Frage zur Schuhversorgung

Hier könnt ihr die Hilfsmittel eurer Kinder vorstellen, z. B. Reha-Buggy, Pflegebett, Stehtrainer, Therapieliege usw. - gerne auch mit Foto.
Ihr könnt hier übrigens auch Fragen bezüglich Technik und Anwendung verschiedener Hilfsmittel stellen.

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AnnaL
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Beitragvon AnnaL » 10.02.2005, 22:22

Hallo Achim, da will ich Dich doch gleich mit meinen Widersprüchen nerven:
Mein Sohn ist 2,5 Jahre alt. Im Alter von 4 Monaten wurde er nach einer Herz-OP reanimiert. Er kannn nicht laufen, steht aber sehr gerne und bekommmt jetzt einen Stehtrainer.
Er hat spindeldürre Beinchen un d ich habe den Eindruck, dass er Spitzfüsse entwickelt.
Die behandelnde KG ist der Meinung, dass David keine Schuhversorgung braucht. Sie hält es für ausreichend ihm feste Hausschuhe von Elefanten anzuziehen. Auch die Ostheopatin ist der Meinung, dass man die Füsse nicht in eine bestimmte Position zwängen soll.
Da David im Sommer in den Kindergarten kommt habe ich die KG von dort noch mal um Meinung gefragt. Sie hält es für unverantwortlich, David ohne Schuhversorgung in den Stehtrainer zu stellen. (Im übrigen auch die Frau von der Rehafirma, wobei ich immer skeptisch bin bei Ratschlägen von Leuten, die damit Geld machen).
Ich habe nun die Orthesen beantragt und bewilligt bekommen bin aber zunehmend unsicher, was denn nun richtig und was falsch ist.

Vieleicht kannst Du mich noch ein wenig mehr verunsichern und mir helfen zu einer Entscheidung zu kommen.
Danke
Anna

achim
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Schuhversorgung trotz Orthesen

Beitragvon achim » 11.02.2005, 09:09

Hallo Anna,
du schreibst, dass dein Sohn nun mit Orthesen versorgt wird. Wenn ich dich jetzt richtig verstehe, überlegst du, ob zusätzlich noch eine Schuhversorgung sinnvoll wäre.

Ich neme an, es handelt sich um Fuss-/ Unterschenkelorthesen. Sind diese dynamisch (z.B. nach Nancy Hilton) oder Statisch? Bei dynamischen Orthesen ist eine Schuversorgung eher negativ, bei statischen nur in schweren Fällen erforderlich.

Bei deinem Sohn ist der Spitzfuss noch im Anfangsstadium, wie du schreibst. Er ist deshalb wahrscheinlich noch nicht kontrakt und leicht korrigierbar. Viel wichtiger ist es aber die Ursache für diesen ungleichen Muskeltonus (Zug des Muskel) herauszufinden.
Liegt ein Spasmus oder eine Lähmungserscheinung vor.
Erst bei der richtigen Diagnose kann man sinnvoll versorgen.

Die "spindeldürren Beinchen" deuten für mich schon auf eine Lämung hin.

Aber eine Ferndiagnose ist in so einem Fall natürlich schwierig. Dazu bräuchte ich mehr Details.

Gruss Achim

*Martina*
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Beitragvon *Martina* » 11.02.2005, 10:35

Hallo Anna, hallo Achim,
wir haben ein ähnliches Problem wie Anna mit ihrem David. Jakob hat eine ICP und dadurch bedingt eine Tetraspastik. Gehts ihm gut, ist er ganz locker, auch die Füße, bei Anstrengung, fremden Reizen etc. fängt er nun jetzt auch mit Spitzfußhaltung an :( . Ich bin, wie Anna, auch hinundher gerissen, ob ich ihm jetzt feste Schuhe anziehen soll (3 Therapeutenstimmen) oder nur Strümpfe/leichte Hausschuhe (1 Therapeutenstimme). Der Rehaberater sagte auch, dass er immer empfehlen würde, einem Kind, das in einem Therapiestuhl sitzt (beantragt), feste Schuhe anzuziehen. Was tun?
@ Anna: wir sind seit drei Monaten bei einem Masseur, der sich auch der Füße annimmt, sie dehnt, massiert, druckpunktet.. Die Füße sind deutlich besser geworden und auch die großen Zehen, die sich verkrampft hatten, sind wesentlich entspannter. Außerdem dehnt er die Achillessehne, dass dort nicht auch noch eine Verkürzung dazukommt!! Vielleicht wäre das auch was für deinen David??
Liebe Grüße,
Martina
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Beitragvon achim » 11.02.2005, 12:31

