Wenn es uns mal schlecht geht

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itsy
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Wenn es uns mal schlecht geht

Beitragvon itsy » 04.10.2006, 15:24

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit



Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlangkam. Sie war
wohl schon recht alt, doch ihr Gang war recht leicht und ihr Lächeln
hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei einer
zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte
nicht viel erkennen. Das Wesen, daß da im Staube des Weges saß, schien
fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen
Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: ”Wer bist
du?” Zwei fast leblose Augen blickten müde auf .”Ich? Ich bin die
Traurigkeit, ”flüsterte die Stimme stockend und so leise, daß sie kaum
zu hören war. ”Ach,die Traurigkeit! rief die kleine Frau erfreut aus,
als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. ”Du kennst mich? fragte die
Traurigkeit misstrauisch.” Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal
hast du mich ein Stück des Weges begleitet” .”Ja, aber...,”argwöhnte die
Traurigkeit,” warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine
Angst? ”Warum sollte ich denn vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt
doch selber nur zu gut, daß du den Flüchtenden einholst. Aber, was ich
dich fragen will: ”Warum siehst du so mutlos aus?” ”Ich...ich bin
traurig”, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. ”Die
kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. ”Traurig bist du also”, sagte sie
und nickte Verständnisvoll mit den Kopf. ”Erzähl mir doch, was dich
bedrückt. ”Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich
jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht. ”Ach
weißt du”, begann sie zögernd und äußerst verwundert,” es ist so, daß
mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die
Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit unter ihnen zu verweilen.
Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich
vor mir und meiden mich wie die Pest. Die Traurigkeit schluckte schwer.
”Sie haben Sätze erfunden mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen:
”Papalapap,das Leben ist heiter”. Und ihr falsches Lachen führt zu
Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: ”gelobt sei was hart macht” und
dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: ”man muß sich
zusammenreißen” uns sie spüren das Reißen in den Schultern und im
Rücken. Sie sagen: ”nur Schwächlinge weinen” und die aufgestauten Tränen
sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber, sie betäuben sich mit Alkohol und
Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen. ”Oh ja,” bestätigte die alte
Frau,” solche Menschen sind mir schon oft begegnet. ”Die Traurigkeit
sank noch ein wenig mehr in sich zusammen: ”und dabei will ich den
Menschen doch nur helfen. ”Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie
sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen ein Nest zu bauen, um ihre Wunden
zu pflegen. Wer Traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid
bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr
weh. Aber nur wer die Trauer zulässt, und all die ungeweinten Tränen
weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar
nicht, daß ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein
grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer
an Bitterkeit zu. Die Traurigkeit schwieg. Ihr weinen war erst schwach,
dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau,
nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und
wie sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das
zitternde Bündel. ”Weine nur Traurigkeit”, flüsterte sie liebevoll, ”ruh
dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an
nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die
Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt. Die Traurigkeit hörte auf
zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue
Gefährtin: ”Aber...aber-wer bist du eigentlich?” ”Ich?” Sagte die kleine
Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein
kleines Mädchen. ”Ich bin die Hoffnung.”

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ehemalige Userin

Beitragvon ehemalige Userin » 04.10.2006, 20:11

Hallo,

ich kannte diese Geschichte schon, aber sie ist immer wieder schön zu lesen.

Danke

Liebe Grüße
Alex mit Sarah

steffi35
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Beitragvon steffi35 » 04.10.2006, 20:40

Hallo,
ich finde die Geschichte wunderschön.

Steffi
Steffi mit Christopher geb. 1999, Kleinhirnfehlbildung, Entwicklungsverzögerung, bestehender Herzfehler (Restloch nach VSD), Sprachentwicklungsverzögert

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MargretGasper
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Beitragvon MargretGasper » 05.10.2006, 16:45

Hallo, hallo,

das Märchen ist s e h r schön.
Ich habe eine Bekannte, deren Mutter ist gestorben und sie versucht auch nicht traurig zu sein. Ihr werde ich das Märchen geben.

Margret
"Wir sind alle Engel mit einem Flügel. Wenn wir fliegen wollen, müssen wir uns umarmen"

Daniel geb. 06.02.99, schwerstmehrfachbehindert, Tetraspastik, Hirnathropie, sieht hell und dunkel, Epilespsie, seit drei Jahren PEG und vor vier Jahren Sehnenverlängerung. Oft Lungenentzündung und Bronchitis.


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