklungsstörung des Gehirns, Epilepsie, frühzeitige Pubertät

"Mut ist Angst die gebetet hat." Corrie ten Boom

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Beitragvon Susanne X » 08.02.2006, 17:52

Whow, Renate - harmloser klingt das aber nicht...

ich glaube nicht, dass man in D so oft, wie du es da schreibst, offen klassische Euthanasie-Urteile hört. *grusel*

Liegt sich an der Vergangenheitsbewältigung. Das ist einfach nicht salonfähig, und wer sowas sagt, outet sich als Nazi

komisch, dass du das als harmlos wahrnimmst....


(vielleicht bin ich aber auch naiv, aber ich bin mir sicher, dass hier in München nach so einer Bemerkung der Teufel los wäre. Damit will ich natürlich nicht behaupten, dass es diese Gedanken in den Köpfen nicht gibt, aber dass sie ausgesprochen werden, ist fast undenkbar)

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Beitragvon RenateT » 08.02.2006, 18:31

Nein, Susanne,
harmlos finde ich das überhaupt nicht, im Gegenteil, es ist unglaublich gefährlich und ich kämpfe dagegen, wo immer ich kann. Darum lasse ich mich auch auf LiveTV ein und kämpfe für das Lebensrecht JEDES Menschen,:
Nur dass die Leute auf der Strasse oder wo auch immer so offen abfällige Bemerkungen machen, wie ich das auf diesen Seiten gelesen habe, das habe ich irgendwie noch nie so erlebt. Es kann aber auch sein, dass ich es einfach nicht höre, weil es mir auch egal ist, was dumme Leute denken und ich immer so mit uns selber beschäftigt bin, dass ich einfach gar nicht mehr auf die Umgebung achte.
Alles klar?

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Beitragvon janaquinn » 08.02.2006, 19:12

Hallo Renate, habe eine ähnliche Erfahrung in München in einer Wirtschaft gemacht. Yannic war damals 2oder 3 Jahre alt,und hat mit den Rädern seines KIWA`S gespielt und in den Mund genommen, er hat eine Schwäche für Räder und ist nie aus der oralen Phase rausgekommen. Da saß uns gegenüber ein älteres Ehepaar und die gute Frau meinte, laut genug, damit wir es auch ja hören:" Sowas hätte man unter Hitler vergasst!". Ich habe dann meine gute Kinderstube vergessen und der "Dame" eine geknallt. Ich war so außer mir, daß ich am ganzen körper gezittert habe. Gottseidank war dies der einzige Fall, den ich mitgemacht habe in München, ansonsten schließe ich mich Susanne an, München ist recht offen und äüßerst tolerant gegenüber Behinderten Menschen.
LG Jana
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Beitragvon Arne » 08.02.2006, 19:56

Hallo janaquinn,

ich denke ich kann deine Reaktion gut verstehen. Den ganzen Leuten ist überhaupt nicht bewusst, was leben und lieben überhaupt bedeutet. Denn ganz egal wie sich unser kleiner Mann weiter entwickelt, für jedes lächeln und jeden Tag mit ihm, bin ich dankbar...

Grüße aus SG
Die Vaeckies sind: Silvia, Arne und Joshua (*07/04), mit hoher Form der Analatresie, VUR, Nierendysplasie, ASD und Mikrozephalie


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