Hallo Martina,
Spastiken sind im Prinzip nicht korrigierbar, da die Kräfte, die dabei auftreten, immens sind. Im Gegenteil, versucht man eine Spastik zu hemmen, verstärkt sich diese meistens noch.
Am besten versucht man die Spastik zu verhindern. Hierbei bewährt sich eine entspannte Sitzhaltung mit 90 Grad Stellung des Knöchel-, Knie- und Hüftgelenkes, eventuell mit leichter Kantelung des Sitzes. Die exakte Positionierung des Beckens ist dabei besonders wichtig.
Auch propriozeptive Fussbettungen ( flexible Einlagen oder Innenschuhe, die durch Druckpunkte Reize auslösen, die eine Reduzierung des abnormen Tonus und der Einwirkungvon Reflexen bewirken) können dazu beitragen. Im Prinzip ähnlich, wie der Masseur das bei Jakob macht.

So gesehen, bringen feste Schuhe eigentlich keinen Nutzen

Gruss Achim

*Martina*
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Beitragvon *Martina* » 11.02.2005, 12:53

Hallo Achim,
danke für deine Antwort. Bei der Erklärung des Therapiestuhles hat mir der Rehaberater auch die Wichtigkeit der 90-Grad-Stellung von Knöchel-, Knie- und Hüftgelenk erklärt. Wieso hat mir die KG, die uns bis Dez. betreut hat, das nicht erzählt?? :( Verstehe ich dich richtig: es gibt Einlagen für Schuhe, die tagsüber diese Spastiken unterdrücken können/dagegen wirken und so einem Spitzfuß vorbeugen?? Das heißt, ich müsste mir vom KA Orthesen oder Einlagen verschreiben lassen?? Die dann zusammen mit der Massage Kontrakturen verhindern könnten?? Oder kann ich machen, was ich will und es wird auf kurz oder lang doch zu einem ausgeprägten Spitzfuß kommen??
Liebe Grüße,
Martina
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Beitragvon achim » 11.02.2005, 14:38

Hallo Martina,
die Funktion der dynamischen Fussbettungen /Knöchelorthesen ist primär eine Verbesserung der zur Mitte orientierten Stabilisierung und sensorischen Rückmeldung. Sekundär wird die Hemmung des Hypertonus (Spastik) bewirkt. Begründet wird dies mit der aktiven Stabilisierung des Bewegungsauschlags, in dem sich die Muskelfunktionenvollziehen, der verbesserten, sensorisch präzisen Information (Propriozeption,Tiefensensorik, präzise Berührung und Vibration) und der präziseren und größeren Menge an Information, dass das gstörte ZNS ( Zentrale Nerven System) erhält, um die Reorganisation zu unterstützen. puuh, was ein Satz!
Der Erfolg dieser Orthesen ist nicht immer gleich, im grossen und ganzen haben wir aber meistens Verbesserungen erreicht.
Solltest du dich für eine solche Versorgung interessieren ist es nicht mit einem Rezept vom KA und anschließendem Gang ins Sanihaus getan.
1.Die Versorgungsart ist nicht sehr verbreitet, sodass viele Allgemein und Kinderärzte gar nicht wissen, um was es geht. Ein gut informierter Arzt, der die Versorgung unterstützt ist aber unbedingt erforderlich. Die Versorgungsart stösst auch bei den GKV oft auf eine ablehnende Haltung (Preis?). Deswegen sind telefonische Rückfragen bei Ärzten an der Tagesordnung. Hat dieser ohne Sachkenntnis ein Rezept ausgestellt, wird er dies aus Unsicherheit wieder zurückziehen.
2.Die spezielle Herstellung der Orthesen beherscht nicht jedes Sanitätshaus und ohne genaue Fachkenntnis und Erfahrung scheitern die Versorgungen oft an der mangelhaften Umsetzung.
Ich kann dir dann nur empfehlen, dich umzuschauen, wer in eurer Umgebung spezialisiert ist, denn ICP ist eigentlich prädistiniert vor diese Versorgungen.

Deine Angst vor einem kontrakten Spitzfuss ist meiner Meinung nach unbegründet, da sich dieser durch den spastischen Muskelzug der Waden- und Oberschenkelmuskulatur bildet und nach Abklingen des Spasmus doch wieder schlaff ist. KG und Massage lockern das ganze wieder.

Ich hoffe, dich mit meinen Erläuterungen nicht zu sehr enttäuscht zu haben :crymore: , aber "Wunderwaffen" können auch wir nicht herstellen.

Gruss Achim
:hand:

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Beitragvon *Martina* » 11.02.2005, 14:47

Hallo Achim,
den ersten Satz hab ich mir ein paar Mal zu Gemüte geführt!! :shock: Ich glaub, ich habs jetzt verstanden!! :icon_cheers: .
An "Wunderwaffen" glaub ich schon lange nicht mehr. Eigentlich haben mich deine Ausführungen überhaupt nicht enttäuscht, sondern eher aufgebaut...!!
Danke für deine ausführliche Antwort .. und ich hatte ja gesagt, dass dus mit uns nicht leicht haben wirst :lol:
Liebe Grüße,
Martina
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Beitragvon achim » 11.02.2005, 15:58

freut mich :lol:

Gruss Achim

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Beitragvon Tobias » 11.02.2005, 20:53

Hallo Anna,

bei der Beurteilung der Füße wird leider immer nur auf den Spitzfuß geguckt! Leider!

Ich kenne Dein Kind ja nicht, aber ich denke, dass eine Schuhversorgung in betimmten Fällen wichtig ist. Hat dein Kind spindeldürre Beinchen, dann heisst dasn ncht unbedingt, dass eine "schlaffe" Lähmung vorliegt (Sorry achim!). Ich habe viele spastiche Kinder, die spindeldürr sind, aber ein super muskelrelief haben und stocksteif sind! Daher kann man hier aus der Ferne nicht so einfach abgrenzen....

Zum Fuß:
Wenn das Kind ohne Orthesen in "Elefantenschuhen" steht, dann mussich mir an den Kopf packen und fragen: "Und wer kann durch die Schuhe beurteilen, wie der Mittelfuß steht oder wie das Quergewölbe aussicht (=mediale Anstützung?).

Der Stand (=Vertikale) hat ganz andere Anforderungen an die Füße als der Sitz! Und wenn ich bei einem "Vielsteher" darauf bestehe, dass er auch viel steht und das ohne adäquate Versorgung, na dann kann ich mich wahrscheinlich über einen "netten Brief" der Hüften an das ZNS (=Zentrale Nervensystem) freuen, die sich mit ihrem Schicksal (durch die Füße verursacht) um das 4-7 Lebensjahr am Rande der Luxation befinden könnten! Das trifft in der Regel für spastische Kinder zu.

Ich möchte dich hiermit nicht verunsichern sondern bestärken, eine gute Orthese mit einer entsprechenden Schuhversorgung auszuprobieren!

Gruß,
Tobias Bergerhoff / Kinderphysiotherapeut

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Beitragvon Stanze » 12.02.2005, 12:47

Hallo Anna,
also bei unserer Anne-Luise hatten wir vor einigen jahren ein Ähnliches Problem.Anne war mehr als Entwicklungsverzögert.Sie lag ja eigentlich nur im KH.Wenn es ihr einiger Maßen besser ging wollte sie natürlich stehen.Laufen konnte sie nicht (lernte sie erst mit 4,5 Jahren).Stehen war aber das dollste für sie.Die Beine waren spindeldürr,weil sie, außer eine passieven Beturnung, nicht oder eben nur selten benutzt wurden.Natürlich kam ein beginnender Spitzfuß.Spätestens da habe auch ich überlegt und habe mich dann doch für eine Schuhversorgung entschieden.Das haben wir konsequent durchgezogen, bis Anne sicher Laufen konnte und dies auch häufig tat. Das war so etwa vor 6 jahren.Anschließend hat sie nur noch lose Einlagen getragen und heute trägt sie nur bei Bedarf Bandagen an den Sprunggelenken, weil sie inzwischen an einer ausgeprägten Osteoporose leidet und über Belaßtungsschmerzen klagt.
Der Beitrag von Tobias ähnelt dem ,den wir damals von unserem Therapeuten und unserem Orthopäden bekamen.
LG Constanze
Constanze mit Anne, 1990, Sarkoidose mit Nierenbeteiligung, Niereninsuffizienz, Hydrozephalus,Kleinwuchs, seit 28.07.2010 Dialysepflichtig:(
seit August 2014 V.a.Schimkesyndrom
Epilepsie nicht einstellbar
Hypertonie schlecht einstellbar
Mai 2015 Hirnblutung rechts, Sauerstoffpflichtig


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